Ob Kinder soziale Wesen seien oder nicht, und warum das nicht dasselbe ist wie die Frage, ob sie gut sind oder nicht

Vor einer Weile habe ich bei Antje Schrupp in einer Diskussion zur NS-Pädagogik mitgemischt. Irgendwann tauchte die Frage auf, ob Kinder von Natur aus gut oder böse seien (im Beitrag von Katharina), und von mir kam dann die erstaunte Frage, ob diese Frage nicht längst geklärt sei (auch in einem Kommentar): Ähnlich wie Kinder von Natur aus die Fähigkeit haben, eine Sprache zu lernen, haben sie auch von Natur aus die Fähigkeit, Beziehungen zu den Menschen aufzunehmen, die sich um sie kümmern. Allerdings brauchen sie für beides Menschen, die sich um sie kümmern und mit ihnen reden: Sie „entfalten“ sich nicht von selbst.

Die Antwort war, dass sich da immer noch zwei Lager gegenüber stehen: Auf der einen Seite Leute wie Jesper Juul, auf der anderen Seite Leute wie Michael Winterhoff (ein weiterer Kommentar von Katharina). Die Frage habe sich aber etwas gewandelt: Es gehe nicht mehr darum, ob Kinder von Natur aus gut oder böse seien, sondern ob sie von Natur aus soziale Wesen seien oder nicht, die mit der Gemeinschaft kooperieren und die Regeln der Gemeinschaft lernen und übernehmen würden. Allerdings fangen da meiner Ansicht nach die Probleme erst an.


Gesellschaft ohne klare Regeln

In unserer Gesellschaft ist es einfach nicht mehr möglich, von den „Regeln der Gemeinschaft“ zu sprechen. Wir leben in einer komplexen Gesellschaft, in der Menschen mit vielen unterschiedlichen Regeln zusammenleben. Das Kind wird schnell feststellen (und auch damit umgehen können), dass selbst Eltern und Großeltern unterschiedliche Regeln kennen. Dann gelten bei den Familien der Freunde andere Regeln, im Kindergarten gelten nochmal andere Regeln, in der Schule wieder andere, in den Filmen, die man im Fernsehen sieht, noch einmal andere.

Kinder lernen also sehr schnell, dass es unterschiedliche Regeln gibt und dass diese nicht natürlich oder gottgegeben sind. Zunächst werden sie sich wohl einfach anpassen, aber bald werden sie imstande sein, verschiedene Regeln miteinander zu vergleichen. Meistens sind sie früher imstande, verschiedene Regeln gegeneinander auszuspielen („Mama hat gesagt, ich darf…“, „Meine Freunde dürfen alle…“), bevor sie gelernt haben, rational und nicht in erster Linie am eigenen Interesse orientiert zu entscheiden, welche Regeln jetzt besser sind.

Für Eltern ist es natürlich manchmal anstrengend, wenn ihre Kinder Regeln nicht mehr als selbstverständlich hinnehmen, sondern wissen, dass es sehr unterschiedliche Regeln gibt und dass Regeln verändert werden können. Sie müssen sich Verhandlungen stellen, sie müssen Regeln begründen, sie müssen manchmal nachgeben. Sie stehen vor der Schwierigkeit, dass Kinder ihre rationalen Argumente („eines Tages wirst du das alles noch brauchen“) nicht unbedingt verstehen. Aber wir leben in einer Zeit, in der religiöse oder traditionelle Autoritäten nicht mehr einfach Gehorsam beanspruchen können, und das hat auch Auswirkungen auf den Bereich der Erziehung. Dadurch, dass sie schon viel länger in dieser Gesellschaft leben und sich besser auskennen und dass die Kinder von ihnen abhängig sind, haben Eltern noch Macht über ihre Kinder, aber je älter die Kinder werden, desto mehr schwindet diese Macht und desto besser müssen die Eltern ihre Regeln begründen.

Nicht nur die Regeln unterschiedlicher Elternpaare können verschieden sein (bei den Freunden gelten andere Regeln als zuhause), sondern auch die Schule (und der Rest der Gesellschaft) können andere Regeln haben, als sie die Eltern dem Kind zu vermitteln zu versuchen. Das kann beim Thema Schule der Fall sein. Manche Eltern vermitteln ihren Kindern nicht, dass Schule wichtig sei und dass man sich dafür anstrengen muss, und das müssen nicht unbedingt die Eltern von Hauptschulkindern sein.

