Im Spielplatzcafé: Schlimmeres als Schreikinder

Wieder eine eigenartige Begegnung, dieses Mal im Spielplatz-Café. Konkret handelt es sich um einen Kiosk beim Waldspielplatz, der neben Kaffee für die Eltern und Eis für die Kinder auch Currywurst mit Pommes und sogar Mittagstisch für die arbeitenden Menschen der Umgebung anbietet. Die sitzen dann in Anzug oder Kostüm auf den Bierbänken in der Sonne und machen Mittagspause.

Heute war dort ein Kind, das ziemlich lange und intensiv geschrien hat. Ich würde es auf drei oder vier Jahre schätzen. Ich weiß, das ist ein Spielplatz, da muss ich mit einem gewissen Lärmpegel leben, aber dieses Kind war tatsächlich extrem. Seine Stimme war ziemlich durchdringend, und es schien, als würde es gar nicht aufhören. Meistens, wenn ein Kind schreit, ist ein Grund erkennbar, zum Beispiel dass es hingefallen ist oder dass Eis, das es unbedingt wollte, ausverkauft ist, und meistens beruhigen sie sich nach kurzer Zeit, aber bei diesem Kind war das nicht so. Die Mutter des Kindes war hilflos. Sie hatte noch ein kleineres Kind auf dem Arm, das in Solidarität zu dem älteren Geschwister auch zu schreien anfing, aber das Baby hatte weniger Durchhaltevermögen als das große Kind.

Auch die Mutter schien nicht zu wissen, warum das Kind schrie. Jedenfalls schien es kein Problem zu sein, das sie hätte lösen können. Immer wieder fuhr sie es an, es solle endlich aufhören zu schreien, oder in den Wald gehen, bis es fertig sei mit schreien, aber natürlich funktionierte das nicht. Ich überlegte, ob ich zu ihr hingehen solle und sie fragen solle, warum das Kind schreit, aber ich ließ es bleiben, weil ich fürchtete, dass das nicht hilfreich wäre. Ich dachte darüber nach, ob das Kind wohl schrie, weil es auch auf den Arm genommen werden wollte, was aber in dem Moment nicht ging, weil da schon das Baby war.

Ich schätze, das Kind schrie mindestens eine Viertelstunde lang. Während dieser Zeit kam ein Mann, ca. sechzig, und fragte, ob er sich zu mir setzen und die Sonne genießen wolle. Ich meinte, ja, und irgendwie machte ich eine Bemerkung über das schreiende Kind, weil es mich mittlerweile ziemlich nervte. Ich glaube, ich meinte, ich wüsste gerne, warum das Kind so schreit. Er meinte dann, früher bei den Pfadfindern hätte es einen Spruch gegeben, „Wenn das Baby nicht still ist, hilft der Hammer“. (Ich dachte immer, die Pfadfinder seien die mit der einen guten Tat pro Tag.)

Ich meinte, das sei nun auch nicht die Lösung, woraufhin er mir erklärte, das Problem sei die antiautoritäre Erziehung, die es seit den Sechzigern oder Siebzigern gäbe. Vorher hätte es keine Schreikinder gegeben.

„Dafür gab es Schlimmeres“, sagte ich. Ich stand auf, um mir noch einen Kaffee zu holen. Ich hatte auch keine Lust mehr, mich mit dem Mann zu unterhalten – schließlich wollte ich noch eine Menge lesen. „Lieber ein Schreikind als ein kleiner Nazi“, fügte ich noch hinzu. Hinterher war die Konversation zuende und ich konnte mich wieder meinen Texten widmen.

————

Ja, ich weiß, das ist alles zu einfach und nicht besonders diplomatisch. Ich wollte auch nicht wirklich diplomatisch sein, sondern das Gespräch abbrechen, und vorher noch ein paar Pflöcke einschlagen: Dem Mann zeigen, dass ich nicht auf seiner Seite war. (Die meisten Menschen, die etwas sagen, und ich schließe mich da ein, gehen automatisch von Zustimmung aus.) Ich war weder differenziert, noch habe ich argumentiert, ich wollte einfach etwas sagen. Es hätte auch nach hinten losgehen können.

