Ich war dabei: Centenary 1914-2014 (Urlaub, Teil 4)

Ich bin zurück vom Urlaub. Ich bin, mehr oder weniger, die Westfront entlang gefahren, das heißt, den umkämpften Teil der Westfront. Was ich gelernt habe: Lille ist eine Stadt ohne Buchläden.

1. September: Péronne – Albert

Ich lasse mir Zeit beim Frühstücken. Ich habe festgestellt, dass meine Kaffeetasse (nicht der Kocher selbst) Löcher im Rasen hinterlässt, und nehme mir vor, in Zukunft vorsichtiger zu sein. Ich tröste mich damit, dass es sich nur um Gras handelt, das gewiss nicht vom Aussterben bedroht ist, und dass es nachwachsen wird, aber beim Anblick er vertrockneten Halme habe ich doch ein schlechtes Gewissen.

Auf meinem Zelt haben sich mehrere Schnecken versammelt. Sie sind ziemlich klein, unter einem Zentimeter Länge und haben ein entsprechend kleines Haus. Es sind zwei verschiedene Arten, die eine hat ein kegelförmiges Haus, die andere ein eher flaches Haus, wie es auch für Weinbergschnecken üblich ist. Ich wundere mich, dass es ihnen auf meinem Zelt so gut gefüllt, aber muss sie herunternehmen, bevor ich das Zelt zusammenpacke.

Ich habe herumgetrödelt. Als ich losfahre, ist es bereits halb zwölf. Andererseits ist Albert nur dreißig Kilometer von Péronne entfernt, so dass ich mich nicht beunruhigen muss. Auch die Steigungen sind nicht so, dass sie Schwierigkeiten bereiten würden. Ich besichtige sogar noch eine weitere Nécropole Nationale, die von Briaches, und betrachte die Aufschriften auf den Grabsteinen. Die meisten, die dort liegen, sind in den späteren Monaten (August oder September) der Schlacht an der Somme gefallen. Diejenigen mit der gleichen Regimentsnummer sind häufig am gleichen Tag gefallen, man kann sich vorstellen, wie die Regimenter eines nach dem anderen in die Schlacht geschickt und aufgerieben wurden. Ich frage mich, wie es ihnen ging, wenn sie sehen musste, wie das Regiment mit jedem Tag kleiner wurde, und wenn sie wussten: auch mich kann es jeden Tag treffen. Wahrscheinlich konnte man das nur überstehen, ohne verrückt zu werden, wenn man konsequent ausblendete, dass der Tod auch einen selbst treffen könnte. Auf diesem Friedhof finden sich die muslimischen Grabsteine zwischen den christlichen Kreuzen, sie stehen nicht alle in der gleichen Ecke. Sie haben aber nicht in den gleichen Regimentern gedient wie die anderen.

Ich fahre weiter. In Cappy finde ich eine Gedenktafel, bleibe stehen und stelle fest, dass sie an einen Deutschen erinnert, den Piloten Manfred von Richthofen, der hier seinen Flugplatz hatte. (Cappy ist ein Dorf, unvorstellbar, dass es einen Flughafen hatte, aber damals waren die Flugzeuge noch nicht sehr groß und nicht sehr schnell.) In Cappy trinke ich auch Kaffee. Die Leute dort sind sehr freundlich und haben einen sehr freundlichen Hund. Sie fragen mich, ob ich aus England sei, ich sage ja, weil ich keine Lust habe, zu erzählen, dass ich aus Deutschland komme, aber als mir die Tasse Kaffee gebracht wird und ich gefragt werde, wo genau aus England ich herkomme, sage ich doch, dass ich aus Deutschland bin.

Ich fahre weiter, gelange nach Bray-sur-Somme, besichtige einen französischen Soldatenfriedhof, verzichte auf die Besichtigung des deutschen Friedhofs und nehme mir am meisten Zeit für einen britischen Friedhof, der etwas außerhalb des Dorfes liegt. Er ist ungefähr so groß wie ein etwas größerer Schrebergarten. Ich schätze die Anzahl der Gräber auf fünfzig, tatsächlich sind es aber etwas mehr als hundert Gräber. Eines davon ist von einem Mitglied einer Panzerbesatzung – ich glaube, eines der ersten, das ich sehe. Die meisten Soldaten sind 1918 gefallen. Bei den britischen Friedhöfen ist nicht die Größe beeindruckend, sondern die große Anzahl und die Art, wie sie in der Landschaft verstreut sind. Schon aus der Ferne kann man sie an ihrem Mäuerchen aus Backsteinen, ihrem Eingangspavillon und dem „Sword of Sacrifice“, welches in ein Kreuz eingearbeitet ist, erkennen. Auf diesem hier fehlt der Pavillon, und ich muss eine Weile suchen, bis ich das Verzeichnis mit den Toten finde, die hier liegen. Es gibt auch ein Gästebuch, eine Reihe von Menschen haben sich hier verewigt, die meisten schreiben „we’ll remember them“, einer schreibt: „it’s so lonely here“.

