„Je suis juive“ zu schreiben, erscheint mir anmaßend

als nichtjüdische Deutsche, aber ich möchte meine Solidarität und mein Mitgefühl ausdrücken. „Je suis Charlie“ erscheint mir aus diversen Gründen weniger problematisch, erstens natürlich wegen der (fehlenden) Vergangenheit, aber auch, weil klar ist, dass dieser Satz nur symbolisch gemeint ist: Er drückt Solidarität, nicht Identifikation aus. Niemand ist eine Zeitung. (Wenn ich sage, „je suis juive“ könnte das jemand wörtlich nehmen, und das will ich nicht, weil es nicht stimmt.) Dennoch habe ich Probleme, mich einer Gruppenidentität wie „Charlie Hebdo“ zuzugesellen, und so bin ich ohne Schild zur Kundgebung gegangen, die heute in Hannover stattgefunden hat.

Sie findet am Operplatz statt, direkt neben dem Hannoveraner Holocaustdenkmal. Einige sind die Treppe zum Denkmal emporgestiegen, um einen besseren Überblick zu haben. Ich schaue mich erst einmal um, ob ich bekannte Gesichter finde, sehe aber niemanden. Da ich ein paar Minuten zu spät bin, erwarte ich, dass jetzt bald Reden gehalten werden, aber dann höre ich einen der Umstehenden sagen, dass man bewusst auf Reden verzichtet hat. Ich laufe weiter herum, frage mich, ob wir jetzt wirklich zwei Stunden schweigend herumstehen werden. (Es ist ziemlich kalt.) Die Menschen, die nicht allein zur Veranstaltung gekommen sind, schweigen nicht, sondern reden, manche reden über das Ereignis, andere über ihren Alltag. Die Trauerkundgebung ist auch ein Ort, wo man Freunde und Bekannte treffen kann.

Viele der Menschen tragen Schilder „Je suis Charlie“ oder „Nous sommes tous Charlie“, manche tragen Bleistifte, einer einen überdimensionalen. Ich sehe auch ein Schild „Je suis Ahmed.“ Zwei oder drei französische Flaggen sind da. Viele der Menschen unterhalten sich auf französisch. Es scheint, als hätte die französische Community Hannovers eingeladen. (Ich selbst habe auch durch eine Französin von der Veranstaltung erfahren.)

Nach einer Weile merke ich, dass nicht nur einfach Menschen herumstehen und schweigen oder auch nicht, sondern dass in der Mitte etwas ist. Ich schaffe es, in die Nähe zu gelangen: Dort liegt eine Decke, und drumherum sind Kerzen. Nach einer Weile bin ich im innersten Ring der um die Decke stehenden Menschen und kann mir ungehindert ansehen, was dort ist: Die Namen der siebzehn Opfer, also auch der Menschen aus dem jüdischen Supermarkt und der Polizistin, die starb, als sie die jüdische Schule vor einem Anschlag beschützt hat. Bei jedem Namen steht der Beruf dabei, sei es „Chefredakteur“ oder „Reinigungskraft“. Daneben stehen einige rote Windlichter (nicht angezündet; sie beschweren die Schilder mit den Namen), und was ich zunächst für eine Decke gehalten habe, ist ein Spiegel, auf den die Worte „Je suis Charlie“ geschrieben wurden.

Aus dem Ring wieder herauszugelangen, nachdem ich genug gesehen habe, so dass andere nun auch aus nächster Nähe sich die Schilder mit den Namen der Opfer und den Spiegel ansehen können, ist schwerer als hineinzugelangen. Als es mir gelungen ist, sehe ich, dass neben dem Ring um den Spiegel und die Schilder herum eine Frau mit dem Kondolenzbuch steht. Ich bin froh, denn ich hatte vor, mich einzutragen, hatte aber keine Ahnung, wo die Herrenstraße war, in der es hätte ausliegen sollen. So muss ich nicht suchen. Ich merke schnell, dass es eine Schlange gibt, und dass diese ziemlich lang ist. Ich stelle mich an, und während ich warte, sehe ich mich mehrere Male nach hinten um: Nach kurzer Zeit stehe ich in der Mitte der Schlange, nicht weil ich so gut vorangekommen wäre, sondern weil die Schlange gewachsen ist.

Während ich warte, sehe ich die Frau, die mir die Einladung zu der Kundgebung geschickt hat, so dass ich nicht die einzige bin, die tatsächlich eine Stunde hier schweigend herumsteht. Sie schaut auf das Ende der Schlange und überlegt, ob sie sich irgendwie einreihen kann, stellt sich aber dann doch ans Ende. Die Schlange bewegt sich schneller, als ich erwartet hätte. Die Frau, die die ganze Zeit neben mir gestanden hat, schreibt einen ziemlich langen Text. Ich schreibe nur meinen Namen (wie es die meisten getan haben.) Anschließend schaue ich mir noch einmal das Arrangement mit Spiegel und Namensschildern an, dann rede ich noch etwas mit meiner Bekannten und verlasse die Kundgebung, obgleich ich erst eine Stunde da war, und sie zwei Stunden hätte dauern sollen.

