Fußball ohne Identität?

Meinen Text „Fußball ohne Nationalismus“ habe ich mehr oder weniger „rausgehauen“, nachdem ich über die Featurette einen Text gefunden hatte, der genau über diese Frage reflektierte, aber zu anderen Antworten kam. Nachdem ich meinen Text gefunden hatte, dachte ich noch einmal genauer nach, nicht nur wegen jenes Textes, sondern auch, weil in meinem privaten Umfeld immer wieder gefragt wird: Warum soll ich mein Land nicht unterstützen? Warum soll ich mich meinem Land nicht verbunden fühlen?

(Ganz unten gibt es drei Links zu interessanten Texten.)

Zunächst ein Link zum Beitrag von Donnerhallen: Auf dem Platz ist neben dem Platz und ein Link zu einem Podcast Faszination des Fußballs (mp3-Datei), in welchem die Faszination des Fußballs untersucht wird. Punkt vier: Wir dürfen mal wieder so richtig deutsch sein (und uns gegen andere Länder abgrenzen). Behauptet wird, dass auch jene, die eine Deutschlandfahne sonst nur mit der Kneifzange anfassen würden, diese Fahne jetzt aus dem Fenster hängen. Erklärt wird dies mit Identitätsbildung und der Sehnsucht, Teil einer großen Geschichte zu sein.

Im Text von Donnerhallen klingt Angst durch: Angst, dass sie, falls sie zu viel Verbundenheit mit der Heimat und zu viel Stolz und Nationalismus zeigt, von den Antinationalen angegriffen werden wird, also von mir. Mir dagegen machen die Nationalen Angst. Da ich einigermaßen deutsch aussehe, kann ich es vermeiden, Zielscheibe ihres Hasses zu werden, indem ich nicht den Mund aufmache und so tue, als störe mich ihr Nationalismus nicht. Die, die nicht deutsch aussehen, haben diese Möglichkeit nicht. Aber vielleicht gibt es Leute, die meine Art von Angst teilen: Dass diejenigen, die Fahnen schwenken, aggressiv werden, wenn man sie deswegen kritisiert, von Beleidigungen bis hin zu körperlicher Gewalt, vor allem, wenn dann noch Alkohol im Spiel ist. Andere werden einfach angefasst reagieren, oder man wird ihren emotionalen Aufruhr spüren, ohne dass man befürchtet, sie könnten aggressiv werden, aber auch bei ihnen wird man spüren: Es gibt eine Grenze, jenseits derer kein Gespräch mehr möglich ist.

Umgekehrt machen anscheinend auch die Antinationalisten Angst und werden als Spielverderber empfunden, als Menschen, die alles zu ernst nehmen, die alles besser wissen, die Zensur ausüben, wenn jemand bestimmte Worte ausspricht. Aber die Worte, die ausgesprochen werden, drücken keine Gedanken aus, sondern Gefühle, unbestimmte Affekte, diffuse Sehnsüchte, nichts was sich klar fassen ließe. Vielleicht werden die Gedanken auch nicht klar ausgesprochen aus Angst, dann kritisiert zu werden.

Wie lässt sich das aufbrechen? Nicht durch Psychologisieren (Projektion etc.), glaube ich. Wer psychologisiert, redet nicht mehr mit den Menschen, sondern über sie, außer es findet im Rahmen einer Therapie statt, wo ausdrücklich die Erlaubnis zum Psychologisieren gegeben worden ist. Ich will also versuchen, zu erklären, was am Aufhängen von Fahnen problematisch ist, und zwar auch dann, wenn es nicht in Gewalt und Alkoholgenuss, auch dann, wenn es nicht zu rassistischen Sprüchen wie beim Spiel gegen Ghana führt.

Ich habe nachgedacht, warum meine Begründung, warum ich der deutschen Nationalmannschaft dieses Jahr die Daumen drücke, anders ist als der Satz „ich darf mich doch wohl meinem Land noch verbunden fühlen.“ Der wichtigste: Es handelt sich überhaupt um eine inhaltliche Begründung. Ich finde die jetzige Mannschaft und den jetzigen Trainer, so weit ich das beurteilen kann, ohne je persönlichen Kontakt mit ihnen gehabt zu haben, sympathischer, als die Leute, die mit Oliver Kahn damals auf dem Platz standen. Es ist auch schon vorgekommen, dass ich einer deutschen Mannschaft den Sieg nicht gegönnt habe. Es ist auch schon vorgekommen, dass ich einer anderen Mannschaft die Daumen gedrückt habe, wenn ich fand, dass sie gut gespielt hat. 1998 habe bin ich zum Beispiel für Frankreich gewesen.

