Fußball ohne Nationalismus?

Ich schaue gerne Fußball, wenn zwei richtig gute Mannschaften aufeinander treffen. Mannschaften, die mit System und Intelligenz Fußball spielen. Vor fünfzehn Jahren hätte ich noch hinzugefügt: Also nicht Deutschland.

Ich schaue gerne Fußball, aber ich mag es nicht, wenn die Zuschauer zu aggressiv nationalistisch agieren. Mangels Fernseher bin ich auf Public Viewing angewiesen, da auch der Livestream nicht funktioniert. (Die Alternative ist die Mediathek.) Dadurch kann ich Fußball nie sehen, ohne auch die Reaktionen meiner Mitmenschen zu erfahren. Manchmal ist das sehr nett, etwa wenn ich mit wildfremden Menschen ins Gespräch komme (am besten in Kneipen, nicht auf großen Plätzen in riesigen Menschenmengen.) Manchmal ist es furchtbar, wenn ich dem Nationalismus meiner Mitmenschen begegne.

Bei der letzten WM im Jahr 2010 verließ ich während des Spiels gegen Argentinien mein Lieblingscafe, weil ein Mann (ungefähr Mitte sechzig, aber mit einem Hut in den Nationalfarben) seinem Hass gegen Holland und gegen Argentinien, insbesondere Maradona, ungezügelt seinen Lauf ließ. Mich stieß dieser Hass ab, und die Aggression, die dabei durchklang, machte mir Angst. Ich suchte mir einen anderen Ort zum Fernsehen, aber auch dort waren Fans, die mir zu aggressiv waren. Seither sehe ich am liebsten im Café neben der Musikhochschule Fußball, weil Studenten der Musikhochschule aus aller Welt kommen und Fußball ohne nationale Brille sehen.

Manchmal sehe ich auch mit Freunden Fußball, und obgleich diese meistens tatsächlich für Deutschland sind, weil sie nicht jede Woche die Jungle World lesen und lernen, wie Antinationalismus heutzutage geht, sind sie mir in aller Regel nicht unangenehm. Auch bei der letzten WM, im Halbfinale gegen Spanien, habe ich mit einem Freund ziemlich realistisch das Auftreten der deutschen Mannschaft eingeschätzt: Gegen Spanien wird es nicht reichen. Man fühlt eine gewisse Sympathie für die Mannschaft, aber bewahrt seine Distanz: Nicht wir, sondern die Männer auf dem Platz gewinnen oder verlieren das Spiel. Wenn die Mannschaft schlecht spielt, hat das nichts mit uns zu tun. Wenn sie gut sind, auch nicht.

Wann ich Angst bekomme: Wenn das Spiel zu ernst genommen wird. Wenn Triumph und Hass überwiegen, oder eben Zorn, falls Deutschland verliert. Wenn vergessen wird, dass es eben doch nur um Fußball geht und dass der Ausgang eines Spiels keine Auswirkungen auf das eigene Leben haben wird. Man freut sich ein paar Stunden lang, oder ärgert sich eine Minute lang, aber am nächsten Tag hat man die gleichen Probleme wie am Tag davor, unabhängig, ob die Nationalmannschaft gewonnen oder verloren hat. Aber manche Menschen scheinen das zu vergessen: Fußball ist eine Gelegenheit, Hassgefühlen Ausdruck zu verleihen, die sonst verborgen bleiben. Ein Sieg ist nicht einfach ein Sieg im Fußball, sondern gibt den Zuschauern ein Gefühl des Triumphes: Wir haben den Gegner platt gemacht.

Nicht alle sind so. Vielleicht ist nur eine Minderheit so. Aber diese Minderheit hat mir das Fußballschauen in Gesellschaft anderer Menschen verleidet. Andererseits entdecken auch Menschen, bei denen ich das nie erwartet hätte (Psychologen, bei denen ich davon ausgehe, dass sie sich selbst reflektieren) beim Fußballsehen ihren Nationalismus. Und dann kommen manchmal die Ressentiments: Dürfen wir noch stolz sein? Dürfen wir noch für unser Land sein? Mit Fußball hat das dann nichts mehr zu tun, er ist nur Anlass dazu.

Manche unter meinen Bekannten behaupten, dass vor allem diejenigen, denen Fußball gleichgültig ist, beim Fußball ihren Nationalismus entdecken. Die Nationalisten sähen nicht, ob eine Mannschaft gut oder schlecht spielt, sie sehen nur, ob Deutschland gewinnt oder verliert. Die, denen Fußball wichtig ist, können sich freuen, wenn die bessere Mannschaft gewinnt, auch wenn dies der Gegner der deutschen Mannschaft sein sollte.

