Antwort auf endolex

Ich habe eine Weile darüber nachgedacht, was ich auf endolex‘ letzten Kommentar antworten soll, nämlich auf die Frage, ob sich Grenzverletzungen dadurch vermeiden lassen, dass man vor jeder Berührung fragt, ob das okay sei. Ich glaube, dass dies allein keine Lösung darstellt, jedenfalls dann, wenn man unter Fragen nur Fragen mit Worten versteht: Wenn unter Fragen auch Fragen mit Blicken und Fragen durch Berührungen verstanden werden, sieht die Sache anders aus.

Für meine Skepsis habe ich verschiedene Gründe: erstens bin ich mir nicht sicher, ob Menschen, die große Schwierigkeiten haben, ihre Grenzen zu schützen, allein durch Fragen geschützt werden: Schließlich ist es für viele Menschen auch nicht einfach, jemandem, den sie mögen und den sie nicht verletzen wollen, eine Bitte abzuschlagen.

(Und manche Fragesteller sind ziemlich gut darin, dem anderen ein schlechtes Gewissen zu machen, wenn er oder sie nein sagt. Zwei meiner Exfreunde waren von dieser Sorte: Es war klar, dass sie ein Nein akzeptieren würden, aber gleichzeitig machten sie mir deutlich, dass sie sich dann ungeliebt fühlen würden und sehr unglücklich wären.)

Ich denke schon, dass es leichter ist, nein zu sagen, wenn man gefragt wird, als wenn man ungefragt berührt wird, aber am Ende führt kein Weg daran vorbei, sich über die eigenen Empfindungen klar zu werden und sich bewusst zu werden, dass nicht das, was angeblich „normal“ ist, entscheidet, sondern eben nur die eigenen Empfingungen.

Ein weiterer Grund ist der, dass nicht nur Berührungen unangenehm sein können. Auch Sprüche können verletzen. Auch Fragen können verletzen. Wenn jemand um etwas bittet, das deutlich weiter geht, als es der Beziehung der beiden Personen angemessen ist, kann das ebenfalls unangenehm sein. Es kann ebenfalls bei der Person, die gefragt wird, den Eindruck erwecken, dass sie nicht als Person interessant ist. Fragen ist kein Ersatz dafür, dass man aufmerksam ist und auf die andere Person achtet, auf sie neugierig ist und langsam eine vertrauensvolle Beziehung entwickelt.

Ja, und dann geht es mir so wie wahrscheinlich vielen anderen auch, dass die Vorstellung, dass vor jeder Berührung gefragt wird, ob sie okay sei, mir nicht besonders gefällt, und zwar in beiden Rollen. Ich möchte nicht ständig gefragt werden, und ich möchte nicht selber fragen, ob ich zum Beispiel jemanden umarmen darf. Ich möchte aber, dass die andere Person darauf achtet, ob ich gerne umarmt werden möchte und die vielen Zeichen, die ich willkürlich und unwillkürlich gebe, richtig deutet, oder überhaupt versucht zu deuten. Und ich selbst versuche auch, darauf zu achten. Fehler passieren, aber wenn klar ist, dass man versucht, aufeinander zu achten, ist es möglich, mit diesen Fehlern umzugehen.

(Und wegen dieser Fehler ist es wichtig, „nein“ sagen zu können. In einer Atmosphäre, in der beide aufeinander achten, ist dies möglich, ohne dass dieses „nein“ gleich den Charakter eines Kampfes annimmt.)

Ich habe darüber nachgedacht, warum die Vorstellung, vor jeder Berührung zu fragen oder gefragt zu werden, mir eher unangenehm ist. Ich habe bis jetzt noch keine Begründung dafür gelesen (wenn ihr etwas wisst, sagt bitte Bescheid), aber mir ist selbst eine eingefallen: Im Idealfall ist Berührung – vom Händeschütteln bis zu einer im engen Sinn sexuellen Berührung – eine Form der Kommunikation. Durch die Berührung kann man Achtung ausdrücken, oder ausdrücken, dass man den anderen mag. Man kann berührend fragen, ob etwas okay ist.