Ein anderer Fall wäre der von Bullying. An den Schulen setzt sich mittlerweile die Auffassung durch, dass Bullying kein Naturphänomen ist, mit dem die Opfer eben leben müssen, sondern dass man etwas dagegen tun kann und dass die wichtigste Aufgabe darin besteht, den Täterkindern ein anderes Verhalten beizubringen (statt die Opfer zu ändern.) Wenn man dann schaut, warum das Täterkind so ist, wie es ist, stellt man häufig fest, dass die Eltern ganz ähnlich sind und keine Einsicht zeigen, dass es mit dem Verhalten ihres Kindes ein Problem gibt. (Erst wenn es kurz davor ist, von der Schule zu fliegen, merken sie es.) Die Eltern sind dann häufig ganz ähnlich drauf wie ihr Kind: Wenn es andere Kinder ärgert, benimmt es sich nach Ansicht der Eltern normal. Die anderen Kinder sind halt selber schuld.

Noch ein drittes Beispiel, weil ich heute darüber gelesen habe. Der typische familiäre Diskurs zum Dritten Reich ist ein Opferdiskurs: Wir Deutschen haben unter Krieg, Vertreibung und allem möglichen anderem gelitten. In der Schule lernen die Kinder etwas anderes, und das führt zu Konflikten, zum Beispiel den regelmäßigen angeblichen Tabubrüchen, wenn sich Leute im öffentlichen Raum zu sagen trauen, was an den Kaffeetischen der Familien dieser Republik seit Jahrzehnten die Normalität ist.

All das sind Beispiele warum es gar nicht funktionieren kann, dass Kinder die Regeln ihrer Gemeinschaft lernen. Die Gemeinschaft hat keine festen Regeln mehr, sondern besteht aus vielen Gruppen mit unterschiedlichen Regeln, die miteinander kooperieren müssen, und durch die Kooperation ist es auch möglich, voneinander zu lernen und die eigenen Regeln zu verändern. Und manchmal spielen die Kinder da eine Rolle.


Exkurs: noch einmal Jean Liedloff

Ich habe vor ein paar Jahren über Jean Liedloff gebloggt. Ich habe mir den zugrundeliegenden Text noch einmal durchgelesen („Who’s in control“), den ich übrigens durch einen Tweet von Family_Lab gefunden hatte, und mir läuft es noch schlimmer kalt den Rücken herunter als damals, aber ich rege mich nicht mehr so auf und bin nicht mehr so unsicher wie damals. Ganz unten steht übrigens immer noch der Hinweis, dass Family_Lab den Text auf die eigene Website gestellt hat, weil sie in vielem die in ihm ausgedrückten Ansichten teilen.

Erst einmal, wie Kinder ihrer Meinung nach sein sollen: Sie sollen „freudig gehorchen“, sie sollen in Gegenwart von Erwachsenen still und leise sein, sie sollen mithelfen, sie sollen nicht einmal untereinander streiten. Sie sind „kleine Engel“. Die Erwachsenen auf der anderen Seite sollen selbstsicher sein und die Führung übernehmen. Sie erlauben dem Kind nicht, sie zu kontrollieren. Sie haben keine Angst, dem Kind etwas aufzuzwingen, weil sie wissen, das Kind will in Wirklichkeit einen starken Erwachsenen, der weiß, was er will, und sich nicht vom Kind vorgeben lässt, was getan werden soll. (Klingt fast schon wie SM.) Auf diese Weise entstehe Harmonie.

Für mich ist das schon sehr nah an der Vorstellung, dass man dem Kind nicht erlauben dürfe, einen zu tyrannisieren. Wo ist die Grenze zwischen „auf Bedürfnisse des Kindes eingehen“ und „sich vom Kind tyrannisieren lassen“? Kinder, die freudig gehorchen, sind auch nicht mein Ideal: Mein Ideal sind Jugendliche (Kinder können das noch nicht), die Regeln in Fragen stellen und mitunter (nicht immer) merken, dass es andere, bessere Regeln gibt. Was vielleicht auch Kinder können: die Eltern mit deren Ängsten konfrontieren und ihnen klar machen, dass Dinge, vor denen die Eltern sich immer gefürchtet haben, gar nicht so gefährlich sind. Mein Ideal sind Kinder und Jugendliche, die dafür sorgen, dass sich die Welt verändert.

