über die angeblichen Barbie-Feministinnen oder „warum sind nicht alle Frauen so emanzipiert wie ich es bin?“

Wie versprochen der zweite Rant des Wochenendes, dieses Mal über den Artikel „Die Barbie-Feministinnen„, der im Freitag erschienen ist und den ich über einen Link bei erzählmirnix gefunden habe. Ich habe gestern auch einige der Kommentare gelesen: Einige von ihnen waren intelligenter als der Artikel, was bei Zeitungskommenaren sonst sehr ungewöhnlich ist.

Bei dem Artikel handelt es sich um einen Rundumschlag gegen westdeutsche Frauen. Nicht gegen westdeutsche Feministinnen, obgleich sie einige von ihnen, die Artikel schreiben, zitiert, sondern gegen westdeutsche Frauen generell, die nicht gemerkt haben, dass die Männer längst ohnmächtig sind und dass der Feind in ihrem eigenen Kopf sitzt. Die Frage, die sich die Autorin nicht stellt: Warum sitzt der Feind im Kopf dieser Frauen?

Die Frage, warum in ihrem eigenen Kopf kein Feind sitzt, beantwortet sie damit, dass sie in der ehemaligen DDR sozialisiert sei. (Ich habe nicht versucht auszurechnen, ob sie die DDR noch nicht erlebt hat.) Dort seien die Frauen alle berufstätig, und gleichzeitig zögen sie ihre Kinder groß, notfalls auch ohne Mann, da sie ja finanziell nicht von ihm abhängen. Sie ist auch sexuell befreit, und deswegen macht es ihr nichts aus, wenn ihr ein Mann auf den Busen oder auf den Hintern starrt. Sie äußert auch ihre eigenen Wünsche und ihr eigenes Begehren – leider schreibt sie nicht, ob sie auch hin und wieder einem Mann, der deutlich jünger ist als sie selbst und den sie kaum kennt, ein Kompliment über seinen Hintern macht. Und in Konflikten, etwa mit einem Autofahrer, der sie angefahren hat, bleibt sie immer ruhig und gelassen, weil sie sich überlegen fühlen kann. Alles wegen ihrer DDR-Sozialisation.

Ich fange mal ganz unten an. Ich denke, es gibt auch sehr viele Frauen in den neuen Bundesländern, die sich keinen Porsche leisten können, nicht einmal einen gebrauchten. Was sollen die tun, wenn sie von einem Fiat-Panda-Fahrer angefahren werden?

Und: sexuelle Befreiung in der DDR? Mag sein, dass die Antibabypille dort früher erhältlich war. Andererseits, als ich ca. 1993 für eine Weile in Leipzig lebte, hatte ich nicht das Gefühl, dass dort alle besonders befreit leben, sondern fühlte mich eher wie eine alte Jungfer, weil alle anderen in meinem Alter bereits verheiratet waren (sonst gab es keine Wohnung). Bei den Eltern leben, bis man verheiratet ist, hört sich für mich nicht wie Befreiung an. (Mein Eindruck war auch, dass sich eine Lesbenszene dort gerade zu etablieren begann – als etwas Neues, das nach der Wende entstand.)

Mein Eindruck war, dass in der DDR die Frauen zwar fast zu hundert Prozent berufstätig waren, dass aber in vieler anderer Hinsicht sich noch nichts geändert hatte. Vor allem waren sie immer noch für die Hausarbeit zuständig. Und in den Romanen von Christa Wolf, die ich als Jugendliche las, wurde von einem anderen Leben geträumt, das nicht von „männlicher Rationalität“ geprägt war. (Mittlerweile lese ich diese Romane nicht mehr, aber früher mochte ich sie sehr gern.)

Dann zur Vereinbarkeit von Kindern und Beruf: Das hängt nicht nur allein von der Frau ab, sondern auch davon, wie Kinderbetreuung organisiert ist.

