Kommentare zum Thema Bullying: Opfer sein ist nichts Subjektives

Wie es scheint, kann ich nicht systematisch über Bullying schreiben (und im Grunde möchte ich mich auch gerne anderen Themen zuwenden und mich nicht von etwas determinieren lassen, was mir aufgezwungen wurde), aber wenn ich das Thema anderswo diskutiert sehe, passiert es mir schon mal, dass ich mitdiskutiere, und dann geht es mir so, dass ich meine Kommentare ungern im Cyberspace verschwinden sehe. Dieses Mal kopiere ich nur einen meiner Kommentare hierher: Die Diskussion, in die ich anschließend hineingeraten bin, fasse ich nur zusammen. Außerdem gibt es ein paar Bemerkungen zu Terry Pratchett ganz am Ende.

Zunächst einmal der Link zu der Seite, wo ich kommentiert habe: Cybermobbing-Hysterie?

Und jetzt mein Kommentar:

Ich halte die Frage, was schlimmer sei, für müßig, vor allem weil beides oft Hand in Hand geht. Mobbing besteht ja auch nicht nur aus dieser oder jener einzelnen Handlung, sondern erst viele erniedrigende Handlungen gemeinsam bedeuten, dass jemand gemobbt wird. Selbst eine Handlung, die für sich genommen ganz normales “Ärgern” bedeutet, wie es unter Jugendlichen passiert, kann Bestandteil von Mobbing sein.

Es gibt Punkte, bei denen Cybermobbing schlimmer ist, es gibt Punkte, bei denen ist reales Mobbing schlimmer. Was bei Cybermobbing wegfällt, ist die körperliche Gewalt. Ich bin einmal von “Followern” einer Frau, die ich in ihrem Blog kritisiert hatte, bedroht worden – da war es beruhigend zu wissen, dass sie keine Ahnung von meinem realen Namen und meiner realen Adresse haben.

Zentraler Bestandteil von Mobbing ist immer die soziale Isolation. Auch die Mitschüler, die sich am Mobbing nicht beteiligen, wollen in aller Regel mit dem Opfer nichts zu tun haben. Wichtig sind dann nicht nur Rückzugsräume, sondern vor allem eben Räume, in denen die Opfer andere Menschen kennenlernen können und mit denen normale Beziehungen und normale Freundschaften aufbauen können. (Noch besser wäre es natürlich, wenn die Lehrer und Lehrerinnen etwas gegen dieses Mobbing unternehmen würden – aber wir reden ja gerade von der nicht so seltenen Situation, dass sie nichts tun, so dass es legitim ist, über Tipps zu reden, was das Opfer tun kann, wenn die Lehrer nicht helfen und es auch nicht die Schule wechseln kann. Lehrer oder Lehrerinnen sollten überhaupt keine Tipps geben – sie sollten sich informieren, wie sie wirksam gegen das Mobbing vorgehen können.)

Wichtig ist, dass diese neuen Räume nicht schon “verseucht” sind. Mir ist es als Jugendliche im Konfi so gegangen: Ein paar der Leute aus meiner Klasse waren auch dort, und schon wurde ich auf ähnliche Weise geärgert wie in der Schule. Ich vermute, das ist eines der Hauptprobleme von Cybermobbing: Selbst wenn man an einen neuen Ort kommt, wissen die Menschen von vornherein, was die Leute, die einen mobben, über einen denken. Ich fürchte, das ist nicht einmal dadurch zu verhindern, dass man nicht bei facebook ist. (Vor einer Weile las ich die Geschichte von einem Mädchen, das sich umgebracht hat, weil selbst mehrere Schulwechsel keine Hilfe brachten: immer folgten ihr Photos, die sie halbnackt zeigten. Ich habe mich auch mit Amokläufen beschäftigt: eines der Phänomene ist, dass sie fast alle in Kleinstädten stattfinden, wo jeder jeden kennt, so dass es für die Jugendlichen keine Rückzugsräume gibt.)

