Kultureller Raub, Exotismus, New Age Spiritualität und weitere Probleme

Gerade habe ich einen Artikel gefunden, der spiritual appropriation anklagt.
Ich sehe das Phänomen, das in diesem Artikel kritisiert wird, ebenfalls kritisch, aber aus anderen Gründen als der Artikel, und ich halte die Gründe, die der Artikel angibt, für sehr problematisch.

Das Phänomen, das kritisiert wird:

  • Studenten (und wahrscheinlich auch andere weiße Mittelschichtsmenschen), die in der Spiritualität etwa der indianischen Natives etwas suchen, was sie ihrer eigenen christlichen Kultur nicht finden.
  • Weiße Frauen, die sich von angeblich ursprünglicheren Kulturen eine Stärkung im Kampf gegen das Patriarchat erhoffen.


Ich gehöre selbst zu den jüngsten Jahrgängen der Generation, die das sehr ausführlicher praktiziert hat, und bin zeitweise selbst in der Szene gewesen. Wenn ich an diese Zeit denke, kommt mir vor allem ein Bild vor Augen: der TAO-Buchladen meiner Stadt. Dort gibt es buddhistische Klangschalen und indianische Traumfänger, und man kann alles kaufen und bei sich zuhause aufstellen und aufhängen und sich auf einem guten Weg zu einem Leben im Einklang mit dem Universum fühlen. Es gibt dort auch ein Magazin „Lebensart“ mit mehreren Seiten Kleinanzeigen, in denen man die dazugehörigen Kurse buchen kann. Erleuchtung für die europäische Mittelschicht mit dem richtigen Geldbeutel.

An diesem Phänomen, und den Menschen, die da mitmachen, kann man eine Menge kritisieren.

  • Übermäßige Beschäftigung mit dem eigenen Seelenheil statt mit den materiellen und gesellschaftlichen Zusammenhängen dieser Welt. (Ich glaube, in den Achtzigern, als ich jugendlich war, ist dieses Phänomen besonders stark aufgetreten. Es war gerade die Zeit, als die Achtundsechzigerbewegung zum Stillstand gekommen war und die Menschen die Hoffnung verloren hatten, die Gesellschaft zu verändern, so dass sie sich stattdessen mit ihrer eigenen psychischen Gesundheit und ihrer Erleuchtung beschäftigten. Andererseits war man aber noch genügend abgesichert, um sich nicht um die eigene Zukunft Sorgen zu machen.)
  • Abschaltung des kritischen Verstands. Behauptungen, für die man den Priestern und Pfarrern der eigenen christlichen Kultur den Rücken gekehrt hat, werden als höhere Weisheit akzeptiert, wenn sie von Vertretern einer außereuropäischen Kultur vorgebracht werden. Nicht nur die Erkenntnisse der Naturwissenschaften, sondern auch einfache Logik wird abgelehnt.
    (Mir ist das mit Zen so gegangen. Ich hatte mir einmal ein Büchlein mit Sprüchen von Zen-Meistern und Anekdoten über Zen-Meister gekauft (also tatsächlich die (übersetzten) Geschichten aus dem japansichen Mittelalter), und beim Lesen dachte ich irgendwann: Was tue ich hier eigentlich? Die französischen Rationalisten kritisierten die katholische Kirche, weil sie mit Paradoxien, die die Gläubigen einfach glauben sollten, den Verstand dieser Gläubigen lähmten, und hier setze ich mich mit ebensolchen Paradoxien auseinander und versuche sie als höhere Weisheiten zu begreifen und quäle mich, weil es mir nicht gelingt. Anschließend habe ich die Texte als Beispiele für Techniken der Machterhaltung gelesen.)
  • Eklektizismus: Es wird nie die ganze Kultur betrachtet, sondern es werden immer nur einige Aspekte ausgewählt, die einem selbst in den Kram passen. Im Prinzip bastelt man oder frau sich seine eigene Relgiosität, die vor allem eine Wohlfühlreligion ist, die einen selbst in der eigenen Mittelschichtsexistenz bestätigt. (Das ist dann die Marktnische für moderne Gurus: Sie verkünden Dinge, die zum Lebensgefühl dieser Mittelschichten passen. Einiges davon ist modern, anderes davon greift die Überzeugungen auf, die die Menschen aus ihrer Kindheit mitbringen (Frau gehört letztendlich doch an den Herd), von denen sie aber wissen, dass sie überholt sind – aber wenn ein Guru mit außereuropäischem Hintergrund kommt, akzeptieren sie sie freudig als höhere Wahrheit. – Das krasseste, was ich in letzter Zeit gelesen habe, war ein Flugblatt, in der der Buddhismus als Religion gepriesen wurde, die zu Zufriedenheit und Erfolg in diesem Leben führt.)
  • Insbesondere werden die Lebensumstände der Menschen in diesen anderen Kulturen nicht berücksichtigt: Es wird nicht gesehen, wie diese Menschen leben, unter welchen Umständen sie ihre Religion entwickelt haben, welche Machtverhältnisse durch diese Formen von Religiosität stabilisiert wurden, und welche Formen von Religiosität für Widerstand genutzt wurden. (Aber wahrscheinlicher ist so ein Zugang für einen religiösen Menschen unmöglich, weil er einen außerreligiösen Maßstab, nämlich die Ablehnung von Machtverhältnissen, voraussetzt.) Insbesondere besteht kein Interesse daran, zu lernen, unter welch elenden Umständen die Menschen, die diese Kultur hervorgebracht haben, zur Zeit leben, und noch weniger Interesse, diesen Menschen irgendwie zu helfen.
  • Kurz: Hinter dem Bedürfnis nach neuer Spiritualität steht die Suche nach einer neuen höheren Wahrheit, die einem Geborgenheit gibt, die man in der christlichen Kultur nicht mehr findet. Es soll aber möglichst eine schmerzfreie Wahrheit sein, vor allem wenn man mit dem eigenen Leben einigermaßen zufrieden ist, so dass man mit Hilfe von „Achtsamkeit“ und ähnlichem diese Zufriedenheit noch weiter steigern kann. Dafür müssen diese Religionen aber von ihren gesellschaftlichen und historischen Kontexten getrennt werden.

