Ich war dabei: Centenary 1914-2014 (Urlaub, Teil 3)

Ich bin zurück vom Urlaub. Ich bin, mehr oder weniger, die Westfront entlang gefahren, das heißt, den umkämpften Teil der Westfront. Was ich gelernt habe: Der Chemin des Dames ist eine Straße, offiziell heißt sie D18CD. Sie ist zweispurig und läuft auf dem Rücken eines Höhenzugs entlang.

28. August: Guignicourt (Ausflug nach Reims und Suippe)

Da es keine Möglichkeit gab, auf der südlichen Strecke in Richtung Reims zu fahren und dabei zu besichtigen, was von der Schlacht an der Marne noch übrig ist, mache ich nun mit dem Zug einen Ausflug nach Reims und Suippe. Das Fahrrad kann ich mitnehmen, in französischen Zügen ist das sogar umsonst. An der Zugwand gibt es Haken, in die man das Vorderrad des Fahrrads einhängen kann. Mit Gepäck versuche ich es erst gar nicht, aber auch ohne Gepäck finde ich es nicht einfach. Die Einheimischen brauchen nur ein paar Handgriffe. Ich denke erst, das liegt daran, dass es Männer und ein ganzes Stück größer sind, aber dann sehe ich, wie eine junge Frau, genauso klein wie ich, ebenfalls nur ein paar Handgriffe braucht, um das Fahrrad aus der Halterung herauszunehmen. Beim nächsten Mal mache ich es genauso wie sie und halte das Fahrrad beim Lenker, das geht ziemlich gut. Einhängen kann ich das Fahrrad jedoch nicht, wenn ich es nur am Lenker halte, sondern ich unterstütze den Lenker mit der Schulter und fasse das Vorderrad mit beiden Händen. (Wie man im Ausland Zug und Fahrrad kombiniert ist für mich interessanter als die meisten Sehenswürdigkeiten.)

Im Bahnhof von Reims versuche ich, herauszufinden, wie ich nach Suippe komme, aber nach einer Weile beschließe ich, mir zuerst eine Landkarte zu kaufen, die Suippe enthält. Ich bin schon einmal in Reims gewesen und weiß, wo ein Buchladen zu finden ist, also geht das ziemlich schnell. Anschließend trinke ich Kaffee. Es ist ungefähr um elf, aber die Straßenrestaurants fangen schon an, die Tische einzudecken. Ich erinnere mich noch, wie ich vor einem Jahr ungefähr um zwei ankam, damals erklärten mir die Kellnerinnen in den Straßencafés, dass sie schlössen. In Frankreich isst man mittags und kann nicht zu jeder beliebigen Tageszeit einen „Snack“ in einem Café bekommen.

In einem der Straßencafés stehe ich unschlüssig zwischen den Tischen. Als mich der Kellner anspricht, sage ich ihm, dass ich nur einen Kaffee wolle, und werde an einen Tisch gewiesen, der nicht eingedeckt ist. Es ist ein bisschen der „Katzentisch“, aber es stört mich nicht wirklich. Ich trinke Kaffee, sehe mir die Karte an, die ich gekauft habe, lese etwas. Der Kaffee ist ganz normaler Kaffee, die Milch ist schon drin und wird nicht im Extrakännchen geliefert, er ist nicht besonders groß und kostet drei Euro vierzig.

Suippe hat laut Karte eine Eisenbahnverbindung, aber als ich eine Karte kaufe und sage, dass ich das Fahrrad mitnehmen will, stellt sich heraus, dass nach Suippe selbst nur ein Bus fährt. Ich kaufe also eine Karte nach Chalons, fahre aber nur bis Mourmelong Le Petit und von dort aus mit dem Fahrrad weiter. Ich beeile mich, denn ich will mir das Museum in Suippe ansehen. Zu beiden Seiten der Straße ist die Gegend gesperrt: Militärgebiet. Ich finde es ein bisschen gewöhnungsbedürftig, im Gebiet der Marneschlacht ein Militärübungsgelände einzurichten, aber da es mich mittlerweile seit mehreren Jahre an die Westfront zieht, habe ich mich schon ganz gut an die Einstellungen unserer Nachbarn gewöhnt und rege mich nicht auf, wie ich es früher getan hätte. Ich weiß: aus deren Sicht war der Krieg ebenfalls schrecklich, aber es war auch ein gerechter Krieg und ein Krieg, den sie schließlich gewonnen haben.