Das Internet kann ein Rückzugsraum sein, aber wahrscheinlich eben nicht Facebook, was in erster Linie dazu gedacht ist, mit Menschen zu kommunizieren, die man in Real Life kennt. Besser sind wahrscheinlich Räume, wo man sich nicht mit Klarnamen anmelden muss. Oder man muss Glück haben und Menschen finden, die bei Anblick eines Pornocollagephotos nicht auf das Opfer, sondern auf die Täter zornig werden.

Am besten ist es natürlich, wenn das Mobbing gestoppt wird – und zwar beide Formen.

Nach diesem Kommentar habe ich mich noch mit einem der anderen Kommentatoren angelegt, der behauptete, wenn man sich die Schikanen am Allerwertesten vorbei gehen lasse, würden sie einem nichts ausmachen. Nur wer sich mobben lasse, sei ein Opfer – wer die Schikanen ignoriere, dem würden sie nicht schaden und der sei demzufolge kein Opfer. Immerhin wurde körperliche Gewalt ausgenommen.

Ich versuchte, zu erklären, dass Mobbing kein rein subjektives Phänomen sei, dass man objektiv feststellen kann, welches Kind in der Klasse das Haupt-Opfer ist (und alle Lehrer können das, auch diejenigen, die angeblich von Mobbing noch nie gehört haben: diese bezeichnen es als „unbeliebt“ oder „Außenseiter“), und dass es einem Kind schadet, wenn es in der Schule keine Freunde hat.

(Beim Schreiben jetzt merke ich, dass „keine Freunde“ nur ein Teil des Problems ist. Ständige Angst ist ein anderes Problem. Vielleicht hätte ich anders argumentieren sollen. Aber da mein Diskussionsgegner meinte, wer die verbalen Angriffe ignoriere, brauche sich nicht zu fürchten, war es vielleicht besser, dass ich „keine Freunde“ geschrieben habe.)

Es geht auch nicht nur darum, Freunde zu haben oder keine Freunde zu haben. Es geht um normale Beziehungen zu anderen Kindern oder Jugendlichen: darum, dass man sich ohne Angst kennenlernen kann und dann feststellen kann, mit wem man gern befreundet sein möchte, mit wem man nur oberflächlichen Kontakt pflegt, wen man nicht so mag und so weiter, ohne dass alle diese Beziehungen vom Bullying überschattet sind.

Die Alternative, die mir vorgeschlagen wurde, war: Individualistisch bleiben, nicht mit dem Rudel laufen, sich nicht darum kümmern, ob man in der Klasse Freunde hat oder nicht.

Ich weiß nicht, ob das funktioniert oder nicht: ich vermute, es funktioniert teilweise, vielleicht neunzig-, aber nicht hundertprozentig. Das Problem besteht meiner Meinung nach darin, dass es sich um eine Überlebenstaktik handelt, die wie alle Überlebenstaktiken ihren Preis hat. Ich selbst habe eine andere Taktik „gewählt“ (so weit man bei einer Zehnjährigen von Wählen sprechen kann), und einen anderen Preis gezahlt. Ich habe die Schuld bei mir selbst gesucht und versucht, anders zu sein, damit ich nicht mehr gemobbt werde. Ich habe mich nicht an die Bullies angepasst (jedenfalls meistens nicht), sondern an die Jugendlichen, die ich cool fand und von denen ich akzeptiert werden wollte, aber es funktionierte nicht so richtig, und das Problem war, dass auch diese glaubten, dass ich das Mobbing verursachen würde, auch wenn sie sich selbst nicht daran beteiligten und mich mehr oder weniger akzeptierten. Außerdem nahmen sie an, dass die Persönlichkeit, die ich unter dem Eindruck des Mobbing entwickelt hatte, meine wahre Persönlichkeit sei – sie kannten mich ja nicht anders. (Das ist jetzt ein ganz neues Fass, das ich nicht weiter öffnen will.)