Es gibt aber auch die Möglichkeit, dass ein Mensch, der sich erst einmal von gewissen Elementen einer Kultur faszinieren lässt, dann ein weitergehendes Interesse entwickelt, und tatsächlich nach den historischen und gesellschaftlichen Kontenxten zu fragen anfängt, und sich auch dafür interessiert, wie es den Menschen, die zu dieser Kultur gehören, heutzutage geht, und vielleicht sogar ihnen helfen wollen.

So weit meine eigene Kritik an dem Phänomen, das in dem Artikel kritisiert wird. Jetzt zu meiner Kritik an dem Artikel selbst. Ich glaube, ich kann sie vor allem an einem zwei Sätzen festmachen:

Sadly, they do not consider how such practices may hinder Native women from healing as well. Native counselors generally agree that a strong cultural identity is essential if Native people are to heal from abuse because a Native woman’s healing entails not only healing from any personal abuse she has suffered but also from the patterned history of abuse against her family, her nation, and her environment.

Ich halte es vor allem für problematisch, dass eine „starke kulturelle Identität“ als essentiell für „Heilung“ angesehen wird. Eine Frau müsse nicht nur von dem geheilt werden, was ihr selbst angetan wurde, sondern von dem, was ihrer ganzen Familie und Nation angetan wurde. (Ich will nicht die Existenz von intergenerationellen Traumata bestreiten. Aber wenn es um Traumata geht, die die ganze Nation betreffen, die doch eine „imaginierte Gemeinschaft“ (B. Anderson) ist, dann wird es problematisch. Da müsste dann immer gefragt worden, in welcher Weise die eigene Familie von diesem nationalen Trauma betroffen war.)