(Meine alte Qi-Gong-Lehrerin war im Hauptberuf Traumatherapeutin. Sie war ziemlich konsequent darin, dass sie immer fragte, ob eine Berührung okay ist, ganz im Gegensatz zu dem Menschen, bei dem ich jetzt bin. Einmal vergaß sie aber zu fragen und entschuldigte sich dann. Mir war es eigentlich recht: Ihre Berührung war nicht grenzverletzend: durch die Art, wie sie berührte, war klar, dass sie eine Berührung nicht als selbstverständlich ansah. Vor allem aber bedeutete das ständige Fragen für mich, dass sie die Beziehung in Frage stellte: ich dachte immer, so langsam müsse sie doch wissen, dass es für mich okay ist, wenn sie mich anfasst.)

Unangenehm sind Berührungen, in denen es nicht um Kommunikation geht, sondern in denen einer oder eine der beiden nimmt, was sie möchte und nicht daran interessiert ist, wie der oder die andere darauf reagiert: ob die Berührung erwidert wird, ob die Person nun selbst mutiger wird, ob die Person sich zurückzieht, ob sie sich versteift, und dann eben entsprechend darauf antwortet. In einer Berührung sollte immer die Frage stecken: „magst du mich auch?“

Wenn vor jeder Berührung gefragt wird, ob sie okay sei, verliert sie ihren kommunikativen Charakter, weil dann die Kommunikation durch Sprache stattfindet. Vielleicht stimmt dies nicht ganz – vielleicht kann dann durch die Berührung noch mehr und anderes gesagt werden als schon in der Frage gesagt wurde, aber dann läuft man Gefahr, wieder Grenzen zu überschreiten. (Schließlich sind es manchmal nur kleine Unterschiede, die aus einer freundschaftlichen eine erotische Umarmung machen.)

Vielleicht zur Illustration eine kurze Geschichte, die ich ausgerechnet in der „Langen Nacht“ des Deutschlandfunks über Afghanistan gehört habe: Hier spricht Afghanistan!. Die Geschichte, die ich meine, beginnt ungefähr bei Minute 122.40 (die Uhr im „Recorder“ rechts oben läuft rückwärts.) Der Rest des Beitrags ist aber ebenfalls interessant. Die Geschichte wird noch bis Samstag online sein, anschließend werde ich sie hier nacherzählen.

Außerdem ist hier noch ein Link zu einem Vortrag von Lars Quadfasel von der Gruppe „Les Madeleines“: Kein Kavaliersdelikt: Eine feministische Kritik der Definitionsmacht. (Ich hatte schon überlegt, über diesen Vortrag zu bloggen, aber im Moment fehlt mir die Zeit dazu.)

(Anmerkung: Ich bin jetzt stark von meinen eigenen Empfindungen ausgegangen. Tatsächlich bin ich verhältnismäßig berührungsscheu, und zwar auch wieder in beide Richtungen: Ich möchte nicht allzu viel umarmt werden, und ich umarme selbst selten andere Menschen, auch weil ich mich oft nicht traue. Aber ich würde auch niemanden fragen: darf ich dich umarmen? weil ich Angst hätte, dass er oder sie dann eher nicht nein sagen würde, um mich nicht zu verletzen. Ich achte lieber auf das, was sich in der Situation ergibt, und bin lieber vorsichtig. Manchmal aber auch nicht.
Ich glaube nicht, dass alle Menschen so empfinden wie ich. Ich vermute aber, dass ich mit meiner Art der Empfindung nicht allein bin.)

