Dokumentation zum Ersten Weltkrieg bei Arte: 14 Tagebücher (Teile 6 bis 8). Welche Geschichte wird erzählt?

Welche Geschichte erzählt wird

Am Wochenende habe ich einen Aufsatz von Hannes Heer aus dem Band „Hitler war’s“ gelesen. Er kritisiert die Dokumentationen von Guido Knopp, aber er kritisiert nicht „Infotainment“ und die Kombination von historischem und nachgestelltem Material, sondern die Botschaften, die Guido Knopp vermittelt. Das gleiche Kriterium müsste auf die Dokumentation von „14 Tagebücher“ angewandt werden. Es geht zwar (angeblich) um eine Mentalitätsgeschichte, aber es wird eben auch eine Version der Geschichte des Ersten Weltkriegs geboten, die Antworten auf die Fragen gibt, die nach Kriegsende und auch nach dem Zweiten Weltkrieg die Gemüter beschäftigten: Wer war Schuld am Ersten Weltkrieg? Wie ist der Versailler Vertrag zu bewerten?

(Kleine Anmerkung: Wenn man nicht nur die Filme sieht, sondern auch die Website durchliest, erhält man ein ausgewogeneres Bild des Krieges.)

Die großen Fragen: Kriegsschuld und Versailler Vertrag

Entscheidend für die Beantwortung dieser Fragen sind die erste und die achte Folge der Serie. In der ersten Folge geht es um den Beginn des Krieges und damit implizit um die Verantwortung beziehungsweise Schuld an diesem Krieg. In erster Linie wird Österreich als Bösewicht ausgemacht, es sei das Land gewesen, das den Krieg begonnen habe, ohne auf einen Krieg wirklich vorbereitet zu sein. Deutschland unter Wilhelm II sei ihm in den Krieg gefolgt. (Kein Wort davon, dass der Krieg nur beginnen konnte, weil Deutschland und Österreich ihn befürworteten. Wenn eines dieser beiden Länder zu der Einsicht gelangt wäre, dass ein Krieg zu gefährlich und obendrein ein Sieg aussichtslos ist, hätte es keinen Krieg gegeben.) Aber auch andere Ländern wird unterstellt, sie hätten ein Interesse am Krieg gehabt: Russland wollte das riesige Reich zusammenhalten und die Bevölkerung im Kampf gegen einen äußeren Feind vereinen. Frankreich sah Deutschland als eine Art Monster an.

Die zweite „große“ Frage ist die nach der Qualität des erreichten Friedens. Der Versailler Vertrag ist für einen großen Teil der deutschen Bevölkerung ein Ärgernis gewesen und geblieben, nicht nur wegen der Reparationen, die an die Siegermächte gezahlt werden mussten, sondern vor allem, weil auch festgelegt wurde, dass Deutschland und seine Verbündeten die Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs trugen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Demütigung, die die Deutschen durch den Versailler Vertrag erfahren hatten, als Begründung angeführt, warum sie dem Nationalsozialismus verfallen seien.

Vor allem dieser zweite Punkt ist wichtig. Die Verbrechen des Nationalsozialismus lasten viel schwerer als der Erste Weltkrieg, und gerne wäre man die Schuld los, die dadurch auf „den Deutschen“ liegt. (Damit meine ich „die Deutschen“ als Kollektiv, nicht jeden einzelnen Deutschen und auch nicht alle Deutschen als Ansammlung von einzelnen Menschen.) Wenn die Härte des Versailler Vertrags die Menschen veranlasst hat, sich dem Nationalsozialismus zuzuwenden, so liegt zumindest ein Teil der Verantwortung bei den Siegermächten des Ersten Weltkriegs.

Natürlich führt kein zwingender Weg von der Nichtakzeptanz des Versailler Vertrags zum Nationalsozialismus oder zum Zweiten Weltkrieg. Man kann sich problemlos einen Menschen vorstellen, der den Versailler Vertrag für ungerecht hielt und dennoch gegen den Nationalsozialismus war und einen erneuten Krieg ablehnte. Aber gerade weil häufig ein solcher Automatismus suggeriert wird, muss erstens der Versailler Vertrag ausführlich diskutiert und zweitens auch dieser angebliche Automatismus diskutiert werden. Und hier wird auch wieder die Schuldfrage wichtig: Wenn die deutsche und österreichische Regierung die hauptsächliche Verantwortung für den Krieg tragen, so stellt nicht der Versailler Vertrag selbst, sondern der Unwillen eines Teils der deutschen Bevölkerung, diese Schuld anzuerkennen, das eigentliche Problem dar.

