Kontext – einige Worte zur antioppression culture

In den letzten Wochen sind zwei Blogs vom Netz genommen worden, die ich mit großem Vergnügen gelesen habe. Eines davon ist das von Karnele, der ich seit mehreren Jahren folge und die die meisten, die dies hier lesen, wahrscheinlich kennen. Es ist rechts in der Blogroll verlinkt. Das andere war ein Blog auf tumblr, das ich erst seit einigen Wochen las. Es gehörte zum sogenannten Fandom, in diesem Fall dem LGTBQ-Fandom von Naruto, und ich las es gern, weil es das Manga kritisierte (was bitter nötig ist) und weil es dies nicht in einem arroganten Ton tat, sondern das Blog eines Menschen war, der die Geschichte einerseits sehr mochte, aber andererseits auch einer Minority angehörte und es mit den Augen eines Mitglieds einer Minority las. Er war nicht „cool“, sondern verletztlich, und das mochte ich.

Beide Blogs sind verschwunden, nachdem sie von Menschen angegriffen wurden, die sich selbst für einen Teil der antioppression-Szene halten, also Menschen, die gegen die Unterdrückung, Marginalisierung und Benachteiligung von Minderheitengruppen kämpfen. Beide sind verschwunden, obgleich die Autorin und der Autor selbst Mitglieder von Minderheiten waren und sich für diese einsetzten. Beide sind aus ähnlichen Gründen verschwunden: weil sie entweder selbst Kritik auf eine Weise übten, die nicht auf den ersten Blick verständlich war, oder diese Art der Kritik verteidigten und dafür heftig angegriffen wurden. Ich bekam dabei den Eindruck, dass ein Problem dahinter steckt, das in der Antioppression-Kultur ziemlich häufig anzutreffen ist, nämlich dass man auf bestimmte Reize reagiert anstatt nachzudenken und sich weigert, noch ein zweites Mal hinzusehen und sich die Frage stellen, ob es sich möglicherweise eben doch um Kritik handelt, aber eben in ironischer Form, eine Kritik, die das kritisiert, was sie darstellt und zur Kenntlichkeit übertreibt.

Das ist ein harter Vorwurf, und umso erstaunter war ich, dass ich gestern, als ich versuchte, zu verstehen, was mit der Karnele passiert war, einen Blogpost fand, der meine Vermutung bestätigt, der aber das von mir beschriebene Verhalten nicht als negativ ansieht, sondern begründet, warum es unangemessen sei, zu verlangen, dass der Kontext einer Zeichnung (oder eines Textes im weitesten Sinne) beachtet wird:

Nele Tabler plädiert dafür, Karikaturen und Satire streng im Kontext zu lesen, in dem sie entstanden. Das ist ein hehrer Wunsch. Spätestens seit dem Beginn der Postmoderne machen sich Inhalte gern selbstständig, werden zitiert, herumgereicht, kurz: entkontextualisiert. Daher ist der Forderung, einen Inhalt streng im Kontext zu lesen, heutzutage gar nicht so einfach beizukommen. Fehlende Kontexte müssen erst mühsam recherchiert werden, und wer macht sich diese Mühe noch in unserer schnellebigen Zeit?

Was bleibt, sind die Bilder, die Inhalte. Und diese normalisieren Rassismus. “Es ist in Ordnung, Schwarze Menschen als Affen darzustellen!”, sagen sie. “Ist doch lustig, lacht halt einfach mit!”, fordern sie. (Hier nachzulesen: Kontext zu Rassismus: Rassismus im Kontext von http://www.derkeineunterschied.de/)

Ich war also erst einmal baff über so viel Offenheit. Da gibt eine offen zu, dass ihr nicht zugemutet werden kann, Kontexte zu recherchieren, bevor sie etwas kritisiert. Sie gesteht sich das Recht zu, Inhalte, in diesem Fall ein Bild, aus dem Kontext zu reißen, zu zitieren, herumzureichen und es zu benutzen, um jemand anders als rassistisch zu beschimpfen. Sie reißt das Bild aus dem Kontext, in den es ursprünglich gehörte, nämlich eine Debatte um eine rassistische Äußerung des Front National, und stellt es in einen neuen Kontext, nämlich den von Rassismus im allgemeinen. Dabei geht aber verloren, dass das Bild ursprünglich als Kritik auf vom Front National publizierte Bilder gemeint war.