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9 Antworten zu Antwort auf endolex

  1. endolex schreibt:

    Naja, das wird Konsenskultur und im weiteren Sinne Definitionsmacht ja oft vorgeworfen, um sie in den Bereich des Lächerlichen zu rücken: dass dann da ‚jedesmal *neu* nachgefragt werden müsse‘, auch bei bereits vertrauten Situationen.
    Es gab mal einen wunderbaren Text von antiprodukt dazu, leider find ich den nicht mehr weil die komplette Seite down zu sein scheint. Kern war jedenfalls: Konsens ist eine dynamische und individuell zu erschließende Angelegenheit. Denn genau die Tatsache, dass sich natürlich keine für alle geltenden Regeln entwerfen lassen wann Berührungen und andere Grenzbetretungen okay sind, macht es ja gerade notwendig, dieses okay einzuholen, wenn keine Klarheit darüber besteht.
    Wenn mir beispielsweise ein Mensch klar mitteilt, dass es grundsätzlich okay und sogar sehr gewünscht ist, geknuddelt zu werden, dann frag ich natürlich nicht jedes mal noch mal nach. ABER natürlich mache ich auf keinen empörten Aufstand wenn genau diese Person dann einmal sagt dass sie das gerade nicht will.
    Insofern finde ich das was die Qui-Gong-Lehrerin anfangs machte völlig okay und professionell, danach aber kann ich dich wiederum voll verstehen wenn das ständige aktive Infragestellen dieser etablierten Vertrauensbasis auf dich eher kontraproduktiv wirkt. Zu empfehlen ist aus meiner Sicht bei Betätigungen dieser Art (ich kenn das vom Tai Chi) erst mal in der ersten Stunde zu fragen: „Hier wird öfter mal angefasst für Korrekturen, ist das grundsätzlich okay, sollen wir lieber jedes mal fragen oder…“ usw.
    Ähnliches gilt für anzügliche Witze oder so was – für die einen völlig okay und nach Kräften mit dabei, anderen eine derbe Grenzverletzung, aus Gründen. Und wenn ein Mensch sich von *einem* Menschen gerne umarmen lässt, heißt das auch noch lange nicht, dass *ich* das automatisch darf, usw.

    Und natürlich: Allein Fragen kann schon ein unter Druck setzen sein, verbales Fragen ist nicht immer die geeignetste Form, und selbst aktive Zustimmung kann manchmal in einem Rahmen oder auf eine Weise erfolgen wo ich deutlich das Gefühl bekomme dass die Person hier nur scheinbar etwas will, was sie etwas was sie eigentlich aber *nicht* will.

    Es wäre sehr schwierig und ist auch nicht nötig für jede erdenkliche persönliche Situation Beispiele mit Handlungsempfehlungen zu entwerfen. Eigentlich ergibt sich ziemlich viel aus einem authentischen Interesse, Menschen nicht zu verletzen, und aus der Kenntnis von diesen Menschen und ihren Geschichten. Perfekt wird das nie laufen, aber ein ganzes Stück besser als die Vorstellung, gleiche Grenzen gälten für alle und was eine Grenzüberschreitung sei, das zu dfeinieren dürfe man nicht denjenigen überlassen die eine solche bei sich vermelden.
    Was entsprechend Quadfasel zur Definitionsmacht zu sagen hat, kann ich mir leider denken, ich höre aber mal rein zu späterer Stunde. Ich glaube, über Defma gibt es ähnliche Fehlverständnisse wie über Konsenskultur. Sehr seltsam finde ich dabei immer diese Angst, durch ‚zu viel‘ Kommunikation könnten mehr Schädigungen entstehen als wenn es ein Glücksspiel bleibt, ob Grenzen verletzt werden.

  2. susanna14 schreibt:

    Ja, erst mal vielen Dank. Wir sind uns offensichtlich in vielem einig. Ich versuche trotzdem herauszuarbeiten, wo die Unterschiede sind, die ich noch sehe. Ich glaube, der wichtigste Unterschied ist der, dass ich für eine gewisse Fehlerfreundlichkeit plädiere. Auch wenn jemand prinzipiell den anderen achtet und nicht verletzen will, können Fehler passieren, und zwar eben gerade, weil es unterschiedliche Grenzen gibt. Und weil Fehler passieren können, ist es wichtig, dass die andere Seite imstande ist „nein“ zu sagen, und in aller Regel funktioniert es ja auch, dass derjenige, der für die Grenzverletzung verantwortlich ist (die dann nur ein bisschen über das hinausgeht, was als okay empfunden wird), dann sagt „okay, sorry“, und die Sache ist geklärt. Die generelle Haltung ist wichtiger als der einzelne Fehler.