Dann wieder die Frage von Harmonie: Ist Harmonie wirklich das Ideal? Ist es nicht viel wichtiger, sich auf eine Weise zu streiten, die Beziehungen nicht gefährdet? Wir leben in einer Gesellschaft, die nicht harmonisch ist, in der es sehr viele verschiedene Interessen und sehr viele verschiedene Ansichten darüber gibt, wie die Welt auszusehen hat, und wir müssen diese Interessenunterschiede irgendwie regeln, ohne uns die Köpfe einzuschlagen. Wir können nicht mehr zu einer harmonischen Welt zurück – falls es sie je gegeben hat.

Dadurch, dass es so viele verschiedene Ansichten gibt, was für die Kinder am besten ist, dadurch, dass es so viele unterschiedliche Ansichten darüber gibt, was „gutes Benehmen“ oder sogar was gut und böse sind, sind auch die Erwachsenen unsicher. Ihnen zu sagen, sie sollten einfach sicher sein und sich nichts vom Kind sagen lassen, hilft nichts. Was sie bräuchten, ist Sicherheit, dass die echten Bedürfnisse des Kindes von dessen „Spielchen“ unterscheiden lernen. Ihnen zu sagen, sie sollten „einfach“ sicher sein, bedeutet nur, dass man ihnen den Auftrag gibt, autoritär einen Satz von Regeln zu bestimmen, an die das Kind sich halten soll – wenn nicht ohnehin darum geht, dass der Erwachsene in Ruhe essen, schlafen oder fernsehen will.

Noch ein paar Worte zu dem Ideal, das Jean Liedloff hier vorstellt. Ich möchte eigentlich gar nicht etwas über diesen Indianerstamm sagen, weil ich dazu unabhängige Informationen bräuchte, so dass ich sicher sein könnte, über den Stamm zu schreiben und nicht über Jean Liedloffs Bild von diesem Stamm. Aber dazu habe ich nicht die Zeit, und deswegen schreibe ich über Liedloffs Bild von diesem Stamm. Im Prinzip fangen die Probleme schon mit dem Ausdruck „Steinzeit-Indianer“ an. Es handelt sich um moderne Indianer, einfach weil alle heute lebenden Menschen moderne Menschen sind – jetzt nicht als Art im Vergleich zu Neandertalern, sondern alle Menschen sind heutige Menschen, schließlich stand Jean Liedloff keine Zeitmaschine zur Verfügung. Der Stamm, den sie besucht hat, hat eine genauso lange Geschichte hinter sich wie alle anderen Menschen auch. (Zum Beispiel ist es wahrscheinlich höchstens ein paar Jahrtausende her, dass sie in ihr heutiges Gebiet eingewandert sind.) Die von Jean Liedloff präsentierten Indianer stellen kein goldenes Zeitalter dar, als alles noch in Ordnung war.

Also, ich vermute, dass der Indianerstamm, von dem sie erzählt, in erster Linie in ihrer Phantasie existiert. Natürlich gibt es auch wirklich einen Stamm dieses Namens, aber ich vermute, dass Liedloff ihn in erster Linie als Projektionsfläche für ihre Wünsche und Sehnsüchte nutzt. Und diese Wünsche und Sehnsüchte halte ich mittlerweile für tendenziell faschistoid.