Mit der britischen Gedenkkultur habe ich mehr Schwierigkeiten als mit der französischen. Es steckt mehr Heldenverehrung darin. Zum Teil ist diese Heldenverehrung berechtigt: Diese Männer kämpften und fielen, um mit ihnen verbündeten Ländern zu helfen, sich eines Angriffs zu erwehren. Allerdings habe ich manchmal, wenn ich mir diese Verehrung ansehe, besonders wenn ich Plastikmohnblumen auf deutschen Militärfriedhöfen finde, Zweifel, ob das denen, die diese Mohnblumen hinterlassen, auch so klar ist, oder ob sie diese Männer einfach für Helden halten, weil sie für ihr Land kämpften, und dann macht es keinen Unterschied, ob sie jetzt Deutsche oder Engländer waren:

Schließlich kämpften auch die Deutschen für ihr Land, und deswegen findet man auch auf ihren Gräbern kleine Holzkreuze mit Plastikmohnblumen, auf denen steht „you’ll always be remembered“. Dass die Deutschen sich täuschten, wenn sie glaubten, ihr Land müsse sich verteidigen, zwar nicht im Hindukusch, aber immerhin an der Somme, scheint unwichtig zu sein.) Bei der Weiterfahrt komme ich an einem Flughafen vorbei. Ich frage mich, welche Fluglinien wohl Albert ansteuern, und wohin man von Albert aus fliegen kann, aber als ich an einer Fabrik für Flugzeugbau vorbeikomme, wird mir klar, dass der Flughafen vor allem von dieser Fabrik genutzt wird. Um drei bin ich schließlich in Albert.

Ich bin nicht besonders schnell gefahren, aber ich habe mir eben auch Pausen gegönnt. Ich habe viel Zeit, besuche den örtlichen Buchladen, trinke Kaffee und besichtige dann das örtliche Museum. Im Buchladen, welcher auch Zeitungen verkauft, finde ich wieder einmal nicht „Le Monde“ und muss eine Lokalzeitung kaufen. (Wenigstens bedaure ich es da nicht so sehr, wenn ich mit ihr das Zelt auswische, bevor ich sie gelesen habe.) Ich schaue nach Büchern über den Ersten Weltkrieg: Erich Maria Remarque ist nicht nur mit „Dans L’Ouest rien de Nouveau“, sondern auch „Les Camarades“ vertreten. Christopher Clark finde ich nicht. Dazu neben ernstzunehmenden historischen Werken auch Photobände, Comics, Reiseführer zu den Schlachtfeldern etc. Ich überlege mir, ein Buch mit 3D-Photos zu kaufen, weil ich es cool finde, dass es eine Technik, die seit einigen Jahren als der letzte Schrei des Kinos gilt, schon vor hundert Jahren für Photographien verwandt wurde. Aber zwanzig Euro sind mir zu viel und ich will jetzt noch nicht so viel schleppen.

Das Museum ist unterirdisch und viel größer, als ich gedacht habe. (Schließlich habe ich sonst immer nur den oberirdischen Eingangsraum gesehen.) Es ist in mittelalterlichen Tunneln untergebracht, so dass man nur Gänge, aber keine Räume hat. In Glaskästen findet man Waffen und andere Gegenstände des Ersten Weltkriegs, die in der Erde gefunden wurden und entsprechend verrostet aussehen. Außerdem sind kleine Szenen aus den Schützengräben mit Hilfe von Schaufensterpuppen nachgestellt. (Die Gesichter sind aber etwas weniger idealisiert als die von Schaufensterpuppen.) Ich mag diese nachgestellten Szenen lieber als die Filme, die heutzutage in Mode sind. Ganz am Ende gibt es einen Gang, innerhalb dessen man die Geräusche hören kann, die die Soldaten in den Schützengräben hörten und die diesen Todesangst einjagten, aber weil gerade zu diesem Zeitpunkt angekündigt wird, dass das Museum in fünf Minuten schließt, eile ich durch diesen Gang ohne Todesangst, dafür aber mit der Furcht, im Museum eingeschlossen zu werden. Im ganzen aber: positives Fazit, es hat sich gelohnt, dieses Museum zu besuchen, das ich bei zwei Besuchen in Albert mit nicht beachtet hatte (obwohl ich mich durchaus im Eingangsraum mit Infomaterial versorgt hatte), nur weil es mir auf den ersten Blick zu unscheinbar vorkam. Es ist etwas altmodisch, aber deswegen nicht schlecht.

Ich raffe mich noch auf, zum Bahnhof zu gehen. Ich entscheide, dass mein Ziel für den nächsten Tag Lille sein wird, einfach, weil es eine direkte Verbindung dorthin gibt und weil ich die Stadt noch nie gesehen habe, sondern immer über Armentières daran vorbei gefahren bin. Ich finde heraus, dass um neun ein Zug fährt und der nächste dann um zwölf. Ich werde mich also beeilen müssen.

Auf dem Campingplatz suche ich mir andere Fahrradfahrer als Nachbarn, das scheint mir sicher zu sein. Ich rede aber nicht viel mit ihnen, da ich müde bin und mich auf meine eigenen Aktivitäten konzentrieren möchte: Abendessen machen, duschen, einschlafen. Dafür redet mein direkter Nachbar sehr lange mit einem der anderen Fahrradfahrer und erzählt, wie er das Fahrrad in eine Schachtel packt, damit es als Fluggepäck mitfliegen kann. Hinterher knüllt er die Schachtel zusammen und wirft sie weg und besorgt sich für den Rückflug eine neue Schachtel. Schlafen kann ich so nicht, und auch, als er sich endlich hinlegt, kann ich nicht schlafen: aus irgendwelchen Gründen höre ich jedes seiner Geräusche, ob er sich umdreht oder den Reißverschluss öffnet oder schließt.