    Auf der anderen Seite gibt es die Geschichten in der „Szene“, die ich nur von außen mitbekomme, in denen etwas völlig abstruses einen riesigen Wirbel verursacht. Vielleicht lese ich die falschen Blogs, ich weiß nicht. Vielleicht handelt es sich um Extremfälle, oder es handelt sich um Fälle, wo jemand das Konzept der Definitionsmacht missverstanden hat und falsch anwendet, was dann dazu führt, dass es von Menschen, die das korrekte Konzept nicht kennen, lächerlich gemacht wird. Vielleicht stellen diese Extremfälle aber auch nur die „reductio ad absurdum“ dar, in der die Probleme des Konzepts offenbar werden.

    Vielleicht nochmal meine Position (ich glaube, sie hat sich kaum verändert, seit ich diese Fragen diskutiere): Jede und jeder muss für sich entscheiden, welche Berührungen okay sind und welche nicht. Er oder sie muss dies dann auch kommunizieren, eben weil die Grenzen nicht für alle die gleichen sind. (Ausnahmen gelten für Kinder und anhängige Personen wie PatientInnen, ArbeitnehmerInnen, SchülerInnen etc.) Auf der anderen Seite muss die Person, die jemanden anfasst, vorsichtig sein – aber im Idealfall, wenn es ihr wirklich darum geht, dass sie die andere Person mag und achtet, sollte das selbstverständlich sein. Vorsichtig muss nicht heißen, ständig mit Worten fragen, sondern eben aufeinander achten: wie ist die Körpersprache? Wie verständigt man sich mit Blicken. Das Wissen darüber, was in einer bestimmten Kultur üblich ist und was nicht, kann ebenfalls als grobe Richtlinie dienen – aber nicht als mehr. (Eventuell unterscheidet sich meine Position hier von deiner.) Dazu gehört natürlich auch, dass kulturelle Gepflogenheiten hinterfragt werden und verändert werden können, und das ist dann ein gesellschaftlicher Prozess.

    (Ich glaube, ich schreibe doch noch mal ausführlicher über den Les-Madeleines-Vortrag.)

    • endolex schreibt:

      „Wir sind uns offensichtlich in vielem einig.“
      Ja, denke ich ich auch.🙂

      „Die generelle Haltung ist wichtiger als der einzelne Fehler.“
      Ich halte wie gesagt auch nichts von Ansprüchen auf die perfekte Umsetzung. Das Problem scheint in den jeweiligen Anekdoten alledings oft zu sein, dass das erwartete „okay, sorry“ eben einfach nicht kommt (damit wäre die Sache ja im Nu erledigt, wenn sich das Verhalten künftig auch entsprechend ändert) – sondern dass die Meldung einer Grenzverletzung als persönlicher Vorwurf an die eigene Haltung aufgefasst wird, was in Rechtfertigungsdiskussionen mündet, und Gründe gefunden werden warum das dann in dem Fall gar keine Grenzverletzung gewesen sein kann. Dann geht es weiter mit Anprangerungen, Ausschlüssen usw.
      Ursächlich wird da oft anscheinend die eigene generelle Haltung („Ich bin gegen Übergriffigkeit, also kann ich gar nicht übergriffig gewesen sein“) als Garant dafür angesehen, selbst nie Fehler machen zu können. Und das kann nur schiefgehen.
      Umgekehrt sollte jedoch meiner Ansicht nach die Akzeptanz, dass Fehler immer vorkommen können, nicht dazu führen, dass das gesamte Konzept als in der Praxis untauglich verworfen oder zu einem reinen Lippenbekenntnis wird.