Möglicherweise sitzt in vielen Frauenköpfen noch das Patriarchat – möglicherweise sitzen dort noch Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit, die sie behindern. Möglicherweise auch in meinem Kopf – möglicherweise auch im Kopf der Autorin. Warum bewertet sie andere Frauen nach der Ordnung in ihrer Wohnung? (Und warum erzählt sie lang und breit die Geschichte einer Frau, der sie auf ebay zwei Sessel abgekauft hat? Ich hoffe, sie hat diese Geschichte ausreichend anonymisiert.)

Eine Vorstellung von Männlichkeit, die ein gutes Miteinander verhindert, ist die, dass Männer eigentlich alles große Kinder sind. Mein Eindruck ist, dass die Autorin dieser Vorstellung anhängt. Ich mache das daran fest, dass sie von keinem Konflikt erzählt, den sie gewagt hat oder auch nur wagen würde. Stattdessen ist sie großzügig und gelassen und verzeiht den Männern ihre Fehler, wie eben eine Mutter ihren Söhnen oder eine große Schwester ihrem kleinen Bruder ein wenig unartiges Benehmen verzeiht und es nicht so ernst nimmt, denn schließlich sind Jungs ja so.

Dem Mann, der behauptet hat, sie sei am Unfall schuld, weil sie die Spur nicht hätte halten können, hat sie nichts entgegnet. Jedenfalls erzählt sie nichts davon. Sie hätte ja nicht „aufschreien“ müssen, aber ein „was reden sie da?“ wäre vielleicht angebracht gewesen. Oder vielleicht auch nicht, da die Polizei längst da war und beide Versionen anhörte. Und die Antwort, die sie Herrn Brüderle angeblich gegeben hätte, fällt für mich in die Kategorie „was man sich alles so ausdenkt, was man gemacht hätte oder gemacht hätte haben sollen.“ In der Realität ist eine derartige Schlagfertigkeit sehr schwierig. Außerdem geht ihre Phantasie nicht so weit, dass sie sich überlegt, wie er wohl reagiert hätte. (Und die Tatsache, dass er eben keinen Annäherungsversuch startet, sondern gezielt eine Bemerkung über die Brüste der Journalistin macht, die gegenüber einer fremden Frau völlig unangebracht ist, um diese zu verunsichern, entgeht ihr.)

Sich innerlich überlegen fühlen, weil man jung ist und gut verdient und Männer ohnehin für große Kinder hält, ist einfach: einem Konflikt standhalten und dabei ruhig und gelassen bleiben, ist schwierig.

Wir sind immer noch Vorstellungen von Frausein und Mannsein ausgesetzt, die nicht gut tun. Es ist gut, etwas dagegen zu unternehmen – gegen das, was im eigenen Kopf steckt, und gegen das, was in den Medien und der gesamten Kultur als Männlichkeit und Weiblichkeit präsentiert wird. Aber nicht so, wie in diesem Artikel.

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2 Antworten zu über die angeblichen Barbie-Feministinnen oder „warum sind nicht alle Frauen so emanzipiert wie ich es bin?“

  1. „Dem Mann, der behauptet hat, sie sei am Unfall schuld, weil sie die Spur nicht hätte halten können, hat sie nichts entgegnet.“

    Ich denke ihr ging es darum, dass man in solche Aussagen nicht zuviel reinlesen soll, weil sie sie als Aussage von jemanden sieht, der irgendwie die Schuld für den Unfall loswerden will und dem daher diese klischeehafte Aussage gerade recht kommt.
    Das finde ich als innerliche Deeskalationstrategie für einen selbst gar nicht so schlecht: Wer überall Sexismus sehen will, der sieht auch überall welchen, Mitunter auch dort, wo gar keiner ist.

    • susanna14 schreibt:

      Ob eine Diskussion über Sexismus angemessen ist, weiß ich nicht. Ich halte es jedoch für angemessen, den Menschen zu bremsen, wenn er die Schuld für den Unfall mir aufbürden will, schon aus ganz praktischen Gründen – am Ende glaubt ihm die Polizei noch. Ein gewisses Verständnis kann man haben, aber das heißt nicht, dass man sein Gerede ertragen muss. Ich habe, glaube ich, geschrieben, welche Reaktion ich für angemessen (und einigermaßen realistisch) halten würde.

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