Ich gehe zur Bahnhofsbuchhandlung, um eine „Le Monde Diplomatique“ zu kaufen. Ich höre, wie eine Frau nach der nächsten Nummer von „Charlie Hebdo“ fragt. Ich frage auch, und wie der Frau wird mir erklärt, dass ich die Zeitschrift vorbestellen muss. Ich schreibe also meinen Namen auf und gebe ihn dem Buch-/Zeitschriftenhändler.

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Es ist jetzt gewiss nichts Großartiges, was ich da gemacht habe. Ich habe so ausführlich darüber berichtet, weil in letzter Zeit Tweets und auch längere Texte in meine Timeline gespült wurden, die sich ausdrücklich von „Charlie Hebdo“ distanzieren, häufig mit den Worten „Je ne suis pas Charlie“ (z.B. hier von avantblargh), wobei sie immer darauf hinweisen, dass sie natürlich die Gewalttaten verurteilen. Andere schreiben, dass sie sich nicht identifizieren würden: Ich bin nicht Charlie Hebdo von Meike Büttner oder Nach dem Anschlag von Charlie Hebdo von Fabienne Vesper.

Meike Büttner (deren Text deutlich differenzierter ist als das meiste, was ich gelesen habe, vor allem auf Twitter) erklärt ausführlich, warum sie sich nicht identifiziert: Ihr gefallen die Witze des Blattes nicht, weil nicht lustig seien, sondern verletzten. Hass werde als Spaß deklariert. Aber es geht nicht darum, sich zu identifizieren, sondern darum, Solidarität zu zeigen. Ob „Je suis Charlie“ dazu die beste Formel ist, weiß ich nicht. Ich selbst habe auch Probleme damit, in einer Gruppenidentität aufzugehen. (Und aus diesem Grund habe ich so ausführlich von der heutigen Kundgebung berichtet. Auch ohne den Slogan aufzunehmen, kann man Solidarität zeigen.)

Im Sommer habe ich mit dem Buch „Gefühlte Opfer“ von Judith Jureit herumgeschlagen. Die zentrale These des Buches ist die, dass sich die Deutschen mittlerweile mit den Opfern identifizieren würden, was nicht gut sei, weil sie eben keine jüdischen Opfer sind. Der Trick besteht darin, dass nicht zwischen Identifikation mit den Opfern und Parteinahme für die Opfer unterschieden wird. Das erscheint mir hier auch das Problem zu sein: Ich nehme Partei für „Charlie Hebdo“, aber ich identifiziere mich nicht mit der Zeitung. Ich nehme Partei für die jüdischen Opfer im Supermarkt, aber ich bin selbst keine Jüdin, und daher erscheint es mir falsch und respektlos, „je suis juive“ zu sagen. Mir fällt es nicht schwer, mich zu positionieren, für „Charlie Hebdo“, für die jüdischen Opfer im Supermarkt und für die ermordeten Polizisten und die ermordete Polizistin, und gegen die Mörder.

Dazu brauche ich auch keine der Zeichnungen von Charlie Hebdo je gesehen zu haben. Jetzt habe ich ein paar gesehen, und ich werde sie mir bei Gelegenheit genauer ansehen und darüber nachdenken, ob sie den Islamismus kenntlich machen oder ob sie Fälle von Islamophobie und Rassismus darstellen. Aber das hat nichts mit der Frage zu tun, für wen ich hier Partei ergreife: Für die Opfer, gegen die Täter.

(Ich müsste jetzt noch etwas über den Text von Fabienne Vesper schreiben, aber da es schon halb eins ist, werde ich es nicht tun. Insgesamt erscheint er mir vorsichtiger als der von Meike Büttner. Der von avantblargh auf tumblr erscheint mir so krass, dass ich ihn nicht diskutieren mag. Warum muss die Welt ausgerechnet jetzt wissen, dass „Charlie Hebdo“ ein rassistisches Blatt war? Mir fällt es auch schwer, die Distanzierung von den Gewalttaten ernst zu nehmen, wenn diese vielleicht fünf Prozent des Gesamttextes ausmachen und die restlichen fünfundneunzig Prozent des Textes davon die Rede ist, dass es sich um ein rassistisches Blatt gehandelt habe.)

Am Ende noch fünf Lesetipps:

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