„Godzilla“, gesehen mit angeschaltetem Gehirn

Eigentlich ein Film, für den man das Gehirn abschalten muss, um ihn zu genießen, aber weil ich dazu neige, mich vor Monstern zu fürchten, ließ ich es angeschaltet, um Abstand halten zu können.

Rest hinter Cut wegen Spoilern…


Die blonde und die dunkelhaarige Frau, und der gute Soldat

Die junge Frau des Helden hat einen anspruchsvollen Beruf. Sie arbeitet in einem Krankenhaus. Es wird zwar nicht klar, ob sie Ärztin oder Pflegerin ist, aber anspruchsvoll ist beides. Sie ist zwar blond, aber nicht einfach nur ein Blondchen.

Dass die Geschlechterstereotype trotzdem die alten sind, sieht man, wenn man sie mit ihrer Schwiegermutter, der (dunkelhaarigen) Mutter des Helden vergleicht. Diese arbeitet nämlich in einem Atomkraftwerk. Auch bei ihr ist nicht klar, welchen Job genau sie hat, aber es ist ein Job, der von ihr verlangt dass sie sich einen Schutzanzug anzieht und sich in möglicherweise hoch strahlenbelastete Teile eines Atomkrafts wagt, also muss sie irgendwie Technikerin oder Ingenieurin sein. Ihr Mann, der Vater des Helden, ist ebenfalls Ingenieur, und zwar in leitender Position, so dass er keinen Schutzanzug tragen und sich nicht in die Nähe des Reaktorkerns begeben muss. Als klar wird, dass sich ein Ungeheuer nähert und dass das Kernkraftwerk abgeschaltet werden muss, versucht er, so lange wie möglich die Sicherheitsschleusen geöffnet zu lassen, so dass seine Frau und ihre Kollegen entkommen können, aber im letzten Moment muss er sie doch schließen, weil die Gefahr, dass Strahlung entweicht und die ganze Gegend verstrahlt wird, zu hoch ist.

Ihre Schwiegertochter, die junge Frau des Helden, hat keinen gefährlichen Beruf, bei dem sie vor allem männliche Kollegen hat, sondern sie arbeitet ganz traditionell als Heilerin und hat keine männlichen Kollegen, jedenfalls keine, an die ich mich erinnere. (Ich muss wieder an Klaus Theweleit denken: die gute Frau kämpft nicht, sie heilt.) Sie ist jetzt nicht unbedingt die Damsell in Distress, aber so richtig selbstständig ist sie auch nicht. Sie hat genug Verstand, ihren kleinen Sohn im letzten Augenblick in einen der Busse zu setzen, die die Kinder evakuieren sollen, aber sie selbst hofft, dass sie von ihrem Mann gerettet werden wird. Rational wäre es, wenn sie in der bedrohten Stadt bleibt, weil sie dort noch wichtige Arbeit zu tun hat, aber von ihrer Arbeit erfahren wir wenig.

Am Ende wird sie nicht von ihrem Mann abgeholt, sondern erreicht unabhängig von und nach ihm das Sportstadium, in dem sich die Geretteten zunächst versammeln, um dort, wenn sie Glück haben, Familienmitglieder wiederzufinden. Indirekt aber wird sie durchaus von ihm gerettet, denn ihr Mann ist es, der die ganze Stadt rettet, indem er dafür sorgt, dass die Atombombe 20 km vor der Stadt explodiert (und nicht direkt in der Stadt. Normalerweise bedeutet eine Kernwaffenexplosion 20 km vor der Küste, dass die Stadt unbewohnbar ist.) Was zu einer weiteren moralischen Botschaft führt: Wenn ein Mann vor der Entscheidung steht, seine Familie oder die ganze Stadt zu retten, rettet er lieber die ganze Stadt, und das ist durchaus die richtige Entscheidung. (Das ist im Prinzip auch die Entscheidung des Vaters gewesen…)

Außerdem hat der junge Mann einen Job, der eines richtigen Mannes würdig ist: Er ist Soldat, nicht nur Erdbebenberater im Kernkraftwerk. Aber er ist ein guter Soldat: Er kämpft nicht gegen Menschen, sondern räumt Minen. So kann er seine Frau retten, während sein Vater hilflos war und seine Frau, die einen „männlicheren“ Job hatte, nicht retten konnte. Die Welt ist also wieder in Ordnung, Männer sind richtige Männer, Frauen richtige Frauen und pelzige niedliche Wesen von Alpha Centauri noch richtige pelzige niedliche Wesen von Alpha Centauri. (Außerdem sind richtige Frauen blond.)