      • susanna14 schreibt:

        Aber was heißt „okay, sorry“? Vielleicht hätte ich auch besser „okay, ich habe verstanden“ schreiben sollen. (Und für mich sind diese „okay, verstanden“-Reaktionen tatsächlich häufiger vorgekommen als die, die du beschreibst. Allerdings habe ich auch nur gesagt: „Ich mag das nicht“, und habe dem Betreffenden keine Übergriffigkeit vorgeworfen.) Für mich reicht in einer solchen Situation, dass der andere merkt, dass er gerade weiter gegangen ist, als es der unangenehm berührten Person recht war, und dass er sich zurückzieht und die Person nicht weiter bedrängt, je nach Beziehung entweder nur in dieser Situation oder grundsätzlich. Meiner Meinung nach ist es nicht nötig, dass dann noch große Schuldeinsicht und Reue und Besserungsvorsätze etc. hinzukommen, da es eben gerade nicht um etwas sehr Schlimmes geht, sondern nur darum, dass eine Situation falsch eingeschätzt wurde, was schließlich jedem mal passieren kann.

        (Eventuell kennen wir unterschiedliche Geschichten. Die letzte Geschichte, die ich gehört habe, ist die, dass ein Mann seine Freundin aus dem Schlaf weckte, sie fragte, ob sie Lust auf Sex hätte, sie hat nein gesagt, er hat sich weggedreht und ist wieder eingeschlafen, und hinterher wurde aus dem Wecken und Fragen ein riesiger Vorwurf gemacht. Es ist natürlich die Gerüchteküche, die da brodelt, und diese Gerüchteküche ist anscheinend ein Teil des Problems.)

  3. endolex schreibt:

    Naja, Schuldeinsicht, Reue, das sind auch Kategorien mit denen ich wenig anfangen kann. Es geht eben um Verhaltensänderung, die mit dem „okay, verstanden“, verbunden sein muss. Es sollte eben geklärt werden, ob etwas in diesem Moment nicht erwünscht ist oder auch grundsätzlich nicht. Ich hätte dem Kerl zum Beispiel was erzählt, wenn er mich wegen sowas weckt – und mir verbeten, dass er das künftig wieder tut. Und wenn er das mit „okay, verstanden“ akzeptiert, ist, was das angeht, erst mal gut und ich schlaf weiter.
    Eine Kritik der offenbar in dem Fall zugrundeliegenden Annahme, ich müsse für Sex jederzeit zur Verfügung stehen, und das Prüfen, ob diese Annahme vielleicht auf mangelnden Respekt meiner Person oder Frauen grundsätzlich gegenüber fußt…klar, kann und sollte ich auch machen, besonders wenn ich den Eindruck habe, das ist noch mehr im Argen, und nicht nur bei diesem Kerl sondern gesamtgesellschaftlich. Aber erst einmal auf der rein praktischen Ebene und nur bezogen auf diese Handlung fände ich es jedoch nicht immer sofort nötig, dieses Fass aufzumachen. Muss ich aber ähnlich wie du vorhin disclaimen: Ist nur meine Sicht der Dinge. Die Sache sieht vielleicht ganz anders aus wenn ich tagtäglich mit diesem übervollen Fass zu kämpfen hätte.

    Wie gesagt, ich kenn die Geschichten eher so, dass der Vorwurf der falschen Überzeugung und Einsicht erst dann gemacht wurde, wenn eben kein „okay, verstanden“ kam sondern ein empörtes Zurückweisen eines gehörten (aber nicht gemachten) Vorwurfes. Das ist aber ein sehr allgemeines Ding, glaube ich. Viele die in ihrem Verhalten und Äußern kritisiert werden, fühlen sich direkt in ihrer Person angegriffen und bedroht. Diesem Effekt kann ich mich auch nicht immer entziehen. Mir scheint, besonders schriftlich im Netz wirkt mitunter auch vieles pampiger als es eigentlich in ‚real‘ rüberkommen würde.

    Was die Gerüchteküche angeht, keine Frage. Ich reagiere schon gar nicht mehr auf „Sekundärberichte“ über Texte sondern lese nach Möglichkeit erst mal was da wirklich steht. Und dann beteilige ich mich an der Kritik oder eben nicht. In besonders extremen Fällen einer aus meiner Sicht Fehlinterpretation des Gesagten halte ich dagegen.