Teilweise kann man die Begründung von Karnele im Text von derkeineunterschied nachlesen. Ihren Originaltext habe ich leider nicht mehr lesen können, da das Blog offline ist. Auf tumblr habe ich jetzt aber eine ausführliche Begründung gelesen, die gegenüber der der Karnele den Vorteil hat, dass sie nicht auf nächtliche Eingebungen verweist: Dear US followers von http://67-tardis-street.tumblr.com/, sondern auf die Vorgeschichte der Karikatur von Christiane Taubira als Äffin hinweist und außerdem den Text und die Symbole erklärt, die zur Karikatur gehören. Charlie Hebdo wollte den Rassismus des Front National aufs Korn nehmen. Man kann darüber diskutieren, ob das gelungen ist oder nicht, aber das ist etwas anderes als zu behaupten, die Zeichnung sei rassistisch, und es muss begründet werden. (Ich halte sie nicht für gelungen, und meine Begründung wäre die folgende: um zu wirken, müsste die Karikatur so extrem sein und so weit über das Original und alles, was irgendwie akzeptabel ist, hinausschießen, dass sofort klar ist, dass es sich um Satire handelt. Aber das ist schwierig, wenn schon das Original weit jenseits von dem ist, was irgendwie sozial akzeptabel sein sollte.)

Zurück zu der zitierten Textstelle. Die Zeichnung wird zum Inhalt erklärt – als gäbe es nicht auch die dazugehörigen Worte, als lebten wir in einer Welt der Bilder, deren Inhalt auf den ersten Blick offensichtlich ist, so dass wir sofort reagieren und sie einordnen können, ohne noch einmal nachdenken zu müssen. In einer solchen Welt ist kein Platz für Bilder, die etwas aufgreifen, um es zu kritisieren, so dass man zweimal nachdenken muss und möglicherweise Erklärungen benötigt, um sie zu verstehen. In einer solchen Welt ist kein Platz für Kritik in der Form von Satire oder Ironie. (Das heißt nicht, dass Satire jenseits von Kritik ist. Die Kritik wird aber glaubwürdiger, wenn der oder die Kritisierende sich vorher die Mühe gegeben hat, zu verstehen, was er oder sie da eigentlich kritisiert.)

Zufällig habe ich gerade diese Woche einen Artikel in der Jungle World über eine Ausstellung gelesen, deren rassismuskritischer Charakter offensichtlich ist, die aber trotzdem heftig angefeindet wird und teilweise abgesagt werden muss: Das N-Wort auf der Bühne. Dann habe ich noch ein altes Interview mit Marius Jung aus der Jungle World herausgefischt, Da habe ich einen Nerv getroffen. Marius Jung, ein schwarzer Schauspieler und Kabarettist, hat einen Negativpreis für sein Buch gewonnen. Er setzt sich dafür ein, sich für Haltungen zu interessieren, statt mit Pawlovschen Reflexen auf Worte zu reagieren. Aber dafür müsste man eben nachdenken und hin und wieder auch recherchieren.

Vielleicht noch ein paar Worte über das Blog auf tumblr, das ich nun vermisse. Es tat, was viele fanblogs tun: Es präsentierte uns die Gedanken und auch den „headcanon“ des Autors über verschiedene Figuren seiner (und meiner) Lieblingsserie. Ich lernte von ihm was „queercoding“ heißt, nämlich, dass ein (männlicher) Bösewicht
einige weibliche Züge erhält, vor allem, dass er in gewisser Weise verführerisch erscheint. Für diejenigen, die die entsprechenden Konventionen kennen, wird er dadurch als Bösewicht erkennbar. Transfrauen werden durch diese Konvention verletzt, da sie Männer mit weiblichen Zügen als böse kennzeichnet. Es gibt nun mehrere Wege, mit „queercoding“ umzugehen. Einer besteht darin, dass man die Praxis geradeheraus kritisiert. Ein anderer besteht darin, dass man dabei bleibt, dass die Figur Züge der betreffenden Gruppe trägt, dass man diese aber nun positiv deutet, so dass diese Figur nicht mehr einfach böse ist. (Ich folge zur Zeit einem Blog von einer Frau, die etwas ähnliches mit den Zwergen aus dem Hobbit macht: sie bleiben jüdisch, aber sie stellt sie als bessere Personen dar, als sie vom Buch gemeint waren.) Die zweite Form des Umgangs ist komplexer und man muss nachdenken, um sie zu verstehen, aber sie hat den Vorteil, dass die eigene Gruppe nicht einfach verschwindet, sondern auf positive Weise sichtbar wird.

In gewisser Weise bin ich dankbar für die Zeilen, die ich oben zitiert habe. Wenn sich jemand offen weigert, Kontext zu recherchieren, handelt es sich nicht mehr nur um einen Verdacht von mir. Ich halte nichts von dieser Einstellung, und mein Entschluss, von dieser Art „social justice warriors“ Abstand zu halten, steht fester denn je. (Wahrscheinlich halten sie längst Abstand von mir.)