Tatsächlich erfahren wir überhaupt nichts über den Versailler Vertrag. Er wird nicht einmal erwähnt. Nur implizit geht es um den nicht lange andauernden Frieden, der auf den Krieg folgte: Charles Montague darf ein paar Worte über die Behandlung von deutschen Kriegsgefangenen (auf unnötige Weise gedemütigt) und über die mangelnde Verhandlungsbereitschaft der britischen Führung sagen. Der Schlüsselsatz lautet: „Offenbar gibt es aber ein Bedürfnis, die Besiegten zu demütigen. Das wird die Zukunft der ganzen Welt vergiften.“ (Minute 29.23 in Teil 3). Der Satz wird nicht kritisiert oder hinterfragt, sondern als eine Art Prophezeiung stehen gelassen.

Ein paar Szenen weiter hören wir einen weiteren Kommentar von Montague: „Ich hoffe nur, dass unsere blutdurstigen Schreibtischgeneräle sich zurückhalten. Aber immer öfter zeigt sich gieriger Eifer, die Forderung nach Geld und Gebieten an das besiegte Deutschland. Wenn sich diese Leute durchsetzen, dann endet unser edler Kampf in schlichter Niedertracht.“

Wir wissen nicht einmal, an welchem Tag dieser Kommentar fällt. Es kann nur wenige Wochen vor Kriegsende gewesen sein: immerhin fand erst am 8. August die vernichtende Niederlage bei Amiens statt. Hindenburg und Ludendorff sind nicht sofort danach zurückgetreten. Es wird behauptet, sie hätten ihren Nachfolgern einen vollständigen Waffenstillstand empfohlen. Von einem tatsächlichen Waffenstillstandsangebot Deutschlands erfahren wir nicht, und schon gar nicht von Bedingungen, die mit einem Waffenstillstandsangebot verbunden gewesen wären. Nur von den Bedingungen der westlichen Alliierten an Deutschland erfahren wir. Sie werden als hart dargestellt.

Der Versailler Vertrag wird nicht dargestellt, außer eben in der „Prophezeiung“ Charles Montague. Dass er außer Gebietsabtretungen und Reparationen auch die Hoffnung auf eine Friedensordnung enthielt, wird nicht diskutiert. Dass die Demokratie ein Teil dieser Friedensordnung ist, auch nicht. Es wird behauptet, dass die meisten Menschen in Europa sich nach dem Krieg betrogen fühlten. (Kein Wort davon, dass mehr als zehn Jahre einschließlich Gründung des Völkerbunds und Abschluss des Briand-Kellog-Pakts zwischen Ende des Ersten Weltkriegs und Aufstiegs des Nationalsozialismus lagen.)

Andererseits erfahren wir auch etwas über den Separatfrieden, den Deutschland mit dem von der Revolution erschütterten Russland geschlossen hat. Er enthielt riesige Gebietsabtretungen an Deutschland und Österreich-Ungarn. „So sieht kein Frieden aus“, ist der Kommentar des Erzählers. Man kann ihn sich auf verschiedene Weise fortgesetzt denken. Die mir sympathischste ist die: nach diesem Friedensschluss mit Russland hatten die Deutschen kein Recht, sich über den Versailler Vertrag zu beklagen.

Allen geht es ungefähr gleich

So weit die großen Fragen, die abstrakte kollektive Subjekte wie etwa die jeweiligen „Völker“ betreffen. Sie werden in der Serie nebenher behandelt, aber eben doch nicht ganz verschwiegen. Das eigentliche Ziel der Serie besteht aber darin, eine „Mentalitätsgeschichte“ zu schreiben, also nicht die Geschichte irgendwelcher Abstrakta, sondern die von realen Menschen zu erzählen. Es ist ein wichtiges Unterfangen, da es am Ende immer reale Menschen, nicht um Abstrakta sind, die unter dem Krieg leiden – nur dass die realen Menschen nicht losgelöst von diesen Abstrakta zu denken sind. Der Krieg wird so nicht verstanden, und auch die realen Menschen werden nicht verstanden, wenn man nur ihr Leiden, aber nicht ihr Denken versteht, einschließlich ihrer Haltung zu den großen Abstrakta.

