Im Café: Begegnungen mit Männern

Ich sitze gern in Cafés und lese oder schreibe, und manchmal führt das zu angenehmen oder unangenehmen Begegnungen mit anderen Menschen, nicht nur Männern, sondern auch Frauen, und häufig zu Situationen, die ich unabhängig vom Geschlecht als unangenehm empfinde, etwa wenn ich gefragt werde, ob ich Hausaufgaben machen, wenn ich etwas schreibe. Mittlerweile reagiere ich darauf ziemlich pampig und sage den Leuten, dass sie doch sehen sollten, dass ich zu alt für Hausaufgaben bin. Ich weiß, dass es alte Menschen sind, die freundlich sein und Kontakt aufnehmen wollen und die sich nicht vorstellen können, dass jemand zum Vergnügen schreibt, weil für sie Schreiben immer mit Hausaufgaben und Schule verbunden war und sie froh waren, als sie die Schule verlassen konnten. Ich bin trotzdem von dieser Frage genervt.

In den vergangenen Wochen, am ersten Weihnachtsfeiertag, hatte ich aber eine Begegnung, die schlimmer war als nur nervig.

Eine verstörende Begegnung

Ich bin nicht mehr kirchlich interessiert, ich feiere Weihnachten nicht mit Familie, sondern besuche sie erst zwischen den Jahren, und so handelt es sich um ein Fest, das ich hinter mich zu bringen versuche. Ich gehe spazieren, und mangels anderer Orte setzte ich mich ins Bahnhofscafé um etwas zu schreiben. Ich schrieb nicht auf Papier, sondern am Laptop, und ein Mann, der an mir vorbeiging, fragte mich, ob ich seinen Facebook-Account checken würde. Ich sagte erst einmal gar nichts, sondern sah ihn an mit einer Miene, die ausdrückte, dass ich seinen Spruch ziemlich daneben fand. Er setzte sich neben mich (an einen langen Tisch, der ans Fenster grenzt, und zwar so, dass ein Stuhl zwischen uns war) und meinte, es sei ein Scherz gewesen.

„Aber kein guter“, sagte ich. (Den Spruch mit dem „Scherz“ finde ich einen der unangenehmsten überhaupt. Es ist die übliche „Entschuldigung“ von Bullies, wenn sie nicht durchkommen.)

Der Mann grummelte ein Weilchen, dann meinte er, ich könne gar nicht beurteilen, ob das ein guter Scherz gewesen sei.

„Jetzt greifen Sie auf Beleidigungen zurück“, sagte ich.

Er grummelte weiter, meinte, ich sei zu klein und zu unwissend, und außerdem hätte ich wohl schlechte Laune.

„Ja, ich habe schlechte Laune“, sagte ich.

Er redete weiter, dass Leute wie ich mit schlechter Laune schrecklich seien und nicht im Café sitzen sollen. Ich ließ ihn eine Weile reden, dann wurde es mir zu bunt.

„Können Sie nicht andere Leute in Ruhe arbeiten lassen?“

„Sie arbeiten doch gar nicht!“ sagte er. „Sie spielen doch Spiele!“

(Ich hatte keine Lust, ihm zu erklären, was ich schrieb.)

„Und heute ist doch der erste Feiertag! Warum arbeiten Sie überhaupt? Ich hoffe, dass Sie vermasseln, woran Sie gerade arbeiten, und dass man Sie rausschmeißt!“

„Ich bin kurz davor, dafür zu sorgen, dass man Sie rausschmeißt, weil Sie mich nicht in Ruhe lassen“, sagte ich.

Er redete weiter, dass er schon gewonnen habe, weil ich ohnehin nicht mehr in Ruhe arbeiten könne. Ich beschloss, ihm diesen Triumph nicht zu gönnen und konzentrierte mich, so gut es ging, auf meinen Text. Er redete weiter, sagte, es sei nicht schade um mich, wenn man mich rausschmeiße. Einmal sagte ich noch etwas, nämlich „Und Sie werfen mir vor, ich hätte schlechte Laune!“

Nach einer Weile ging er, und noch beim Gehen sagte er, es sei kein Verlust, wenn ich tot wäre.

Ich atmete erst einmal durch und versuchte weiter, mich auf meinen Text zu konzentrieren. Ich fragte die Frau, die auf meiner anderen Seite saß, ob sie auf meine Sachen aufpassen könne, während ich zur Toilette ging – ich wollte mich vergewissern, dass ich noch imstande war, normal mit Menschen zu reden. Ich blieb dann noch ca. 90 Minuten – die ersten 30 Minuten waren mir durch diesen Mann verdorben worden. Ich musste erst einmal mit dem Hass fertig werden, den er über mich ausgegossen hatte. Ich fragte mich – natürlich – ob ich etwas falsch gemacht hätte, dass die Situation so eskaliert war, wie es geschehen war. Ein paar Tage lang setzte ich mich nicht mehr in dieses Café.