Nationale Traumata: Hiroshima und Fukushima, und was Amerika damit zu tun hat

Bei TV-Tropes hat Gojira eine eigene Seite. Eigentlich zwei: Das ganze Franchise hat eine Seite, und dann noch jeder Film eine. In der Liste von verwendeten Tropes finden sich zwei interessante: Some Anvils need to be dropped, und Nuclear Weapons Taboo. Zentral für den ursprünglichen Film war eine klare Botschaft gegen Kernwaffen, insbesondere die Kernwaffentests, die damals stattfanden. Die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki lagen noch nicht lange zurück, und das Entsetzen über die dem Erdboden gleich gemachten Städte und die Hunderttausende von Toten war den meisten Japanern noch gut im Gedächtnis. Eine Warnung vor Atombomben war für sie, die Opfer eines solchen Angriffs geworden waren, eine Botschaft, die nicht groß begründet werden musste.

(Die amerikanische Version des Films hat die Szenen, in denen es darum ging, dass das Monster durch Atomtests entstanden sei, gestrichen. Stattdessen wurde es nur geweckt.)

Man kann es natürlich grundsätzlich lobenswert finden, dass sich ein Film gegen Atomwaffen ausspricht. Andererseits liegt wenig Großartiges darin, diese Botschaft vor einem Publikum zu verkünden, dessen Zustimmung sicher ist (und sie zu streichen, wenn es darum geht, ein Publikum zu gewinnen, das diese Botschaft vermutlich nicht hören will.) Wer einen Kassenerfolg will, darf nichts sagen, was das Publikum verstören oder zum Nachdenken bringen könnte, indem er liebgewonnene Ansichten in Frage stellt, sondern er muss das sagen, was das Publikum hören will.

Die beiden Atombomben sind ein schwieriges Thema. Vor ein paar Jahren habe ich ein Buch gelesen, „The decision to use the Atomic bomb“ von Gar Alperovitz, in dem dieser minutiös anhand von Dokumenten nachweist, dass die Bombe nicht notwendig war, um den Krieg zu gewinnen, dass sie möglicherweise nicht einmal ausschlaggebend war, sondern dass auch der Kriegseintritt der Sowietunion zur Kapitulation Japans geführt haben könnte, und dass es vor allem darum ging, Japan ohne Hilfe der SU zu besiegen.

Die andere Seite besteht darin, dass die Atombombenabwürfe es den Japanern erlauben, sich als Opfer zu fühlen. Sie fielen einer Waffe zum Opfer, die schrecklicher ist als alles, was es davor oder danach gab. Dabei kann man schon mal vergessen, dass man selbst den Krieg begonnen und während des Krieges diverse Kriegsverbrechen begangen hat. (Dies gilt selbstverständlich nicht für alle Japaner. Auch in Japan gibt es Menschen, die mahnen, die eigene Geschichte korrekt zu erinnern und korrekt den Schulkindern zu vermitteln.)

TV-Tropes stellt die Moral der Geschichte (den „Aesop“, benannt nach dem griechischen Erzähler von Fabeln) „keine Atombomben benutzen“ als eine Botschaft dar, die von allen unterstützt werden kann. Allerdings gibt es auch Kritik: Es könnte sich um Space Whale Aesop handeln. Tatsächlich dient „Gojira“ als Beispiel, um zu erklären, was ein Space Whale Aesop ist. „Baue keine Atomwaffen, denn durch die Atomwaffentests könnten riesige Monster entstehen, die dann Tokio bedrohen“ ist keine besonders glaubwürdige Botschaft (es sei denn, man sieht das Monster als Allegorie.)

Vielleicht sollte die Geschichte ursprünglich überhaupt keine Botschaft vermitteln, vor allem keine Botschaft, die für die Zuhörer ohnehin selbstverständlich war. Vielleicht ging es um etwas anderes: Irgendwie den Schock verarbeiten, dem Schrecken eine Gestalt geben. Die von der Atombombe unmittelbar hervorgerufenen Zerstörungen waren schrecklich, aber es war nicht sofort klar, dass es sich um eine viel fürchterlichere Waffe handelte als die konventionellen Bomben, die im März Tokio in einem konventionellen Feuer vernichtet hatten, ebenfalls mit ungefähr 100 000 Toten. Die wahren Schrecken zeigten sich erst später mit der Strahlenkrankheit und mit erhöhten Krebsraten selbst Jahrzehnte nach dem Krieg. Laut TV-Tropes ist das der eigentliche Sinn eines Space Whales: darstellen, was eigentlich nicht darstellbar ist.