Ich habe ein paar Menschen kennengelernt, die sich nicht selbst die Schuld gaben, sondern sich sagten, dass die Bullies Idioten waren. Sie litten unter dem gleichen Problem wie ich und wie die meisten Opfer von Bullying: Nicht nur die eigentlichen Täter, sondern auch der Rest der Klasse mieden sie. (Ich hatte das Glück, dass ich seit der fünften Klasse ein paar Freundinnen hatte, die zu mir hielten – sie konnten nicht jedes Bullying verhindern, aber ich war dadurch nicht ganz allein, und im Gefolge dieser Freundinnen konnte ich auch mit einigen der Jungen herumhängen, aber nur wenn die Freundinnen dabei waren.)

Ich glaube, es ist wichtig für Jugendliche, dass sie mit anderen Jugendlichen auf normale Weise Kontakt aufnehmen können. Ich glaube, sie lernen dabei wichtige Fähigkeiten: wie gehe ich auf jemanden zu, den ich sympathisch oder interessant oder beides finde? Wie streite ich mit jemandem? Wie bringe ich die eigenen Ansichten und Meinungen ein, wie setze ich sie durch, wann ist es besser, mich selbst zurückzunehmen, nicht unbedingt wegen Ohnmacht, sondern vielleicht einfach aus Rücksicht? Wie nehme ich Kontakt zum anderen Geschlecht auf (oder auch zum eigenen)? All fehlt, wenn man damit beschäftigt ist, eine Bullying-Situation zu überleben. (Ich hatte zwar Freundinnen, aber selbst diese Freundschaften waren vom Bullying überschattet: ich konnte mir nicht leisten, ernsthaft mit ihnen zu streiten und schlimmstenfalls ihre Freundschaft zu verlieren.)

Eine der wichtigsten „Notmaßnahmen“ für Opfer von Bullying besteht darin, dass sie sich außerhalb der Schule Orte suchen, an denen sie auf andere Jugendliche treffen und sich, wenn sie Glück haben, auf normale Weise mit ihnen befreunden können. Aber die Furcht, nicht gemocht zu werden, lässt einen Menschen verkrampfen. (Es war für mich ein langer Lernprozess, bis meine Default-Erwartung wieder war, dass ich den Menschen, die mir sympathisch waren, auch sympathisch war.)

Wenn man so tut, als interessiere es einen nicht, dass die Jugendlichen, mit denen man Tag für Tag zusammen ist, einen meiden und teilweise auch schikanieren, zahlt man einen Preis dafür. Es ist wichtig, dass man im Kontakt mit anderen Menschen hin und wieder auch Grenzen aufgezeigt bekommt: dass man lernt, dass manche Verhaltensweisen nicht gut ankommen. Ein Opfer von Bullying erfährt, dass es schikaniert wird, egal, was es tut. Die Taten der Bullies hängen nicht vom eigenen Verhalten ab. Man kann sich beeindrucken lassen und glauben, man hätte es selbst verursacht, oder man kann so tun, als gingen die Schikanen einem am A… vorbei, aber in keinem dieser Fälle erhält man eine realistische Rückmeldung über das eigene Verhalten.