  4. susanna14 schreibt:

    Ich hätte dem Typen auch erzählt, dass ich nur im Notfall geweckt werden will, und dass sein Bedürfnis nach Sex kein solcher Notfall ist.
    Falls da noch mehr im Argen liegt, wäre es gut, das zu prüfen. Ich habe eine Beziehung hinter mir (schon über zehn Jahre her), bei der ich depressiv geworden bin und bei der es nicht einfach war, festzumachen, was alles die kleinen Zeichen von Missachtung waren, die jedes für sich unbedeutend waren, die aber alle zusammen mein ohnehin nicht besonders stark ausgeprägtes Selbstbewusstsein untergruben. Eventuell wäre es angebracht, sich von dem Typen zu trennen (wenn diese Geschichte mit dem Wecken kein Einzelfall war.) Es wäre aber eben kein Fall, um zu versuchen, die ganze Szene, in der beide Mitglied sind, gegen ihn aufzubringen und sich als Opfer darzustellen, vor allem nicht an dieser einen Situation festgemacht.

    Ich glaube, ich bin in Real Life pampiger als im Internet, weil ich ziemlich zornig klingen kann, aber wenig Schimpfwörter verwende.

    Das Problem mit der Definitionsmacht sehe ich darin, dass sie die Subjektivität des „Opfers“ absolut setzt. Die Anführungszeichen setze ich, weil erst einmal geklärt werden muss, ob sie wirklich ein Opfer ist, und wenn ja, von welcher Tat. (In der Geschichte gerade eben von „geweckt werden“). Ich denke, das muss diskutiert werden, und im Endeffekt wird es ja auch vom gesamten sozialen Umfeld der beiden Betroffenen diskutiert. Wir haben die Geschichte ja jetzt auch diskutiert. Natürlich muss man sich, was den Vergewaltigungsbegriff anbelangt, nicht auf das Strafgesetzbuch stützen (da ist Lars Quadfasel seinen DiskussionsgegnerInnen auf den Leim gegangen), und natürlich ist der Vergewaltigungsbegriff nicht zeitlos und in alle Ewigkeit festgelegt, sondern kann verändert werden, und er wurde ja auch verändert, schließt zum Beispiel jetzt auch Vergewaltigung in der Ehe ein, aber das ist ein gesellschaftlicher Prozess.

    Aber ich glaube, das war nicht wirklich mein Thema. Mein Thema war, dass es wichtig ist, dass eine Frau „nein“ sagen kann, und dass das in einer Situation, in der sie respektiert wird, auch nicht besonders schwierig ist – auch dann nicht, wenn sie nicht explizit gefragt wurde. Und dass die Haltung, die hinter einer Handlung steckt, in aller Regel durchschimmert, so dass selbst eine Frage (wie in meiner Geschichte) übergriffig oder neutral wirken kann.

  5. endolex schreibt:

    Ich bin nicht sicher, ob diese Geschichte so ein ‚Szene gegen jemanden aufbringen‘ war. War die Sache mit dem Aufwecken nicht eigentlich nur ein Gedankenspiel, bei dem getestet werden sollte, wie unterschiedlich übergriffig das bewertet wird? Ich bin echt nicht sicher gerade und müsste da nachsuchen. Es fällt mir in jedem Fall schwer, verallgemeinernd über so was zu urteilen.

    Und ja, vielleicht diskutieren wir besser an anderer Stelle noch mal über Definitionsmacht, ich habe auch den Mitschnitt von Quadfasel noch nicht gehört. So viel nur schon mal: Für mich gilt diese Subjektivität tatsächlich erst einmal absolut: Dass die jeweilige Person eine Grenzverletzung wahrnimmt kann ich ihr erst einmal nicht absprechen oder verhandelbar machen. Sicher lässt sich im nächsten Schritt genauer feststellen, wo das Problem lag, und ein Weg finden, das künftig zu vermeiden, aber nicht von einer Position des Zweifels aus, ob sich da eine Person ‚irrt‘ oder ‚recht hat‘, wenn sie das Gefühl hat, dass ihre Grenzen verletzt wurden. Das mehr oder wenige schmerzhafte und / oder beängstigende Gefühl einer Übertretung ist auf jeden Fall da und das ist erst einmal ’ne reale Schädigung, mit der umgegangen werden muss, statt sie in Frage zu stellen. Das Strafgesetz spielt für mich da ohnehin erst mal gar keine Rolle. Aber wie gesagt, vllt. besser an anderer Stelle dazu weiter.