Mittlerweile habe ich diese Geschichte weitgehend hinter mir gelassen. Ich bin einigermaßen zufrieden mit meinen Reaktionen auf diesen Menschen, und dass er sich dermaßen in seinen Hass hineingesteigert hat, anstatt wie ein normaler Mensch zu merken, dass sein Verhalten mit seiner Bemerkung über meine Computeraktivitäten daneben gewesen war, ist sein Problem, nicht meins. Ein paar Tage lang habe ich gerätselt, was wohl in so einem Menschen vorgehen kann, dass ihm sein Benehmen nicht peinlich ist und dass er sich stattdessen in Hass und Vernichtungswünsche hineinsteigert, aber dann wandte ich mich wieder wichtigeren Problemen zu. Jetzt beim Aufschreiben hatte ich Schwierigkeiten, mich an alle Details zu erinnern.

Bemerkenswert war für mich an dieser Geschichte, dass sie mich verstört hat, obgleich ich mich gewehrt habe – sogar obgleich ich mich einigermaßen erfolgreich gewehrt habe. Mit einem solchen Hass überschüttet zu werden, ist nicht, was ich erwarte, wenn ich mich gegen eine Grenzüberschreitung wehre. (Ich habe auch schon gute Erfahrungen gemacht, wenn ich mich gegen Grenzüberschreitungen wehrte, etwa wenn ich Männern sagte, dass ich nicht angefasst werden will – sie haben es respektiert, sich entschuldigt, und hinterher war die Beziehung viel besser als vorher, so gut, dass es mir nichts mehr ausmachte, angefasst zu werden, und den Mann auch von mir aus umarmte.)

Ich habe gelernt, mich zu wehren. Als ich jung war, war „sich wehren lernen“ die wichtigste feministische Maßnahme. Ich halte es auch weiterhin für wichtig – ich glaube, Männer wie der, dem ich begegnet bin, lernen nicht durch Diskussionen, welches Benehmen Frauen gegenüber angemessen ist und welches nicht, sondern nur dadurch, dass sie hin und wieder erleben, dass eine Frau ihnen eine Grenze setzt. (Ich weiß jetzt nicht, ob diese Begegnung auch für ihn unangenehm war. Ich hoffe es – ich hoffe, dass er in Zukunft vorsichtiger ist mit Bemerkungen, die keine Kontaktaufnahme, sondern eine Grenzüberschreitung darstellen.) Und für mich selbst glaube ich, dass es mir besser geht, wenn ich mich wehre, als wenn ich einfach hinnehme, dass jemand erst eine dumme Bemerkung macht – selbst wenn er sich „entschuldigt“, indem er sagt, es sei ein Scherz gewesen. Es war wichtig zu sagen, dass es kein guter Scherz war. Ich wollte ihn nicht so einfach davonkommen lassen. Die Begegnung war verstörend, der Hass, in den er sich hineinsteigerte, war verstörend, aber jetzt, da es vorbei ist, hake ich sie ab unter „mal wieder etwas gelernt und eine neue Erfahrung gesammelt.“ Das hätte ich nicht, wenn ich nichts gesagt hätte. (Und ich habe leicht reden – es war eine Situation, in der zu keinem Zeitpunkt die Gefahr eines physischen Angriffs bestand.)

Aber es ist nicht so, dass ich gerne in solche Konflikte gerate. Ich bin froh, wenn ich keine solchen Auseinandersetzungen erlebe. Eine Welt, in der man sich nicht wehren muss, ist eine bessere Welt.

(Ich habe noch mehr Geschichten zu erzählen. Ich habe letztes Jahr einiges erlebt.)

Eine angenehme Begegnung

Es ist nicht so, dass ich immer in Streit gerate, wenn ich im Café angesprochen werde. Vor einigen Tagen bin ich gefragt worden, ob ich noch lange studieren würde. Auch diese Frage fand ich erst einmal daneben – was geht es andere Leute an, wie lange ich studiere? Ich sagte also, dass ich gerade erst angefangen hätte und noch eine Weile dabei sein würde.

Der Mann sagte, er sehe mich öfter im Café lesen, und er hätte auch studiert und sei im Sommer fertig geworden. Wir erzählten und gegenseitig, was wir studiert hatte, lästerten über BWLer, unterhielten uns sogar ein wenig inhaltlich – es war eine sehr nette Begegnung (über die ich aus diesem Grund auch nicht besonders viel schreibe, weil die Einzelheiten eben nicht die ganze Welt angehen.) So geht es also auch.

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8 Antworten zu Im Café: Begegnungen mit Männern

  1. endolex schreibt:

    Danke fürs Teilen. Es fällt mir auch schwer nachzuvollziehen was in so jemandem vorgeht. Vielleicht das Schema lieber-provozieren-und-Arschloch-sein-als-zu-Weihnachten-gar-keinen-menschlichen-Kontakt-haben.
    Was eine bessere Welt ist, und ob die, wo sich niemand wehren muss die bessere ist, da bin ich mir oft nicht sicher. Ich kann nur mit einigermaßen Gewissheit rein praktisch erwägen: Je mehr Menschen sich für die Grenzen anderer interessieren und darauf Rücksicht nehmen wollen *und* je mehr Menschen die eigenen Grenzen wahrnehmen, aufzeigen und verteidigen können, desto besser. Entweder-oder-Streits wie es sie bei dem Thema manchmal gibt, finde ich nicht so sinnvoll.