Ich sehe die Gefahr, dass eine solche Identität missbraucht werden kann: Dass auch hier jetzt ein Bild der jeweiligen Kultur aufgebaut wird, das statisch ist und keine Fragen erlaubt, sondern eben Identität bilden soll. Dass also auch hier von den historischen, gesellschaftlichen und sonstigen Kontexten dieser Kultur abstrahiert wird. Insbesondere wird dann nicht gefragt, welche Machtverhältnisse es innerhalb der eigenen Kultur gab, und welche Aspekte der eigenen Kultur die Aufgabe haben, diese Machtverhältnisse zu stärken.

Shelley McIntyre, formerly of the Minneapolis Indian Women’s Resource Center, complains that Native women who are trying to heal from abuse have difficulty finding their rootedness in Native culture because all they can find is Lynn Andrews or other ‘plastic medicine wo/men’ who masquerade as Indians for profit.

Das ist der Satz, der mich wieder ein wenig mit dem Artikel versöhnt: Eine Abwendung von den „Plastikversionen“ der Kultur der Native Americans (die übrigens auch von „echten“ Native Americans verbreitet werden können) kann bedeuten, dass diese Kulturen tatsächlich als Kulturen mit einer Geschichte angesehen werden, einer Geschichte, in der sich sowohl die sowohl die Konflikte mit den europäischen Eroberern und Kolonisatoren als auch die Konflikte innerhalb der betreffenden Kultur widerspiegeln. Aber wenn man ein solches Bild von Kultur entwickelt, dann bietet sie keine Möglichkeit, sich mit ihre zu identifizieren, sondern nur, sich mit ihr auseinanderzusetzen, und eben die eigenen Wurzeln zu reflektieren.

Aber dann sollte es auch kein Problem geben, sich mit Menschen aus anderen Kulturen zu verständigen, die die sich für die eigene Kultur interessieren und diese Kultur nicht nur als Projektionsfläche benutzen.

Aber dann ist nicht Raub einer Kultur das Problem, sondern die Entkontextualisierung, der Eklektizismus, die Plastikversionen. Wenn man vom Raub einer Kultur, oder von Elementen dieser Kultur spricht, dann behauptet man, dass diese Elemente einem gehören – aufgrund von Abstammung. Und da steige ich dann aus.

(Über Dreadlocks schreibe ich vielleicht später einmal noch ausführlicher.)

und außerdem:

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4 Antworten zu Kultureller Raub, Exotismus, New Age Spiritualität und weitere Probleme

  1. Introjekt schreibt:

    Bei ‚Achtsamkeit‘ geht es nicht unbedingt darum die eigene Zufriedenheit zu steigern. Ganz im Gegenteil, es geht psychologisch darum mit dem jetztigen Moment ‚in Kontakt‘ zu treten und das kann unangenehm sein, je nachdem mit welchen Dingen man sich konfrontiert.

    • susanna14 schreibt:

      Ich glaube gern, dass es unterschiedliche Konzepte von Achtsamkeit gibt, und dass einige davon auch seriös sind. Ein sinnvolles Konzept, das ich selbst kenne, ist die Verankerung im Hier und Jetzt bei traumatisierten Menschen, um nicht ständig an die Vergangenheit zu denken. In Maßen kann das sinnvoll sein, um nicht in der Vergangenheit zu versinken. Aber langfristig muss auch die Vergangenheit bearbeitet und müssen auch Pläne für die Zukunft geschmiedet werden.

      Es gibt aber eben auch die esoterischen Konzepte, die die Beschäftigung mit Zukunft und Vergangenheit ablehnen und die nur auf das Hier und Jetzt abzielen, und die sind m.E. denkfeindlich und sorgen dafür, dass die Menschen mit dem, was ist, zufrieden sind, weil sie nicht darüber nachdenken, was sein könnte. Im originalen Kontext diente das dazu, die Leute ruhig zu halten und vom Rebellieren abzuhalten.

