Wenn ich Bildungsministerin wäre…

… und diktatorisch das Bildungssystem reformieren könnte, würde ich bei den Hauptschulen anfangen, nicht bei den Gymnasien.

Eigentlich wollte ich nur noch jede Woche schreiben, oder tendenziell eher seltener, aber gerade sind mir über das Internet zwei Artikel in mein Aufmerksamkeitsfeld geflattert, die mich ziemlich aufregen. Der erste befasst sich mit dem G8 („Turbo-Abitur“), das jetzt wieder in G9 verwandelt werden soll. Über den zweiten schreibe (oder rante) ich morgen.

Der Artikel über das Turbo-Abitur befindet sich in der SZ: Raus aus der Lernmühle. Der Autor beklagt sich, dass viele Kinder vom Abitur so gestresst seien, dass sie danach erst einmal eine Kur nötig hätten. Mein erster Gedanke war: Das ist mal wieder dieses Mittelschichtsgejammere. Wie gesagt, wenn ich das Bildungssystem nach meinem eigenen Gutdünken reformieren könnte, würde ich bei den Hauptschulen anfangen, nicht bei den Gymnasien. Möglicherweise würde ich das dreigliedrige Schulsystem ganz abschaffen, aber das habe ich noch nicht bis zuende gedacht. (Die Gesamtschulen Niedersachsens, wo ich wohne, sind auch nicht ohne Probleme.)

Erster Schritt bei den Hauptschulen: Jedes Kind, das lernen möchte und dies auch zeigt, sollte nach der neunten Klasse an der Schule bleiben dürfen und dort den Realschulabschluss machen dürfen. Bei der Beurteilung, ob ein Kind lernen möchte oder nicht, sollte man großzügig sein: wenn es den Wunsch äußert und wenn es sich hin und wieder anstrengt, sollte das reichen. Ein Neuntklässler, also ein Jugendlicher, der fünfzehn oder sechzehn Jahre alt ist, hat noch nicht das Durchhaltevermögen eines Erwachsenen. Er nimmt sich vor: „Ich will fleißig sein und lernen“, aber wenn das Wetter schön ist, geht er trotzdem lieber mit seinen Freunden Fußball spielen oder „hängt mit ihnen ab“. Jugendliche in diesem Alter brauchen noch sehr viel Unterstützung, sie brauchen noch sehr viel Ermutigung, sie brauchen noch Erwachsene, die ihnen mitunter sagen: Du hattest dir doch vorgenommen, fleißig zu sein.

(Und mal ehrlich: auch Erwachsene verhalten sich oft so wie diese Jugendlichen.)

Wenn ein Jugendlicher sich vornimmt, dass er sich anstrengen will, dies ungefähr eine halbe Stunde lang durchhält, und danach, mit etwas Ermutigung und Ermahnung von außen, wieder eine halbe Stunde, dann sollte das reichen, dass er die zehnte Klasse besuchen und einen Realschulabschluss machen darf.

Vor allem aber sollten Hauptschulen ihre Schüler und Schülerinnen nicht auf die Berufsschulen abschieben dürfen. Ich habe erst vor kurzem erfahren, dass das möglich ist: Wenn sie genügend Schuljahre auf allgemeinbildenden Schulen verbracht haben (einschließlich Ehrenrunden und „Vorschuljahr“, weil sie mit sechs noch nicht „schulreif“ waren), dann können sie auf eine Berufsschule abgeschoben werden, um den Rest ihrer Schulpflicht „abzuleisten“. Was sie dort sollen, weiß ich nicht. Wenn sie großes Glück haben, landen sie bei fähigen Lehrern in einer halbwegs motivierten Klasse und können dort ihren Hauptschulabschluss machen. Aber wenn sie die grundsätzliche Fähigkeit haben, auf der Berufsschule ihren Hauptschulabschluss zu schaffen, warum sollen sie nicht die Fähigkeit haben, ihn auf der Hauptschule zu machen? Die Betreuung auf den Berufsschulen ist doch tendenziell schlechter, nicht besser als auf den Hauptschulen.

Hauptschullehrer und -lehrerinnen sollten alles tun, damit die Jugendlichen, die mit ihnen arbeiten, einen Abschluss schaffen. Sie sollten alles tun, um zu vermeiden, dass sie ohne Abschluss von der Schule gehen. Ich kann verstehen, dass viele von ihnen häufig frustiert sind – aber sie sollten das nicht an den Jugendlichen auslassen. Es müsste alles getan werden, um sie zu unterstützen: Gute Bezahlung, geringe Stundenzahl, Supervision, Sozialarbeiter an den Schulen, und noch vieles mehr, was mir gerade jetzt nicht einfällt.