In Suippe finde ich das Museum. Ich rede französisch, aber die Kartenverkäuferinnen möchten wissen, aus welchem Land ich komme. Anscheinend führen sie Statistik. Sie sind sehr nett und fragen nach, ob mein Französisch gut genug sei, um sie zu verstehen.

Im Museum merke ich, dass ich vieles nur noch halb wahrnehme. Ich habe mittlerweile viele Museen zum Ersten Weltkrieg besichtigt, und obgleich ich dieses hier noch nicht kenne, ist doch vieles, was es zeigt, nicht neu für mich. Die Ausrüstung der Soldaten, die Waffen, die sie trugen, die Verletzungen, die sie davontrugen, waren in den meisten Frontabschnitten gleich. Besonders gilt mein Augenmerk einer Darstellung des Verlaufs der Marne-Schlacht, die von den Franzosen und Briten gerade noch gewonnen wurde. Durch sie wurde 1914 der deutsche Angriff aufgehalten; anschließend versuchten sich beide Armeen gegenseitig zu umfassen, es entspann sich das, was man jetzt „Wettlauf zum Meer“ nennt, obgleich keine Seite irgendein Interesse am Meer hatte, und als das Meer erreicht war, war die Front fest und konnte nur unter extremen und unverhältnismäßigen Verlusten verschoben werden.

Vor Jahren bin ich in einem Café einmal in einen Streit über die Marneschlacht geraten, der andere meinte, wenn Moltke erstens mehr Autos eingesetzt und zweitens nicht plötzlich kalte Füße bekommen hätte, hätte der Krieg gewonenn werden können. Die Deutschen seien kurz davor gewesen, Paris einzunehmen. Anschließend habe ich nachgelesen, was wirklich los war: Die Deutschen standen wirklich kurz vor Paris, aber die Frontlinie war extrem auseinander gezogen und zwischen der ersten und der zweiten Armee klaffte eine Lücke. Nicht weiter vorzurücken war also durchaus eine vernünftige Entscheidung. Die Schlacht wäre nicht unbedingt gewonnen worden, wenn der Angriff fortgesetzt worden wäre. Vor allem aber wäre der Krieg wahrscheinlich trotzdem verloren worden, schon aufgrund der materiellen Überlegenheit der Gegner.

Interessant ist ein Film über die Familie Papillon: Drei Brüder, eine Schwester und die Eltern, die sich Briefe schrieben, die Brüder von der Front und die Schwester von hinter den Linien. (Ihre Briefe sind veröffentlicht unter dem Titel „si je reviens comme j’espère“.) Ich ertappe mich dabei, dass ich mir wie bei einem Spielfilm wünsche, dass die Hauptpersonen alle überleben, aber ich weiß, dass das rein statistisch nicht realistisch ist. Warum soll diese Familie im Vergleich zu allen anderen besonders sein? Wahrscheinlich ist mein Französisch zu schlecht, um die Briefe dieser Familie wirklich würdigen zu können. Möglicherweise gibt es einen Grund, warum ausgerechnet diese Briefe und nicht die von Millionen anderer Soldaten veröffentlicht werden. Während ich den Film sehe und den vorgelesenen Passagen aus den Briefen lausche, frage ich mich, was der Zweck solcher Zeugnisse ist: Das Besondere oder das Allgemeine, das Typische. Wollen wir am Beispiel der Erfahrungen dieser Brüder hören, wie der Krieg im allgemeinen war, oder sind wir speziell am Schicksal, an der Sprachkraft, den Einsichten dieser Brüder und ihrer Schwester interessiert? Und was möchten wir hören? Etwas über das Leiden der Soldaten, wollen wir sie also als Opfer sehen – oder wollen wir sie als Subjekte sehen, die nicht nur gelitten haben, sondern die auch nachgedacht haben, ihr Leiden reflektiert haben, die nach sprachlichem Ausdruck gesucht haben und die im Rahmen ihrer Möglichkeiten gehandelt haben?

