Bemerkung zum Ersten Weltkrieg: Ob die Schuldfrage noch wichtig sei und warum oder warum nicht

Ich bin gefragt worden, ob oder warum es noch wichtig sein soll, wer nun Schuld am Ersten Weltkrieg ist. Darauf gibt es mehrere Antworten:

(Außerdem sind mehrere Blogposts über den Ersten Weltkrieg in Vorbereitung. Aber erst einmal dieser hier über die Schuldfrage sozusagen als Einleitung.)

  • Vielleicht sollte man sagen: Es ist nicht wichtig. Wir akzeptieren, dass Deutschland und Österreich in Person der jeweiligen Kaiser und der dazugehörigen kaiserlichen Regierungen die Verantwortung für den Ersten Weltkrieg tragen und wenden uns anderen, wichtigeren Fragen zu. Aber dann sind da die anderen, die diese Frage gerne offen halten wollen oder die möchten, dass alle irgendwie ein bisschen schuld sind – der übliche Brei, der im Kindergarten angemessen ist, wo die Kindergärtnerin keine Lust hat, die wahre Ursache des Streits herauszufinden. Aber selbst im Kindergarten halte ich es für fragwürdig, ob dies die richtige Vorgehensweise ist, sie entlastet nämlich den Täter und belastet das Opfer, das nun auch eine Teilschuld für das tragen soll, was ihm angetan wurde. Und in der Weltgeschichte ist ein solches Verhalten noch unangemessener als im Kindergarten.

    Möglicherweise sollte man nicht mich fragen, warum die Frage nach der Schuld noch wichtig ist, sondern die Menschen, die in die Buchläden rennen und das Buch von Christopher Clark kaufen. Eine der Hauptattraktionen dieses ziemlich dicken Schinkens soll ja sein, dass er Deutschland von der Verantwortung für den Ersten Weltkrieg entlastet. Denjenigen, die das Buch kaufen, scheint es also wichtig zu sein, dass Deutschland nicht schuldig ist, jedenfalls nicht allein. Warum eigentlich? Niemand hat doch behauptet, dass diese Leute persönlich schuldig wären. Im Gegensatz zum Dritten Reich wird die Verantwortung auch viel stärker beim Kaiser und seiner Entourage als den „gewöhnlichen Deutschen“ gesehen. (In bestimmten Kreisen, vor allem bei den sogenannten „Alldeutschen“ war aber durchaus eine gewisse Begeisterung zu finden. Und die meisten Menschen hatte sich von der kaiserlichen Propaganda überzeugen lassen, dass es nun darum ging, das Vaterland zu verteidigen. Warum man zu diesem Zweck Lüttich oder Antwerpen erobern musste, fragte niemand.)

    Warum ist es also manchen Leuten so wichtig, dass Deutschland nicht am Ersten Weltkrieg schuld ist? Ich vermute, das liegt daran, dass immer noch eine gewisse Identifizierung mit Deutschland vorhanden ist. Wenn Deutschland am Ersten Weltkrieg schuld ist, dann bin ich auch in gewisser Weise schuldig, egal, wie viel Jahre vor meiner Geburt das passiert ist. Es ist irrational, und ich kann allerhöchstens spekulieren, welche verquere Logik dahinter steckt. Die erste Variante wäre die, dass ähnlich wie bei Martin Walser (mit dessen Dankesrede für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ich mich in den letzten Wochen beschäftigt habe) davon ausgegangen wird, dass die Schuld, die Deutschland vorgeworfen wird, eine Art Schande ist, die alle betrifft. Eine andere Variante wäre eine Art essentialistisches Denken: Aggressivität und Kriegslüsternheit wären dann Eigenschaften Deutschlands, von denen auch seine Bewohner geprägt sind, und zwar nicht irgendwie psychologisch, sondern weil das eben unsere Kultur sei, in der wir alle wurzeln. (Ich hänge dieser Art von Denken nicht an.) Nach dieser Denkweise würden wir gar nicht anders können als so zu sein wie es uns die Kultur, in der wir wurzeln, vorgibt. Wer sich aus dieser Perspektive gegen eine deutsche Alleinschuld am Ersten Weltkrieg wehrt, wehrt sich dagegen, selbst aggressiv und kriegstreiberisch zu sein, nicht nur in den Augen der anderen, sondern auch in den eigenen Augen. Der einfache Weg wäre, zu sagen, dass Deutschland für den Ersten Weltkrieg verantwortlich ist, dass das aber nichts darüber sagt, wie man selbst als einzelne oder einzelner jetzt ist, nicht einmal besonders viel darüber, wie Deutschland jetzt ist, weil es so etwas wie einen Nationalcharakter eben nicht gibt, vor allem nicht auf Dauer, so dass ich mich eben auch nicht zu wehren brauche, wenn Deutschland der Erste Weltkrieg vorgeworfen wird. Es heißt nicht, dass ich schuldig bin. Nur die Leute, die sich identifizieren, machen mir Angst.