(Und ehrlich: Ich erinnere mich noch an ein Interview mit Miroslav Klose, nachdem dieser in der ewigen WM-Torschützenliste mit Gerd Müller gleichgezogen hatte. Klose schien selbst nicht recht glauben zu können, was für Stars er mittlerweile schon überholt hatte, aber dann fand er eine Erklärung: Man müsse auch die Anzahl der Weltmeisterschaften und die Anzahl der Spiele miteinbeziehen. Er hätte eben viel mehr Spiele gespielt als andere. Ja, mir ist so etwas sympathisch, viel sympathischer als Oliver Kahn. Jetzt hat Klose auch Ronaldo eingeholt und wird ihn möglicherweise während dieser WM noch überholen. Ja, mir ist das sympathisch.)

Es gibt viele Gründe für eine Mannschaft zu sein: weil sie gut spielt, weil sie der Underdog ist und man Underdogs mag, weil man in ein Land gern in Urlaub fährt und es schön findet, weil in einer bestimmten Mannschaft die allerschönsten Männer mitspielen. Man kann dann mit anderen diskutieren: Die eine findet das Spiel dieser, der andere das Spiel jener Mannschaft attraktiver. Der eine findet diese, die andere jene Männer schöner.

Wenn jemand sagt: Ich bin für die deutsche Mannschaft, weil ich eben Deutscher oder Deutsche und deswegen für Deutschland bin, dann kann man nicht mehr viel diskutieren. Es heißt einfach nur: Das sind meine Leute, mit denen ich mich als zusammengehörig empfinde, für die bin ich deswegen. Entweder gehöre ich dazu oder nicht. Der wahre Fan kritisiert vielleicht den Bundestrainer, und vielleicht lacht er höhnisch, wenn die Mannschaft wegen des schlechten Bundestrainers nicht gewonnen hat, aber er wird er trotzdem immer treu bleiben und nie für eine fremde Mannschaft die Fahnen schwenken.

Und ich gebe zu: Ich bin nicht ohne Bias in meinem Urteil, welche Mannschaft am schönsten spielt. Ich bin nationalistisch erzogen worden wie die meisten Menschen: Deutschland ist gut, weil es eben Deutschland ist. Es ist nicht leicht, diese Einstellungen abzuschütteln. Es ist auch nicht leicht, die Vorstellung abzuschütteln, dass alles, was in Deutschland gut oder schlecht ist, einschließlich der Nationalmannschaft, einschließĺich der Verbrechen in der Geschichte, auch auf mich zurückfällt. Und vielleicht fällt es auch zu Recht auf mich zurück, weil ich mich eben dem Einfluss nicht ganz entziehen kann, ich kann nur versuchen, ihn zu reflektieren.

(Vielleicht gibt es noch ganz andere, viel banalere Einflüsse: Als ich in Marburg lebte, hörte ich die Sendung „Sport und Musik“ beim Hessischen Rundfunk, wo der Moderator Partei für Eintracht Frankfurt nahm. Die Folge war, dass ich mich mit Frankfurt besser auskannte als mit anderen Mannschaften und ebenfalls Anteil an Eintracht Frankfurt nahm. Dann zog ich nach Bremen, hörte Radio Bremen und las die Bremer Lokalzeitung und begann, Anteil an Werder Bremen zu nehmen. Nur mit Hannover ist mir das noch nicht passiert, wahrscheinlich weil ich die Lokalzeitung nicht lese und aufgegeben habe, „Sport und Musik“ und ähnliche Samstagnachmittagssendungen zu sehen.)

Deutschland gut finden, weil man Deutsche/r ist und deswegen eben für Deutschland ist: Das ist etwas anderes als Verbundenheit mit der Heimat. Verbundenheit mit dem Land, in dem man eben lebt, drückt sich anders aus, nämlich indem man sich engagiert, etwa für eine bessere Umwelt, für mehr Kinderbetreuungsmöglichkeiten, für mehr soziale Gerechtigkeit, was immer eben „besser“ für einen selbst bedeutet – aber nicht gegen andere Länder. Und Fußball wird eben gegen andere Länder gespielt.

Eine Freundin erzählte mir einmal, dass bei einem wichtigen Spiel zwischen zwei nordafrikanischen Ländern die muslimischen Geistlichen (und möglicherweise auch die christlichen, aber das erzählte sie nicht) dafür gebetet hätten, dass Gott das jeweilige Land gewinnen lasse. Man kann darüber lachen. Nicht lachen kann man über Geistliche, die Waffen segnen und ihrem Land dem Sieg in einem Krieg wünschen.

Fußball wird zwar gegen andere Länder gespielt (oder gegen andere Städte, für die die Vereine meistens stehen – nur selten gibt es zwei Vereine in einer Stadt, die ähnlich erfolgreich sind und mit denen sich die Einwohner ähnlich identifizieren), aber Fußball ist nicht Krieg. Das erkennt man schon an der einfachen Tatsache, dass die meisten Spieler nach Spielende unversehrt den Platz verlassen und dass fast alle Verletzungen, die sie sich zuziehen, spätestens nach einigen Monaten auskuriert sind. Es gibt Ausnahmen, aber sie sind selten, und sie sind nicht Teil des Plans und ziehen meistens Diskussionen hinter sich: Ist das Spiel zu brutal geworden? Haben die Mediziner Mist gebaut?