Themen wie „Hunger in der Heimat“, „Kriegsgefangenschaft“, „Liebe und Sexualität“, „Auszug in den Krieg“, „Sturmangriff“, „Leben in Schützengräben“, „Erschießung von Deserteuren“ werden behandelt, indem Zitate von Menschen aus allen am Krieg beteiligten Ländern vorgelesen werden. Dies suggeriert, dass es keine wesentlichen Unterschiede zwischen der Situation dieser Menschen gab. Es ist ein ehrenwertes Unterfangen, das zur Versöhnung beitragen mag, indem die Gleichheit der Menschen betont wird, aber Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern werden vernachlässigt. Zum Beispiel war die Versorgungslage in Deutschland und Österreich in Deutschland deutlich schlechter als in England oder Frankreich. (Im der achten Folge wird dies deutlich.) Es wird auch so getan, als hätte es keinen Unterschied gemacht, ob man im eigenen Land kämpfte und das eigene Land verteidigte, oder auch einem angegriffenen Land zu Hilfe eilte, oder ob man ein fremdes Land überfallen hatte. Was ging in den Deutschen vor, die in Belgien oder Frankreich stationiert waren und trotzdem der Meinung waren, das Vaterland zu schützen?

Innenpolitik

Die Westmächte (England, Frankreich, Belgien) waren nach heutigen Maßstäben keine Demokratien. Insbesondere das Wahlrecht entsprach nicht heutigen Kriterien. Ob ein Mann wählen durfte und wie viel seine Stimme zählte, hing davon ab, wie viel Steuern er bezahlte. Arme Männer zählten weniger als reiche Männer. Frauen zählten gar nicht. Dennoch waren sie in vieler Hinsicht demokratischer als Deutschland, Österreich oder auch Russland. König und Adel waren weitgehend entmachtet. Das Parlament und die gewählte Regierung, nicht der Monarch und seine Berater entschieden über Krieg und Frieden. Das Parlament musste Waffen und Männer für neue Offensiven bewilligen. (Tatsächlich musste auch der Reichstag die Kriegskredite bewilligen. Dass er dies tat, ist ein trauriges Kapitel vor allem in der Geschichte der Sozialdemokratie.)

Stattdessen bekommen wir den Eindruck, als hätte es in allen Ländern nur „die da oben“ und „die da unten“ gegeben. Die unten leiden, die oben haben die Macht. Es geht aber nicht um eine Analyse des kapitalistischen Systems, das den Staat als Herrschaftsinstrument braucht (egal ob demokratisch oder nicht), sondern um ein einfaches Ressentiment gegen „die da oben“. Die (bürgerliche) Februarrevolution in Russland, die Meutereien in der französischen Armee anlässlich der Nivelle-Offensive am Chemin des Dames und Streiks von Arbeiterinnen in England werden behandelt, als seien sie Ausdruck derselben politischen Stimmung.

Eine Frage, die sich mir seit einigen Wochen stellt, seit ich mich wieder mit dem Ersten Weltkrieg und der Schuldfrage beschäftige, ist die nach der inneren Struktur der Länder und wie sie mit der Kriegsschuld zusammenhing. Welche Rolle spielte der Wunsch, die eigene Machtposition zu festigen? Tatsächlich ist diese Taktik nur für kurze Zeit aufgegangen: Die Kaiser von Österreich und Deutschland, der russische Zar, der türkische Sultan wurden gestürzt. In den westlichen Demokratien wurde das Wahlrecht auf alle Männer ausgeweitet (nachdem man von ihnen verlangt hatte, fürs Vaterland zu sterben.) Frauen erhielten es in den neuen Demokratien früher als in den alten. (Allerdings gab es ein paar Länder, in denen sie es schon vor dem Krieg erhalten hatten. Es waren Länder, die während des Ersten Weltkriegs neutral blieben, mit Ausnahme Neuseelands.)