Im Museumsshop kaufe ich mir „la Grande Guerre“ von François Cochet und beginne im Zug, es zu lesen. Das Buch „Arendt und Adorno“, das bis dahin meine Reiselektüre war, wird erst einmal beiseite gelegt. In Reims angekommen, beschließe ich, mir ein weiteres Buch zu kaufen, „La grande guerre“ von Jean-Jacques Becker und Gerd Krumeich, von dem ich schon zuhause gehört hatte und das hier auf dem Büchertisch mit den Büchern zum Ersten Weltkrieg liegt. „Dans L’Ouest Rien de Nouveau“ findet sich hier auch, und ebenfalls „Otages d’Acier“. Es gäbe noch mehr interessante Bücher, aber Bücher haben Gewicht und sind kompliziert zu transportieren.

Ich spiele mit dem Gedanken, mir die Kathedrale anzusehen, aber obgleich sie sehr berühmt ist (es ist die von Jeanne d’Arc, sozusagen), lasse ich es bleiben. Ich habe sie schon letztes Jahr gesehen, und im Vergleich zu anderen gothischen Kathedralen, denen von Straßburg oder Metz oder Amiens, fand ich sie nicht beeindruckend. Ich lese lieber.

29. August: Guignicourt – La Fère

Wieder lasse ich mir mit dem Frühstück zu viel Zeit und breche erst um 11 in Richtung Westen auf. Ziel ist der Chemins des Dames.

Das erste Zeugnis des Ersten Weltkriegs auf der heutigen Route ist ein Denkmal für die Panzer, die während dieses Krieges zum ersten Mal eingesetzt wurden. Ein Modell mit Raupenketten und eines ohne sind an der Kreuzung der D925 mit der D1044 aufgestellt, dazu einige Informationstafeln. Die ersten Panzer, welche während der Schlacht an der Somme 1916 eingesetzt wurden, blieben zur Hälfte im Schlamm stecken, bevor sie auch nur die Schlacht erreicht hatten, aber bei der Schlacht von Malmaison im Herbst 1917 waren sie schon funktional und sorgten für einen Sieg, und bei der Schlacht von Amiens 1918 sorgten sie für einen der schwärzesten Tage des deutschen Heeres. 33 000 Vermisste, und auf der anderen Seite 30 000 Gefangene, so dass man gewisse Vermutungen hat, was aus diesen Vermissten wurde. Auf deutscher Seite wurden keine Panzer entwickelt. Auf den Infotafeln lese ich, dass die westlichen Alliierten eine Weile brauchten, bis sie gelernt hatten, wie man die Panzer effektiv einsetzt: Vor der Infanterie, so dass sie diese beschützen kann.

Auf dem Weg zum Chemin des Dames stoße ich zum ersten Mal während dieses Urlaubs auf einen britischen Militärfriedhof. Während des größten Teil des Krieges begann der britische Sektor der Front erst deutlich weiter westliche (ungefähr bei Péronne), aber 1914 kämpften britische Truppen auch hier. Ich versuche, die großen Straßen zu meiden und finde den Chemin des Dames, der heutzutage D18CD heißt. Auf den Kilometersteinen befindet sich ein Symbol (das ich nicht entschlüsseln kann), welches anzeigt, dass es sich nicht um eine gewöhnliche Straße handelt.

Dass der Chemin des Dames ein Höhenzug ist, habe ich im Prinzip gewusst, aber ich habe nicht daran gedacht, als ich meine Fahrradtour plante. Es geht erst einmal nach oben, und als ich den Kamm erreicht habe, geht es eine Weile lang bergauf und bergab. Ich komme an Craonne vorbei, das während des Krieges zerstört und nicht wieder aufgebaut wurde. Weil der Boden zu sehr durch den Granatenbeschuss zerstört war, konnte man dort weder Häuser bauen noch wieder Ackerbau betreiben, stattdessen pflanzte man nach eine gewissen Säuberung des Bodes von metallenen Überresten von Granaten Bäume, die mittlerweile ziemlich groß sind. Wie in Verdun haben sie die „Mondlandschaft“ konserviert; wenn man auf den Boden schaut, sieht man Minenkrater und die Überreste von Schützengräben.

