Wiedersehen mit einem Satz

Vor ungefähr zweieinhalb Jahren, als dieses Blog noch ziemlich neu war, habe ich über einen Satz gebloggt, den ich bei familylabs gefunden hatte: Große Kleine Jungs. Mittlerweile folge ich familylab nicht mehr auf Twitter: Ich habe mich zu oft aufgeregt.

Jetzt habe ich dank pinkstinks den Text gefunden, aus dem der von mir kritisierte Satz stammt: Böse Buben. Pinkstinks kritisiert den Text unter Genderaspekten: Sei kein Waschlappen. Sie können das besser als ich, deswegen werde ich einige andere Aspekte des Textes kritisieren, auf die ich mich besser verstehen.

Edit: Es gibt nun auch einen Nachtrag zu diesem Blogpost. Thema: Bullying.

Was mir besonders am Text auffällt ist die Verharmlosung von Gewalt. Okay, es sind nur Kindergartenkinder, die erst noch lernen müssen, Konflikte gewaltfrei auszutragen. Sie müssen auch erst noch lernen, mit den Gefühlen umzugehen, die es da in ihnen gibt: Zorn, Wut, Einsamkeit, Gekränktsein, Angst etc. Sie können diese Gefühle noch nicht reflektieren, wie Erwachsene es tun können sollten, und vor allem können sie noch nicht auseinanderhalten, wie viel von diesen Gefühlen von außen verursacht wird und wieviel ihre eigene Wut ist. Insofern muss man vorsichtig sein, wenn man die Gewalt diskutiert, die von hauenden und tretenden Kindergartenkindern ausgeht. (Noch vorsichtiger muss man mit noch kleineren Kindern sein. Sie haben noch gar keine Möglichkeit, ihre Wut irgendwie zu reflektieren.)

Andererseits ist die Wut eines Kindergartenkindes, die einem Erwachsenen schwach und harmlos erscheint, für ein anderes Kindergartenkind vielleicht nicht harmlos. Die Faust eines Kindes kann einem anderen Kind durchaus weh tun. Von daher sollten die ErzieherInnen vielleicht doch eingreifen.

Außerdem ist es nicht harmlos, wenn Wolfgang Bergmann so tut, als sei es völlig normal, dass durch Raufereien Hierarchien festgelegt werden, selbst im Kindergarten. Warum soll ausgerechnet der der Bestimmer sein, der sich in einer Rauferei durchsetzt? Warum nicht das Kind, das die besten Ideen hat, was man spielen könnte, Ideen, die allen Spaß machen? Schließlich sind auch die Eltern nicht deswegen die „Bestimmer“, weil sie stärker sind als die Kinder, sondern weil sie sich besser mit der Welt auskennen als die Kinder und weil sie ihr überlegenes Wissen nutzen, um die Kinder gut zu versorgen und zu beschützen.

Es geht mir hier um Werte und Ideale, insbesondere um die Grundeinsicht, dass das „Recht des Stärkeren“ das Gegenteil von Recht im eigentlichen Sinne des Wortes ist. Wie man dies in eine Sprache übersetzt, die für Kindergartenkinder verständlich ist, weiß ich nicht: das müssen die Erzieherinnen wissen. Ich weiß auch nicht, ob es „natürlich“ für Zweijährige oder Dreijährige ist, dass sie versuchen, sich mit Gewalt durchzusetzen, aber gleichgültig, ob dies der Fall ist oder nicht, Kinder müssen zu Erwachsenen heranwachsen, die wissen, dass Gewalt nicht der richtige Weg ist, um sich durchzusetzen, die vielleicht sogar wissen, dass „sich durchsetzen“ kein Wert an und für sich ist. Ich zweifle, ob es günstig ist, wenn zwischen Kinderwelt und Erwachsenenwelt unterschieden wird: Die Kinderwelt als eine Welt, in der Hierarchien noch durch Kämpfe festgelegt werden, während in der Erwachsenenwelt dann gewaltloses Vorgehen gefragt ist. Es wäre genau die Umkehrung der Vorstellungen des Bürgertums des neunzehnten Jahrhunderts, das die Kinderwelt als eine idyllische Welt ansah, nach der man sich sehnte, wenn man sich in der rauen Erwachsenenwelt behaupten musste.

