Zweierlei Nationalismus?

Seit Jahren ist Nationalismus eines meiner Themen, und jetzt habe ich den schottischen Nationalismus ganz vergessen. Gestern sind zwei eher „theoretische“ Artikel in meiner Twitter-Timeline gelandet – okay, „theoretisch“ im Vergleich zu den Berichten im Deutschlandfunk und auf der Website der ARD, die eher journalistisch vorgehen, das Land bereisen und Menschen interviewen, ob sie für oder gegen die Unabhängigkeit stimmen werden und warum und warum nicht.

Außerdem ist ein Bild in meiner Timeline aufgetaucht, das die Regionen Europas zeigt, welche nach Unabhängigkeit streben: Unabhängigkeitsbewegungen in Europa. Preisfrage: Welche Unabhängigkeitsbewegung haben sie vergessen?

Erst einmal die Antwort: ausgerechnet eine der erfolgreichsten Unabhängigkeitsbewegungen, nämlich die flämische, ist vergessen worden. Im neunzehnten Jahrhundert, nur wenige Jahrzehnte nach der Gründung des belgischen Staates, hat sie das Licht der Welt erblickt, zunächst als Kämpferin für die Rechte von Menschen, die gerne höhere Posten in Verwaltung und Wirtschaft ergattert hätten, aber dazu nicht gut genug Französisch sprachen, später, als dies erreicht war und jeder Belgier das Recht hatte, in seiner eigenen Sprache mit den Behörden zu kommunizieren, wollte sie mehr: ein eigenes Territorium. Jeder Belgier sollte in der Sprache des jeweiligen Landesteils mit den Behörden kommunizieren müssen. Dazu kamen Mythen und mittelalterliche Geschichte (die Schlacht der Goldenen Sporen), die Suche nach volkstümlicher Kultur und leider auch eine gewisse Sympathie für die deutschen Besatzer im Ersten und Zweiten Weltkrieg – gewiss nicht alle Flamen, nicht einmal alle „Flämischgesinnten“, aber als zum Beispiel über die Rückkehr des belgischen Königs nach dem Zweiten Weltkrieg abgestimmt wurde, welcher sich in den Augen vieler durch seinen Verbleib im besetzten Europa kompromittiert hatte, stimmte eine Mehrheit der Flamen für, eine Mehrheit der Wallonen aber gegen die Rückkehr. (Der Kompromiss bestand darin, dass der König zurücktrat und sein Sohn neuer König wurde.)

Heute ist Flandern nicht mehr eine arme, von Landwirtschaft geprägte Region, an der die Industrialisierung vorbeigegangen ist, sondern eine der reichsten Regionen Europas, und Wallonien, im neunzehnten Jahrhundert Zentrum der Stahlindustrie, leidet wie alle ehemaligen Zentren der Stahlindustrie unter dem Strukturwandel. Der wallonische Teil ist eher links, der flämische eher (neo-)liberal, wie es üblich ist bei Leuten, die sich für wirtschaftlich erfolgreich halten. Die Veränderungen haben dazu geführt, dass es nun nicht mehr ums arme, unterdrückte Flandern geht, sondern darum, dass die gemeinsamen Sozialkassen, die netto die Wallonen begünstigen, aufgeteilt werden. Feindkonstruktionen entstehen: die Wallonen, die dafür sorgen, dass es den Flamen nicht so gut geht, wie es ihnen gehen könnte (die „Südländer“ sozusagen), und die Ausländer natürlich. Die flämische Bewegung hat erst den Vlaams Blok bzw. Vlaams Belang und nun die NVA hervorgebracht. Letztere sorgte für den spektakulären „Erfolg“, dass Belgien ungefähr 18 Monate ohne Regierung war. Im Mai wurde neu gewählt, und jetzt will sich die NVA an der Regierung beteiligen. Ich befürchte, dass dies das Land auseinanderfallen lässt.

Ich hoffe, dass Belgien zusammenbleibt, bei Schottland bin ich dagegen eher für die Unabhängigkeit, auch wenn ein Teil von mir diese für irrational hält. Dieser Teil erinnert mich daran, dass die meisten Unabhängigkeitsbewegungen, von denen keine ohne Nationalismus auskommt, nach einer Weile aufhörten, Befreiungsbewegungen zu sein, sondern in erster Linie nationalistisch wurden. Das identitäre Moment wurde immer wichtiger und die Befreiung immer unwichtiger. Oder anders: Um erfolgreich zu sein, musste die Bewegung erst einmal den Menschen klar machen, dass sie nur wirklich frei wären, wenn sie ihre Identität als Angehörige dieses oder jenes Volkes leben könnten. Aber wenn die Unabhängigkeit gewonnen ist, wenn neue Generationen heranwachsen, stellt sich dies nicht als Recht, sondern als Pflicht heraus. Junge Menschen möchten kennenlernen und ausprobieren, was sie an neuen kulturellen Impulsen aus aller Welt erleben. Nur diejenigen, die Angst vor Veränderungen haben, sehen im Aufrechterhalten der Tradition einen gangbaren Weg.