Teil Sechs: ohne Marina Yurlova

Der sechste Teil schildert die Not in der Heimat. Insbesondere in Deutschland und Österreich, aber auch in Russland werden Lebensmittel knapp. Was da ist, braucht die Armee. Auch Metalle und andere Rohstoffe werden knapp, und es zeichnet sich ab, dass dies den Ausgang des Krieges bestimmen wird. Wir erfahren aber auch davon, wie die deutschen Besatzer die besetzten Gebiete in Belgien und Frankreich ausplündern und

Sonst erfahren wir von zwei Kindern, die wir schon kennen, Elfriede Kuhr und Yves Congar. Yves Congar lebt im von Deutschen besetzten Sedan. Die Wohnung der Familie wird von den deutschen Besatzern ausgeplündert: Sie nehmen Lebensmittel und Einrichtungsgegenstände. Am schlimmsten ist der Abschied vom Vater, der von den Deutschen als Geisel genommen wird, weil von der Stadt Sedan eine Million Mark als „Reparationen“ verlangt werden. Erst wenn die Summe bezahlt ist, sollen die Geiseln freigelassen werden.

Elfriede Kuhr lebt immer noch mit ihrer Großmutter in Schneidemühl. Gemeinsam mit anderen Kindern und Jugendlichen sammelt sie Altmetall für die Rüstungsindustrie, spendet Kartoffeln für ein Säuglingsheim (die dort aber nicht gebraucht werden) und arbeitet schließlich dort als freiwillige Helferin. An ihrem Beispiel wird gezeigt, wie die Kinder von der Propaganda beeinflusst werden und wie die Opferbereitschaft der Kinder ausgenutzt wird.

Wir lernen außerdem Ethel Cooper kennen, eine Australierin, die als Klavierlehrerin in Deutschland lebt. Wir sehen, wie sie in ihrem Kampf ums Überleben immer weitere Wertgegenstände aus ihrer Wohnung gegen Güter eintauscht, die wichtig sind, aber verbraucht werden: Kohlen und Lebensmittel. Sie versucht, eine Ausreisegenehmigung zu erhalten, aber es funktioniert nicht.

Bis auf die Geschichte von Yves Congar spielt der größte Teil der Folge in Deutschland. Sowohl Ethel Cooper als auch Elfriede Kuhr sind Anlass, von den Zuständen in Deutschland zu berichten. Durch Yves Congar erfahren wir aber auch vom Elend in den besetzten Gebieten.

Die „Bösewichte“ sind die Menschen, die durch den Krieg gewinnen: die sogenannten „Raffkes“. Bankhäuser und Industrielle, aber auch Bauern, Händler und Schmuggler machen Gewinn. (Aber sind sie es, oder ist es die Regierung, die den Krieg nicht beendet, die für das Elend verantwortlich ist?)

Teil Sieben: Marina Yurlova ist wieder dabei

Wir erfahren von den Revolutionen in Russland, erst im Februar, dann im Oktober und November. Wir erfahren davon von Marina Yurlova, die erstens etwas naiv ist und zweitens aus einer Kosakenfamilie stammt, die traditionell dem Zar treu ergeben ist. Sie wagt nicht, ihrem Hauptmann zu widersprechen, aber sie nimmt auch Anteil am Schicksal der einfachen Soldaten, denen sie den Befehl übermittelt, sich zum Angriff bereit zu halten. Letztendlich verrät sie jedoch die einfachen Soldaten, indem sie ihnen nicht die Wahrheit sagt: dass der Zar abgedankt hat. Kein Wunder, dass sie sich am Ende nicht nur gegen den Hauptmann, sondern auch gegen sie wenden.

Wir erfahren außerdem von Streiks der Arbeiterinnen in England. Sie wehren sich gegen harte Arbeitsbedingungen. Gabrielle West arbeitet als Polizistin und hat die Aufgabe, die neuen Anforderungen durchzusetzen, ist dieser Aufgabe aber nicht gewachsen, da sie gerne auf freundlichem Fuß mit den Arbeiterinnen stehen möchte. Am Ende wechselt sie spontan die Seiten und kritisiert den Fabrikbesitzer für die Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. Sie wirkt extrem unreif auf mich.