Das ist natürlich ein hartes Urteil, deswegen zuerst der Punkt, in dem sie eindeutig nicht faschistoid ist: Sie geht nicht davon aus, dass jeder Stamm, jedes Volk, jede Ethnie seine eigene Natur hätte und mit dieser verbunden sein müsste. Aber sie geht eben davon aus, dass es so etwas wie eine menschliche Natur gäbe, die es zu erkennen gilt, was den Indianern, die ihr als Projektionsfläche dienen, angeblich besser gelingt als uns in westlichen Gesellschaften. (Wie gesagt, dass sie nicht von verschiedenen Kulturen unterschiedlicher Völker spricht, trennt sie von völkischen Ideen.) Vor allem aber halte ich die Vorstellung von Harmonie für fragwürdig. Es klingt, als gälte es, die menschliche Natur korrekt zu erkennen und sich dann entsprechend den Gesetzen der menschlichen Natur zu verhalten. Ich habe mich im letzten Jahr mit praktischer Philosophie beschäftigt, und die Vorstellung, dass es eine menschliche Natur gäbe, die uns vorgibt, wie wir uns verhalten, ist schon seit langem verworfen worden. In aller Regel bedeutet sie die Einführung eines autoritären Systems: Derjenige, dem es gelingt, die menschliche Natur zu definieren, kann dann auch definieren, was gut und böse oder zumindest falsch und richtig ist. Begründet oder empirisch belegt werden muss dann nichts mehr.

Natürlich ist alles harmonisch, wenn alle sich an das halten, was Liedloff als „menschliche Natur“ bezeichnet. (Und soziales Verhalten der Kinder heißt dann nicht, dass sie Beziehungen zu etablieren und erhalten bestrebt sind, sondern dass sie sich so verhalten, wie es von ihnen erwartet wird.) Ironischerweise vergisst Liedloff dabei einen anderen Aspekt menschlicher Natur, oder vielleicht besser gesagt der conditio humana, nämlich die menschliche Pluralität, also dass Menschen verschieden sind. Ja, und ich habe darüber nachgedacht, inwiefern Liedloff faschistoid ist, und die Leugnung dieser Pluralität ist faschistoid. Nicht faschistoid ist, dass sie keinerlei Mordphantasien gegenüber als gefährlich angesehenen Personen hegt. Aber was ist mit Menschen, die sich der Harmonie nicht anpassen wollen?

Ein weiterer Punkt, der mich aufregte, als ich vor ca. 17 Jahren zum ersten Mal ihr Buch las: Liedloff scheint sich an der geschlechterspezifischen Arbeits- und Rollenverteilung in „ihrem“ Stamm nicht zu stören. Die menschliche Natur scheint also solch eine Arbeitsteilung einzuschließen. In etwas komplexeren Gesellschaften sind dann noch andere „natürlichen“ Unterschiede denkbar. Aber mein Ideal ist das nicht. Mein Ideal besteht darin, dass wir nicht davon ausgehen, dass Menschen je nach den Gruppen, in die von der Gesellschaft einsortiert werden, unterschiedliche Eigenschaften haben, sondern dass sie zwar unterschiedlich sind, dass diese Unterschiede aber individuell sind.

Welche Regeln? Bewusste und unbewusste Regeln der Eltern

Ein weiterer Grund dafür, warum nicht einfach alles gut ist, wenn Kinder die Regeln ihrer Eltern übernehmen, besteht darin, dass sogar die Regeln eines Elternteils widersprüchlich sein können. Anders gesagt: Was ein Elternteil sagt, was er oder sie gut findet, und wie es sich verhält oder wofür es Bewunderung ausdrückt, kann sehr unterschiedlich sein. Eine Mutter kann sich für eine Feministin halten, die ihre Tochter zur Selbständigkeit erziehen will, und beim abendlichen Fernsehen in erster Linie das Aussehen der Frauen auf dem Bildschirm kommentieren. Oder was ich in diesem Frühling bei zweien meiner Nachhilfeschülerinnen beobachtete: Die Tochter zeigte ein Verhalten, das die Mutter nicht gut fand, so dass sie mich unterstützte, wenn ich die Tochter dafür kritisierte. Dann aber lernte ich die Mütter besser kennen und stellte fest, dass sie genau das gleiche Verhalten zeigten, das sie bei ihren Töchtern kritisierten.

Kinder übernehmen Ideale und Verhaltensweisen von ihren Eltern, aber damit ist noch längst nicht die Welt in Ordnung. Sie übernehmen auch die Laster ihrer Eltern, solche, die die Eltern akzeptabel und solche, die sie nicht akzeptabel finden. Sie übernehmen Laster und Einstellungen, die den Eltern nicht bewusst sind. Sie übernehmen komplizierte Einstellungen zu den Großeltern, also den Eltern der Eltern. (Habe gerade heute einen spannenden Artikel über Gefühlserbschaften in Bezug auf die NS-Zeit gelesen.) Man kann das nicht alles kontrollieren.

