Nachtrag zum Referendum: Teilen oder Egoismus – weitere Unterschiede zwischen verschiedenen Nationalismen

Das Referendum ist nun mit einem Votum für den Verbleib im Vereinigten Königreich ausgegangen, und ein bisschen bedaure ich es, weil ich es für ein spannendes Experiment gehalten hätte. Ob es den Menschen besser oder schlechter gegangen wäre, weiß ich nicht, ich vermute, die wirtschaftliche Situation hätte sich nicht sehr verändert, weil die Wirtschaft mittlerweile international ist. Ob eine schottische Regierung eine bessere Sozialpolitik gemacht hätte als die Tories in London – okay, eine viel schlechtere Sozialpolitik ist auch nicht möglich.

Ich höre mir also die Kommentare im Radio an, und nachdem ich die Internationale Presseschau gehört habe, suche ich nach dem Original eines der Zitate:

But the battlefield is still full of resonant lessons. The win, though close, was decisive. It looks like a 54%-46% or thereabouts. That’s not as good as it looked like being a couple of months ago. But it’s a lot more decisive than the recent polls had hinted. Second, it was women who saved the union. In the polls, men were decisively in favour of yes. The yes campaign was in some sense a guy thing. Men wanted to make a break with the Scotland they inhabit. Women didn’t. Third, this was to a significant degree a class vote too. Richer Scotland stuck with the union — so no did very well in a lot of traditonal SNP areas. Poorer Scotland, Labour Scotland, slipped towards yes, handing Glasgow, Dundee and North Lanarkshire to the independence camp. Gordon Brown stopped the slippage from becoming a rout, perhaps, but the questions for Labour — and for left politics more broadly — are profound. (Quelle: Scotland votes no: the union has survived, but the questions for the left are profound)

Es lässt mich denken: Das ist der Grund, warum mir der schottische Nationalismus sympathischer ist als der flämische, der katalonische, obgleich ich ihm wie jeder Form von Nationalismus misstrauisch gegenüberstehe.

Flandern ist der reichere Teil Belgiens, und mittlerweile ist die wichtigste Motivation für eine Trennung, dass sie die Sozialkassen nicht mit den Wallonen teilen wollen. Katalonien ist eine der wirtschaftlich erfolgreicheren Gegenden Spaniens. (Allerdings habe ich am Sonntag im Radio gehört, dass seit der Finanzkrise mehrere Milliarden Euro aus Madrid nach Katalonien geflossen sind und dass es seither ruhiger um die Unabhängigkeitsbewegung geworden ist.) Martin Schulz nennt dies Reichstumsseparatismus. Wenn Großbritannien (oder England?) aus der EU austritt, handelt es sich auch um Reichtstumsseparatismus. Aber innerhalb Großbritanniens profitiert in erster Linie die Region um London vom Wirtschaftsaufschwung (und dort natürlich auch nicht alle, und in anderen Regionen gibt es Menschen, die vom Wirtschaftsaufschwung profitieren, indem sie umziehen.) Wenn Schottland sich dagegen abspalten hätte, dann nicht, weil sie nicht mit England teilen wollen (außer dass sie die Einnahmen aus dem Öl gerne für sich allein gehabt hätten), sondern weil sie finden, dass die Politik der Tories zu ungerecht ist.

Aber die Frage, wie reich dieses oder jenes Land ist, ist ohnehin nicht so wichtig. Es kommt vielmehr darauf an, wie der Reichtum verteilt ist. Den Menschen in den Arbeitersiedlungen von Glasgow bringt es wenig, dass das Vereinigte Königreich reich ist oder dass Schottland reich ist, wenn sie nichts von diesem Geld sehen. Eines der Argumente war für eine Aufteilung, dass in manchen Teilen von Glasgow die Lebenserwartung unter fünfzig liegt und dass dies in einem der reichsten Länder der Welt nicht sein kann. Die Frage ist, ob ein unabhängiges Schottland dies hätte ändern können oder wollen. Abgesehen davon gibt es viele Regionen in England, in denen es den Menschen ähnlich geht, so dass es besser wäre, wenn im gesamten Vereinigten Königreich eine andere Sozialpolitik gemacht würde. Selbstverständlich gibt es auch innerhalb jeder einzelnen Region reiche und arme Menschen, und Nationalismus hat die Tendenz, den Menschen einzureden, dass es nicht so sehr darauf ankommt, wie es ihnen persönlich geht, sondern darauf, wie es der Region oder Nation als ganzes geht.

Wenn ich im Radio den Diskussionen über das Für und Wider zuhörte, ging es immer um beides. Schottland will ein sozialeres Land sein als das Vereinigte Königreich als ganzes, aber dazu muss es natürlich auch sicherstellen, dass es genügend Geld hat. Etwas verquer fand ich es dabei, wenn so getan wurde, als würden internationale Geschäfte (etwa mit England) durch eine Trennung verhindert werden. Dies hätte doch nur funktioniert, wenn England (oder Spanien) den EU-Beitritt Schottlands blockiert hätte. Allerdings hätte auch der Verlust des Pfundes als Währung zu Schwierigkeiten geführt. Ich vermute, vor allem dies hat den Menschen, die etwas zu verlieren hatten, Angst gemacht, während andere, ähnlich wie die Bremer Stadtmusikanten, dachten: Besser als wie es jetzt ist, wird es allemal. (Und vielleicht traute eine ganze Anzahl von Menschen Alex Salmond eben nicht zu, das Land weise zu gestalten. Man kann natürlich sagen, „wir Schotten“ nehmen unsere Geschicke jetzt in unsere eigene Hand (sofern das im Rahmen der EU und im Zeitalter der Globalisierung überhaupt möglich ist, was aber niemand erwähnte), aber tatsächlich sind es eben doch wieder nur eine Handvoll Menschen, die das Land regieren.