Auch hier gibt es Infotafeln. Der Weg ist mittlerweile touristisch erschlossen, aber nicht überlaufen. Ich lese mir die Tafeln durch und lerne über die Meutereien während der Offensive an der Aisne, einem weiteren Versuch, die Front zu durchrechen nach dem gescheiterten Versuch an der Somme und dem Versuch bei Verdun, von deutscher Seite aus die Front zu durchbrechen. Bei dieser Offensive hatten die Soldaten genug: Sie streikten für bessere Verpflegung, großzügigere Urlaubsregelungen und ein Ende der Großoffensiven, die die Front um ein paar Kilometer verschoben und zu Hunderttausenden von Verlusten führten. (Ich habe mittlerweile gelernt, dass das Militär nicht die Toten, sondern die „Verluste“ zählt, darunter fallen dann auch Verwundete und Vermisste. Die Zahl der Toten wurde erst nach dem Krieg ermittelt, und das war gar nicht so einfach. Aber mein Eindruck ist, dass die Toten meistens ein Drittel der Verluste ausmachen.) Die meuternden Soldaten streikten nicht für Frieden – sie waren bereit, weiter zu kämpfen, aber unter besseren Bedingungen und nicht mit einer sinnlosen Vorgehensweise. General Pétain übernahm das Kommando und beendete die Meutereien, indem er im wesentlichen den Forderungen der Soldaten nachgab, einschließlich des Verzichts auf Großoffensiven. Wenn ihm Untätigkeit vorgeworfen wurde, sagte er, er warte auf Panzer und auf die Amerikaner. Mit Panzern gelang ihm dann der erste Sieg in einer Schlacht mit begrenzten Zielen, bei Malmaison.

An der Stelle, wo ich abgestiegen bin, um mir die Infotafeln durchzulesen, sollte eigentlich auch ein Kunstwerk stehen, mehrere Meter hoch, aus Stahlringen zusammengelötet. Ich finde nur noch den Betonsockel vor und einen Hinweis, dass das Kunstwerk gestohlen wurde. Am Abend erfahre ich aus der Zeitung, dass der Diebstahl erst vor ungefähr zehn Tagen passiert ist, und dass sich jetzt wie üblich alle gegenseitig die Schuld wegen unzureichender Sicherung geben. Ich frage mich, wer so etwas stiehlt, und warum. Man kann das Kunstwerk doch nicht verkaufen, und der Materialwert ist wahrscheinlich nicht allzu hoch.

Ich fahre weiter. Es geht bergauf und bergab, und ich achte wieder auf die Kilometersteine. Auch wenn ich das Gefühl habe, nicht voranzukommen, weil ich bergauf im kleinsten Gang fahren muss, sagen sie mir, dass dieses Gefühl täuscht.

An der Caverne des Dragons lege ich eine Rast ein. Es gibt dort ein unterirdisches Museum in einer Höhle, aber mir wird erklärt, dieses sei nur im Rahmen einer französischsprachigen eineinhalbstündigen Führung zu besichtigen, in einem Ton, der sagt: „also nicht für Sie, da Ihr Französisch zu schlecht ist.“ (Tatsächlich verstehe ich mittlerweile eine Menge, nur reden kann ich nicht viel.)

Vor allem aus Zeitmangel habe ich kein Problem damit, auf die Führung zu verzichten, schaue mir die Ausstellung über „Tommies an der Aisne“ an und setze mich dann in die Cafeteria. Allerdings schaue ich mir die Ausstellung nur oberflächlich an; sie sieht mir zu sehr nach Heldenverehrung aus. (Mein Eindruck ist der, dass die französische Erinnerungskultur weniger durch Heldenverehrung geprägt ist als die britische. Aber vielleicht liegt das auch daran, dass ich die britische schon vor einigen Jahren kennengelernt habe und damals einen Kulturschock erlitt, während ich mich mittlerweile daran gewöhnt habe und es berechtigt finde, dass die britischen und französischen Soldaten der Ersten Weltkriegs als Helden verehrt werden, so dass ich die französische Erinnerungskultur jetzt als angemessen empfinde. Allerdings gibt es einen Punkt, von dem ab ich denke: das geht jetzt zu weit – das ist jetzt nicht mehr berechtigte Heldenverehrung, sondern Förderung von Nationalismus und Manipulation von Jugendlichen. Die britische Erinnerungskultur scheint mir diesen Punkt immer wieder zu überschreiten, die französische nicht.) Im Café werden Souvenirs verkauft, nicht nur Bücher. Zum Beispiel gibt es Schlüsselanhänger oder Kühlschrankmagnete mit britischen oder französischen Soldaten. Ich kaufe mir einen Schlüsselanhänger mit einer Mohnblume, dem britischen Symbol des Ersten Weltkriegs, und einer Kornblume, dem französischen Symbol für den Ersten Weltkrieg, und der Aufschrift „Cent ans / hundred years 19/2014 – 19/2018“.