Am schwierigsten wird es, wenn die Kindern Eigenschaften zeigen, die die Eltern abgespalten und auf die Kinder projiziert haben. Diese machen den Eltern Angst, sie können damit daher nicht rational umgehen.

Bewusstes und Unbewusstes Lernen

Meistens wird so getan, als sei die Alternative entweder Dressur (Erziehung durch Strafen) oder Beispiel (bzw. dass die Kinder instinktiv die Regeln der Gemeinschaft erkennen und sich an sie anpassen.) Es fehlt aber eine dritte Möglichkeit: Lernen durch Nachdenken. Das gilt nicht nur für praktische Fähigkeiten, sondern auch für soziale Fähigkeiten, und das ist letztendlich die Fähigkeit, auf die es ankommt.

Eltern können natürlich ihren Kindern nicht den kategorischen Imperativ erklären. Sie können aber sagen: „Schau mal, du magst es doch auch nicht, wenn man dir einfach die Schaufel wegnimmt, also solltest du auch anderen Kindern nicht einfach die Schaufel wegnehmen.“ (Ich glaube, das ist noch nicht der kategorische Imperativ, sondern nur die sogenannte Goldene Regel. Für ein Kindergartenkind ist sie aber gut genug.)

Kinder können über gut und böse nachdenken, sie können verallgemeinern und allgemeine Regeln auf spezielle Fälle anwenden, sie können unterschiedliche Regeln vergleichen, sie können Strukturen finden… Natürlich können sie das umso besser, je älter sie sind, aber sie können früh damit anfangen und üben. Und als Menschen müssen sie es lernen. Tiere lernen durch Beispiel und durch Strafe und Belohnung, aber Menschen brauchen eine eigenständige moralische Instanz, die aus mehr besteht als einer Liste von Regeln.

Gut und Böse ist nicht das gleiche wie Sozial und Unsozial

Was ist nun, wenn die Gesellschaft Regeln folgt, die böse sind? Es gibt bestimmte Standpunkte, die nach meinem Eindruck eher von Soziologen als von Philosophen vertreten werden, die besagen, dass es kein absolutes Gut und Böse gibt, sondern eben nur die in einer Gesellschaft akzeptierten Regeln. Philosophen haben dagegen seit jeher versucht, Moral ohne Rückgriff auf Tradition oder Religion zu begründen. Zur Zeit lese ich Ernst Tugendhat, „Vorlesungen über Ethik“, und er weist darauf hin, dass es unmöglich wäre, die Regeln einer Gesellschaft zu ändern, wenn sich Moral nicht jenseits von Tradition begründen ließe. Wenn ich in einer Gesellschaft lebe und die Moral dieser Gesellschaft ändern möchte, brauche ich Begründungen, die nicht auf der Moral dieser Gesellschaft beruhen.

(Für mich war es der Zusammenstoß mit einigen Altnazis und einigen Alt-68-ern, die die Altnazis in ihrer Gruppe duldeten, der mich dazu brachte, von der relativistischen oder sozialkonstruktivistischen Vorstellung von Moral Abschied zu nehmen und nach gesellschafts- und kulturübergreifenden Begründungen zu suchen. Denn was heißt „man muss mit den Wölfen heulen“ anderes als „man muss sich den Normen der eigenen Gesellschaft anpassen“? Ich glaube, sogar im Bereich der Wissenschaft gibt es manchmal den Versuch, die NS-Verbrechen damit zu erklären, dass sich die Täter einfach der sie umgebenden Norm angepasst hätten. Aber das gehört in die Kategorie „Bücher, die ich nicht lesen werde“.)

Wenn gesagt wird, dass Kinder von Geburt an soziale Wesen sind, die die Regeln ihrer Gemeinschaft erfassen und sich ihnen anpassen, dann sagt dies nichts über die Qualität dieser Regeln. Wenn Jean Liedloff von ihrem Indianerstamm (ihrer Projektionsfläche) schwärmt und die Harmonie dort so wunderbar findet, dann sagt sie nichts über die Regeln, nach der diese Harmonie funktioniert. Wenn sie der Mutter, die sie berät, den Tipp gibt, wieder die Führung zu übernehmen, dann sagt sie nichts über die Regeln, die die Mutter durchsetzen soll. Hauptsache, die Mutter weiß, was sie will, egal was. Gerade einer unsicheren Mutter ist aber dadurch nicht geholfen.