Drittes Thema sind die Meutereien in der französischen Armee. Sie weigern sich, bei einer weiteren Großoffensive verheizt zu werden, und sie fordern bessere Verpflegung und Urlaub. Louis Barthas, ein Unteroffizier, steht auf der Seite der Mannschaften, er verhandelt mit dem Offizier. Er wirkt viel glaubwürdiger als Gabrielle West: Seine Position zwischen den Offizieren und Mannschaften ist real, aber er geht verantwortungsbewusst damit um, er ist solidarisch mit den Männern, für die er verantwortlich ist, aber er ist sich seiner Rolle als Vorgesetzter bewusst. Er führt für seine Männer die Verhandlungen mit dem Hauptmann. (Auch der Sergeant, dem Marina Yurlova den Befehl zum Angriff des Hauptmanns übergibt, ist gleichzeitig solidarisch mit seinen Leuten und sich seiner Rolle als Vorgesetzter immer bewusst.) Es wird erzählt, dass die Franzosen kriegsmüde gewesen seien – es wird nicht gefragt, was passiert wäre, wenn sie im Sommer 1917 tatsächlich den Krieg beendet hätten. Sie hätten die Deutschen nicht aus dem Land vertrieben.

Neben diesen Aufständen (von deutschen Aufständen, die es auch gab, erfahren wir nichts) lernen wir auch die Militärpsychiatrie der damaligen Zeit kennen. Vincenzo d’Aquila ist dort gelandet. Wir erfahren von den psychischen Krankheiten der Frontsoldaten, die das Leben und Sterben in den Schützengräben nicht mehr aushalten, und von den unzulänglichen, eher an Folter als an Therapie erinnernden Methoden der Psychiater.

Teil Acht: Soldaten und Kinder

Die achte Folge erzählt vom letzten Kriegsjahr. Sie beginnt mit der Kapitulation Russlands unter der neuen bolschewistischen Regierung und der sogenannten „Michaelsoffensive“, der letzten Offensive der Deutschen im Frühling 1918, ermöglicht dadurch, dass jetzt alle Kräfte auf die Westfront konzentriert werden können. Wir sehen sie durch die Augen von Charles Montague auf der Seite der Allierten und Ernst Jünger auf der Seite der Deutschen. Beide sind irgendwie fasziniert. Montague bleibt länger als nötig auf seinem Posten im Hinterland, anstatt sich zurückzuziehen. Ernst Jünger schreibt wieder in poetischen Worten über Feuerwalzen und seine Erregung.

Eine der merkwürdigsten Erkenntnisse der Michaelsoffensive: Die Deutschen stellen fest, dass die Versorgung der englischen Truppen deutlich besser ist als die eigene. Der Kampfmoral tut dies nicht gut, denn sie ziehen daraus den korrekten Schluss, dass der Gegner längst nicht so erschöpft ist wie Deutschland. Trotz der Erfolge zweifeln sie, dass der Krieg gewonnen werden kann.

Es wird berichtet, wie nahe die Deutschen der französischen Hauptstadt kommen: so nahe, dass sie sie mit ihren Geschützen bombardieren können. Nach 25 Minuten gesteht der Film aber ein, dass der militärische Nutzen der Offensive praktisch null ist (trotz hoher Verluste): Engländer und Franzosen haben den Angriff ins Leere laufen lassen, wie es sonst die Deutschen taten, dann schlagen sie zurück, jetzt mit den Amerikanern an ihrer Seite. (Mich wundert, dass Giftgas als Waffe der Deutschen bezeichnet wird. Schon längst vorher hatten Engländer und Franzosen selbst Giftgas entwickelt.)

Ernst Jünger offenbart sein wahres Gesicht: Er versucht trotz der sicheren Niederlage seine Soldaten davon abzuhalten, sich gefangennehmen zu lassen. Dagegen fühlt Charles Montague Mitleid mit den gefangenen Deutschen, besonders wenn sie von Journalisten gedemütigt werden.

Die Geschichte Marina Yurlovas geht weiter. Von den Bolschewiken ist sie in einem Gefängnis festgesetzt worden. Sie versteht nicht, was um sie herum passiert ist. Sie hört, wie andere Gefangene erschossen werden. Gerade noch rechtzeitig wird die Stadt, in der sich das Gefängnis befindet, von den „Weißen“ befreit. Marina Yurlova ist die einzige Überlebende.