2. September: Albert – Ieper

Es ist der erste Schultag in Frankreich, die Rentrée, und auf den Straßen und vor allem an den Zebrastreifen sehe ich Verkehrspolizistinnen, die die Autos zum Anhalten zwingen. Ich nutze dies. Ich fahre mit dem Zug von Albert nach Lille und lasse auf diese Weise im wesentlichen den britischen Frontsektor während der Sommeschlacht aus. Ich bin schon zweimal durch diese Gegend gefahren und weiß vor allem, dass sie sehr hügelig ist. Durch das ehemalige Schlachtfeld hindurch fließt der Fluss Ancre (die Somme ist weiter südlich), und ihn versuchten die angreifenden Truppen zu überqueren. Wie bei Verdun und am Chemin des Dames handelte es sich um einen Versuch, die Front zu durchbrechen, und wie bei Verdun scheiterte dieser Versuch, und stattdessen wurde unter schrecklichen Verlusten, noch höher als in Verdun, die Front um einige Kilometer verschoben.

Am schlimmsten war der erste Juli, an welchem die Offensive begann: Den britischen Soldaten war gesagt worden, dass die Artillerie die Gegner getötet hätte und dass sie jetzt quasi im Spaziergang die gegnerischen Gräben würde einnehmen können, aber dann hatten doch genügend Verteidiger (Verteidiger während der Schlacht, nicht während des Krieges) überlebt und empfingen die britischen Soldaten mit Maschinengewehrfeuer. Sechzigtausend Verluste, davon zwanzigtausend Tote. Entsprechend viele britische Militärfriedhöfe gibt es in der Gegend, kleine und große, und vor allem gibt es das Denkmal von Thiepval für 70 000 Soldaten, die vermisst blieben und die kein bekanntes Grab haben. Die Namen der Vermissten sind in die Säulen des Denkmals eingraviert. Nicht nur die Briten selbst, sondern auch ihre Verbündeten aus den Kolonien haben hier gekämpft: Südafrikaner, Kanadier, Australier, Neuseeländer, Neufundländer. Sie haben verschiedene Denkmäler hinterlassen, die miteinander an Scheußlichkeit wetteifern. Das südafrikanische Denkmal findet sich in Longueval, das neufundländische bei Beaumont-Hamel, das kanadische etwas südlich von Lens. Das südafrikanische Denkmal ist ein kreisförmiger klassizischter Bau mit Dioskuren auf dem Dach. Innen werden auch ein paar Worte darüber verloren, dass nur Weiße auf Seiten des Vereinigten Königreichs kämpften. (Ich versuche, mich daran zu erinnern, ob schwarze Arbeiter nach Europa kamen. Gut möglich, und wenn sie kamen, dann sind mit Sicherheit auch einige von ihnen gestorben.)

Das neufundländische Denkmal beherbergt vor allem einen röhrenden Karibuhirsch, Inbegriff von allem, was in Deutschland als Kitsch gilt. Von ungefähr 1000 Freiwillen sind ungefähr 68 unversehrt aus dem Krieg zurückgekehrt. Sie kämpften ganz vorne und hatten die Aufgabe, eine gefährliche gegnerische Stellung einzunehmen. Das kanadische Denkmal habe ich mir vor zwei Jahren nur aus der Ferne angesehen: Zu viel Betrieb. Ich besuche die britischen Militärfriedhöfe am liebsten ohne Gesellschaft, und wenn dies nicht möglich ist, halte ich so weit wie möglich Abstand zu den britischen Touristen. Beim kanadischen Denkmal wäre auch das unmöglich gewesen. (Außerdem hatte ich es eilig.)

Auch im Gebiet der Schlacht an der Somme gibt es Wälder, die wegen Minengefahr gesperrt sind. Auf dem Gelände des neufundländischen Museums finden sich noch die Einschlagtrichter von Granaten, zwischen ein und zwei Metern im Durchmesser. Die Wege zu verlassen, ist verboten. Schafe grasen in dem für Menschen verbotenen Bereich; ich frage mich, ob hin und wieder eines umkommt, wenn es auf eine Mine tritt. Die Gegend trägt immer noch die Spuren des Krieges, in Form von grauenhaften Gedenkstätten, von Militärfriedhöfen, und eben auch die direkten Hinterlassenschaften, Granaten und Minentrichter und Wälder, die zu betreten lebensgefährlich ist. (Es gibt auch einige große Trichter von Bomben, die zehn oder zwanzig Meter Durchmesser haben. Aber beeindruckender als diese großen Trichter finde ich die Unzahl der kleinen Krater.)

Ich bin schon oft in der Gegend gewesen, aber noch nie in Lille gewesen. Wie üblich liegt der Bahnhof am Rand der Innenstadt. Ich schließe mein Fahrrad ab – es gibt Bügel, die denen in Deutschland ähneln, aber ansehnlicher sind – trinke zunächst Kaffee (ich bin hungrig und müde) und mache mich dann auf den Weg in die Fußgängerzone. Ich suche nach einem Buchladen, weil ich wissen will, welche Bücher auf den Büchertischen der Buchläden in Lille liegen, aber ich finde keinen keinen.