Ob die Kinder „freudig gehorchen“, weil sie soziale Wesen sind und sich den Regeln ihrer Umgebung anpassen, oder ob sie widerwillig gehorchen, weil sie Angst vor Strafe haben, ist von diesem Standpunkt aus gesehen unerheblich. Was wir brauchen, sind Kinder, die überhaupt nicht gehorchen, sondern Regeln in Frage stellen und Ideen für neue bessere Regeln haben. Sie sollen natürlich keine Egoisten sein, sondern Rücksicht und Achtung für andere Menschen zeigen – aber wie diese Forderung konkret inhaltlich zu füllen ist, dazu müssen sie selbst nachdenken. Und dazu brauchen sie Erwachsene, die ihnen Wege zeigen, wie man darüber nachdenkt. (Es ist ja noch lange nicht so, dass es eine einheitliche philosophische Antwort auf diese Frage gäbe.)

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4 Antworten zu Ob Kinder soziale Wesen seien oder nicht, und warum das nicht dasselbe ist wie die Frage, ob sie gut sind oder nicht

  1. netzbuddhist schreibt:

    Danke für diesen tollen Artikel!
    Ich sehe es genauso wie Du – Kinder sollen Regeln in Frage stellen und neue Ideen für bessere haben. Aber dieser kreative Prozess muss auch gelernt sein. Kinder lernen am Besten durch Beobachtung. Also müssen wir Erwachsenen in erster Linie alles hinterfragen und aufhören Ausreden für das eigene Verhalten zu finden.
    Liebe Grüße, Wasana

    • susanna14 schreibt:

      Danke für deinen Kommentar! Ich denke, Kinder stellen Regeln von selbst in Frage. Benni Bärmann, den ich auf Twitter kenne, behauptete, sein Sohn hätte es von Geburt an gekonnt. Wenn die Eltern dann nicht blockieren, sondern mit den Kindern gemeinsam lernen, dann entfalten die Kinder diese Fähigkeit.