Wenn ich an die Hauptschüler unter den Jugendlichen denke, die ich kenne, dann hören sich die Klagen über den Stress von Abiturienten für mich nur noch an wie „mimimi, mein armes Kind soll sich anstrengen und lernen und womöglich auch noch in einem Fach, das ihm keinen Spaß macht.“

Ich kenne sehr unterschiedliche Abiturienten und Abiturientinnen. Einige von ihnen haben keinen übermäßigen Stress im Vorfeld des Abiturs. Sie haben schon in der Zeit vorher vernünftig gearbeitet und haben jetzt eine Grundlage, auf der sie aufbauen können. Es sind keine Schüler, die schon in der Mittelstufe Genies waren: jetzt aber sind sie fleißig und wollen die Dinge verstehen und schaffen auf diese Weise ein gutes Abitur.

Andere sind extrem im Stress. Sie klagen über alles, was sie tun müssen. Wenn ich sie frage, ob sie seit der letzten Nachhilfestunde ein paar Aufgaben zu lösen versucht hätten, erklären sie mir, dass sie keine Zeit hatten. Wenn ich frage, warum sie keine Zeit hatten, antworten sie: Mein Freund hatte Geburtstag, meine Freundin hat eine Party gefeiert, meine Familie hat meine Oma besucht.

Der Autor des Artikels wünscht sich Zeit für Schüler, die ein Leben neben dem Lernen brauchen. Wenn ich an die Mittelstufenschüler denke, die ich kenne, so fällt mir keiner ein, der kein Leben neben dem Lernen hat. Vielleicht sollten Eltern sich mal genau ansehen, was ihre Kinder neben der Schule so tun: Vielleicht reicht es, wenn sie ein zeitaufwändiges Hobby haben, anstatt dreien? Vielleicht vergeht doch sehr viel Zeit mit Videospielen?

Vielleicht sollten sie die Situation ihrer Kinder mir der von Hauptschülern und Hauptschülerinnen vergleichen: wenn ihre Kinder in der Mittelstufe nicht so ganz fleißig sind, sondern lieber eine Menge Unsinn machen, wird es als ein Verhalten angesehen, das für Jugendliche dieses Alters normal ist und sich wieder auswächst (was in der Regel auch stimmt.) Wenn Hauptschüler in der Mittelstufe sich wie normale Fünfzehnjährige verhalten, gefährden sie ihren Hauptschulabschluss und damit ihre gesamte Zukunft. Sie haben keine Schonfrist, in der sie sich erst einmal ausprobieren dürfen, von ihnen wird erwartet, dass sie mit fünfzehn schon vernünftig sind: erst fleißig lernen, um trotz widriger Umstände den Hauptschulabschluss zu schaffen, dann arbeiten und Sekundärtugenden wie Fleiß und Pünktlichkeit an den Tag legen, die in der Arbeitswelt erwartet werden, anstatt ständig zu fragen „warum muss ich das jetzt lernen?“

Und die Jugendlichen, die kurz vor dem Abitur stehen, sollten sich vielleicht auch mit Auszubildenden vergleichen, die vier Tage in der Woche ihren Achtstundentag haben und am fünften Werktag in der Berufsschule sind und die abends und am Wochenende dann noch für die Schule und für ihre Abschlussprüfungen lernen sollen – was nach einem Achtstundentag nicht einfach ist.

Verräterisch ist die letzte Forderung des Autors: dass es wieder möglich sein soll, die Fächer abzuwählen, die man nicht mag, denn das verursache den größten Stress. Am besten Mathematik, alle Naturwissenschaften und Fremdsprachen, so dass man nur die sogenannten „Laberfächer“ behalten darf, bei denen es nicht darauf ankommt, ob etwas richtig oder falsch ist, sondern nur, ob man sich gut ausdrücken kann. (Dumm nur, dass, wenn man dann eines dieser „Laberfächer“ studiert, es dann doch wieder auf klares Denken, exakte Sprache und den Willen, Dinge zu verstehen und auch hin und wieder auswendig zu lernen, ankommt.)

Okay, jetzt bin ich in den Rant-Modus geraten. Nur lernen, was man möchte: auch das ist ein Privileg der Mittelschichtskinder, oder vielleicht der Oberschichtskinder, die erwarten, dass ihnen ohnehin alle Wege offen stehen. Für die, die arbeiten, galt schon immer, dass sie viele Dinge tun müssen, die ihnen keinen Spaß machen.

Vielleicht gibt es eine perfekte Welt, in der alle nur das lernen, was sie lernen möchten und nur das arbeiten, was sie arbeiten möchten: Aber wenn man diesen Traum träumt, dann sollte er für alle geträumt werden, nicht nur für die Kinder, die Abitur machen und dadurch eine verlängerte Jugend haben. Wenn man bescheidener träumt, kann man von einer Welt träumen, in der alle Kinder Abitur machen können: Manche in zwölf Jahren, andere in dreizehn Jahren, und manche eben in vierzehn oder fünfzehn Jahren. In Niedersachsen ist es immerhin möglich, sich zwischen zwölf oder dreizehn Jahren zu entscheiden: Wenn man seinem Kind dreizehn Jahre Schule gönnen möchte, kann man es auch die Gesamtschule schicken. Aber das ist für Bildungsbürgereltern natürlich keine Option.