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3 Antworten zu Kontext – einige Worte zur antioppression culture

  1. ClaudiaBerlin schreibt:

    Ja, Satire kann auch komplett geschmacklos, sinnlos, gegen Minderheiten gerichtet und rassistisch sein. Ob sie das ist, muss im Einzelfall unter Berücksichtigung des Kontextes beurteilt werden.

    Diese Bewertung bzw. eine Diskussion darüber ist jedoch eine ganz andere Baustelle als die Frage, welche Reaktionen auf Satire legitim sind. Und da denke ich, dass wir alle weit davon entfernt sind, Gewalt und Terror auch nur am Rande in Betracht zu ziehen, bzw. dafür “Verständnis” zu haben etc. Ganz im Gegenteil solidarisieren sich unter dem Mem “Je suis Charlie” breite Kreise, die für die Freiheit der Meinungsäußerung inkl. Satire auf die Straße gehen oder in anderer Form Stellung beziehen – gut so!

    Nun drängt sich angesichts des Terrors aber wohl jeder und jedem die Frage auf: Was waren das eigentlich für Karikaturen, die so sehr zum “Stein des Anstoßes” wurden, dass letztendlich Menschen zum Maschinengewehr greifen und wehrlose Zeichner niedermetzeln?

    Also schaut man hin. Also sagt man auch seine Meinung dazu – und in der Folge werden derzeit tatsächlich ganze Blogs aus dem Netz genommen, weil Menschen für das, was sie rund um das Ereignis über Satire schreiben, “unter Druck geraten” ???

    Ich finde das FURCHTBAR!!!! Sowohl den “Druck” per Shitstorm wegen “anderer Meinung” als auch die schnellen Rückzieher, wenn man verbal angegriffen wird. An solchen Ereignissen bin ich persönlich viel näher dran als am Terror-Anschlag in Frankreich – und es trifft mich jedes Mal, zieht mich runter, macht mich wütend, kotzt mich einfach an.

    Kann man sich denn gar nicht mehr in zivilisierter Form auseinander setzen? Ist es denn so schwer, anderen Meinungen mit Argumenten zu begegnen – und Kontroversen auch mal einfach AUSZUHALTEN?

  2. susanna14 schreibt:

    Ich gehe davon aus, dass es für dich und mich und die meisten, die dies hier lesen, selbstverständlich ist, dass wir die Morde verurteilen. Ich habe aber auch schon anderes gefunden: Texte, denen zum aktuellen Titelbild von Hebdo Charlie nichts anderes einfiel als „die haben immer noch nicht gelernt, dass man den Propheten nicht zeichnen oder über ihn spotten darf.“

    Zum Thema „Satire“ schreibe ich hier erst einmal nicht. Ich habe in dem Eintrag, der diesem hier vorausgeht, schon etwas über „Je suis Charlie“ und über die „Distanzierungen“ geschrieben. Hier ging es mir vor allem um die Shitstorms, die diejenigen, die sie veranstalten, als „calling out“ bezeichnen, jedenfalls in dem Teil des englischsprachigen Fandoms, der sich auch als antioppression activists versteht und hin und wieder Leute herausstellt, die sich irgendwie nicht korrekt verhalten haben, und da vor allem um meinen Eindruck, dass viele von ihnen nicht nachdenken, sondern auf einzelne Worte und Bilder reagieren.

    Du hast natürlich Recht, zu fragen ist nicht nur nach denjenigen, die Druck ausüben, sondern auch nach denjenigen, die dem Druck nachgeben. Ich kann gut verstehen, dass Beschimpfungen aus dem Internet weh tun – ich habe auch schon Tage erlebt, in denen ich über Angriffe aus dem Netz nachdachte, anstatt mich auf mein reales Leben zu konzentrieren. Das kann schnell dazu führen, dass sich jemand für eine Weile ganz aus dem Netz zurückzieht, und dafür habe ich auch Verständnis – manchmal braucht man einfach eine Pause. Wenn jemand das gesamte Blog löscht, bin ich allerdings traurig.

    Ich habe bis jetzt durchgehalten und nichts gelöscht, daher könnte ich nur spekulieren, was diejenigen bewogen haben mag, die ihre Blogs gelöscht haben. Eine Spekulation will ich aber wagen: ich fürchte, dass diejenigen, die sich selbst der Antioppression-Szene zugehörig fühlen, besonders verletzlich sind. Es bedeutet, dass sie im Prinzip den Logiken dieser Szene zustimmen und die Taktiken der Szene womöglich auch schon angewendet haben, so dass es schwer fällt, diese zu kritisieren, wenn sie sich gegen einen oder eine selbst richtet. Leute, die sich der Szene nicht zugehörig fühlen, haben es leichter. (Der letzte Abschnitt bedeutet für mich auch Selbstschutz.)

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