Ob der ESC eine nationalistische oder internationalistische Veranstaltung sei

Kurze Antwort: Sowohl als auch. Lange Antwort hinter dem Cut.

Vor einem Jahr habe ich ein Seminar zum Thema „nationale Identität“ besucht. Grundtenor: Nationale Identitäten und überhaupt Nationen und Nationalität sind konstruiert. Dies gilt insbesondere für die sogenannte „ethnische Nationalität“ im Gegensatz zur republikanischen, beziehungsweise für das Volk im Gegensatz zur Nation. Die Zugehörigkeit zu einer Ethnie hat nichts mit Staatsbürgerschaft zu tun (allerdings ist das Staatsbürgerrecht mancher Länder, unter anderem Deutschlands an der angeblichen ethnischen Zugehörigkeit orientiert), sondern mit Sprache, Abstammung, manchmal mit Religion und vor allem mit Kultur. Im Grunde ist Abstammung das grundlegendste dieser Prinzipien, nur dummerweise ist es praktisch unmöglich nachzuweisen, dass alle Angehörigen eines Volksstamms tatsächlich die gleiche Abstammung haben, vor allem deswegen, weil ziemlich klar ist, dass sie nicht alle die gleiche Abstammung haben und dass selbst ins kleinste Bergdorf und auf die entlegenste Insel immer wieder Leute von auswärts eingeheiratet haben. Bei der Sprache ist es einfacher, klar zu sagen, wer welche Sprache als Muttersprache spricht, und Kultur ist gerade wegen der diffusen Definition sehr praktisch, wenn man die ethnische Einheit einer bestimmten Gruppe betonen will. Allerdings gibt es dann oft eine Neigung, zu behaupten, man könne eine Sprache oder Kultur nur dann richtig lernen, wenn man hineingeboren sei, so dass alles wieder auf Abstammung hinausläuft.

Eines der Referate war über den ESC und welche Rolle Nationalismus beim ESC spielt. Was ich jetzt schreibe, ist also nicht alles auf meinem Mist gewachsen, allerdings weiß ich den Namen der Referentin nicht mehr und ich weiß nicht, ob sie gerne in einem Amateurblog zitiert werden möchtet. Außerdem schreibe ich aus dem Gedächtnis.

Der ESC wurde nach dem Zweiten Weltkrieg ins Leben gerufen. Damals nahmen nur wenige europäische Länder daran teil. Ziel war die Förderung des Friedens: Anstatt sich gegenseitig umzubringen, sollten sich die Völker in einem friedlichen Sängerwettstreit messen. (Ja, ein bisschen wie im Mittelalter.) Sie sollten dabei ihre Liedkultur präsentieren. Damals war es auch so, dass es noch Pflicht war, in der Landessprache zu singen.

Es war bestimmt ein Fortschritt, dass sich die Menschen nicht mehr totschlugen, aber einige Aspekte der Ideologie des Nationalismus blieben: Menschen lassen sich hübsch säuberlich in Nationen einteilen, sie sollen als Künstler ihre eigene Nation (und Kultur!) repräsentieren, sie sollen sich freuen, wenn ein Künstler der eigenen Nation gewinnt, denn dann hat nicht nur dieser oder jener Künstler gewonnen, sondern die ganze Nation. Lena ist nach ihrem Sieg mit schwarz-rot-goldenen Papierblumen nach Hannover zurückgeflogen. Die Teams ganzer Sendeanstalten sehen es als nationalen Mission, die beste Sängerin oder den besten Sänger für den ESC zu finden… Im Fußball ist es übrigens ähnlich: Es ist ein Fortschritt, wenn sich die Menschen nicht mehr umbringen, sondern gegeneinander Fußball spielen, aber das Grundkonzept bleibt: Es gibt Nationen (auch wenn diese konstruiert sind), die Spieler spielen für die eigene Nation, und wenn sie gewinnen, darf sich die ganze Nation als Sieger fühlen.

Es gibt aber auch Unterschiede zum Fußball, und diese hintertreiben das nationalistische Konzept. Zum Beispiel darf nicht für das eigene Land gestimmt werden. Dies war schon so, als noch Jurys die Punkte vergaben und das Publikum noch nicht selbst abstimmen konnte. Diese Regel unterstellt, dass die Menschen, wenn sie für die eigene Nation stimmen könnten, dies unabhängig von der Qualität des Liedes tun würden, weil Nationalstolz wichtiger ist als eigener Geschmack. Dass man für irgendein anderes Land stimmen soll, passt aber nicht wirklich zum Konzept der verschiedenen Kulturen, die nicht miteinander kompatibel seien und nicht miteinander verglichen werden könnten. Sie wären dann so unterschiedlich, dass es nicht möglich wäre, ein Lied aus einer anderen Kultur überhaupt zu verstehen oder gar zwei Lieder aus unterschiedlichen Kulturen (die beide nicht die eigenen sind) miteinander zu vergleichen.

(Ein wenig zeigt sich das am Abstimmungsverhalten mancher „Blocks“. Was die Fernsehmoderatoren beklagen, nämlich dass sich bestimmte Länder gerne gegenseitig Punkte geben, lässt sich auch statistisch nachweisen. Dabei geht es aber nicht unbedingt um Nationalismus, sondern darum, dass diese Länder eine ähnliche Kultur haben. Bezeichnenderweise handelt es sich teilweise um Länder, deren Menschen sich noch vor kurzem bekämpft haben.)

Die Sänger sollen also die eigene Kultur präsentieren, aber um Stimmen zu bekommen, müssen sie Lieder singen, die Menschen aus anderen Kulturen gefallen. Zyniker und Vertreter des nationalistischen Konzepts mögen sagen, dass dies dann zu einem Kultur-Einheitsbrei auf kleinstem gemeinsamen Nenner führt. Andererseits würde ich auch nicht sagen, dass das Niveau höher war, als der Eurovision noch Grand Prix Eurovision de la Chanson hieß. Damals war es der kleinste gemeinsame Nenner innerhalb eines Landes, und das war noch unterirdischer als das, was es zur Zeit gibt.

(Und die klassische Musik, also die Art von Musik, mit der ich mich auskenne, war schon immer eine gesamteuropäische Angelegenheit und hat auch immer vom Kontakt mit Musik aus anderen Erdteilen profitiert. Austausch tut jeder Kunstform gut, und gerade Musik erstarrt, wenn sie nationalistisch eingegrenzt wird.)

Wenn es dann plötzlich noch um etwas ganz anderes geht als um die Frage, ob dieses oder jenes Land gewinnt, nämlich um die Frage, ob jemand wie Conchita Wurst gewinnen kann, dann ist das eine schöne Entwicklung. (Andererseits: Was ist mit Dana International aus Israel? Sie hat doch damals auch gewonnen?)

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