Ich fahre weiter. Bei Cerny-aux-Laonnois endet der eigentliche Chemin des Dames, und von hier aus könnte ich abbiegen und nach Laon fahren. Ich mache dort kurz Halt, weil es eine weitere Infotafel und einen Militärfriedhof gibt. Die Infotafel informiert über die Bestattung der Soldaten während und nach dem Krieg. Der Militärfriedhof selbst ist nicht besonders auffällig, außer dass direkt daneben ein deutscher Friedhof ist. Die Kreuze haben eine andere Farbe, und der Friedhof ist mit Bäumen bepflanzt. Auf britischen und französischen Friedhöfen sind Bäume eher selten.

Ich fahre nicht nach Laon, sondern nach Malmaison, wo die erste erfolgreiche Panzerschlacht unter Oberbefehlshaber Pétain stattfand. Dort geht es endlich nach unten: Ich hatte längst genug von der Berg- und Talfahrt auf dem Chemin des Dames. Durch die Wälder geht es in Richtung La Fère, und dabei geht es nun richtig nach oben. Ich habe eine kleine Straße, die D55 gewählt, die auf meiner Karte weiß statt gelb oder rot eingezeichnet ist. Auf der Karte konnte ich sehen, dass sie erstens durch Wald und zweitens zwischen militärischen Sperrgebieten hindurchführt, und ich hatte schon geahnt, dass es bergauf gehen wird, aber der lange Anstieg ohne Unterbrechungen, bei denen es bergab geht, macht mir zu schaffen. Es gibt nicht einmal Kilometersteine, an denen ich ablesen könnte, dass ich, wenn auch langsam, trotzdem vorankomme. Außerdem merke ich, dass ich mir neue Bücher gekauft habe, die ich nun schleppen muss. Ich bin froh, als es endlich wieder nach unten geht, aber ich merke auch, dass ich den angepeilten Schnitt von 10 km/h nicht halten konnte.

Kurz vor um sieben bin ich in Charmes, kurz vor halb acht in La Fère. Bei La Fère muss ich immer an Athos aus den Drei Musketieren denken, dessen korrekter Titel ja „Graf von La Fère“ war. Nicht nur La Fère, sondern auch andere Orte der Gegend spielen in den Drei Musketieren – vor allem am Ende der Geschichte – eine Rolle. Béthune liegt ganz in der Nähe: Mylady gab sich als eine Nonne aus Bèthune aus, als sie versuchte, das Vertrauen von d’Artagnan’s Geliebter Constance zu gewinnen. Armentières ist der Ort, an dem die Musketiere Mylady am Ende des Romans stellen. Der Henker, den sie dazuholen, ist der Henker von Lille. Der Grenzfluss, über den sie am Ende zu fliehen versucht, ist die Lys, heute wie damals die Grenze zu Belgien, welches damals noch die Spanischen oder Österreichischen Niederlande waren. Ich habe versucht, In La Fère einen Hinweis auf Athos oder auf Alexandre Dumas zu finden, habe aber nur ein Denkmal von Jules Vernes gefunden. Dafür habe ich dieses Jahr auf einer Infotafel an der Aisne einen Überblick über wichtige Persönlichkeiten aus der Gegen gefunden, und neben Arthur Rimbaud und Verlaine, war dort auch Alexandre Dumas zu finden, der in Villers-Cotterêts geboren ist. (Ich habe ihn bei Wikipedia nachgeschlagen und dort erfahren, dass seine Großmutter väterlicherseits eine haitianische Sklavin war. Sein Vater (Bild) hat es in der französichen Armee während der Revolution und unter Napoleon bis zum General gebracht, hat sich aber am Ende mit Napoleon überworfen. Der Name Dumas, unter dem die beiden Schriftsteller dann berühmt wurden, ist ursprünglich der Familienname der haitianischen Großmutter beziehungsweise Urgroßmutter gewesen.)