  2. Esther schreibt:

    Hallo
    Ich finde Deine Überlegungen sehr interessant. Ich habe Liedloffs Buch vor zwei Jahren gelesen und fand es auch unbefriedigend. Da ich schon etliche anthropologische Texte gelesen habe, war ich enttäuscht vor allem darüber, dass sie diese Gesellschaft, die ich ihrer reduzierten Beschreibung nach als eine Gartenbaugesellschaft bezeichnen würde, nur so wenig erklärt hat. Gewohnt war ich, dass Sprache, Verwandtschaftsstruktur, Ressourcenverteilung, Religion, Riten, Ernährung oder überhaupt irgend ein Aspekt einer fremden Gesellschaft beschrieben wird. Aber nichts davon fand ich. Stattdessen immer nur diese spirituelle Idealisierung dieser indigenen Gesellschaft und die (vielfach berechtigte) Kritik an den Erziehungsmethoden der weißen amerikanischen Mittelstandsgesellschaft. Als faschistoid würde ich ihre Theorie nicht beschreiben, sondern als spirituell, auf die Art wie es dem damaligen Zeitgeist der 68er entsprach. Platt gesagt: das ist für mich eine klassische Hippie-Theorie mit Hang zum Sektiererischen, wobei ich vermute, dass sie persönlich nicht besonders dogmatisch war. Deine Kritik daran teile ich. Meiner Meinung nach ist das kein guter Weg zu einer Theorie zu kommen. Ich glaube aber, dass sie damals wirklich einen Nerv getroffen hat. Die schwarze Pädagogik in unterschiedlichen Schweregraden war zu der Zeit ja in der breiten Bevölkerung etabliert und wurde nicht hinterfragt. Auch bei uns nicht. Dennoch haben sich viele Menschen nicht wohl damit gefühlt. Als meine Mutter nach der Geburt meines Kindes bei Largo las, dass es total okay ist ein Baby NICHT schreien zu lassen und zur Beruhigung viel herumzutragen, war sie so erleichtert und betroffen zugleich. Wie sehr hatte sie darunter gelitten ihre Kinder allein im Bett schlafen zu lassen, sie schreien zu lassen, wie es damals aktiv von ihrer gesamten Umwelt verlangt wurde. Sie hatte sich heimlich nicht daran gehalten, hat sich beim 2. Kind großzügiger nicht daran gehalten, immer mit dem Schuldgefühl sich damit egoistisch zu verhalten und ihren Kindern auf lange Sicht zu schaden. Dass es zu diesem Zeitpunkt im akademischen Diskurs längst Zweifel an der schwarzen Pädagogik gab, wusste sie nicht. Und Liedloff hat mit ihrem Buch eben anderen als akademisch geschulten Menschen einen abweichenden Zugang zur Säuglingspflege geboten, der den Bedürfnissen und emotionalen Impulsen der Menschen dieser Zeit entgegen kam. Nicht allen, aber bis heute finden sich ja weiterhin begeisterte Rezensionen über das Buch bei Amazon. Denn als ein Schritt heraus aus der schwarzpädagogischen Säuglingspflege scheint es heute noch immer Menschen zu helfen und verschafft Ihnen Erleichterung. Dass die Theorie weder empirisch, noch argumentativ stringent hergeleitet wurde, spielt für sie eben keine Rolle. Die eher religiös inspirierte Argumentationsweise Liedloffs ist wohl für viele Menschen besser verständlich als bspw. Largo, den ich mit seinem wissenschaftlichen Vorgehen präferiere. Der wird in etlichen Rezensionen jedoch als zu kompliziert und auch als langweilig kritisiert: „Was soll ich mit den ganzen Statistiken?“ Und Liedloff kommt eben sofort an ihre Grenze, wenn es nicht mehr um Säuglinge geht. Wenn es nicht mehr nur darum geht sich um ein kleines Baby zu kümmern. Denn genau die Frage wie man Kindern Regeln beibringt, kann sie eben nicht beantworten.

    Leider haben wir ja in unserer Gesellschaft häufig ein total unterkomplexes Verständnis von Regeln. Das stammt noch aus den 60er Jahren und der Parsons Schule (grob gesagt), die besagt es gibt Regeln, um das soziale Leben zu organisieren. Die Menschen halten sich daran, weil das sanktioniert wird: an Regeln halten wird belohnt, Regelbrüche werden bestraft. Menschen wollen Belohnung und versuchen Bestrafung zu vermeiden. Diese Theorie über Regeln hat breitflächig Eingang gefunden, sie wird Kindern in der Schule beigebracht und ist Grundlage vieler Wirtschaftstheorien, etc. Die soziale Wirklichkeit wird damit jedoch so unzureichend beschrieben, dass diese Theorie wie ein Derailing wirkt. Sie lenkt von anderen wichtigen Dingen ab. Beispielsweise, dass in hierarchischen Gesellschaften wie unserer für unterschiedliche Gruppen unterschiedliche Regeln gelten. Für eine neunzehnjährige Frau gelten ganz andere Regeln, als für einen 50 jährigen Mann, für einen weißen Collegestudenten in den USA gelten andere Regeln als für einen schwarzen Collegestudenten, siehe Ferguson. Dazu kommen weitere Verwirrungen, wie etwa, dass Regelbruch durchaus nicht jedes Mal bestraft wird. Oft wird es einfach ignoriert. Für jede Regel gelten weiterhin zahlreiche Ausnahmen, sogar bei wichtigen Regeln wie „Du sollst nicht töten.“ Kinder erlernen damit in ihrer Sozialisation eben ein komplexes Gefüge und nicht einfach nur Regeln. Ähnlich wie bei Sprachlernen geht es darum sich verschiedene kulturelle Praktiken anzueignen und sie für jede individuelle Situation passend zu adaptieren. Das ist nicht einfach und ich vermute jetzt mal ganz dreist: das ist es in keiner Gesellschaft.