  2. susanna14 schreibt:

    Und jetzt bin ich doch bei dem Aspekt der Aufschrei-Debatte gelandet, der mich am meisten irritiert hat und der verhindert hat, dass ich mich beteilige.

    Die eigenen Grenzen wahrzunehmen und aufzuzeigen ist gut und wichtig – sie verteidigen zu müssen nicht. Ich denke, dass es durchaus eine Grauzone mit unbeholfenen Versuchen der Kontaktaufnahme und Missverständnissen gibt, in der es wichtig ist, dass Menschen „nein“ sagen können. Wie gesagt, ich habe damit auch schon gute Erfahrungen gemacht: Ich habe einem Mann gesagt, dass ich nicht angefasst werden möchte, und die Beziehung ist dadurch sogar besser geworden. Es war nicht einfach – ich habe ein mehrere Anläufe und einen gewissen Leidensdruck gebraucht, und ich habe mich auch gefragt, ob ich mich nicht einfach „nicht so haben“ soll, aber am Ende war es gut.

    Die hier geschilderte Begegnung war aber nicht von dieser Sorte. Ich glaube, schon der Spruch „war nur ein Scherz“ zeigt schon, dass es nicht um Kontakt, sondern um Grenzverletzung ging. Ich kenne ihn als eine typische Ausrede unter Bullies, wenn sie zur Rede gestellt werden. Eine Entschuldigung klingt anders. Und die Art, wie der Mann sich dann in seinen Hass hineingesteigert hat, zeigt auch, dass er ein Bully war und nicht versucht hat, Kontakt aufzunehmen.

  3. endolex schreibt:

    Ja, das „Nein sagen können“ meinte ich mit Verteidigen. Das Menschen das können, halte ich für sinnvoll. Das heißt aber eben nicht, dass ich finde, dass sie das können *müssen*.

    • susanna14 schreibt:

      Ich habe ziemlich lang über deinen Kommentar nachgedacht. „Nein sagen“ heißt für mich noch nicht „mich verteidigen“. Erst wenn ich dreimal nein sagen muss oder wenn ich lauter werde, verstehe ich das als „mich verteidigen“. Mir ist noch nicht ganz klar, was du meinst, dass Menschen nicht nein sagen können müssen sollten.

      • endolex schreibt:

        Ich meine damit: Ja, es wäre schön wenn ein Nein nicht notwendig wäre, wenn Grenzen erfragt und sofort respektiert würden. Aber da das eben nicht immer getan wird, ist es in meiner Sicht besser, Nein sagen zu können als es nicht zu können, in jeder Situation dieser Art.
        Das führt mich aber eben nicht zu der simplen Antwort dass einfach nur alle lernen müssten Nein zu sagen. Nein, müssen muss das niemand, und manche können es eben schwerer als andere, selbst wenn sie sich Mühe geben. Deshalb ist eben keine vollständige Lösung, und kann auch keine ‚Forderung‘ sein.

        • susanna14 schreibt:

          Es ist nicht einfach, es ist aber trotzdem wichtig, „nein“ sagen zu lassen – sei es einfach so oder als Antwort auf eine Frage.

          Wichtig ist dabei aber auch, zwischen verschiedenen Situationen zu unterscheiden. In der Szene, die ich erzählt habe, ging es nicht um Kontakt, sondern um Grenzverletzung. Hier reicht ein „Nein“ nicht, sondern es wichtig, sich tatsächlich zu verteidigen. Es wäre besser, wenn es solche Situationen nicht gäbe, aber man kann sich die Welt nicht zurechtwünschen, und daher lerne ich eben doch lieber, mich zu verteidigen.

          Das andere sind eben die Grauzonen, in denen es tatsächlich um Kontakt geht, aber in denen Fehler gemacht werden, oder in denen sich eine Seite eben mehr hervorwagt, als es der anderen angenehm ist, weil diese keine so enge Beziehung möchte. Hier ist es, glaube ich, wirklich wichtig, nein zu sagen: mit Worten oder ohne Worte.

  4. diandralinnemann schreibt:

    Ehe sie zugeben, dass sie sich im Ton vergriffen oder einen Fehler gemacht haben, werden viele Menschen heutzutage lieber ausfallend und beleidigend. Habe ich gerade am Wochenende erst mit dem Mann drüber diskutiert. Eigentlich traurig.

    • susanna14 schreibt:

      Dieser Aspekt ist mir noch gar nicht eingefallen, aber du hast Recht. Vor einer Weile ist es mir im Kino passiert: Ich habe Leute gebeten, nicht ständig zu reden, und sie sind ausfallend geworden. Hat wahrscheinlich gar nicht so viel mit irgendwelchen Mann/Frau/Dingen zu tun, außer dass Männer denken, sie können sich gegen Frauen alles rausnehmen.

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