Ob ich im Notfall die Argumente hätte ergänzen können? Möglicherweise schon. Die Form der Erziehung, die vorher üblich war, hat den Kindern beigebracht, dass ihre Bedürfnisse und ihre Not den Eltern gleichgültig waren. Man hat sie einfach schreien lassen. (Im Prinzip hat das die Mutter auf dem Spielplatz auch gemacht; sie hat sich nicht um die Not des Kindes gekümmert, sondern nur gesagt, es solle aufhören. Aber sie hatte nicht die Autorität der Eltern früherer Tage, deswegen hat es nichts gebracht.) Die Eltern waren den Kindern hart gegenüber, die Kinder wurden sich selbst hart gegenüber, und dann wurden sie auch anderen hart gegenüber.

Dass sie zu Nazis wurden, hat noch andere Gründe. Eine lieblose Erziehung reicht dazu nicht aus, und außerdem sind die Mütter nicht an allem schuld. Aber die Vorstellung, dass früher alles besser war, stimmt einfach nicht. Vieles war früher schlechter. Und gerade, wenn jemand so tut, als sei vor 1968 alles besser gewesen, also im Muff der Fünfziger oder gar während des Dritten Reichs, da halte ich einfach dagegen.

Hier noch etwas Intelligenteres: Die Reden, die zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an Astrid Lindgren gehalten wurden, inklusive ihrer eigenen Dankesrede.

Dieser Beitrag wurde unter Erziehung, im Café veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Im Spielplatzcafé: Schlimmeres als Schreikinder

  1. „Aber sie hatte nicht die Autorität der Eltern früherer Tage, deswegen hat es nichts gebracht.“
    Aber womit haben sie sich denn diese Autorität verschafft? In der Regel mit Schlägen. Und irgendwann hat das Kind gelernt, dass es beser gehorcht, sonst wirds verprügelt.

    Ich hatte kürzlich eine ähnliche Begegnung im Supermarkt. In irgendeiner weitentfernten Ecke schrie, quitschte, weinte ein Kind. Sagt eine Frau, zwar an ihre Begleitung gerichtet, aber für alle umstehenden gut hörbar: „Also ich würde dem ja eine ziehen!“ Mir fiel auf die Schnelle nur ein: „Dann würde es nur noch mehr schreien!“, woraufhin sie sagte. „Dann hätte es wenigstens Grund zum schreien!“ (Warum das Kind schrie, war von unserem Aufenthaltsort nicht nachvollziehbar, auch nicht, ob es Frustschreien, oder gelangweiltes Quitschen war).

    • susanna14 schreibt:

      Entschuldigung, ich habe mich in der Eile vertippt. Sie schrie: „Du hörst sofort auf zu schreien!“ was ja den alten Erziehungsmethoden entspricht, nur ohne Gewalt. Sie hat nicht versucht, das Kind zu trösten oder es zu fragen, worin das Problem besteht, was ja die gute Form wäre, mit dieser Art von Verhalten umzugehen.

  2. susanna14 schreibt:

    Ich denke, es gibt verschiedene Arten von Autorität. Diese Frau hat die alte Form von Autorität zu benutzen versucht, indem sie sagte „Du hörst jetzt sofort wieder zu schreien!“ aber es hat nicht zu ihr gepasst und es hat nicht funktioniert. Natürlich hast du Recht, es war keine gute Art von Autorität, und sie hat nur deswegen funktioniert, weil dahinter eine Drohung stand. Aber das habe ich auch nicht behauptet.

  3. Hab ich auch nicht so verstanden. Ich wollte es nur nochmal klar herausarbeiten, dass sich diese alte Form der Autorität eben meist nur mit der implizieten Androhung von (körperlicher) Gewalt erreichen lässt. Ohne diese impliziete Drohung funktioniert das imho nicht mit dem „Du hörst jetzt sofort auf zu schreien!“

    • susanna14 schreibt:

      Ja, danke, sorry, ich fürchte, ich habe etwas angefasst reagiert. Ich war erschrocken und dachte: habe ich das wirklich geschrieben? Steckt das wirklich noch in mir drin?

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s