Und wenn ich überlege, wo ich anfange, wenn ich das Schulsystem so verändern möchte, dass es sich diesem Traum annähert, dann würde ich bei der Hauptschule anfangen, denn dort, nicht an den Gymnasien, sind die Zustände am schlimmsten.

P.S.
Es gibt auch eine Reihe vernünftiger Gründe für das G9, also Gründe, die nicht auf das Gejammer von Mittelschichtseltern hinauslaufen, dass ihr Kind vor lauter Schule keine Zeit mehr hat, sich mit Freunden zu treffen, ein Musikinstrument zu spielen, Sport zu treiben, zweimal im Jahr in Urlaub zu fahren etc. Der wichtigste Grund gegen das G8 besteht darin, dass die Lehrpläne der verschiedenen Schularten nicht mehr parallel laufen: Früher hatten alle Klassen in der neunten Klasse den Satz des Pythagoras, egal welche Schulform, nur dass das Thema unterschiedlich stark vertieft wurde. Dadurch war ein Wechsel von einer niedrigeren in eine höhere Schulform zwar schwierig, aber möglich. Jetzt ist er unmöglich. Realschüler, die nach der Realschule Abitur machen wollen, müssen erst einmal die zehnte Klasse auf dem Gymnasium wiederholen.
Ein weiteres Problem besteht darin, dass die Erstsemester zu jung sind: Es gibt Reifeprozesse, die man nicht beliebig beschleunigen kann. (Andererseits frage ich mich, ob der Reifeprozess nicht ohnehin durch die Universität stattfindet, egal in welchem Alter.)
Und dann ist es natürlich ein Unding, die Schulzeit zu verkürzen, ohne die Lehrpläne zu verschlanken. In Mathematik, wo ich mich auskenne, ist dies geschehen, über die anderen Fächer weiß ich nichts. Es ist ein Unding, die Schulzeit zu verkürzen, ohne die Zahl der Unterrichtsstunden, die ein Schüler mitmachen muss, zu reduzieren: Dabei wird vergessen, dass Schule nicht nur aus Unterrichtsstunden, sondern auch aus Hausaufgaben besteht, die dann ebenfalls nicht weniger werden dürfen, für die aber weniger Zeit zur Verfügung steht.

Also, Fazit: Es gibt viele Gründe gegen G8, die angebliche Überforderung der armen Mittelschichtskinder (oder sind es vor allem die Oberschichtskinder?) ist aber der am wenigsten wichtige. Wer möchte, dass auch die Kinder, die mehr Zeit brauchen, Abitur machen können, sollte sich für Gesamtschulen einsetzen, in denen alle Kinder und Jugendlichen gefördert werden, so dass diejenigen, die gerne wollen, nach der zehnten Klasse dann auf die Oberstufe gehen und Abitur machen können.

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4 Antworten zu Wenn ich Bildungsministerin wäre…

  1. endolex schreibt:

    Ich verstehe ja auch bis heute nicht die Diskussion um G8/G9, jedenfalls dann nicht, wenn sie auf so grundsätzliche Weise geführt wird. Und bis heute habe ich noch keine Erwiderung auf die Frage gehört, wieso denn manche Bundesländer, die seit Vorwendezeiten nur das 12Klassen-„Turbo“-Abitur kennen und es so weitergeführt haben, anscheinend prima zurechtkommen damit.
    Ansonsten stimme ich dir zu: Eine schulformübergreifende Harmonisierung aller Lehrpläne (oder gar eine Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems) sowie eine Abkehr vom verheerenden Bildungsföderalismus, hin zu gemeinsam vereinbarten Lehrinhalten aller wären natürlich alles vernünftige Maßnahmen. Ich glaube allerdings nicht dran, das noch persönlich zu erleben.

  2. susanna14 schreibt:

    Ich glaube die Abkehr vom Bildungsföderalismus geschieht in kleinen Schritten. In Niedersachsen, wo ich mich auskenne, wird es dieses Jahr zum ersten Mal einige Aufgaben aus einem länderübergreifenden Topf (neudeutsch: Pool) geben, die ohne Hilfsmittel gelöst werden müssen.

    Ich glaube, dass hinter all diesen Streitereien etwas viel tiefgehenderes steckt als der Kampf um acht oder neun Schuljahre, nämlich Macht- und Interessenkonflikte zwischen verschiedenen Schichten. Die eigenen Kinder sollen möglichst gute Abschlüsse erwerben, um später in der Gesellschaft erfolgreich zu sein, aber gleichzeitig sollen sie natürlich alles mögliche andere lernen, was auch wichtig ist, um gesellschaftlich erfolgreich zu sein, und vor allem sollen sie den Lebensstil der Oberschicht nachahmen, deren Sprößlingen ohnehin alles offen steht, ohne dass sie dafür etwas tun müssen. (Nein, ich finde das nicht gut.)

    Von einer besseren Welt träumen ist gut und schön – aber dann für alle Kinder, nicht nur für die eigenen.

    G8 ist dann okay, wenn die Lehrpläne gestrafft werden.

  3. Pingback: Antwort auf Stefan Koß | susanna14

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