Im Café: Rollatornutzerin fordert Rampe ein

Es war eine merkwürdige Begebenheit. Ich saß im Bäckereicafé, arbeitete an meiner Referatsausarbeitung zum Buch „Gefühlte Opfer“, welches die Erinnerungskultur in Bezug auf die NS-Zeit diskutiert (fürchterliches Buch übrigens) und hörte, wie es an der Eingangstür Streit gab. Eine ältere Frau war unzufrieden, so unzufrieden, dass der Chef geholt wurde, weil die Dame für die Verkäuferinnen nicht zumutbar war.

Ich bekam erst nicht mit, worum es ging, nur dass die Dame sehr unangenehm war: „Sie als Geschäftsmann… Wenn Sie mir etwas verkaufen wollen… Ich als Geschäftsfrau, ich kenne mich aus…“ Nach einer Weile endete das Gespräch, und die Verkäuferinnen versuchten nun, ein bisschen freundlichen Smalltalk mit der Dame zu machen. Sie erzählte, dass ihre Kinder mit ihr im Haus wohnten, sich gut um sie kümmerten, dass ihr Mann, als er noch lebte, Geld wie Heu gehabt hätte, anschließend schimpfte sie über ihre Putzfrau, die zehn Euro die Stunde bekäme, was doch wohl viel sei, und dass diese Putzfrau immer fauler werde, so dass sie sie nun beaufsichtige. „Anfangs strengen sie sich an, aber dann wird es immer weniger.“ Sogar was Fußball anbelangt, hatte sie eine klare Meinung: „Ich bin für Kroatien, weil der Hausmeister da und dort Kroate ist.“

Es war nicht nur, was sie sagte – es war auch, wie es sie sagte. „Vom alten Schlag“, dachte ich, möglicherweise durch meine Lektüre beeinflusst, eine alte Frau, die keinerlei Selbstzweifel hat, die nicht bittet, sondern Forderungen stellt, eine alte Frau, die meint, im Leben etwas erreicht zu haben und deswegen Rechte zu haben.

Nur: In der Sache hatte sie Recht. Die Bäckerei war nicht barrierefrei. Es gab eine Stufe, die von Menschen, die sich ohne Räder durchs Leben bewegen, fast nicht wahrgenommen wird (ich hatte sie beim Betreten des Cafés nur insofern wahrgenommen, als ich nicht darüber gestolpert bin, aber dann gleich wieder vergessen), die aber für jemanden mit Rollator, der nicht imstande ist, den Rollator über die Stufe zu bugsieren, ein unüberwindliches Hindernis ist – und für einen Rollstuhlfahrer eben auch. Es gab eine Minirampe, die aber ein Witz war, vielleicht fünfzig Zentimeter breit. Gut für Jugendliche, die zum ersten Mal ihr Skateboard auf unebenem Grund erproben möchten, aber eben nicht für Menschen mit Rollator oder Rollstuhl. Deren Räder stehen typischerweise weiter auseinander.

(Jetzt erinnere ich mich auch wieder, dass der Chef und die alte Dame auch über die Breite der Rampe diskutiert hatten. Der Chef hatte gemeint, er könne nichts dafür, wenn der Rollator so breit sei, dass die Räder nicht auf die Rampe passten. Die alte Dame meinte, sie bräuchte eben einen Rollator, auf den sie sich gegebenenfalls auch setzen kann. Ich weiß jetzt nicht, ob ihr Rollator überbreit gewesen war, aber ehrlich gesagt habe ich noch nie einen Rollator gesehen, dessen beide Räder auf dieser Rampe hätten fahren können.)

Also, wie gesagt, in der Sache hatte sie Recht, ihren Ton empfand ich als unangenehm, und er weckte unangenehme Assoziationen in mir. ihre Argumentation war auch problematisch: Ich als alte Geschäftsfrau, ich weiß B. Sie beanspruchte ihr Recht auf Barrierefreiheit nicht als ganz selbstverständliches Recht für alle Menschen, sondern weil sie jemand war, die in ihrem Leben etwas geleistet hatte (ihrer Meinung nach.)

Für mich war es ein komisches Erlebnis: Rein spontan hatte ich innerlich Partei für die Verkäuferinnen genommen, die mit dieser unangenehmen, Forderungen stellenden Frau umgehen mussten, ohne ihrerseits unfreundlich zu werden. Und dann stellte ich fest: So einfach war es nicht.

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2 Antworten zu Im Café: Rollatornutzerin fordert Rampe ein

  1. lotti katzkowski schreibt:

    Ich finde ja, der Ton macht die Musik. Klar hat sie recht mit der Barrierefreiheit, aber das gibt ihr noch lange nicht das Recht, sie zu verhalten wie die Axt im Urwald und andere Leute von oben herab zu behandeln.
    Hätte sie nett gefragt, hätte ihr bestimmt jemand die Stufe hoch geholfen.
    Manche Rentner/Innnen meinen, sie hätten ihr Leben lang gegeben und jetzt sind die anderen dran und legen eine Erwartungshaltung an den Tag, die ich anderen gegenüber respektlos finde.
    Es geht aber auch anders.
    Lieben Gruß

    • susanna14 schreibt:

      Ich sehe, du bist noch nie in einer Anti-ismus-Debatte mit dem Tonargumentsvorwurf konfrontiert worden. (Normalerweise versteht man unter dem „Tonargument“, dass jemand ein valides Argument wegen des Tonfalls zurückweist. In Anti-Ismus-Debatten versteht man unter einem Tonargument, dass jemand aus einer privilegierten Gruppe auf die Einhaltung gewisser Höflichkeitsstandards beharrt.)
      Man hatte der Frau die Stufe hinaufgeholfen. Die Verkäuferinnen sind ja keine bösen Menschen, die eine hungrige alte Frau vor der Tür stehen lassen. Außerdem wollen sie wirklich etwas verkaufen. Aber „die Stufe hochhelfen“ ist eben keine Barrierefreiheit. Ich hatte einmal eine Freundin in Holland, die in einem Elektrorollstuhl fuhr, und als ich mit ihr beim Elf Fantasy Fair war, hat sie ziemlich lange mit ein paar jungen Helfern diskutiert: „Nein, ich möchte nicht, dass ihr mich die Stufe hochtragt, ich möchte, dass ihr die Rampe aufbaut, ich habe da drüben einen ganzen Stapel mit Rampen gesehen, ihr müsst nur eine holen und hinlegen, es ist eure Pflicht, im Programmheft stand Barrierefreiheit, und ich möchte, dass das auch umgesetzt wird.“ (Ich verstand es nicht alles, da ich kein niederländisch kann.)
      Sie war sehr hartnäckig und resolut, aber nicht aggressiv wie die alte Frau, die ich am Freitag erlebt hatte, aber auch sie bestand auf Barrierefreiheit, und das bedeutet, dass sie selbständig mit ihrem Rollstuhl ins Gebäude fahren kann.
      Die alte Frau vom Freitag habe ich selbst auch automatisch in eine bestimmte Schublade mit alten Leuten einsortiert. (Meine Eltern sind anders.)
      Was noch das Tonargument anbelangt: Das Problem ist, dass sie mit ihrer Forderung nach einer breiteren Rampe zwar Recht hat, dass ihre Begründungen aber daneben waren.

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