Nachtrag zum gestrigen Eintrag „Wiedersehen mit einem Satz“

Ich hatte ursprünglich vor, noch etwas zum Thema Bullying zu schreiben, aber als ich zum entsprechenden Abschnitt kam, hatte ich vergessen, was ich schreiben wollte. Jetzt ist es mir wieder eingefallen.

Hier ist noch der Link zum ursprünglichen Eintrag: Wiedersehen mit einem Satz.

Und zwar ist es immer wieder das gleiche: Die Naturalisierung des Phänomens des Bullying. Kinder sind halt so. Sie müssen halt kämpfen und raufen. Es ist normal, dass sie auf diese Weise ihre Hierarchie klären und dass die stärksten (nicht die ideenreichsten, die verantwortungsvollsten, die klügsten) die Anführer sind (und dass es überhaupt „Bestimmer“ geben muss, wird gar nicht in Frage gestellt.)

Das ist aber nur der erste Schritt des „Arguments“. Der zweite ist: Natürlich ist gut. Man soll die Kinder nicht in ihrer Natürlichkeit bremsen. Man soll ihre Persönlichkeit, wie sie in ihnen angelegt ist, sich auf natürliche Weise entfalten lassen.

Wenn ich es so formuliere, wird offensichtlich wie absurd diese Haltung ist. Ich glaube, heute würde dies niemand mehr für richtig halten. Ich glaube, heute gehen die meisten davon aus, dass sich die Persönlichkeit eines Kindes nicht einfach entfaltet, ähnlich einer Blüte, die aus einer Knospe entsteht, in der jedes Blatt aber bereits angelegt ist, sondern dass sie in der Interaktion mit den Menschen um sie herum ihre Persönlichkeit entwickeln. Möglicherweise ist einiges in ihnen angelegt – etwa die Fähigkeit, eine Sprache zu erlernen – aber ohne Menschen, die mit ihnen sprechen, werden sie keine Sprache lernen. Das gleiche gilt für jede Form von sozialem Verhalten: Menschen werden mit der Fähigkeit zu sozialer Interaktion geboren, und vom ersten Tag ihres Lebens an interagieren sie, aber ohne Menschen um sie herum, die mit ihnen interagieren, werden sie diese Fähigkeit nicht zu komplexen Stufen entwickeln können, und welche Form von sozialem Verhalten sie erlernen, hängt von den Menschen um sie herum ab.

Das zweite Problem ist die Vorstellung, dass das, was natürlich ist, gut sei. Hinter dieser Vorstellung stecken uralte religiöse Konzepte von einer göttlichen Ordnung, die in der Natur verwirklicht sei. Man findet diese Vorstellung in verschiedenen Religionen, unter anderem auch in der christlichen Natur, aber auch in diversen Formen von „New Age“-Spiritualität und in der im neunzehnten Jahrhundert sich entwickelten Vorstellung, dass das Grundprinzip der Evolution, „survival of the fittest“ auch das Modell für die Ordnung der menschlichen Gesellschaft abgeben solle. Im Prinzip ist aber die Vorstellung von dem, was „natürlich“ sei, beliebig mit konkretem Inhalt auffüllbar, und so findet sich eine Neigung, die Normen, die man selbst für richtig hält, als natürlich zu deklarieren.

Das Problem ist nicht auf Wolfgang Bergmann beschränkt. Als ich jung war, während der Siebziger und Achtziger, gab es eine große Neigung, „natürlich“ mit „gut“ gleichzusetzen. Immerhin war es die Zeit der beginnenden Umweltbewegung. Gegen alles mögliche wurde argumentiert, es sei schlecht, weil unnatürlich (und ganz habe ich es mir auch noch nicht selbst abgewöhnt.) Wenige machten sich die Mühe, die Ursprünge dieses Denkens zu reflektieren.

Natürlichkeit wurde auch mit Freiheit verwechselt. Ein Kind sich auf die Weise entwickeln zu lassen, die als natürlich angesehen wurde, galt als Weg, ihm seine Freiheit zu lassen.

Und im Kielwasser dieser Positionen fand dann die Naturalisierung von Bullying statt. Kinder seien nun mal grausam. Es sei natürlich, dass diejenigen, die von den Erwachsenen durch Misserfolg im Schulsystem gedemütigt fühlen, diese Demütigung dann weitergeben. Es sei natürlich, dass Jugendliche sich in Gruppen zusammentun, deren Hierarchie durch körperliche Stärke und Sportlichkeit bestimmt sei und dass diese Gruppen ihre gemeinsame Stärke an denen ausprobieren, die nicht dazugehören. Es sei überhaupt natürlich, sich Opfer zu suchen, diese auszuschließen und zum gemeinsamen Schikanieren freizugeben.

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2 Antworten zu Nachtrag zum gestrigen Eintrag „Wiedersehen mit einem Satz“

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