Früher war Pädagogik mein wichtigstes Interessengebiet. Mittlerweile frage ich mich bei pädagogischen Texten eher, welche Wertvorstellungen dahinter stecken und aus welcher Zeit diese stammen: Bürgertum des neunzehnten Jahrhunderts, Weimarer Republik und Reformpädagogik, NS-Zeit, Fünfziger oder die Zeit nach der Studentenbewegung oder vielleicht auch die jetzige Zeit, die noch keinen Namen hat, und wie sich die Wertvorstellungen manchmal auf eine Weise vermischt haben, die man nicht auf den ersten Blick vermutet. So war die NS-Zeit nicht einfach eine Zeit, die die Menschen in ein enges Korsett presste, sondern auch eine Zeit, die den „Volksgenossen“, also jenen Deutschen, die nicht zu einer der Verfolgtengruppen gehörten, auch Freiheiten gewährte, etwa dass auch Mädchen im BDM Ausflüge machten, statt im Haushalt der Mutter zu helfen. Und natürlich war es während der NS-Zeit besser angesehen, draußen zu sein und sich zu prügeln, als in der Schule still zu sitzen und sich zu konzentrieren.

Wohlgemerkt: Draußen sein und sich prügeln ist nicht böse, weil die Nazis böse waren. (Draußen sein ist überhaupt nicht böse.) Die Nazis waren böse, weil sie das Recht im eigentlichen Sinne verachteten und stattdessen das Recht des Stärkeren zu ihrem Maßstab erhoben.

Neben Wertvorstellungen, die ihren Ursprung in einer bestimmten Zeit haben, gibt es schichtspezifische Werte. Aber das ist ziemlich komplex, und natürlich gibt es Vermischungen und nicht jeder Mensch hängt den Wertvorstellungen an, die seiner Schicht entsprechen, denn vor allem hängen Wertvorstellungen von der Persönlichkeit des Betreffenden ab. Man kann Werte von den Eltern oder den Freunden oder dem Zeitgeist übernehmen, aber man kann sich auch immer dagegenstellen: Sonst hätte es nie irgendwelche Veränderungen gegeben.

Was ist weiter problematisch an Bergmanns Artikel? Seine Polemik gegen Frieden, Harmonie und Wohlfühl-Kuschelpädagogik. Was soll schlimm sein an Frieden? Dass er Raufen als „erlernen von sozialen Verhaltensweisen“ bezeichnet. Er verbrämt seine Einstellungen, indem er Gewalt als männlich bezeichnet, aber tatsächlich gibt es gute Gründe gegen Gewalt, die für Männer wie Frauen gleichermaßen einsichtig sind. Am Ende spricht er sich gar für autoritäre Handwerker und Hausmeister und gegen die progressiven ausgebildeten ErzieherInnen aus. Als ob Hausmeister mit einer großen Gruppe von Kindern umgehen könnten. Im Prinzip spricht auch eine Menge Antiintellektualismus aus seinen Zeilen.

Im Prinzip ist Bergmanns Programm reaktionär, selbst wenn man die Genderproblematik weglässt. Es wäre eine interessante Aufgabe, zu untersuchen, wie das reaktionäre Programm an die Genderproblematik gekoppelt ist und was es zu bedeuten hat, dass er diese reaktionäre Ideologie als „männlich“ zu verkaufen versucht. Ich vermute, dass männliche Hegemonie von dieser reaktionären Ideologie nicht zu trennen ist.

Dieser Beitrag wurde unter Bildung, Erziehung, Erziehung zur Gewalt, Maskulinismus in der Pädagogik: Poor Boys, Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Wiedersehen mit einem Satz

  1. Pingback: Nachtrag zum gestrigen Eintrag “Wiedersehen mit einem Satz” | susanna14

  2. Pingback: Große Kleine Jungs: Maskulinisten in der Pädagogik | susanna14

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