Täter-Opfer-Umkehr im Kindergarten, oder: Kein Spiel mehr

Ich wollte erst einen eigenständigen Kommentar zu einem Kommentar zum Kommentar von Antje Schrupp zu flappygate schreiben, aber dann habe ich beschlossen, bei Antje Schrupp zu kommentieren und hier meinen Kommentar noch einmal zu veröffentlichen, damit er nicht in den Tiefen des Cyberspace versinkt. Es geht nicht direkt um Sexismus – das überlasse ich anderen – sondern um Bullying und die merkwürdigen „Argumentationsstrategien“ von Bullies, die sich als die verfolgte Unschuld ansehen, wenn gepetzt wird.

Außerdem hier noch ein Link zu dem besten Text, den ich zu flappygate gefunden habe:

Vergiss nie, dass auf der anderen Seite ein Mensch sitzt

Ja, jetzt erst der Kommentar, auf den ich geantwortet habe (beginnt mit „die theoretischen Gedanken sind nicht falsch.“):

Es ist ein Problem verselbstständigender Flame Wars, die wie im Kindergarten von einer süffisant-ironischen Ebene in Bereiche abgleiten, in denen “einer heult”, das Spiel verlässt und es “ernst” wird. Das sorgt für Irritation und Konfusion bei denen, die sich im geschützten Raum des Spiels gesehen haben und “verpetzt” wurden.

Was somit stattgefunden hat ist der Versuch von einer Seite, den kommunikativen Rahmen der argumentativen Auseinandersetzung abrupt zu ändern, als erkennbar war, dass die eigene Spielstrategie fehlschlug. Im Kindergarten hat man dazu “verpetzen” gesagt. (Seitennote: Interessanterweise ist “die Petze” weiblich konnotiert, ein “Mädchen” oder ein “mädchenhafter” Junge, während “richtige Männer” die Zumutungen eines Streits aushalten und notfalls bis zum Ende eskalieren. Das sagt vielleicht einiges darüber aus, wie gegendert nicht nur die Kommunikationsstrategien in argumentativen Auseinandersetzungen sind, sondern wie kategorisiert auch das Reden darüber ist. Dennoch sollten beide Ebenen unterschieden werden können – und das scheint mir nicht die Stärke der feministischen Sprach- und Herrschaftskritik zu sein.)

Und jetzt mein Kommentar (ich hoffe, er wird freigeschaltet und gilt nicht als Off-Topic):

@Irene Habe mich durch dich veranlasst auch noch etwas mehr in den Streit vertieft. Ob die Geschichte justiziabel ist oder nicht, weiß ich nicht, aber sie ist beängstigend. Wenn jemand, die normalerweise unter Pseudonym unterwegs ist, unter Klarnamen fertig gemacht wird, dann ist das weit von dem, was noch irgendwie als “fairer Streit” bezeichnet werden kann, Sexismus hin oder her. Ich kann verstehen, dass die Bloggerin ihre Internetexistenz auszulöschen versucht hat, was sehr schade ist, aber das sollte wohl das Ziel sein.

@Alexander Habe mir deinen Kindergartenvergleich noch mal auf der Zunge vergehen lassen, und es handelt sich um die typische Täter-Opfer-Umkehr von Bullies. Du sprichst vom geschützten Raum des Spiels, aber was für ein Spiel ist das, wenn ein beteiligtes Kind zu weinen beginnt? Wer soll geschützt sein? Wie du das schreibst, möchtest du den Bully vor dem Zorn der Kindergärtnerin schützen. Wie du das schreibst, tust du so, als werde es erst ernst, wenn die Kindergärtnerin kommt und das Kind, das nicht weint, ausschimpft. Für das Kind, das weint, ist aber schon viel früher Ernst aus dem Spiel geworden.

Und dann petzt das Kind vielleicht… Wir hatten hier ja vor kurzem eine Debatte zur NS-Pädagogik, in welcher ich das Buch von Sigrid Chamberlain “Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind” erwähnt habe. Von Petzen zu sprechen, wenn ein Kind, das in einer gewalttätigen Auseinandersetzung unterlegen ist, sich Hilfe holt, auch Hilfe von Erwachsenen, ist absolut zynisch. Das gilt auch für Auseinandersetzungen die, wie es für ältere Kinder oder für Erwachsene typisch ist, mit Worten geführt werden. Was soll das Kind denn tun? Du nennst es so nett “die Zumutungen eines Streits aushalten” – also, im Fall von Kindergartenkindern zusammengeschlagen werden. Im vorliegenden Fall wurde versucht, die Frau fertig zu machen und bloßzustellen, so dass sie am Ende aufgab und ihre Internet-Existenz löschte.

Ich glaube, spätestens in dem Augenblick, als der Klarname der Frau genannt wurde, hörte die Angelegenheit auf, ein Spiel zu sein. So etwas kann Folgen haben, wenn ein potentieller Arbeitgeber googelt.

Das sind Bullies, die ihr Bullying-Verhalten cool finden und es für unmoralisch halten, wenn die Erzieherin gerufen wird, die eine andere Vorstellung von Moral hat.

Die andere Seite, also das mit dem Regen und dem Selbstschutz: Man muss es sich sehr genau überlegen, ob man sich mit den Bullies auf eine Auseinandersetzung auf der Ebene des Bullying einlässt. Meistens funktionieren andere Strategien besser: eben die Kindergärtnerin rufen, oder sich andere Kinder als Verbündete suchen. Eine Auseinandersetzung auf der Ebene, auf der die Bullies in aller Regel stärker sind, ist ziemlich gefährlich.

Aber alle solchen Überlegungen beruhen auf der Vorstellung, dass die Bullies wilde Tiere sind, die ihr Verhalten nicht ändern können (oder ändern wollen). Weil man nicht imstande ist, deren Verhalten irgendwie zu verändern, ist es vernünftig, sich Strategien zu überlegen, wie man mit diesem Verhalten umgeht. Ihr Verhalten ändern können sie nur selbst – und sie sollten es tun, und für ihr Verhalten sind sie verantwortlich, vor allem, wenn es sich nicht wirklich um Kindergartenkinder handelt.

Ja, und jetzt merke ich, dass ich selbst Angst bekomme, über diesen Fall zu schreiben.

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