Die Sicht der Zivilisten lernen wir durch die Augen von Kindern kennen, die mittlerweile zu Jugendlichen herangewachsen sind. In den letzten Monaten der Besatzung räumen die Deutschen noch einmal das Haus der Familie aus und zwingen ihn, auf den deutschen Sieg zu trinken. Der deutsche Hauptmann träumt vom Einzug in Paris. Elfriede Kuhr erkennt, dass sie von der Propaganda belogen worden ist: der oft versprochene Sieg, der angeblich kurz bevorstünde, wird nie kommen.

Am Ende überschlagen sich die Ereignisse: Rücktritt Hindenburgs und Ludendorffs, Waffenstillstandsbedingungen der Allierten für Deutschland, Flucht des Kaisers nach Spa, Selbstmordkommando für die Hochseeflotte, Aufstand der Matrosen, Revolution. Erst jetzt ein Datum: Vierter November. Trotzdem wird noch weiter gekämpft, erst jetzt ziehen sich die Besatzer aus Sedan zurück. Es sind die Offiziere, die den Kampf sinnlos verlängert haben. Am neunten November werden zwei Republiken ausgerufen, am 11. November ist dann Waffenstillstand. Elfriede Kuhr sucht das Grab von Leutnant Waldecker auf.

Zum Abschluss noch einige Worte über die vierzehn Protagonisten, von Westen nach Osten:

Charles Montague:

Vorher Pazifist, zu Beginn des Krieges dann Freiwilliger, obwohl er zu alt ist. Wie ein Jüngling dürstet es ihn nach Gefahr, und er leidet darunter, dass seine Vorgesetzten der Ansicht sind, dass er an der Front nicht von Nutzen ist, dafür aber umso mehr als Chefzensor der Armee. Am Ende des Krieges nimmt er Partei für die gedemütigten Deutschen. Wie er später denkt, erfahren wir nicht. Differenzierte politische Analysen, zu denen er bestimmt fähig war, erfahren wir nicht.

Gabrielle West:

Sie taucht nur in zwei Episoden auf und dient dazu, die Arbeit in den Munitionsfabriken darzustellen (die in Deutschland wahrscheinlich nicht weniger gesundheitsschädlich und gefährlich war als in England.) Fast unangenehm finde ich, wie sie sich als Polizistin auf die Seite der Arbeiterinnen stellt, so unglaubwürdig ist sie. In Wirklichkeit steckt sie in einem furchtbaren Rollenkonflikt, dem sie nicht gewachsen ist.

Sarah MacNaughtan:

Die einzige der vierzehn Hauptpersonen, die während des Krieges stirbt (an einer Krankheit.) Sie dient in erster Linie dazu, die Situation der Krankenschwestern und den Völkermord an den Armeniern darzustellen.

Yves Congar:

Durch die Augen eines Kindes wird die deutsche Besatzung in Frankreich dargestellt. Wir lernen die Härte der Besatzer kennen, dazu die hilflose Wut des Jungen. Laut Steckbrief wird der Junge später Priester, nimmt am zweiten Vatikanischen Konzil teil und stirbt im hohen Alter als Kardinal. Da er einige Zeit Lehrverbot hatte, gehe ich davon aus, dass er ein eher kritischer, linker Priester war.

Louis Barthas

Vor dem Krieg Pazifist und Sozialist, dann Unteroffizier. Nach dem Krieg kehrt er in sein Dorf und in sein altes Leben zurück. Anscheinend ist er immer noch Sozialist. Von allen vierzehn Protagonisten ist er derjenige, den ich am sympathischsten finde.

Marie und Paul Pireaud

Sie dienen in erster Linie der Illustration des Trennungsschmerzes von Liebenden während des Krieges.

Vincenzo d’Aquila

Er dient in erster Linie der Illustration der italienischen Front des Krieges und der Berichte über die Kriegspsychiatrie.

Käthe Kollwitz

Vor dem Krieg Sozialistin, dann verfällt sie wie ihr Sohn für kurze Zeit der Kriegsbegeisterung, anschließend arbeitet sie am Denkmal für ihren Sohn. Davon, dass sie ihren Plan ändert und nicht ihren Sohn, sondern ihren Mann und sich selbst darstellt, davon, dass das Denkmal immer noch in Belgien steht, erfahren wir nichts. Auch nichts davon, dass sie wieder zur Pazifistin wird. Man hätte an ihrem Beispiel die Umschwünge innerhalb der Sozialdemokratie darstellen können (erst Burgfrieden, am Ende aber doch Revolution), aber diese Chance lässt sich der Film entgehen.

