Bullying: Victim-Blaming oder nicht, und ein paar Bemerkungen zur Kultur des Bullying

Ich wollte eigentlich das Thema „Bullying“ hinter mir lassen und mich erfreulicheren Themen widmen und nur dann über Bullying schreiben, wenn ich mich über etwas ärgere. Leider ist dies schon wieder passiert, dieses Mal aufgrund einer quasiwissenschaftlichen Anzeige, die ich im aktuellen „Spektrum der Wissenschaft“ (April 2014) gefunden habe. Es handelt sich um eine Gemeinschaftsanzeige verschiedener Stiftungen, in denen für die Arbeit dieser Stiftungen geworben wird. (Für diejenigen, die ein Exemplar von „Spektrum der Wissenschaft“ besitzen: Die Anzeige befindet sich ziemlich weit hinten im Heft, hinter Seite 96.)

Eines dieser Projekte ist eine Stiftung, die sich um seelische Nöte von Kindern kümmern will, und zwar praktisch vom Kindergarten an: http://www.achtung-kinderseele.org/. Der Text beginnt mit der Schilderung der Probleme dreier Kinder, bei der ich mich beim ersten Lesen ziemlich aufregte und bei der ich beim zweiten Lesen dachte: Vielleicht verstehe ich ihn falsch. Beim dritten Mal dachte ich, dass ich ihn wohl beim ersten Lesen doch nicht falsch verstanden habe. Aber nun erst einmal der Text:

Luca wird schon seit Wochen von den anderen Jungs in seiner Kita-Gruppe gehänselt. Sie machen sich über seine langen Locken und seinen „Mädchennamen“ lustig. Luca wirkt traurig und ist auffallend still, macht keinen Versuch, sich zu wehren. Ist der kleine Junge ein Opfer frühen Mobbings? Was steckt hinter seiner niedergeschlagenen Stimmung?
Lena ist schon viereinhalb und traut sich dennoch auf keine Rutschbahn, im Stuhlkreis sagt sie nie ein Wort. Ist ihre Ängstlichkeit noch normal?
Rasmus dagegen plappert unentwegt, er kann kaum still sitzen, seine Eltern machen sich Sorgen, weil er abends nur schwer in den Schlaf findet. Sie fragen sich: Ist das schon ADHS?
Zehn Prozent aller Kinder zeigen bereits im Vorschulalter Verhaltensauffälligkeiten oder Abweichungen von der normalen Entwicklung….

Der Text fährt fort mit der Vorstellung seiner Projekte, die wohl im großen und ganzen sehr begrüßenswert sind. Vertreter von Gesellschaften für Kinderpsychiatrie und Kinderpsychologie wollen aktiv werden und Kindergärtner und KindergärtnerInnen beraten.

Am Ende kehrt der Text dann zu Luca, Lena und Rasmus zurück:

Luca, Lena und Rasmus haben noch etliche Jahre vor sich, bis sie so weit sind. Und sie haben Glück, denn ihre Eltern und Erzieherinnen tun viel, um Lucas Zuversicht, Lenas Mut und die Konzentrationsfähigkeit von Rasmus zu stärken.

Und jetzt sitze ich da und frage mich, ob mein spontaner Ärger angesichts des Artikels berechtigt war… Geärgert habe ich mich, dass Luca, der doch das Opfer des Bullying ist, als psychisch krank (zu ängstlich, wehrt sich nicht) abgestempelt wird, anstatt dass die Verantwortung bei den Bullies und bei den Kindergärtnerinnen, die nicht einschreiten, gesucht wird. Und das sind doch Wissenschaftler, die die Fachliteratur zum Thema Bullying kennen sollten.

Dann dachte ich: vielleicht überreagiere ich. Vielleicht ist einfach nur gemeint, dass ExpertInnen und KindergärtnerInnen aufmerksam wahrnehmen, was da los ist, und dafür sorgen, dass das Bullying endet. Im Moment denke ich wieder: Das Problem wird doch bei Luca und nicht bei den Bullies gesucht. Warum wird kein Beispiel gebracht von einem aggressiven Kind, das schon im Kindergartenalter dadurch auffällt, dass es immer der Anführer sein will und zwar nicht durch gute Ideen, sondern indem es andere Kinder einschüchtert? Warum werden die Bullies nicht als Kinder gesehen, die Unterstützung brauchen, um anderes Verhalten zu lernen, gerade im Kindergarten?

Ein Text auf der Website hat mich noch mehr ins Grübeln gebracht:

Als verhaltensauffällig wird ein Kind immer dann bezeichnet, wenn es sich oft erheblich anders verhält als die meisten Kinder seines Alters in gleichen oder ähnlichen Situationen. Welches Verhalten als normal und welches als auffällig bezeichnet wird, hängt aber auch von den Normen und Erwartungen, dem Kulturkreis und dem Alter ab. Ein etwa zweijähriges Kind, welches häufig Trotzanfälle mit selbstverletzendem und aggressivem Verhalten zeigt, verhält sich beispielsweise relativ normal. Die gleichen Verhaltensweisen bei einem Schulkind können hingegen als Verhaltensauffälligkeit bezeichnet werden. (http://www.achtung-kinderseele.org/html/themen/psychische%20stoerungen.html)

In was für einer Kultur leben wir, dass „sich wehren“ als normal angesehen wird, selbst in Situation, in denen dies ineffektiv, unmöglich oder sogar kontraproduktiv ist, und in der die Bullies nicht als behandlungsbedürftig angesehen werden?

(Ein paar Worte noch zum Thema „sich wehren“: Es gibt Situationen, in denen ist es aussichtslos, sich zu wehren, etwa wenn man krass in der Unterzahl ist. Es gibt Situationen, in denen es kontraproduktiv ist, sich zu wehren, etwa, wenn die Gefahr besteht, dass LehrerInnen oder ErzieherInnen, die hinzukommen, nur sehen, wie das Kind sich wehrt, und nicht, dass die Bullies angefangen haben. Erschwert wird das Problem dadurch, dass viele Kinder tatsächlich nicht gelernt haben, sich ruhig zu wehren: Sie rasten aus, wenn sie geärgert werden, und dadurch fallen sie den Lehrern und Lehrerinnen negativ auf, und die Schuld wird bei ihnen gesucht, während die Bullies oft sehr geschickt darin sind, durch versteckte Spitzen die Opfer auf die Palme zu bringen. Es gibt Situationen, in denen es fast egal ist, was das Opfer tut: Wenn es sich wehrt, ist es falsch, weil dann dem Opfer die Schuld gegeben wird, wenn es sich nicht wehrt, gilt es als schwächlich und feige und als jemand, der sich alles gefallen lässt.)

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