    Die Suche nach Antworten, was Deutschland dem Wesen nach sei, oder was deutsch sein bedeute, scheint mir reichlich überflüssig. Wenn die Frage nach der Schuld am Ersten Weltkrieg nur dieser Frage gilt, und nicht irgendeinem deutschen Wesen, wäre vieles einfacher. (Wobei natürlich trotzdem gefragt werden muss, warum so viele Menschen an einem Siegfrieden festhielten, als ein Kompromissfrieden noch möglich war, und von einem Kompromissfrieden sprachen, als der Krieg längst verloren war.)

  • Eine weitere Erklärung, warum die Schuldfrage wichtig sei, fand ich, als ich Christopher Clark zuhörte (in der Diskussionsrunde, die ich in einem meiner vorangegangenen Beiträge verlinkt habe.) Wenn wir Österreich für das Vorgehen gegen Serbien verurteilen, müssen wir auch die NATO und die ihr zugehörigen Länder für das Vorgehen gegen verschiedene kleine Ländern in den letzten Jahren verurteilen. Es geht also um internationale Normen: Wie verhalten sich Länder gegenüber anderen Ländern? Welche Bedeutung hat die nationale Souveränität?

  • Ja, und dann ist da noch die Frage nach dem gemeinsamen Erinnern. Wenn wir mit anderen Europäern zusammen sein wollen, brauchen wir auch eine gemeinsame Deutung der Geschichte. „Jeder denkt, sein eigenes Land sei im Recht“, reicht da nicht aus. Man braucht eine gemeinsame Erinnerung und ein gemeinsames Urteil, damit man nicht ständig aneckt, oder aus Angst, anzuecken, sich nichts zu sagen traut. Natürlich kann man über dieses Urteil streiten und argumentieren, aber dann muss das gemeinsam geschehen.

    Und im Fall des Ersten Weltkriegs heißt das eben: Man akzeptiert, dass die Belgier den Engländern den Grund und Boden für Hunderte von Militärfriedhöfen geschenkt haben, während die Deutschen ihre Soldaten erst auf zehn und später auf nur vier Militärfriedhöfen konzentrieren mussten. Die Belgier hatten gute Gründe dafür, die auch wir Deutschen anerkennen können, und zwar ohne „aus ihrer Perspektive“ davorzusetzen.

Vielleicht fallen mir demnächst noch mehr Gründe ein.

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2 Antworten zu Bemerkung zum Ersten Weltkrieg: Ob die Schuldfrage noch wichtig sei und warum oder warum nicht

  1. bertrandolf schreibt:

    Es geht nicht nur um die Frage der Schuld, sondern auch um die Dynamiken die dazu geführt haben. Gerade einfache Erklärungen, wie die Deutschen oder der Kaiser war Schuld liefern keine Erklärung, woraus gelernt werden könnte um solche Konflikte in Zukunft zu verhindern. Deswegen wollen diese Frage gerade auch Pazifisten ehrlich beantwortet wissen. Und nicht nach dem Moto: Der Sieger schreibt die Geschichte.

  2. susanna14 schreibt:

    Man kann es sich auch mit den „Dynamiken“ zu einfach machen. Dann geht es nicht mehr um handelnde Personen, die Entscheidungen treffen und Verantwortung auf sich nehmen, sondern nur noch um Abstrakta, im schlimmsten Fall die Vorsehung.

    Manchmal ist es sehr einfach, Kriege zu verhindern: einfach keine anderen Länder überfallen. Da braucht es keine großartige pazifistische Theorie. Es wäre auch im Vorfeld des Ersten Weltkriegs möglich gewesen, noch eine Konferenz anzuberaumen, in welcher die europäischen Großmächte und die beteiligten kleineren Länder eine Regelung für den Konflikt zwischen Österreich und Serbien gefunden hätten. Aber genau das wollten die deutsche und die österreichische Regierung nicht.

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