Ernst Jünger

Ich knabbere immer noch daran, dass die Filme seine Geschichte unkommentiert mit aufnehmen. Klar, Menschen wie er gehören in eine Mentalitätsgeschichte des Krieges, aber ohne Hintergrundwissen kann man seine Texte nicht einordnen.

Elfriede Kuhr

Durch ihre Augen erfahren wir, wie der Krieg für die Menschen in der Heimat wirkt. Kinder als Erzähler zu wählen scheint mir mittlerweile problematisch: Angeblich sind sie unschuldig, tatsächlich sind sie besonders empfänglich für Propaganda. Erwachsene, die die politische Situation analysieren können, wären interessanter gewesen. Tatsächlich ist Elfriede Kuhr zu einer sehr interessanten Frau herangewachsen, einer Künstlerin, die sich sozial engagierte und zur Kommunistin wurde. Ihre Anisichten als Erwachsene wäre interessant gewesen.

Karl Kasser

Karl Kasser ist der Gegenpol zu Ernst Jünger auf der Seite der Mittelmächte. Gegen seinen Willen ist er eingezogen worden, und den Krieg empfindet er in erster Linie als Elend. Mir ist vor allem aufgefallen, wie er Mitgefühl für seine Mitmenschen bewahrt, während Ernst Jünger Gewalt und Zerstörung mit poetischen Worten beschreibt.

Marina Yurlova

Marina Yurlovas Geschichte ist die spannendste von allen. Ich hätte nicht gedacht, dass während des Ersten Weltkriegs Frauen als Soldaten dienten, und noch nicht einmal verkleidet, sondern offen als Frau. Andererseits habe ich mich auch immer wieder über ihre Naivität geärgert, vor allem, wenn sie ihre Mitmenschen dadurch in Gefahr bringt. Immer wieder zeigt sie Mitgefühl, aber sie scheint nicht tiefer nachzudenken und nicht zu handeln. Manchmal sieht man sie kämpfen, aber viel öfter sieht man ihre Angst.

Ethel Cooper

Eine Australierin, die versucht, in Deutschland zu überleben. Ihre Geschichte dient der Darstellung der Not in Deutschland.

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4 Antworten zu Dokumentation zum Ersten Weltkrieg bei Arte: 14 Tagebücher (Teile 6 bis 8). Welche Geschichte wird erzählt?

  1. Mediennerd schreibt:

    Den Ersten Weltkrieg finde ich geschichtlich gesehen extrem spannend, vor allem weil man im Allgemeinen kaum etwas dazu in der Schule gelernt hat, zumindest war das bei mir der Fall. Bei uns hieß es damals immer nur 2. Weltkrieg aber nie gab es etwas zu der Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Daher weiß auch ich nicht sehr viel, nur grundsätzliche Daten und das, was man eben hier- und da so aufschnappt. Daher war ich natürlich auch schon im Vorhinein extrem gespannt, was mich in dieser Dokureihe mit 14 Schicksalen erwartet.

    • susanna14 schreibt:

      Der Erste Weltkrieg ist auf jeden Fall spannend. Ich bin vor ein paar Jahren im Urlaub in die Weltkriegsgegend geraten und habe dadurch sehr viel gelernt, das meiste übrigens aus englischer, belgischer oder französischer Sicht. Ich habe auch gemerkt, wie viel ich nicht gewusst habe, zum Beispiel wusste ich nicht, warum der Erste Weltkrieg am Ende doch verloren ging und nicht noch ein paar weitere Jahre in den Schützengräben verbracht wurden. Anscheinend war nach der gescheiterten Offensive im Frühling 1918 allen Menschen in Deutschland, insbesondere den Soldaten selbst, klar geworden, dass der Krieg nicht zu gewinnen war. Ich hatte auch wenig Ahnung von den großen Offensiven. Ich hatte zwar schon von Verdun und der Somme gehört, aber ich wusste nicht wirklich, was dort losgewesen war, und dass eine große Schlacht stattgefunden hatte, deren antiklimaktisches Ende die Eroberung von Passchendaele war, erfuhr ich erst, nachdem ich tatsächlich durch das Dorf hindurchgefahren war (200 000 Verluste auf beiden Seiten.)