30. August: La Fère – Péronne

Von La Fère aus geht es weiter nach Péronne. Wieder trödele ich am Vormittag. Für das Frühstück nehme ich mir nicht viel Zeit, dafür aber umso mehr Zeit fürs Einkaufen und für die Suche nach der richtigen Ausfahrt aus der Stadt. Am Ende stelle ich fest, dass ich einfach in Richtung Beautor/Tergnier fahren muss, und noch vor der Einfahrt in den Ort finde ich einen „Kreisel“, bei dem das Dorf, durch das ich zuerst fahren will, ausgeschildert ist. Auch auf dem weiteren Weg schaue ich immer wieder auf die Karte. Ich hoffe, dass ich ab Jussy am Kanal entlang auf einem unbefestigten Weg fahren kann, der auf der Karte eingezeichnet ist, aber es stellt sich heraus, dass der Weg sehr unbefestigt, sprich mit Gras überwachsen ist. Mountainbikes mögen das schaffen, aber nicht ich mit meinem Gepäck. Ich fahre also weiter durch die Dörfer.

Kurz vor Ham stoße ich zum ersten Mal auf die Somme, nach der Marne und der Aisne der dritte Fluss, nach dem eine Schlacht benannt ist. Hier ist sie noch ganz schmal. Ham kenne ich schon vom letzten Jahr, und ich weiß, dass es dort schwierig ist, etwas zu essen zu bekommen, aber ich entschließe mich, es trotzdem zu versuchen. Es gibt dort keinerlei Cafés, die Restaurants halten ihre nachmittägliche Pause, aber ich finde eine Art Bar. Sie sieht wenig einladend aus, aber ich beschließe, mich davon nicht abhalten zu lassen. Ich bin erleichert, als ich sehe, dass ich nicht die einzige Frau dort bin, aber es bleibt ungemütlich. Ein Gast grüßt alle Leute, auch mich, mit Handschlag, was mir im Grunde genommen schon zu aufdringlich ist, und ein kleiner Junge, vielleicht acht Jahre alt, kommt auf mich zu, als wolle er mir den Arm um den Hals legen, während ich am Tisch sitze und Zeitung lesen. Ich schütze mich mit meinem runden Arm, der mir Raum verschafft, aber ich bin befremdet: Natürlich ist es ein kleiner Junge, aber nicht ein oder zwei Jahre alt und süß und niedlich, sondern eben acht, und ich weiß nicht, ob er sich so benimmt, um mir zu verstehen zu geben, dass Frauen hier nicht wirklich erwünscht sind und mit aufdringlichem Verhalten zu rechnen haben, wenn sie eindringen, oder ob er irgendwie geistig behindert ist und dadurch kein Gespür für Nähe und Distanz hat. Aber in dieser Situation habe ich kein schlechtes Gewissen: Ich habe mich geschützt, ich habe dem Jungen nicht wehgetan, und ich hätte auf keinen Fall gewollt, dass er mir irgendwie den Arm um die Schultern legt.

Ich kaufe Brot und fahre weiter. Ich bin froh, dass ich Ham verlassen habe. Ich fahre die Somme entlang nach Péronne (hier ist sie schon deutlich breiter, ein richtiger Fluss), nehme aber nicht direkt den Weg am Fluss, sondern die Straße, die parallel zum Fluss nach Péronne führt. Ich bin mir nicht sicher, dass das die richtige Entscheidung ist: Die Straße ist zwar besser befestigt, aber dafür ist der Weg am Ufer flach und keine Berg- und Talfahrt. Ich versuchte mich ranzuhalten, und tatsächlich bin ich gegen halb sieben in Péronne. Auf den letzten fünf Kilomtern hatte es jedoch zu regnen angefangen, und das hat gereicht, um völlig durchnässt anzukommen. Ich habe an diesem Tag keinen einzigen Militärfriedhof besichtigt. Allerdings sehe ich zwischen Ham und Péronne verschiedene Friedhöfe vom Weg aus. Kurz vor Péronne ist ein britisch-indischer Militärfriedhof.