    Selbstverständlich hast Du Recht, dass allein die Fähigkeit Regeln zu lernen noch nichts über deren inhaltliche Qualitäten gesagt wird. Ich finde das reizvolle am Konstruktivismus ist, dass grundsätzlich klar ist, dass wir unsere soziale Wirklichkeit gestalten können. Sie ist nicht, wie so oft suggeriert wird, unabänderlich, da von Natur oder Gott gegeben. Was für Ziele die Gestaltung unserer Gesellschaft haben sollte, ist nun in der Tat nicht das, was die Soziologie als ihre Aufgabe begreift. Sie kann aber auf Grund ihrer Theorien, Methoden und empirischen Erkenntnisse Vorschläge ausarbeiten, wie Ziele vermutlich erreicht werden könnten. Sie kann den Erfolg politischer Maßnahmen erfassen suchen, etc. Das Unbehagen, dass Du mit einigen konkreten Alt 68ern machst, kenne ich sehr gut. Zum einen bemängele ich an einigen derer, die ich konkret kenne oder kannte, dass sie die Flinte zu schnell ins Korn geworfen haben. So nach dem Motto: „Damals von 1968 bis 1974, als ich selbst jung war und am unteren Ende der sozialen Hierarchie stand, da habe ich ja so dolle für gesellschaftliche Veränderungen gekämpft. Hat nix gebracht. Also habe ich mich angepasst. Es wird sich doch nichts ändern. Gut, die Anpassung erfolgte für mich praktischer Weise zu dem Zeitpunkt als ich selbst begann in der Hierarchie aufzusteigen. Aber die jungen Leute von heute haben ja keinen Schneid mehr, die sind ja gar nicht mehr kämpferisch. Deswegen ist es doch total legitim, wenn wir die noch mehr ausbeuten, als wir es damals wurden.“ Und dann gibt es noch den Teil der Alt 68er, die so gar nicht bereit sind ein Bewusstsein für ihre eigenen Privilegien zu entwickelt und deshalb ziemlich offen rassistisch/sexistisch/ableistisch/… agieren und sich schlicht weigern einzusehen, dass das ein Problem ist, weil sie so selbst zum Teil des Systems werden, dass sie angeblich bekämpfen. Das sind Menschen, die sich im Grunde politisch nur für ihre eigenen Interessen einsetzen, was ja okay ist, aber nicht, wenn genau diese Tatsache gleichzeitig geleugnet wird. (Selbstverständlich kenne ich auch andere Alt 68er, die ganz toll sind und sich im Laufe ihres Lebens sehr differenziert weiter entwickelt haben. Ich will die Bedeutung der politischen Bewegungen der 68er in keiner Weise runter reden. Es geht eher um Erfahrungen, die ich mit verschiedenen Menschen gemacht habe, die sich oft sehr aktiv als Alt 68er inszenieren, und was ich problematisch fand)

    So viel von mir dazu. Danke für Deinen Artikel, ich habe ihn sehr gern gelesen.

    LG
    Esther

  3. susanna14 schreibt:

    Vielen Dank für deine Antwort! Sie ist ja schon fast so lang wie mein Text. Kommentare kann man nicht speichern und bei Gelegenheit weiter daran schreiben, daher wirst du diverse kurze Antworten bekommen. Die erste heute, die nächste, wenn ich von meinem Urlaub zurück bin.

    Ja, erst einmal vielen Dank, dass du meinen Verdacht erhärtest, dass Jean Liedloff sich nicht wirklich für die Leute interessiert, bei denen sie lebt. (Aus dem Artikel allein ist das nicht hervorgegangen.)

    Als faschistoid würde ich ihre Theorie nicht beschreiben, sondern als spirituell, auf die Art wie es dem damaligen Zeitgeist der 68er entsprach. Platt gesagt: das ist für mich eine klassische Hippie-Theorie mit Hang zum Sektiererischen, wobei ich vermute, dass sie persönlich nicht besonders dogmatisch war.

    Wahrscheinlich hast du Recht, dass sie, wenn man sie in eine Schublade stecken muss, sie in diese gehört. Das Problem: spirituell und faschistoid schließen einander nicht aus, Ich fürchte, viele Hippies konnten in ihrer Sehnsucht nach Spiritualität nicht erkennen, wo sie auf faschistoide Tendenzen gestoßen sind.

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