Ich finde ein Wollgeschäft und kann mich mit Mühe abhalten, es zu betreten, und ein Geschäft mit Naturkosmetik. Farben, die so aneinandergereiht sind, dass sanfte Übergänge entstehen, wie es üblich ist, wenn man Wolle oder Lippenstifte im Regal anordnet, üben auf mich zur Zeit große Anziehungskraft aus – die Regression ins Weiche, kantenlose, die ich brauche nach all dem Weltkriegstourismus. Ich merke auch, dass ich das Pflaster unter meinen Füßen genieße, nachdem ich zwei Wochen Landschaft mit Hügeln und Tälern, Flüssen, Wäldern und Feldern erlebt habe. Ich sehne mich auch wieder danach zu kommunizieren, was mir in Frankreich aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse nicht möglich ist.

Lille ist eine erstaunliche touristische Stadt, die von Cafés und Restaurants nur so wimmelt. Man versucht auch, Fahrrädern entgegenzukommen und Fahrradwege einzurichten, aber noch etwas unsystematisch. Ich besichtige die „Vielle Cathédrale“ und stelle fest, dass sie aus dem neunzehnten Jahrhundert stammt. Ich vermute, dass einige der anderen Kirchen älter sind. Beeindruckender sind die säkularen Prachtbauten vom Ende des neunzehnten Jahrhunderts, als die Gegend durch den Kohlebergbau reich geworden war: alte Börse und Oper. Schließlich lande ich in einem Gebäude, das möglicherweise aus dem 21. Jahrhundert stammt, Euraville direkt neben dem Bahnhof, eine Art Mall, in welcher sich diverse Geschäfte befinden, aber eben auch kein Buchladen, sondern Mode, Schmuck und Parfümerien, ähnlich wie in der Innenstadt.

Ich esse, lese und breche dann auf in Richtung Ieper. Auf Stadtplänen, die überall herumhängen, habe ich mir die Straße herausgesucht, die in die richtige Richtung aus Lille herausführt, und finde sie auch erfolgreich in der Realität. Durch einige Vororte hindurch gelange ich wieder auf freies Feld, finde die D108 und folge ihr bis zu Grenze. Zum ersten Mal seit langem ist die Strecke weitgehend flach. Einen deutschen Friedhof finde ich unterwegs. Da es der letzte während dieses Urlaubs sein wird, besichtige ich ihn, lege einen Stein auf den Grabstein eines jüdischen Gefallenen, der mit Vornamen Siegfried heißt, und fahre dann weiter.

Bei Warneton überquere ich die Grenze nach Belgien, folge zunächst den Wegweisern, und als ich auf einen Soldatenfriedhof stoße, der mir bekannt vorkommt, erst wegen des Namens und dann wegen des einsamen Grabes eines französischen Soldaten abseits der Steine für die Commonwealth-Soldaten, beschließe ich zu schauen, ob der Weg, der an dieser Stelle die Straße kreuzt, nicht zum Knotenpunktnetzwerk Flanderns gehört, und wechsele dann auf diesen Weg. Das Knotenpunktnetzwerk ist im Prinzip eine wundervolle Einrichtung. Über ganz Flandern hinweg (nicht im wallonischen Teil Belgiens) sind Knotenpunkte verteilt, die manchmal mitten in der Landschaft liegen und die untereinander verbunden sind, meistens durch Feldwege. Wegweiser zeigen den Weg zum nächsten Knotenpunkt an. Auf diese Weise ist es möglich, abseits der Straßen zu fahren, was ich in Frankreich nie getan habe. Das Problem: Ohne eine Karte, auf der die Knotenpunkte eingezeichnet sind, bringt es überhaupt nichts, weil die Knotenpunkte nicht sagen, in Richtung welcher Stadt der Weg führt. Ich glaube, ich weiß, in welche Richtung ich ungefähr fahren muss, und Knotenpunkt einundfünfzig ist tatsächlich richtig, aber als ich mich von dort aus zwischen Knotenpunkt fünfundvierzig und Knotenpunkt sechsundvierzig entscheiden muss, wähle ich wider besseres Wissen Knotenpunkt fünfundvierzig, weil dieser Weg nicht bergauf geht. Ich gelange in ein Dorf, in das ich nie wollte, von dort aus versuche ich den Weg nach Ieper zu finden, gelange zu Knotenpunkt vierundvierzig, kann mich wieder zwischen fünfundvierzig und sechsundvierzig entscheiden, wähle fünfundvierzig, weil ich denke, das ist bestimmt ein anderen Punkt mit der Nummer sechsundvierzig als der, wohin ich will, gelange wieder in das Dorf, fahre zurück zu Punkt einundfünfzig, von dort aus zu Punkt sechsundvierzig, und der Rest des Weges bereitet keine Probleme mehr, da nun auch Wegweiser nach Ieper an den Knotenpunkten stehen. Trotz aller Umwege:

Ich hätte nicht gedacht, dass es mir eine solche Freude machen würde, wieder auf Feldwegen statt auf Autostraßen zu fahren. Ich komme an einem Bombentrichter vorbei, welcher mehrere Meter Durchmesser hat. Ich habe ihn schon einmal gesehen, aber damals habe ich die Landschaft noch nicht lesen können. Ich hatte die Infotafel gesehen und gelesen, aber der Trichter selbst war mir verborgen geblieben. Jetzt ist es ganz einfach: Der kreisrunde Teich vor mir ist der Bombentrichter. Er ist mit Wasser vollgelaufen und dient nun als Viehtränke. Alles hier läuft schnell mit Wasser voll, weil das Meer nicht mehr weit entfernt ist.