31. August: Péronne

Der Zeltplatz von Péronne wimmelt von Kaninchen. Manchmal sieht man sie direkt vor den Zelten oder Wohnwagen sitzen und Gras fressen. Drei von ihnen halten nachts ein Treffen neben den sanitären Anlagen ab.

Ich bleibe einen Tag in Péronne: Weil ich am Tag davor nass geworden bin, weil es zu spät geworden ist, weil ich mir noch das Museum ansehen will. Zu spät erst schaue ich auf die Karte und stelle fest, dass ich mir ohne weiteres erst das Museum hätte ansehen und dann nach Albert hätte fahren können. Aber dann hätten meine Sachen nicht trocknen können. Ich lasse mir also Zeit mir dem Frühstück, esse ein ganzes Baguette, trinke vier Tassen Kaffee und lese nebenher, während meine Sachen über dem Fahrrad hängen und trocknen.

Ich beende das Buch von François Crochet, das ich in Suippe gekauft habe, und wende mich dem Buch von Jean-Jacques Becker und Gerd Krumreich zu. Ganz wie es sich gehört, fange ich vorne an und lese zunächst das Vorwort, in dem beide beschreiben, wie es ihnen bei der Zusammenarbeit ging, und zwar zunächst nicht bei der Zusammenarbeit an diesem Buch, sondern der Zusammenarbeit für das „Historial“, das Museum von Péronne. Beide mussten feststellen, dass sie immer noch in erster Linie Nationalgeschichte lernten und lehrten und dass es für beide Selbstverständlichkeiten gab, die für den anderen jeweils alles andere als selbstverständlich waren. Diese jeweiligen Selbstverständlichkeiten auszutauschen und gegenseitig in Frage zu stellen, war ein wichtiger Punkt bei der Arbeit.

Gegen Mittag ist alles trocken, und ich kann meine Sachen ins Zelt räumen und mich auf den Weg zum Historial machen. Gleich im Eingangsbereich gibt es eine Sonderausstellung „der Klang des Krieges“. Bildunterschriften auf französisch, englisch und holländisch. Dafür gleich im ersten Raum, einer Klanginstallation mit den Geräuschen, die die Soldaten in ihren Schützengräben gehört haben müssen (Schüsse, Granaten, einschlagende Bomben) mehrere Zitate von Erich Maria Remarque. Im zweiten Raum dann eine etwas konventionellere Ausstellung, die über die Musik informiert, die während des Ersten Weltkriegs gehört wurde, dazu Faksimiles (oder Originale?) von Noten und Musikinstrumente. Geigen und Celli wurden selbst gebastelt, und natürlich war es nicht möglich, dem Körper des Instruments die schön geschwungene Form zu geben, die er in Friedenszeiten hat. Sonst haben mich vor allem die Bilder der ersten Jazzbands in Europa beeindruckt: Bands von afroamerikanischen Soldaten, die mit der US-Armee nach Europa kamen.

Dass es keine Bildunterschriften in deutscher Sprache gibt, bedrückt mich, und zwar deswegen, weil der wahrscheinlichste Grund für das Fehlen der deutschen Bildunterschriften das Fehlen deutscher Besucher dieses Museums ist. Britische und Niederländische (oder belgische) Touristen sind also zahlreich, sie besichtigen die Schlachtfelder ihrer Vorfahren, aber deutsche Touristen sind nicht interessiert. Die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg findet gar nicht oder nur im nationalen Rahmen statt.

Das Museum habe ich schon vor einem Jahr besucht, dieses Jahr habe ich aber mehr Zeit. Ich lese mir vor allem durch, was auf den Tafeln steht, in denen der Kriegsverlauf beschrieben wird, aber ich sehe mir auch die ausgestellten Alltagsgegenstände an, in denen die nationalistische Kultur der damaligen Zeit dargestellt wird. In jeder Vitrine finden sich „Regalbretter“ auf drei Höhen, auf denen jeweils deutsche, französische und britische Gegenstände ausgestellt sind, häufig Alltagsgegenstände, die in all ihrer Banalität zum Nationalismus aufrufen. In den folgenden Räumen werden die Soldaten mit ihren jeweiligen Uniformen und Ausrüstungsgegenständen ausgestellt, dazu dann die typischen Waffen. Auch die Soldaten aus den jeweiligen Kolonien werden gewürdigt. In dem Raum, der den Jahren 1917 und 1918 gewidmet ist, dann auch die typische Uniform eines amerikanischen Soldaten.

