Zwei feministische Lesetipps

Ich habe einmal wieder feststellen dürfen/müssen, dass zumindest kurzfristig nichts so viele „Clicks“ bringt wie wenn ich in aktuelle feministische Debatten eingreife, egal wie lang oder kurz der Text ist. Daher gleich noch einmal zwei Links zu interessanten feministischen Texten:

Warum willst du nicht hier bleiben? – Darum!

Eine aus Deutschland in die USA ausgewanderte Frau (habe ich jedenfalls so verstanden), die mittlerweile Professorin ist, verbringt ein Jahr als Gastprofessorin in Deutschland und ist schockiert vom Verhalten der Männer um sie herum, für die es eine völlig ungewohnte Situation zu sein scheint, es auf einmal mit einer Chefin zu tun zu haben. Die Autorin ist froh, als sie wieder in die USA zurückkehrt.

(Gefunden habe ich den Artikel über das Blog von fuckermothers: “After a year back in Germany I feel like a radical feminist activist.”)

Der zweite Link führt zum Blog von Ursula Kroeber Le Guin: About Anger Part I

Und zu diesem Link und überhaupt zu U.K.Le Guin gibt es noch eine Menge mehr zu sagen.

U.K. Le Guin habe ich schon als Jugendliche kennengelernt. Ich glaube, es war in einem Brigitte-Sonderheft zu Literatur, das meine Mutter damals gekauft hatte, wo ich einen Artikel zu Frauen in Fantasy und SF fand, und dort wurde sie auch aufgelistet. (Meine Mutter hatte zwei solche Hefte. Ich glaube, damals war die Brigitte intelligenter als heute. Ich kann mir nicht vorstellen, dass heutige Mädchen durch die Brigitte einen Einstieg in feministische Literatur finden.)

U.K. Le Guin wurde da besonders empfohlen, vor allem ihr Buch „Left Hand of Darkness„, auf deutsch „Winterplanet“ über Menschen, die nicht Mann oder Frau sind, sondern in regelmäßigen Abständen in Hitze geraten, dann für ein paar Tage zu Männern oder Frauen werden (hängt mehr oder weniger vom Zufall ab, und alle sind mal Mann, mal Frau), sich mit anderen, die auch gerade in Hitze sind, vergnügen, und anschließend wieder normal werden und ihrer Arbeit nachgehen. Einer der beiden Protagonisten ist ein Botschafter von einem anderen Planeten, der in den Augen der Einheimischen pervers ist, weil er immer ein Mann, also im Prinzip immer in Hitze ist.

Ich habe das Buch vor ca. zehn Jahren zum letzten Mal gelesen und dabei gemerkt, dass auch hier der Spruch gilt: Nichts altert so schnell wie Science-Fiction. Die Vorstellungen von Feminismus oder auch von unterschiedlichen Eigenschaften von Männern und Frauen (die die Bewohner des Winterplaneten miteinander verbinden, wenn sie nicht gerade in Hitze sind), kommen mir mittlerweile ziemlich altbacken vor. Aber der Rest des Buches ist immer noch spannend.

Als Jugendliche kam ich nicht an „Winterplanet“ heran, da ich damals noch auf die Stadtbücherei angewiesen war. Ich fand dort nur ein Buch mit Kurzgeschichten, „The Wind’s Twelve Quarters“, auf deutsch „Die zwölf Striche der Windrose“. Bei einem Orchesteraustausch mit Cambridge fand ich noch eine weitere Kurzgeschichtensammlung: „The Compass Rose“.

Ich kann Kurzgeschichtensammlungen nicht zusammenfassen, aber ich kann sie empfehlen. Wenn ihr einen Einstieg zu U. K. Le Guin sucht, fangt mit den Kurzgeschichten an.

Warum die Kurzgeschichten besser sind als alles andere: U. K. Le Guins größte Stärke ist die Beschreibung neuer Welten und Gesellschaften mit ungewohnten Eigenschaften oder Regeln und der Erkundung, was diese für die Menschen bedeuten. Was sie nicht so gut kann ist Drama, Konflikt, Verwicklungen, Spannung, Höhepunkte. Die Handlung entwickelt sich eher langsam und ruhig, und das entspricht auch dem, was sie erreichen will, denn ihr Ideal ist eben nicht die Konfrontation, sondern die Prozesse, während der Menschen reifer werden und ihren Weg finden. Dies trägt aber meistens nicht über einen ganzen Roman.