Halb sechs erreiche ich Ieper, rechtzeitig, um den Buchladen und den Museumsshop zu besichtigen. Hier finde ich endlich das Buch, nach dem ich sonst vergeblich gesucht hatte: „Die Schlafwandler“ von Christopher Clark in niederländischer Sprache. Ich denke, dass es vielleicht niemand ins Französische übersetzt hat, aber das Original ist doch wahrscheinlich englisch, als müsste es doch zwischen den vielen englischen Büchern in diesem Buchladen oder den noch zahlreicheren englischen Büchern im Museumsshop stehen, aber auch im Museumsshop finde ich nur die niederländische Version. Ich überlege, ob die Holländer so tolerant sind, dass sie auch diese Interpretation des Ersten Weltkriegs gelten lassen, aber später fällt mir ein, dass es wahrscheinlich nicht die Holländer, sondern die Flamen sind, die ein Interesse an einer Entlastung der deutschen und der österreichischen Regierung haben. Die flämischen Nationalbewegungen haben sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg mit den Deutschen kooperiert, nicht alle gleich schlimm, aber sie haben eine gewisse pangermanische Solidarität gezeigt.

Ungefähr dreißig Kilometer nördlich von Ieper, in Diksmuide, steht der Ijzertoren (Yserturm), welcher ein Museum beherbergt, das auf den ersten Blick an den Krieg erinnert, auf den zweiten Blick aber der flämischen Nationalbewegung gewidmet ist. In keinem der Museen, die ich sonst gesehen habe, ist die Friedensbotschaft so eindeutig wie in Diksmuide, wo sie praktisch nicht mit dem Lob der Opferbereitschaft der Soldaten vermischt ist, was daran liegt, dass die flämische Nationalbewegung tatsächlich kein großes Interesse an diesem Krieg hatte. (In Diksmuide fand sonst auch eine Erinnerungsfahrt für die flämischen Gefallenen des Krieges statt, welche sich nach einer Weile zu einem europaweiten Nazitreffen entwickelte. Heute versuchen sie, diese Treffen in den Griff zu bekommen. Die nationalistischen flämischen Parteien sind beide mehr oder weniger rechts – die flämische Unabhängigkeitsbewegung ist interessant, weil sie schon im neunzehnten Jahrhundert alles verloren hat, was sie jemals zu einer Befreiungsbewegung hätte machen können. Heute geht es in erster Linie darum, die Sozialversicherungen aufzuteilen.)

Ieper wird in von britischen Touristen dominiert. Es scheint, dass die ganze Stadt auf britischen Tourismus ausgerichtet ist, aber eventuell gibt es den Außenbezirken auch Bereiche, in denen dies nicht so ist. Besonders befremdlich ist für mich der „Last Post“, der jeden Abend am Menentor gespielt wird. Ich kann es aber nicht lassen, ich fahre hin und höre ihn mir selbst an. Die Menschen sind so zahlreich, dass ich keine Chance habe, irgendetwas zu sehen. Ich höre der Musik zu, höre die mahnenden Worte, während des „Service“ nicht zu reden, stelle mir vor, wie Kränze niedergelegt werden und lese nebenher die Listen mit den Vermissten, die in die Wände des Tores eingemeißelt sind, nach militärischen Einheiten (Regimentern?) sortiert. Normalerweise ist Captain/Hauptmann der höchste Dienstgrad, der noch im Feld kämpfen muss, aber es sind auch einige Majors gefallen. Angeblich hatten nicht die einfachen Soldaten, sondern die niedrigen Offiziersgrade, vor allem die Leutnants, das höchste Risiko zu fallen. Auf der Infotafel lese ich, dass der ursprüngliche Plan der britischen Regierung darin bestand, die gesamte Stadt Ieper in ein Denkmal zu verwandeln. Die Bewohner der Stadt waren davon nicht begeistert, sie wollten ihrem Leben nachgehen. Das Menentor war dann ein Kompromiss. Erst seit den Achtzigern wurde der britische Weltkriegstourismus ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, so das sich die Stadt mehr und mehr an den Touristen orienrierte.

Auch nach mehreren Jahren weiß ich nicht, was ich vom täglichen „Last Post“ halten soll. Im ersten Jahr habe ich das Menen Gate gemieden, damals folgte ich noch der einfachen Dichotomie „Frieden ist gut, Krieg ist böse“, und die Verehrung der Toten des Ersten Weltkriegs als Helden ist ebenfalls böse. Zu begreifen, dass für die Gefallenen aus Belgien, Frankreich oder dem Vereinigten Königreich samt seinen Kolonien vielleicht etwas anderes gilt als für die deutschen Gefallenen in Langemarck (deren Tod propagandistisch ausgeschlachtet wurde), brauchte ich eine Weile. Dass solche Denkmale auch interessant sein können, weil sie auch vom Tod von Menschen zeugen, die man nicht sofort erwartet, wusste ich damals noch nicht: gleich beim ersten Besuch fand ich die Stellen, wo der indischen Gefallen gedacht wird. Aber während ich mich mit dem Tor selbst versöhnt habe, weiß ich nicht, was ich von der abendlichen Zeremonie halten soll. Es scheint mir zu viel zu sein, jeden Abend einen Last Post zu spielen, als ob dadurch die Vergangenheit nicht erinnert, sondern am Leben gehalten würde. Einmal im Jahr erschiene mir ein solches Gedenken angemessener. Andererseits ist dies ein sehr touristischer Ort, und jeden Abend lauschen andere Touristen dem Last Post. Manche von diesen haben ein persönliches oder familiäres Ritual daraus gemacht: Einmal im Jahr machen wir eine Battlefield Tour. Und so haben alle Touristen, egal an welchem Tag sie hier sind, ihr jährliches Gedenken. (Nur die Stadtbewohner nicht.)