Besonders beeindruckend war dieses Jahr für mich der Film, der im Museum gezeigt wird. Sein Thema ist die Schlacht an der Somme, also die zweite der beiden großen Schlachten des Jahres 1916. Die Verluste (Tote, Verwundete, Vermisste) betrugen eine Million Soldaten, die Front wurde nicht durchbrochen, sondern nur um einige Kilometer verschoben. Ich sehe mir den Film auf Französisch an, verstehe ungefähr nur die Hälfte, aber als Bilder gezeigt werden, wie Soldaten begraben werden, bin ich bewegt und bedrückt. Ein Saal zeigt Zeichnungen von Otto Dix, in denen er das Grauen des Krieges darstellte. Ich bleibe an einer hängen, die die „Mondlandschaften“ des Krieges zeigt, mit Kratern übersäte Schlammflächen. Ich wünsche mir, es gäbe irgendwo bunte Bilder, damit man sieht, dass der Schlamm braun ist, nicht grau.

Im letzten Saal werden die Folgen des Krieges gezeigt; ich bleibe bei einem Video hängen, das das Leben von Menschen zeigt, die auf Dauer verwundet sind, sei es durch die Amputation von einem oder von mehreren Gliedmaßen, durch Erblindung oder durch Traumata. Teilweise wirkt es wie ein Werbefilm der Prothesenindustrie: Es wird so getan, als seien die neuen, funktionalen Prothesen fast so gut wie die ursprünglichen Gliedmaßen und würden den Betroffenen erlauben, ins Arbeitsleben zurückzukehren. Aber das Problem ist nicht das Museum, sondern das originale Filmmaterial, das verwendet wurde. Das Museum vertraut darauf, dass die Zuschauer die Propagandaabsicht durchschauen.

An vielen Stellen vermisse ich deutsche Texte bei den Ausstellungstücken, nicht, weil ich keiner Fremdsprachen mächtig wäre, sondern weil ich eben bedaure, dass das Museum nicht mehr auf deutsche Besucher eingestellt ist, wie dies ursprünglich geplant war. Aber vielleicht besteht das Problem darin, dass die Ausstellung zur Zeit erneuert wird und dass sie einfach noch nicht alle Texte übersetzt haben.

Im Museumsshop suche ich zum ersten Mal bewusst nach dem Buch von Christopher Clark und dem von Sean McMeekin. Der Gedanke war mir am Morgen gekommen: Wenn Europa zusammenwachsen soll, ist eine gemeinsame Erinnerung notwendig, so dass, wenn Engländer oder Franzosen ihre Erinnerung pflegen, welche die Erinnerung an einen Überfall ist, sie mit einem reifen Verhalten der Deutschen rechnen können, also nicht mit einer Empfindlichkeit nach dem Motto: Bitte erinnere mich nicht an eine Schuld, an die ich mich lieber nicht erinnern will und von der ich eigentlich auch gar nicht überzeugt bin. Wenn wir zusammenleben wollen, dann müssen wir aus ähnlichen Büchern unsere Geschichte lernen, und nicht jede Seite aus Büchern, in denen steht, dass jeweils nur die andere Seite Schuld war. Also wäre es doch interessant zu sehen, ob die Bücher von Clark und McMeekin, die in Hannover in hohen Stapeln auf dem Büchertisch lagen, auch in Frankreich verkauft werden, so dass man vermuten kann, dass deren Thesen auch dort diskutiert werden. Dies ist aber nicht der Fall: Ich finde weder das eine noch das andere Buch.

Es ist spät geworden, ich mache mich auf den Weg zum Zeltplatz, kaufe mir am Imbissstand Gyros und Pommes und esse diese erst vor dem Zelt, dann im Zelt, als es wieder zu regnen beginnt.

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