Schottland als 29. Land der EU wäre für mich ein interessantes Experiment gewesen. Ich kann natürlich leicht sagen „interessant“, wenn ich nicht betroffen bin, aber ich glaube, mit gutem Willen hätte man die meisten Schwierigkeiten einschließlich der Währung regeln können, nur dass auf Seiten der Engländer nicht besonders viel guter Wille da war. Schottland als 29. Land der EU hätte (hoffentlich) bedeutet, dass ein weiteres Land sich dem neoliberalen Kurs von Angela Merkel verweigert. Denn die wirtschaftlichen Probleme müssen EU-weit gelöst werden (und noch besser weltweit). Aber vielleicht kann man nun daran gehen, sie im Rahmen des Vereinigten Königreichs zu lösen. Und daher noch ein dritter Link zum Deutschlandfunk: Die Kampflinie verläuft nicht zwischen England und Schottland. (Leider spricht der Moderator von den Finanzhaien in London, als sei die Finanzwirtschaft das einzige Problem am Kapitalismus.)

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4 Antworten zu Nachtrag zum Referendum: Teilen oder Egoismus – weitere Unterschiede zwischen verschiedenen Nationalismen

  1. Trippmadam schreibt:

    Dem katalanischen Unabhängigkeitsstreben stehe ich sehr zwiespältig gegenüber. Einerseits handelt es sich dabei sicher inzwischen zumindest teilweise um einen Reichtumsseparatismus, andererseits muss man die Geschichte Kataloniens unter Franco berücksichtigen. Reinen Reichtumsseparatismus unterstelle ich der italienischen Lega Nord („Padanien“) und der Bayernpartei, aber letztere ist zum Glück unbedeutend.

  2. susanna14 schreibt:

    Danke für deinen Kommentar, und sorry, dass ich erst jetzt antworte. Ich muss gestehen, dass ich zwar einiges über Flandern weiß, dass ich aber mich aber mit Katalonien und dem Spanischen Bürgerkrieg und der Zeit unter Franco nur sehr schlecht auskenne. Gewalttaten aus der jüngeren Vergangenheit sind sicherlich ein wichtiges Moment, das ich wahrscheinlich zu wenig berücksichtigt habe. Anders verhält es sich mit Gewalt, die schon Jahrhunderte zurückliegt, etwa der Schlacht auf dem Amselfeld, oder der Schlacht, die in dem Lied „Flower of Scotland“ besungen wird. Bei solchen handelt es sich um „gewählte Traumata“ (Vamik Volkan), hinter denen sich alle möglichen aktuellen Probleme verstecken lassen, gerade eben auch Gewalt, die erst ein oder zwei Generationen zurückliegt. Das sind dann keine gewählten, sondern echte Traumata.

    Ob Separatismus der richtige Weg ist, mit solchen Traumata umzugehen, bezweifle ich – dann müssten wir die Hoffnung auf ein geeintes Europa schon jetzt begraben. (Ich bin im Urlaub auf der Voie de la Liberté von Metz nach Verdun gefahren: Eine Straße von ca. 60 Kilometern, an deren Rändern an drei Kriege erinnert wird – drei Überfälle Deutschlands auf den westlichen Nachbarn. Mit solchen Erinnerungen müssen „wir“ leben, auch „wir“ Deutschen, auch wenn wir sie gerne ausblenden, und versuchen, trotzdem ein geeintes Europa zu schaffen.) Das Verrückte ist ja, dass die meisten dieser separatistischen Bewegungen durchaus für die Europäische Union sind.

    Aber verstehen kann ich es, wenn angesichts von Gewalt und Ungleichbehandlung in Zeiten der Diktatur das Misstrauen untereinander noch groß ist und zur Sehnsucht führt, sich abzuspalten.

  3. Olaf schreibt:

    Deutschland hat Frankreich nicht überfallen, was für ein Blödsinn. Metz war eine Deutsche Stadt und die Franzosen haben sie erobert und bis heute nicht zurückgegeben. Was für ein lächerlicher Schuldkult, dem du kleines Mädchen da verfallen bist. Wenn dich Geschichte interessiert, dann müssten dir auch die Überfälle der Franzosen auf Deutschland bekannt sein, die Ruine des Heidelberger Schlosses zeugt davon.

  4. susanna14 schreibt:

    Ich habe diesen Kommentar noch genehmigt, damit auch andere Leser sehen können, warum ich die anderen beiden Kommentare nicht genehmige. Ich habe sie ungelesen gelöscht. Es reicht, wenn Sie mich einmal beleidigen.

    Ich bin in Heidelberg aufgewachsen. Das Schloss wurde während des pfälzischen Erbfolgekrieges zerstört, und zwar unter Ludwig dem Vierzehnten. Metz ist eine französische Stadt, wenn man durch die Straßen geht, spürt man das.

    Ich bitte Sie, von weiteren Kommentaren abzusehen.

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