Nationale Traumata 2014

Im neuen Film geht es nur noch entfernt um Atombombentests. Sie werden immerhin erwähnt: Angeblich hätte es sich gar nicht um Kernwaffentests gehandelt, sondern um Versuche, Godzilla/Gojira zu töten. So kann man auch mit der Frage von Kernwaffen umgehen: Sie sind nicht wirklich böse, sondern eine wichtige Waffe um Monster zu töten. Allerdings haben sie nicht gewirkt, insofern bleibt die Geschichte kritisch. Außerdem ist Godzilla jetzt einer von den Guten. (Laut TV-Tropes ist er nicht der erste Godzilla-Film, in welchem dies der Fall ist.)

(Ich merke, dass ich sehr viel TV-Tropes zitiere. Ich mag diese Seite sehr: Sie hat einen trockenen Humor und Sinn für Realität. Ich bin mir aber auch bewusst, dass es wissenschaftlicheres als TV-Tropes gibt.)

Dafür gibt es jetzt ein Kernkraftwerk, das von einem anderen Monster, einem Muto, zerstört wird. Zunächst denkt man allerdings, es handle sich um ein Erdbeben. Dabei wissen die, die Ahnung haben (etwa der Vater des Helden) von Anfang an, dass es kein Erdbeben sein kann. Einen Tsunami gibt es auch: Er zerstört Hawaii und tötet beinahe einen Hund. Es stellt sich die Frage, ob dieser Film nun eine Position für oder gegen die Nutzung der Kernenergie einnimmt: Ich denke, er spricht sich für Kernenergie aus: Uns wird bloß weisgemacht, dass Fukushima durch ein Erdbeben zerstört wurde, in Wirklichkeit war es ein Monster, das zwar riesengroß ist und alles zertrampelt, was ihm in den Weg kommt, das aber nicht böse ist, da es eben nur ein Tier ist, und wenn man es richtig anstellt, könnte es sogar sehr nützlich sein und die überschüssige Radioaktivität beseitigen, was auch das Problem mit der Endlagerung lösen würde.

Dumm nur, dass Fukushima tatsächlich nicht durch ein Erdbeben, sondern durch den anschließenden Tsunami zerstört wurde. Dumm auch, dass „Kernkraft ist ungefährlich, weil es Monster gibt, die uns helfen, die Radioaktivität zu beseitigen“ genauso wenig funktioniert wie „Atomwaffentests sind gefährlich, weil durch sie Monster entstehen.“

Monster

Als Jugendliche war ich hart im Nehmen. Ich sah gerne Thriller und Horrorfilme, und meine Lieblingsschauspielerin war Sigourney Weaver. Mittlerweile hat sich das geändert (Sigourney Weaver finde ich immer noch gut), und ich fürchte mich vor Monstern. Ich erschrecke ziemlich schnell. Ich sitze im Kino, frage mich, warum sich diese Monster nicht mit gewöhnlichen Schusswaffen töten lassen und denke an das Buch „die Welt ohne uns“. In einem Kapitel wird die Overkill-Hypothese diskutiert: Dass die sogenannte Megafauna (Tiere, die mehr als eine Tonne auf die Waage bringen) auf allen Kontinenten außer in Afrika und in Südostasien ausgerottet wurden. In Afrika und Südostasien hatten es die großen Tiere bereits mit dem Homo Erectus zu tun und lernten: Vorsicht, ist zwar klein, aber hat hat scharfe Faustkeile und beherrscht das Feuer. Die Riesentiere in Amerika (Steppenmammuts und Mastodons und einige richtig exotische Wesen wie Riesenfaultiere und Riesengürteltiere) wussten das nichts und machten den Fehler, Menschen zu unterschätzen – und die Menschen machten damals schon den Fehler, die Regenerationskraft der Natur zu überschätzen ( Riesentiere pflanzen sich langsamer fort als Kaninchen.)

Ich saß also in diesem Film und tröstete mich damit, dass es keine Monster gibt, die nicht von Menschen besiegt werden können, schon seit hunderttausend Jahren nicht, jedenfalls keine Riesenmonster. (Viren und Bakterien sind etwas anderes.) Monster sind ganz nett im Kino, aber eigentlich lebe ich gern in einer Welt ohne Monster, auch wenn diese die Probleme schön einfach machen: Man besiegt sie mit einigen Superwaffen. Kein Nachdenken, keine systemischen Probleme, die dadurch verursacht werden, dass alle sich so verhalten, wie es im gegebenen System zweckrational ist. Aber eigentlich ist mir eine Welt ohne Monster lieber.

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