  2. Realitätbrennt schreibt:

    Ich lese deine Texte mit Gewinn und danke dir dafür, auch für deine Akribie. Bei mir, das liegt jetzt aber nicht an deinem Text, sondern an meinen Bemühungen um eine eigene Position, hat sich dabei folgender Gedanke entwickelt:

    Die Frage der Kriegsschuld wird überbewertet.

    Das Verhalten von Einzelnen, von Kriegstreibern will ich damit nicht relativieren, schon garnicht die Rolle des Militarismus, der wichtige Teile der Gesellschaft durchdrungen hat, nicht nur in Deutschland, sondern in vielen europäischen Staaten. Wobei der deutsche Militarismus noch einmal eine Geschichte für sich ist, glaube ich. Ich überlege, inwieweit man bestimmten Schichten und Gruppierungen der Bevölkerung, quasi teilkollektiv, doch eine Kriegsschuld geben kann, zum Beispiel den Schichten, die sich am Liebsten am Boden der Ukraine bereichert hätten. Ich denke auch an die unseligen Stellung von Offizieren in der wilhelminischen und vorwilhelminischen Gesellschaft und was das wiederum mit der ganzen Gesellschaft angestellt hat.

    Besonders bedanke ich mich dafür, dass ich in diesen ganzen Zusammenhängen den Begriff „Versöhnungspolitik“ lesen konnte. Ich hatte das garnicht mehr parat, und wie wichtig ist das doch!

    • susanna14 schreibt:

      Danke für die Komplimente!

      Über die Schuldfrage: ich glaube, sie ist wichtig, weil sie immer noch politisch relevant ist. In der Jungle World habe ich vor kurzem einen Artikel Das Unschuldslamm gelesen, in welchem gezeigt wird, worum es wirklich geht: Wieder selbstbewusst nationale Interessen vertreten, oder das, was man für nationale Interessen hält. Dazu kommt, dass man „als Deutscher“ wieder gut fühlen kann, ähnlich als wenn die Fußballnationalmannschaft den Titel holen würde. Zwar hätte man noch lange nicht den Ersten Weltkrieg gewonnen, aber zumindest wäre man nicht schuld daran. Ich glaube, es hat auch ganz viel damit zu tun, wen man als „wir“ definiert, so wie manche Menschen „wir haben gewonnen“ sagen, wenn „ihre“ Fußballmannschaft gewonnen hat, auch wenn sie selbst nicht mitgespielt haben. Wer ist „wir“? Gehört Kaiser Wilhelm II zu diesem „wir“?

      (Ich bin jetzt nicht dafür, als Deutsche ständig mit voller Schuldgefühl durch die Welt zu reisen, was die meisten Deutschen ohnehin nicht tun. Es reicht, ganz normal durch die Welt zu reisen, mit gewissem Respekt für die Menschen in den Ländern, in die man reist. Und was die internationale Politik anbelangt, so bin ich auch dafür, dass Regeln etabliert werden statt dass es nur darum geht, „sich durchzusetzen“. Und wenn die Menschen das einsehen würden, dann ist die Schuldfrage tatsächlich nicht mehr besonders wichtig. Aber so lange es Menschen gibt, für die „deutsche Interessen durchsetzen“ und „als Deutsche wieder mehr Selbstbewusstsein und Führungsstärke zeigen“ wichtig ist, so lange ist auch die Schuldfrage wichtig.)

      Ein Rätsel ist für mich Christopher Clark, aber nachdem ich die DIskussionsrunde mit Sönke Neitzel, Wolfram Wette und Guido Knopp gesehen habe, denke ich, dass auch er einen Grund hat: Wenn er Österreichs Ultimatum an Serbien verteidigt, dann verteidigt er gleichzeitig das Eingreifen in Afghanistan im Jahr 2001. Das heißt: Wenn über Schuld und Verantwortung für den Ersten Weltkrieg gestritten wird, dann geht es gleichzeitig darum, rechtliche Normen für die Gegenwart zu diskutieren, insbesondere das Verbot von Angriffskriegen.

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