Und jetzt kommen noch die Bemerkungen zu Terry Pratchett…

Eine der Weisheiten, die er immer wieder verkündet, ist die, dass Menschen andere Menschen brauchen, um wirklich Mensch zu sein. (Ich glaube, er hat diese Weisheit von Aristoteles, der glaubte, dass Menschen nur in Gesellschaft anderer Menschen ihr telos erfüllen.) In „Carpe Jugulum“ gibt Granny in ihrem Gespräch mit Mightily Oats zu, dass Brutha Recht hatte, als er sagte, dass wir durch andere Menschen zu Menschen würden. Ich erinnere mich an Teatime aus „Hogfather“ und an Miss Level aus „a Hatfull of Sky“, die beide in die denkbar schlechteste Gesellschaft gerieten: ihre eigene. Und immer wieder wird in den Büchern über Hexen, vor allem in denen über Tiffany, gesagt, dass die Hexen einander besuchen, um nicht verrückt zu werden. Hexen sind meistens die intelligentesten Personen in den Dörfern, in denen sie wohnen, und dadurch sind sie in ständiger Gefahr, sich für etwas Besseres zu halten. (Ihre Intelligenz macht sie nicht zu besseren Menschen.) Vor allem sind sie in der Gefahr, auf die Idee zu kommen, dass Kategorien wie „gut“ und „böse“ für sie keine Bedeutung haben, weil sie eben etwas besseres sind. Indem sie sich gegenseitig besuchen, stellen sie sicher, dass sie Kontakt mit Personen haben, die ebenso intelligent sind, so dass sie sich gegenseitig kritisieren können, oder sich eben auch auf subtilere Weise signalisieren können, dass dieses oder jenes, was sie getan haben, nicht so gut war.

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2 Antworten zu Kommentare zum Thema Bullying: Opfer sein ist nichts Subjektives

  1. Cindy schreibt:

    Ich würde mit der Passivität der Mitschüler noch weiter gehen und einen Teil der Lehrer mit einbeziehen. Es handelt sich dabei um meine persönlichen Eindrücke, die aber immer recht ähnlich waren.
    In den meisten Fällen sind die Vertrauenslehrer ja von der SV gewählt und somit von den Klassenanführern. Diese sind oft in das Mobbing involviert und wenn sie es nur wollten auch beenden können. Diese nun bestimmten Vertrauenslehrer haben allerdings hauptsächlich dieses Amt, um möglichst unbeschadet den Schulalltag zu überstehen. Das heißt es gibt nicht nur jede Menge schleimige Schüler sondern auch Lehrer. Da sie aber nur das eigene Ziel vor Augen haben, „freunden“ sie sich mit den mächtigen Schülern an und alle anderen sind ihnen herzlich egal.

  2. susanna14 schreibt:

    Auf jeden Fall sind die Lehrer Teil des Problems, und zwar ein ziemlich dicker Teil. Sie sind auf jeden Fall stärker verantwortlich als die Mitschüler, denn sie sind erwachsen und haben eine pädagogische Ausbildung, während die Mitschüler selbst noch Jugendliche sind. (Und auch die Täter sind Kinder oder Jugendliche und brauchen Unterstützung, um ein anderes Verhalten zu lernen.)

    Ich weiß nicht, ob die Mechanismen diejenigen sind, die du beschreibst, und ob die Lehrer tatsächlich aus Angst vor den mächtigen Schülern, denen sie ihr Amt verdanken, vor diesen mächtigen Schülern kuschen. Viele wissen einfach nicht über Mobbing bescheid und haben außerdem ihre eigene Schulzeit nie reflektiert, und darum sind ihre Vorstellungen denen der meisten Schüler ähnlich: Wenn jemand Opfer von bullying wird, liegt es daran, dass dieser klein und schwach und unsportlich und dick und hässlich und außerdem nicht gut mit Menschen umgehen kann, und er sollte darum einfach lernen, sich anders zu verhalten. Wenn ich mich an meine eigene Schulzeit erinnere, denke ich auch, dass viele Lehrer die mobbenden Schüler gleichzeitig auch cool fanden, obwohl sie sogar selbst unter ihnen litten, weil diese den Unterricht störten.

    Eine pensionierte Lehrerin, der ich einmal davon erzählte, sagte mir, sie habe vor kurzem einen Bericht über Mobbing im Fernsehen gesehen, das sei ja echt schrecklich. Mir blieb die Spucke weg: hat sie so ein Verhalten nie in ihrer eigenen Klasse beobachtet?

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