Nun zuerst zum taz-Artikel: Hin zum Homogenen. Diskutiert werden Zentralismus, Separatismus und Föderalismus. Am Zentralstaat wird kritisiert, dass es ihm um Homogenisierung und Unterwerfung ging. Idealerweise geht es den Bewegungen, die sich gegen den Zentralstaat erheben, um Selbstbestimmung. Die Frage ist nur: Welches Subjekt will sich da selbst bestimmen? Die Autorin spricht von einem kulturell definierten Subjekt und dem Aufstand des Partikularen gegen das Universelle. Damit ist sie praktisch schon bei den negativen Aspekten des Separatismus angelangt: Der Homogenisierung innerhalb der neuen separaten Einheit. Das Ideal der Autorin ist eine Demokratie, die Differenzen und Diversität wertschätzt und nicht unterdrückt, gleichgültig, ob es der große Zentralstaat ist oder der kleine durch Separatismus entstandene Staat. (Sie plädiert für ein Europa der Regionen. Europa ist einfach zu groß und zu wenig durch Mythen vorbelastet, um irgendwie Identität zu stiften.)

Was in ihrem Artikel zu kurz kommt: die Konkretisierung von dem, was „Kultur“ heißt, so dass man erkennen könnte, was kulturellen Nationalismus ausmacht: Die Verwurzelung in Geschichte und Landschaft und die Behauptung, die Menschen seien so, wie sie seien, weil sie eben in Geschichte und Landschaft verwurzelt seien und darum ihre besonderen Regeln und Traditionen hätten (das ist das Partikulare, das gegenüber dem Universellen betont wird.)

Als zweites ein Artikel aus dem Guardian: Exclusive: Scottish nationalism and British nationalism aren’t the same. Der Autor versucht zu erklären, warum die British Nationalist Party und die Scottish Nationalist Party sehr unterschiedlich seien. Den schottischen Nationalisten ginge es um Selbstbestimmung, außerdem sei die Abspaltung von England die einzige Möglichkeit, die Interessen der (schottischen) Arbeiterklasse zu gewährleisten. Der schottische Nationalismus sei kein ethnischer/völkischer Nationalismus, ihm ginge es um alle Menschen, die in Schottland leben, unabhängig von ihrer Herkunft, nicht darum, Menschen, die anders aussehen, auszuschließen. Es handele sich stattdessen um „civic nationalism“, die Bürger sollen selbst über ihr Gemeinwesen entscheiden, und das ginge für Schottland am besten im nationalen Rahmen. Der schottische Nationalismus richte sich nicht gegen Immigranten, sondern gegen die Politik, die in Westminster gemacht wird. Natürlich sei es wünschenswert, die Tories in London loszuwerden, aber das könnten die Engländer auch alleine, oder sollten es alleine können. Sie sollten Regionalparlamente einrichten, die den Regionen, die nicht so reich sind wie die Metropolregion London, eine Stimme geben, so dass die Kluft zwischen London und dem Rest des Landes erst einmal bemerkbar wird.

Ich hoffe, dass der Autor den ethnischen Nationalismus der Schotten nicht unterschätzt. Aber vielleicht überschätze ich ihn, weil die Schottlandfans in meinem Bekanntenkreis Fantasyfans sind, die dazu neigen, Schottland zu romantisieren. Mein Eindruck ist, dass der schottische Nationalismus auch nicht ohne Verwurzelung in der Geschichte auskommt, vor allem wenn es an die Definition der Grenzen geht. Andererseits gibt er sich offen gegenüber Einwanderern – ob auch gegenüber solchen aus England, weiß ich noch nicht.

Durch eine Sendung des Deutschlandfunks habe ich zwei Songs derselben Gruppe (The Corries) gefunden, welche die beiden Formen des Nationalismus veranschaulichen können: Flower of Scotland und Scotland will flourish. Ersteres dient auch als Nationalhymne bei Fußballländerspielen; bei Youtube findet man beliebig grauenhafte von Fans gesungene Versionen. Man findet in ihm alles, was ethnischen Nationalismus ausmacht: Land und Landschaft, Geschichte, Schlachten, junge Männer, die sich opfern, nationale Traumata, auch wenn die konkrete Schlacht, die besungen wird, gewonnen wurde. Das zweite Lied lehnt genau diesen Bezug auf alte Schlachten ab (dafür geht es in ihm für meinen Geschmack zu viel um Arbeit), Gastfreundschaft ist wichtig, und am Ende ist nicht klar, ob Unabhängigkeit überhaupt das angestrebte Ziel ist. Dass einige junge Männer sich vor ein paar Jahrhunderten dafür opferten, ist kein Grund, ihr Ziel weiter zu verfolgen.

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2 Antworten zu Zweierlei Nationalismus?

  1. Olaf schreibt:

    Deutsch-Belgien gibt es auch noch, wenn Belgien auseinanderfällt, kommt Eupen wieder zu Deutschland, also drücken wir den Flamen die Daumen.

    • susanna14 schreibt:

      Dass die Gegend um Eupen dann an Deutschland fallen würde, ist kein Grund, den Flamen die Daumen zu drücken. Territoriale Vergrößerung des eigenen Landes kann heutzutage kein Ziel von Außenpolitik sein. Territoriale Vergrößerung des eigenen Landes machte Sinn für kleine und große Fürsten, deren Reichtum in erster Linie auf der Größe ihrer Ländereien beruhte. Im 19. Jahrhundert wurde diese Sehnsucht nach territorialer Vergrößerung (wahlweise auch nach Kolonien) dann von der Bevölkerung übernommen, auch wenn diese wenig davon hatte außer dass dem Selbstgefühl geschmeichelt wurde, so wie sich heute Menschen gut fühlen, wenn die eigene Mannschaft Fußballweltmeister wird. Heutzutage sollte ein solcher Ehrgeiz jenseits der politischen Vorstellung sein.

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