Im Museum habe ich mir nur den Shop angesehen, da ich die Ausstellung selbst schon kenne. Sie ist ganz gut gemacht, würdigt die Soldaten und die zivilen Opfer des Krieges und stellt mehr die Schrecken des Krieges als das Heldentum der Soldaten dar. Ein Video zeigt nicht Bilder des Krieges, sondern lässt drei SchauspielerInnen die Tagebücher eines Arztes und zweier Krankenschwestern vorlesen, welche natürlich vor allem erfuhren, wie schrecklich die Verwundungen der Soldaten waren. Aber das Museum kann nicht verhindern, dass BesucherInnen mit ganz anderen Vorstellungen das Museum betreten: Ich beobachtete eine Gruppe von Jugendlichen an einem Modell der Landschaft um Ypern, welches reliefartig auch die Berge der Umgebung zeigte, und der erwachsene Begleiter sagte: Toll, ein Relief, da könnt ihr gleich sehen, wie strategisch bedeutsam es war, die Berge zu erobern.

Tatsächlich handelt es sich nur um eine Hügelkette östlich von Ieper, welche von den Deutschen gehalten wurden. (Die Stadt selbst wurde nie eingenommen.) Der Begleiter der Jugendlichen meinte anscheinend, die Eroberung dieser Hügel sei ein strategisch sinnvolles Ziel gewesen. Das war aber nicht so, und tatsächlich hat die britische Führung auch nie das Ziel gehabt, Passchendaele oder die Hügelkette zwischen Ieper und Roselaere zu erobern. Es ging, einmal wieder, darum, die Front zu durchbrechen, so dass man nach Ostende gelangen und den U-Boot-Krieg stoppen und überhaupt den Krieg gewinnen kann. Die Franzosen waren nicht dabei, da die Soldaten bei einem ähnlichen Versuch an der Aisne/dem Chemin des Dames gemeutert hatten, so dass Großoffensiven erst einmal ausgeschlossen waren.

Wieder einmal bestand das Resultat des Durchbruchversuchs in der Verschiebung der Front um ungefähr 10 Kilometer, in der Eroberung des Dörfchens Passchendaele, in der Verwandlung einer ganz gewöhnlichen fruchtbaren Landschaft in ein Meer aus Schlamm und in mehreren hunderttausend Verlusten auf beiden Seiten. Die mit Kratern übersäten Felder werden normalerweise mit dem Mond verglichen, aber auf dem Mond gibt es kein Wasser. In der Wirklichkeit füllten sich Granatentrichter nach kurzer Zeit mit Grundwasser, so dass man ertrinken konnte, wenn man hinein fiel. (Das Hauptproblem bestand darin, dass man nicht wieder heraus kam. Die Wände waren zu steil und zu schlammig, und gerade wenn man verletzt war und viel Gepäck hatte, war man auf die Hilfe von Kameraden angewiesen.)

In den allgemeinen Darstellungen des Krieges, die ich gelesen habe, werden der Schlacht um Passchendaele meistens nur wenige Zeilen gewidmet. Selbst das Buch von Georg Fesser, das aus einer dezidiert linken Position geschrieben ist, spricht einfach nur von einer Niederlage der Briten (was zu einfach ist, denn es gelang ihnen ja, ein Stück Territorium, in erster Linie Schlamm, zurückzuerobern.) In Ieper bekommt man den Eindruck, dass tatsächlich eine wichtige Schlacht gewonnen sei und dass die Soldaten sich heldenhaft geopfert hätten. Schüler legen Kränze und kleiner Kreuze mit Mohnblumen nieder, auf denen steht „We’ll remember.“ In Wirklichkeit handelte es sich um einen der sinnlosesten Kämpfe des Krieges, auch von alliierter Seite aus betrachtet. Man wusste doch bereits, dass Großoffensiven und Durchbruchsversuche nicht gelingen, und man wusste auch, woran das lag: Die Artillerie konnte zwar den ersten Angriff vorbereiten, aber das waren immer nur fünfhundert Meter. Um die nächste Runde zu begleiten, hätte sie nachgeholt werden müssen, aber das war im Schlamm unmöglich. Erst Panzer änderten dies.

Ich habe mich gefragt, was eine günstigere Strategie gewesen wäre. Möglicherweise hätte es gereicht, die Front zu verteidigen und abzuwarten, bis die Deutschen von selbst anfangen, sich zu fragen, was sie in Belgien und Frankreich eigentlich sollen. Die verteidigende Armee ist nämlich im Vorteil.) In Ieper wird die Schlacht um Passchendaele nicht in Frage gestellt.

Im Museum finden sich Bücher nicht nur über die Schlacht als ganzes, sondern man kann einzelne Bücher über diesen oder jenen Kampf finden: „Fight for Hill 60“ oder „Fight for Polygone Forest“ und natürlich „Fight for the village“. Als wäre es jemals um das Dorf gegangen. Als würde sich irgendjemand für Hill 60 interessieren, wenn nicht darum gekämpft worden wäre.  Ich finde aber auch ein Buch, eher Heft, in welchen einige Berühmtheiten, die meisten von ihnen eher aus der Kulturbranche als aus der historischen Zunft, ihre Ansicht über den Ersten Weltkrieg verkünden: Imperialistische Mächte hätten sich untereinander bekämpft, und dass das UK sich als „die Guten“ betrachten könne, liege in erster Linie daran, dass sie beim Aufbau ihres Weltreichs anderen zuvorgekommen waren. Ich kaufe das Heft, aber vor allem, um zu wissen, was Menschen denken, die so etwas schreiben. (Gelesen habe ich es noch nicht. Das Buch von Gerd Krumeich und Jean-Jeacques Becker war wichtiger.)