    Und ja, *wenn* dieser Respekt vorhanden ist, dann ist es wohl etwas leichter, Nein zu sagen, im allgemeinen. Leider ist es auch dann aber keine Garantie. Meine ‚Idealstrategie‘ bliebe in jedem Fall weiterhin, alle möglichen Variablen zu optimieren, also sowohl Menschen zum ‚Nein sagen können‘ stärken und auch Menschen dahin bringen dass ein ‚Nein‘ auch als solches verstanden und akzeptiert wird.

    • susanna14 schreibt:

      Schmerzen und Angst sind subjektive Gefühle, die erst einmal da sind und nicht wegdiskutiert werden können. Aber dann ist immer noch offen, wer für was verantwortlich ist. Nicht immer ist es die Verantwortung des anderen, wenn sich jemand verletzt fühlt. Manchmal ist es auch die Person selbst.
      Deswegen bin ich schon vorsichtig beim Wort Grenzverletzung. Selbst Grenzen sind etwas, was nicht jede Person für sich festlegen kann. Wir sind uns wahrscheinlich einig, dass die eigene Haut eine Grenze darstellt, innerhalb derer jeder und jede bestimmen können sollte, was okay ist und was nicht, ohne sich rechtfertigen oder erklären zu müssen, oder dass sie eine solche Grenze darstellen sollte. vielleicht sind da Menschen aus anderen Kulturen anderer Meinung: Vielleicht lässt sich universell begründen, warum da eine Grenze ist.
      Normalerweise ziehen wir die Grenze aber weiter. Etwa „mein Tisch“, wenn ich im Cafe sitze. Oder „mein Netbook“: da will ich nicht, dass andere draufschauen. Manchmal wird die Grenze noch weiter gezogen. Aber kann ich selbst „meinen“ Tisch als Grenze rechtfertigen, wenn es sehr voll ist?

      Wenn sich jemand verletzt fühlt, kann nicht immer sofort jemand anderem die Schuld gegeben werden. Manchmal schon, aber eben nicht immer. Es ist nicht möglich, es allen gleichzeitig recht zu machen, und deswegen muss verhandelt werden, müssen Standards etabliert werden, müssen alle gehört werden. Denn es gibt eben auch das umgekehrte: Dass Menschen zu Unrecht beschuldigt haben, eine Grenze verletzt zu haben. Vielleicht konnten sie einfach nicht wissen, dass da eine Grenze war. Manchmal hat die andere Person die Grenze willkürlich gezogen und sich nicht darum gekümmert, dass sie eventuell die Grenzen anderer beschneidet. (Ich erinnere mich noch an den Streit darüber, ob es eine Grenzverletzung bedeutet, wenn andere Menschen ihre kleinen Kinder mitbringen und kinderlose Menschen an ihre Kinderlosigkeit erinnern.)

      Wir kommen um Intersubjektivität und Verständigung nicht drumrum, und zwar über Fragen wie Gerechtigkeit und Respekt. Alles andere führt zu einem Machtkampf: Wer ist imstande, dafür zu sorgen, dass auf ihn oder sie Rücksicht genommen wird und auf andere nicht? Und das Ausnutzen eines schlechten Gewissens ist auch eine Waffe im Machtkampf.

      Aber ich glaube, da liegt der Kern unseres Widerspruchs. Ich halte nichts von einer Verabsolutierung der eigenen Subjektivität. Da gibt es immer noch viele andere Subjektivitäten, die berücksichtigt werden müssen, und im Ausgleich dieser Subjektivitäten fangen die interessanten Probleme an. Aber vielleicht hören wir wirklich besser hier auf.

      • endolex schreibt:

        Ja, ich stimme dir ohnehin zu. Ich habe das Gefühl wir sind uns im Standpunkt einig und grenzen diesen nur in unterschiedliche Richtungen ab. Gerne an anderer Stelle mehr dann.🙂

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