Ich erinnere mich noch an das Jahr 2000. Mit einer Reihe meiner damaligen Kollegen habe ich das Spiel Deutschland gegen England gesehen. Zusammen mit Rumänien und Portugal waren die beiden Mannschaften in einer Vorrundengruppe, und es war schon klar, dass sowohl Deutschland als auch England ausgeschieden waren. Es ging nur noch um die Ehre, aber beide Mannschaften spielten, als sei ihnen die Ehre egal. Vielleicht konnten sie es auch nicht besser. Es war ein fürchterliches Kick-and-Rush, und am Ende brachte eine Bananenflanke von David Beckham England den Sieg. (Es war eine jener Bananenflanken, die auf einmal im Tor landeten und für die David Beckham berühmt war.) Wir grillten nebenher und machten uns über die deutsche Mannschaft lustig. Wir, das waren eine Gruppe junger Refendare und Referendarinnen, keine radikalen Antideutschen.

2000 war, glaube ich, der Tiefpunkt der deutschen Nationalmannschaft. 2004 blamierte sich die Mannschaft ein weiteres Mal und schied schon in der Vorrunde aus, gegen Tschechien, das damals eine sehr gute Mannschaft hatte. Ich hätte ihnen den Titel gegönnt, aber im Finale verloren sie gegen Griechenland. Im Café zeigten die deutschen Fans ihren Hass gegen Tschechien und waren glücklich als Griechenland gewann. Ich fragte mich warum: es war, weil die Leute Tschechien, nicht der Unfähigkeit der deutschen Mannschaft, die Schuld am Ausscheiden gaben.

Seit 2006 erreicht sie regelmäßig das Halbfinale. 2008 war sogar das Finale drin. Häufig gewinnt die Mannschaft 4:0 oder 4:1, und die Spiele sind meistens recht sehenswert. Der Sieg gegen Portugal war insofern nichts besonderes. Nur gegen die sehr guten Mannschaften (zweimal Spanien, zweimal Italien) hat die deutsche Mannschaft verloren. Sie sind einfach einen Tick besser: Einen Tick geordneter in der Defensive, einen Tick besser im Angriff, und dann verliert die deutsche Mannschaft.

Vor allem hat die deutsche Mannschaft ein Problem: Wenn sie im Rückstand ist, verliert sie die Nerven. Dann wird ohne Verstand gespielt und jede vermeintliche Torchance genutzt, um den Ball neben das Tor zu hauen. Sie rutscht wieder in die alten Untugenden aus der Zeit vor 2000 zurück. In die Untugenden, die oft „deutsche Tugenden“ genannt werden: Kampfgeist und Willensstärke und all das, was den Ersten und Zweiten Weltkrieg nur unnötig verlängerte und was noch nie ein Fußballspiel hat gewinnen helfen.

Die jetzige Mannschaft spielt schön, sie spielt erfolgreich (außer gegen die sehr guten Mannschaften – Spanien ist jetzt draußen, aber Italien wartet noch), sie schießt viele Tore (außer gegen die sehr guten Mannschaften). Die Menschen im DFB haben gemerkt, dass Kampfgeist und Willensstärke nicht reichen, sondern dass man auch gut Fußball spielen muss und dass vielleicht sogar Fußball etwas mit Intelligenz zu tun haben könnte. Die Mannschaft ist mir viel sympathischer als die, die 1990 mit viel Glück Weltmeister wurde. Von daher würde ich es ihr gönnen, wenn sie einmal nicht nur Zweite oder Dritte werden, sondern wenn sie gewinnen. Vor allem würde ich es Jogi Löw gönnen, der auch nicht deutsche Tugenden verkörpert, sondern eine ruhige, freundliche Art hat und intelligenten Fußball spielen lässt. Vor allem würde ich es ihm gönnen, damit diejenigen aufhören zu lästern, die meinen, unter ihm habe die Mannschaft das Kämpfen verlernt. Vielleicht hat sie das, aber sie gelernt zu spielen. Nur die sehr guten Mannschaften spielen noch besser. Damit könnte man eigentlich leben, aber in Deutschland wie in Brasilien ist niemand glücklich mit einem zweiten oder dritten Platz.

Jetzt bin ich also doch für Deutschland. Die aktuelle Nationalmannschaft verkörpert, wie sich das Land in den letzten zwanzig oder vierzig Jahren verändert hat, hoffe ich jedenfalls, auch wenn mir der neue alte Nationalismus Angst macht. Ich würde es dieser Mannschaft gönnen, dass sie gewinnt, einfach damit niemand auf die Idee kommt, dass „deutsche Tugenden“ den Spielern besser anstünden.

Andererseits: Es gibt auch andere Mannschaften, denen zuzusehen Freude macht. Warum sollte es ihnen weniger zu gönnen sein?

Vielleicht: Weil ich hier lebe, geht es mich an, welche Stimmung hier herrscht. Deswegen geht mich der aggressive Nationalismus an, der sich beim Fußballsehen auf öffentlichen Plätzen Luft verschafft. Deswegen geht mich an, ob „deutsche Tugenden“ oder guter Fußball auf dem Platz zu sehen sind. Vielleicht trage ich auch ein kleines bisschen dazu bei, aber eben nur ein kleines bisschen. So wie eben jeder oder jede zur Stimmung beiträgt, der mit anderen Menschen spricht, der Zeitungen kauft und Kultur konsumiert oder der eine Fahne aus dem Fenster hängen lässt oder es eben nicht tut.

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