Eine Klassenkameradin sah, dass ich U. K. Le Guin las und gab mir, was sie selbst hatte: Die ersten drei Bände der Erdsee-Trilogie. Sie gehören zu den frühesten Texten, die Le Guin geschrieben hat, noch vor ihrer feministischen Zeit. Im ersten und im dritten Band geht es um Ged, im zweiten Band gibt es eine Protagonistin. Sie spielen in einer Welt, in der Magie darin besteht, dass man imstande ist, die wahren Namen der Dinge zu erkennen. Ged, der Held, wird in eine Art Kloster aufgenommen, wo er Zauberei lernt. Irgendwann tut er etwas Verbotenes: Er rettet das Leben eines Kindes, indem er ins Land der Toten reist, um die Seele des Kindes ins Land der Lebenden zu holen. Dabei gerät jedoch noch etwas anderes, Schreckliches ins Land der Lebenden, und Ged muss damit fertig werden.

Die ersten drei Bände sind stark von Jungianischer Psychologie („Schatten“…) geprägt, der Le Guin damals anging. Die späteren drei Bände entstanden viel später und spiegeln wider, dass Le Guin sich mittlerweile als Feministin versteht, und zwar als Differenzfeministin. Die klassischen weiblichen Tätigkeiten („Care“, wie es heutzutage heißt) und Eigenschaften („Friedfertigkeit“) werden gewürdigt.

Später stieß ich auf ein weiteres Buch: Always Coming Home. Le Guin entwirft eine utopische Gesellschaft, die sich nach einer nuklearen Katastrophe entwickelt hat. Spiritualität spielt eine große Rolle. Konzepte, die aus traditionellen Gesellschaften bekannt sind, zum Beispiel dass jeder einem bestimmten „Haus“ angehört und alle Angehörigen dieses Hauses einem Inzesttabus unterliegen, spielen eine große Rolle. Die Hauptgeschichte ist ziemlich konventionell: Eine Mann aus einer fremden Gesellschaft (patriarchal, kriegerisch) lebt eine Weile in dieser utopischen Gesellschaft und zeugt eine Tochter. Er kehrt in seine Heimat zurück, aber als die Tochter erwachsen ist, kommt er wieder zu Besuch und lädt die Tochter ein, bei ihm zu leben. Sie folgt der Einladung, aber nach einer Weile erkennt sie, dass sie im Goldenen Käfig gelandet ist und flieht unter abenteuerlichen Umständen.

Die besten Teile sind die, in denen die Gesellschaft dort geschildert wird. Es gibt auch ein paar gute Geschichten, aber die Erfindung der fremden Gesellschaft ist U. K. Le Guins größte Stärke. Ihr Vater war Anthropologe, ihre Mutter war auch Schriftstellerin und hat ein Buch über einen Indianer geschrieben, der der letzte seines Stammes war: „Ishi in two worlds„. Als Jugendliche habe ich eine Kurzversion der Geschichte dieses Indianers gelesen, „Meine Spur löscht der Fluss“ (gibt es noch bei Amazon gebraucht.)

Ich glaube, das war das Jahr, in dem ich in Marburgs größter Buchhandlung alle Bücher von Le Guin bestellte, die ich im Katalog fand. Das Internet gab es damals noch nicht, dafür aber die „Books in Print“. Nach und nach trudelten sie während einiger Wochen ein, aber ich las nicht alle. Einige der Bücher, die ich von ihr besitze, sind immer noch ungelesen.

The Dispossessed“ ist wahrscheinlich ihr berühmtestes Buch, und von den Romanen ihr bestes. Es handelt ebenfalls von einer utopischen Gesellschaft, aber dieses Mal nicht einer, die quasi von selbst nach einer Katastrophe entstanden ist, und auch nicht von einer „traditionellen Gesellschaft“, in der die Menschen noch mehr oder weniger im Einklang mit ihrer Umgebung leben und wenig Technik kennen. Die Gesellschaft in ihrem Roman sind Menschen, die einer kapitalistischen Gesellschaft entflohen sind, um auf dem Mond ihres Planeten eine Gesellschaft zu gründen, die auf Gemeinschaft, Güterteilung und Gleichheit beruht. Der Held ist ein genialer Wissenschaftler, der als Kind aneckt, weil die Kindergärtnerinnen wenig Verständnis für ihn haben, der später aber gleichgesinnte Freunde findet, mit ihnen überlegt, was sie an ihrer Gesellschaft, die sie im Prinzip gut finden, ändern müssten, und der dann ein Ausnahmeerlaubnis erhält, um ein Jahr auf dem Mutterplaneten zu verbringen, um sich mit den dortigen Topwissenschaftlern austauschen zu können. Er genießt den wissenschaftlichen Austausch, stellt dann aber das Ausmaß der Ungleichheit fest, und dann wird es sogar ein bisschen spannend. Wie gesagt, Spannung und große Showdowns sind nicht U. K. LeGuins Stärke, ihre Stärke sind langsame Entwicklungen.