Auf dem Zeltplatz werde ich von dem Biker neben mir angesprochen, ob ich ganz allein Fahrrad fahren würde. Er fragt, ob ich keine Angst habe und findet mich „brave“. Bei solchen Fragen fange ich an, mir zu überlegen, ob nicht er selbst eine Bedrohung darstellen könnte. Ich schaue mich um, wer im Notfall Verbündete sein könnten, und stelle fest, dass ich in diesem Bereich des Zeltplatzes die einzige Frau bin. (War aber in Albert schon ähnlich. In Péronne dagegen gab es Frauen, die mir gleich Hilfe beim Aufbauen des Zeltes anboten.) Ich gehe erst schlafen, nachdem er schon im Zelt verschwunden ist. Vor allem aber treffe ich beim Geschirrspülen die Nachbarn von gegenüber, die auch mit dem Fahrrad unterwegs sind, und bin froh, mit ihnen ein paar Worte zu wechseln.

3. September: Ieper – Hannover

Nichts ist in der Nacht passiert, außer dass ich rausmusste (wie in fast jeder Nacht während dieses Urlaubs) und eine Reihe von Kaninchen aufstöberte. Ieper besitzt neben Péronne den kaninchenreichsten Zeltplatz. Eilig, um nicht zu spät beim Bahnhof anzukommen, dusche ich mich und packe zusammen. Frühstück fällt aus. Bevor ich aufbreche, wechsele ich aber noch ein paar Worte mit meinem Zeltnachbarn. Ich frage ihn, wo es heute für ihn hingehe. Er erzählt mir, dass er und sein Kumpel nur ein paar Tage in Ieper bleiben und dann wieder nach England zurückkehren würden. Heute sei die Tyne Cot Cemetary dran. (Der Tyne Cot Cemetary ist der größte Militärfriedhof des Commonwealth mit über 11 000 Gräbern, dazu kommen in Stein gemeißelte Listen mit den Namen von 70 000 Vermissten. Er ist außerdem Ausflugsziel der meisten Touristen in Ieper. Allerdings ist der Friedhof von Langemarck, der praktisch in direkter Nachbarschaft des Tyne Cot Cemetary liegt, nur in der Fläche kleiner, aber von der Anzahl der Toten her – 44 000, teilweise in Massengräbern – deutlich größer. Zu einer Bustour, wie sie beispielsweise im Office de Tourismus von Lille angeboten wird, gehört neben Tyne Cot Cemetary immer auch Langemarck, und die britischen Touristen hinterlassen dort Kreuze und Kränze aus künstlichen Mohnblumen.)

Während ich zum Bahnhof fahre, überlege ich, ob ich mehr mit ihm hätte reden sollen: Ob ich ihm hätte sagen sollen, dass Tyne Cot Cemetary gut als Anfangspunkt ist, wenn man Militärfriedhöfe besichtigen will, weil dort auch ein Infocenter ist, das die Aufschriften auf den Grabsteinen erklärt: Die Erkennungsmarkennummer auf dem Grabstein der Unteroffiziere und gewöhnlichen Soldaten, die Kreuze oder Davidsterne und manchmal die leeren Flächen, und den Spruch, den die Familien, wenn sie wollten, unten auf dem Grabstein hizufügen konnten, dass aber die vielen kleinen Friedhöfe der Gegend – mindestens fünfzig, würde ich schätzen, beeindruckender sind.

Wie immer ist es ein kleines Abenteuer, auf einer Zugfahrt in Belgien das Fahrrad mitzunehmen. Im ersten Zug ist der Schaffner sehr hilfsbereit, er sagt mir, an welchem Brüsseler Bahnhof ich umsteigen muss und organisiert mir dann einen Helfer am Bahnhof, der mit mir in einem Lastaufzug das Fahrrad nach unten und von dort aus zum nächsten Bahnsteig befördert. Leider ist er falsch informiert: Er sagt mir, der nächste Zug komme erst in einer halben Stunde, Er kommt jedoch schon nach wenigen Minuten, aber weil ich verunsichert bin und weil ich keinen Schaffner sehe, der mir sagen würde, wo der Packwagen ist und mir beim Einsteigen helfen könnte. Die einzige Möglichkeit besteht darin, dreist zu sein und den Eingang für Behinderte zu benutzen, aber so dreist bin ich nicht. Ich muss also den nächsten Zug nehmen, und der fährt vom nächsten Bahnsteig ab. Außer dem Lastenaufzug gibt es keine weiteren Aufzüge, aber ich sehe, dass neben der Treppe eine Rille ist, die ich nutzen kann, um mein Fahrrad mit Gepäck erst nach unten und dann nach oben zu schieben. Der nächste Zug ist sogar einer der moderneren mit Fahrradabteil, allerdings ist die Tür, durch die ich ebenerdig mein Fahrrad in den Zug schieben könnte, verschlossen. Ich trage mein Fahrrad also erst die Eingangstreppe hoch, dann trage ich es nach unten in das Fahrradabteil. Als ich kontrolliert werde, bitte ich darum, dass die Tür für mich aufgeschlossen wird, wenn der Zug in Liége ankommt; der Fahrer verspricht, dort zu sein, aber als wir in Liège sind, ist er nicht da, und ich muss mein Fahrrad wieder tragen.