  2. Stefan Wehmeier schreibt:

    Kulturelle Evolution

    „Die Wirtschaftsordnung, von der hier die Rede ist, kann nur insofern eine natürliche genannt werden, da sie der Natur des Menschen angepasst ist. Es handelt sich also nicht um eine Ordnung, die sich etwa von selbst, als Naturprodukt einstellt. Eine solche Ordnung gibt es überhaupt nicht, denn immer ist die Ordnung, die wir uns geben, eine Tat, und zwar eine bewusste und gewollte Tat.“

    (Vorwort zur 3. Auflage der NWO, 1918)

    Seine Jünger sagten zu ihm: „Das Königreich, an welchem Tag wird es kommen?“ Jesus sagte: „Es wird nicht kommen, wenn man Ausschau nach ihm hält. Man wird nicht sagen: „Siehe hier oder siehe dort“, sondern das Königreich des Vaters ist ausgebreitet über die Erde, und die Menschen sehen es nicht.“

    (Nag Hammadi Codex II,2,113)

    Wo wir heute vielleicht schon sein könnten, wäre die Natürliche Wirtschaftsordnung bereits nach dem ersten Weltkrieg verwirklicht worden (womit sich der zweite erübrigt hätte), kann bestenfalls erahnen, wer die „Großen Vier“ (Heinlein, Asimov, Lem, Clarke) vollständig gelesen hat. Wo die Menschheit aber heute wäre, hätte es die „heilige katholische Kirche“ nicht gegeben, sprengt jedes Vorstellungsvermögen!

    Glaube Aberglaube Unglaube

    „Wir wären weit, weit über den Kapitalismus hinaus (Kapitalismus = wirtschaftlicher Zustand, in dem die Nachfrage nach Geld und Realkapitalien das Angebot übertrifft und darum den Zins bedingt), wenn seit 3000 Jahren durch die Wirtschaftskrisen die Kultur nicht immer wieder die mühsam erklommenen Stufen heruntergestoßen worden wäre; wenn die bettelhafte Armut, in der jede Krise die Volksmassen hinterlässt, nicht die Bettlergesinnung großgezogen hätte, die nun einmal den Menschen, groß und klein, in den Knochen liegt. … Die Plage des Hungers und der Druck der Schulden sind böse Erzieher.
    …Und wo wären wir heute in wissenschaftlicher, technischer, … Beziehung angelangt, wenn die vielversprechende Kultur, die das Gold, obschon blutbefleckt, geraubt und erpresst, in Rom erstehen ließ, nicht unter einer anderthalbtausendjährigen, durch Geldmangel erzeugten ökonomischen Eiszeit erstarrt, vergletschert, vernichtet worden wäre? Sicherlich säßen wir jetzt auf dem Throne Gottes und ließen das All im Kreis an unserem Finger laufen.“

    Silvio Gesell (Die neue Lehre vom Geld und Zins, 1911)

    Nicht nur für jene „Experten“, die die ganz hohe Kunst studiert haben, etwas im Grunde so Einfaches wie das Geld NICHT zu verstehen, gibt es einiges nachzuholen. Wohl dem, der schon vor dem Jüngsten Tag damit beginnt:

    Jüngstes Gericht

    • susanna14 schreibt:

      Ich habe bisher alle Kommentare veröffentlicht und wollte es auch bei diesem so halten, aber ….

      Glaubst du, du kannst mich von irgendetwas überzeugen, wenn du mir irgendwelche Ausschnitte von Texten vor die Füße knallst, von denen du dir anhand meines obigen Textes denken können müsstest, dass ich diese Denkrichtungen ablehne?

      Silvio Gesell lehne ich ebenfalls ab, weil er sich lediglich auf den Zins konzentriert, das Eigentum an Produktionsmitteln nicht in Frage stellt, und nur in dem, was heute „Finanzkapital“ heißt, die Wurzel alles Übels sieht. Abgesehen von seiner Kritik am Finanzkapital vertritt er Vorstellungen von rücksichtsloser Konkurrenz und Survival of the Fittest.

      (Mein Wissen habe ich aus einigen Vorträgen, die ich im Internet gefunden habe. Hier ist der ausführlichste: Wie kann Wirtschaft natürlich sein?

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