Ungefähr im Jahr 2004 fand ich bei einer Fantasymesse noch mehr Bücher von ihr: Weitere Bände mit Kurzgeschichten: „The Birthday of the World and other Stories“ und „Changing Planes“. Immer noch mag ich ihre Kurzgeschichten am liebsten. Ihre Stärke ist die Darstellung anderer Gesellschaften, aber nicht Ich fand auch einige neue Romane, „Gifts“ und „Powers“, verzichtete aber darauf, den dritten Band der Serie, „Voices“ zu kaufen. Die Geschichten waren mir zu weich, und um jene Zeit brauchte ich etwas anderes.

Besser war „The Telling“ über einen Planeten, im Zentrum von dessen Kultur die Kunst des Erzählens steht. Ich lernte, dass Le Guin sich mittlerweile dem Taoismus zugewandt hat (besser als Jungianische Psychologie.)

Außerdem kaufte ich mir ihre Essaybände: „The Language of the Night“, „Dancing at the Edge of the World“ und „The Wave in the Mind„, in denen sie über die Literatur anderer Leute, über Feminismus und linke Politik schreibt. Alle drei sehr empfehlenswert.

Ja, und jetzt der verlinkte Beitrag. Ich merke, dass ich ihn nur aus Anhänglichkeit gelesen habe. Wie viel Zorn gut oder nicht gut ist, ist nicht mehr, was mich beschäftigt. Die Zeit, in der ich mir für jeden Zornausbruch Vorwürfe machte, sind vorbei. Das heißt aber nicht, dass ich permanent wütend wäre, sondern es heißt, dass ich mir erlaube, das Böse in der Welt klar zu sehen und dagegen Stellung zu beziehen. Ich weiß, dass manche Menschen andere beeindrucken können, indem sie einen Wutausbruch haben, aber ich weiß auch, dass ich nicht dazu gehöre. Ich weiß nicht, warum das so ist, aber es ist auch nicht so wichtig, weil ich es jetzt selbst nicht besonders bewunderungswürdig finde, wenn jemand ausrastet. Ich versuche lieber, so ruhig wie möglich zu bleiben und so meine Position zu vertreten. Wut und Zorn sind für mich vor allem Gefühle, die mir Zeichen geben: Da stimmt etwas nicht! Vorsicht, vielleicht wirst du manipuliert! aber eben nichts, was ich in der Interaktion mit anderen Menschen benutzen würde.

Aus diesem Grund ist der Umgang mit diesem Gefühl, den Le Guin vorschlägt, für mich mittlerweile völlig uninteressant: Für mich ist Zorn nicht ein Gefühl, das ich aufstaue oder rauslasse, sondern etwas, was mir Zeichen gibt. (Und das gehört zu den Dingen, die ich mittlerweile an der Uni gelernt habe: Vorsichtig mit dem Dampfkesselmodell der Gefühle. So funktionieren menschliche Affekte nicht.)

Und gestern nacht habe ich versucht, noch einmal den ersten Band der Erdsee-Trilogie zu lesen. Ich kam nicht mehr hinein. Und das führt mich zu Le Guins Sprache.

Ich habe Le Guins Sprache immer bewundert. Sehr elegant, sehr fließend, ohne ein überflüssiges Wort, vor allem ohne Worte, die nichts sagen. Aber gestern war mir alles zu glatt. Ich holte wieder Terry Pratchett hervor, „Carpe Jugulum“, obgleich ich das Buch schon sehr oft gelesen habe, und kehrte zu der dialogreicheren, körnigeren Sprache zurück, und auch zu der Klarheit: Gut und Böse lassen sich unterscheiden, und es ist wichtig, vor dem Bösen nicht zu fliehen, sondern es zu bekämpfen.

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