Der nächste Zug von Liège nach Aachen fährt vom gleichen Bahnsteig ab, aber es dauert noch eine Weile, und ich bin mir noch nicht einmal sicher, ob ich den nächsten Zug nehmen oder einen späteren Zug abwarten und dafür noch in eine Ausstellung über Liège im Ersten Weltkrieg gehen möchte. Ich entscheide mich für den nächsten Zug – es wäre doch zu knapp, die Ausstellung erst zu suchen, dann anzusehen und dann zum Bahnhof zurückzukehren. Ich finde also den Zug nach Aachen, es ist wieder einer mit Packwagen. Ich entlade mein Fahrrad, und es wird in den Packwagen gestellt, dann setzte ich mich in den Zug. Nach einer Weile kommt eine Durchsage, die Abfahrt des Zuges verzögere sich wegen eines technischen Problems. Nach weiteren Minute eine weitere Durchsage, der Zug könne gar nicht fahren. Ich bin entspannt, aber viele andere Fahrgäste sind es verständlicherweise nicht. Ich versuche zu beobachten, was vor sich geht. Die Schaffnerin diskutiert mit anderen Bahnangestellten, eine Gruppe Reisender steht darum herum und verscuht zu erfahren, was sie tun sollen. Dann sagt eine andere Bahnangestellte zu den Reisende, sie sollten der Schaffnerin zu Gleis vier folgen. Für mich ist das schwierig, aber auch mit dem Aufzug (den es in Liège im Gegensatz zu Brüssel gibt), bin ich rechtzeitig auf Gleis vier. Ich frage einige andere Fahrgäste, was los sei, sie erklären mir, dass dieser Zug, der eigentlich woanders hin hätte fahren sollen, nun nach Aachen fahren wird. Ich gehe nach vorne zum Packwagen, die Schaffnerin lädt mein Fahrrad ein, ich steige ein und setze mich. Ein bisschen frage ich mich, wie es den Leuten geht, die eigentlich mit diesem Zug an einen anderen Ort als Aachen hatten fahren wollen, aber da es nicht mein Problem ist, denke ich nicht besonders viel darüber nach.

Kurz vor drei bin ich in Aachen. Ich habe also sehr viel Zeit. Ich könnte jede Stunde losfahren, aber ich möchte gerne ine in der Nacht in Hannover ankommen. Halb zwölf scheint mir eine gute Zeit zu sein. (Letztes Jahr kam ich halb eins mit dem letzten Zug aus Minden an.) Ich verbringe die Zeit lesend, essend, Kaffee trinkend. Anschließend genieße ich die deutschen Interegios, in die ich mein Fahrrad einfach hineinschieben kann. Halb zwölf bin ich in Hannover, un zwölf bin ich in meiner Wohnung.

Nachtrag: Das Ende des Krieges:

Ich bin auf meiner Tour auf den Feldern der wichtigsten großen Schlachten gewesen. Verdun, Marne, Chemin des Dames, Somme, Ieper. Die Schauplätze der kleineren Schlachten des Jahres 1915 habe ich ausgelassen. Was jedoch fehlt, sind die Kämpfe des Jahres 1918. Nach der Oktoberrevolution und dem Friedensschluss von Brest-Litovsk konnten die Streitkräfte von der Ostfront an die Westfront verlegt werden. (Zumindest ein Teil: die Maßlosigkeit jenes Friedensvertrages führte dazu, dass ziemlich viele Truppen als Besatzungarmee im Osten gebraucht wurden.) Es schien die letzte Chance gekommen, den Krieg zu gewinnen, bevor die Amerikaner zu zahlreich würden. Mit einer neuen Taktik, den Sturmtruppen, gelang es, die Front nach Süden zu verschieben. Allerdings hatten die westlichen Alliierten von den erfolgreichen Verteidigungsstrategien der Deutschen in den Jahren 1916 und 1917 gelernt: Die erste Linie nicht verteidigen, sondern sich auf die zweite Linie zurückziehen und den Angriff der Deutschen ins Leere laufen lassen. Auch die Deutschen konnten nach den ersten Erfolgen den Truppen an der Spitze des Angriffs keine Verstärkung, keine Munition und vor allem keinen Nahrungsmittel liefern, so dass der Angriff stecken blieb. (Es war auch nicht hilfreich, dass die Truppen die eroberten britischen Speisekammern plünderten, anstatt weiterhin anzugreifen.) Fazit: mehrere hunderttausend Tote, und die Front wurde um einige Kilometer nach Süden verschoben. Im Prinzip merkten die Deutschen, dass ihr Durchbruchsversuch gescheitert war, noch bevor der Gegenangriff der Allierten startete. Mit Panzern und einer ständig wachsenden zahlenmäßigen Überlegnheit drängten sie die Deutschene zurück. Zum Zeitpunkt das Waffenstillstands befand sich die Front noch weit jenseits der deutschen Grenzen, aber es war klari dass der ,Krieg verlren war und dass weiterer Wideretand nur unnötige Tote fordern würde. Das deutsche Heer war nicht“im Feld unbesiegt, sondern ganz normal geschlagen worden, nur in nicht in einer spektakulären Schlacht (außer der vor Amiens.)

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