Im Fußball und diversen anderen Sportarten einschließlich Schachs ist im Idealfall das verwirklicht, was als Einhegung (Begrenzung) des Krieges bezeichnet wurde: Mann gegen Mann, mit klaren Regeln, ohne übermäßigen Einsatz von Technik, ohne Hass für den Gegner, sondern mit Respekt und Hochachtung. Ritterlicher Kampf eben, beziehungsweise das, was man sich unter ritterlichem Kampf vorstellte. Wahrscheinlich waren auch die Ritter nicht besonders ritterlich. Wahrscheinlich haben die Menschen in jedem Krieg festgestellt, dass der reale Krieg mit den Heldengesängen, die sie als halbwüchsige Jungen gehört hatten, nichts zu tun hat, aber anstatt die Folgerung zu ziehen, dass sie wahrscheinlich angelogen wurden, fingen sie an, darüber zu jammern, dass der Krieg nicht mehr so sei wie früher: Früher, da sei es noch nicht auf zahlenmäßige Übermacht und bessere Ausrüstung angekommen, früher, da hätten noch Mut und individuelle Geschicklichkeit gezählt, früher, da sei der Kampf noch etwas gewesen, wo ein Mann sich als Mann hätte beweisen können.

Aber wenn es wirklich um etwas geht – um das eigene Leben, oder eben um ein Stück Land – dann werden alle Tricks genutzt, die es gibt. Die einzige Möglichkeit, den Krieg zu zähmen, besteht darin, Regeln aufzustellen, die das Töten und Verletzen von Menschen verbieten und dafür zu sorgen, dass es um nichts mehr geht. Dann ist niemand mehr in Versuchung, mangelnde Geschicklichkeit und Körperkraft durch überlegene Waffen oder überlegene Anzahl auszugleichen, aber dann ist es eben auch nicht mehr Krieg, sondern Sport.

Fußball ist nicht böse, aber eben nur, solange klar ist, dass es eben nicht Krieg ist: Dass es um nichts geht und dass der Gegner nicht vernichtet werden soll, sondern dass Respekt für den Gegner essentiell ist. Wenn auch den Fans klar ist, dass es nur ein Spiel ist, und nicht etwas, das ihnen selbst (falls Deutschland gewinnt) ein Gefühl von eigener Größe und Stärke verleiht, so wie sich viele früher größer und stärker fühlten, wenn sie von erfolgreichen Schlachten hörten.

Verbundenheit zum eigenen Land lässt sich auf vielerlei Weise ausdrücken, aber eine Fahne zur Fußballweltmeisterschaft trägt nichts dazu bei, dass man in einem besseren Land lebt. (Meiner Meinung nach macht sie die Fassade hässlicher, aber dann bin ich halt auch eben Antinationalistin.) Sie unterstützt noch nicht einmal die Mannschaft, die wenig von der Fahne erfährt.

Die Verbundenheit, die man beim Fußballsehen fühlt (und ich kenne dieses Gefühl selbst) hat nichts damit zu tun, dass man irgendwie das eigene Land unterstützen und sich für das eigene Land engagieren würde. Es geht darum, sich selbst gut zu fühlen im Glanz, der von der Nationalmannschaft verbreitet ist. Das ist dann da, was mit Identität gemeint ist. (Identität bedeutet ja in seiner Kernbedeutung Gleichheit, und sei es die Gleichheit von mir selbst morgen früh mit dem Menschen, der heute abend ins Bett geht.) Identität entsteht, wenn die Differenz verloren gegangen ist. Der Glanz, der von der Nationalmannschaft ausgeht, falls sie gut spielt, ist auch mein Glanz. Es wird vergessen, dass man selbst eben nicht derjenige ist, der auf dem Platz steht. Es wird vergessen, dass es sehr viele Differenzen zwischen verschiedenen Bewohnern dieses Landes gibt. Es wird vergessen, dass es eine Differenz zwischen mir selbst und dem Land gibt. Wenn das Land groß und stark ist, darf ich mich auch groß und stark fühlen. Inhaltliche Diskussionen, wie unser Land aussehen soll, sind dann unwichtig geworden.

Zum Abschluss noch drei Lesetipps. Die ersten beiden stammen aus Mainstream-Medien, der dritte ist ein Blogpost aus der Zeit einer vorangegangenen internationalen Fußballmeisterschaft.


Fußballschauen braucht keinen Nationalismus
(Tagesspiegel)

„Party-Patriotismus ist Nationalismus“ (Süddeutsche)

Eine nationale Psychose? Und wer hat Angst vor Goleo? (Blog Nichtidentisches)

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