Regression in den Weihnachtsferien: Der Hobbit, gelesen als frischgebackene Atheistin

Ich bin wieder zwölf Jahre alt. Ich habe den Hobbitfilm gesehen und bin genauso hin und weg, wie ich war, als ich das Buch zum ersten Mal gelesen habe.

Erst einmal eine Warnung an die Menschen, die sonst hierher kommen und intelligente, politische Diskussionen erwarten: Das gibt es dieses Mal nicht. Wer nicht selbst dafür anfällig ist, von einem Fantasybuch in den Bann gezogen zu werden, wird hier nicht auf seine oder ihre Kosten kommen. (Ich habe aber bereits einen Plan für einen weiteren Blogpost, mit Notizen und Links und allem, über Jane Elliott.) Andererseits kann ich auch beim Sehen eines Fantasyfilms mein Gehirn nicht ganz abschalten, und wenn ich merke, dass meine emotionale Reaktion auf den Film die gleiche ist wie die auf das Buch, als ich es mit zwölf Jahren zum ersten Mal las, fange ich an nachzudenken: Was ist da mit mir los? Warum begeistere ich mich für eine Figur, die von Tolkien keineswegs sympathisch angelegt worden ist, und die auch von den meisten Lesern nicht als sympathisch empfunden wird? Steckt da in mir eine irrationale Faszination für etwas, was ich auf der rationalen Ebene völlig ablehne? Oder kann ich meine Faszination auch auf der rationalen Ebene akzeptieren? Schließlich lehne ich Tolkiens Wertesystem mittlerweile ab – vielleicht erlaubt mir das, eine Figur zu mögen, die er nicht mochte.

Ich habe also den Hobbit aus dem Bücherschrank geholt und wieder gelesen. Mir ist dabei etwas aufgefallen, das ich sonst nie bemerkt habe: Als die Zwerge aus Beutelsend aufbrechen, haben sie außer Messern (die sie wahrscheinlich vor allem zum Brotschneiden benutzen) keine Waffen dabei. Dies stellt eine der gängigen Interpretationen des Buchs in Frage, nämlich die, dass es bei der Konfrontation im Höhepunkt des Buches um pazifistische gegen kriegerische Ideale ginge. Ich denke, dass sich das nicht halten lässt und dass es stattdessen in der zentralen Konfrontation um Eigennutz gegen Verzicht, Selbstlosigkeit und Aufopferung geht – einschließlich der Aufopferung als Kämpfer/Soldat. Und da vertrete ich mittlerweile eine andere Position als Tolkien.

Bevor ich weiterschreibe, jetzt die zweite Warnung, nach der ersten für Menschen, die von mir intelligente politische Diskussionen erwarten: Der Rest des Texts ist nicht für Menschen, die das Buch nicht kennen. Ich werde über das gesamte Buch schreiben, einschließlich des Endes. Ich werde auch Ereignisse aus dem Herrn der Ringe und dem Silmarillion erwähnen.

Im zweiten Teil werde ich über den Film schreiben.

Sind die, die das Buch noch nicht kennen, weg? Die, die es kennen, werden ahnen, dass es mir um eine der wenigen Figuren im Tolkien-Universum geht, die weder rein böse noch rein gut sind. Im Silmarillion gibt es mehrere von ihnen, im Herrn der Ringe keine (nein, weder Gollum noch Boromir), und im Hobbit eine: Thorin Eichenschild, den Anführer der Zwerge. Durch ihn erhält der Hobbit eine Tiefe, die dem Herrn der Ringe fehlt, obgleich der Herr der Ringe sonst das erwachsenere, ernstere Buch ist.

Als Zwölfjährige verliebte ich mich ein wenig in Thorin, und ich weinte, als er starb. Nachdem ich ein paar Monate später den Herrn der Ringe gelesen hatte, der deutlich interessantere männliche Hauptfiguren zu bieten hat (vor allem Menschen, keine Zwerge) verblasste diese Verliebtheit allerdings wieder. Aragorn trat königlicher auf als Thorin, und mit der Zeit veränderte sich auch mein Männerideal (ich wurde vernünftiger), und Faramir, der weicher ist als Aragorn, wurde zu meiner Lieblingsfigur. (Eowyn hat Glück, dass sie Aragorn nicht bekommen hat.) Dass jemand königlich auftritt, beeindruckt mich nicht mehr.

Ich wurde älter und wuchs aus dem Herrn der Ringe heraus. Als die Filme herauskamen, war ich etwas über dreißig. Zweimal versuchte ich, das Buch noch einmal von Anfang bis Ende zu lesen, und beide Male brach ich ungefähr am Ende des ersten Bands die Lektüre ab. Die Reiter von Rohan und ihre Kämpfe langweilten mich nur noch. Ich nahm damals allerdings an einer Diskussionsgruppe teil (meine Internetsucht begann gerade), die erst das Silmarillion und dann den Hobbit kapitelweise las und diskutierte, und daran hatte ich großes Vergnügen, obgleich ich immer diejenige war, die für Tolkiens tragische Figuren Partei nahm. Die Diskussionen sind nicht mehr online, aber ich habe dabei sehr viel gelernt, und mein Dank geht vor allem an meine Diskussionspartner von damals.

Als weitere Inspirationsquelle diente mir Author of the Century von Tom Shippey, das ich zur Zeit der Herr-der-Ringe-Filme gekauft und nun wieder aus dem Schrank geholt habe. Ich habe das Kapitel über den Hobbit gelesen, und darin vor allem einiges über die Konfrontation zwischen Moderne und archaischer Kriegerwelt gelernt, die Shippey vor allem an der Sprache festmacht, etwa am Austauch zwischen Thorin und Bilbo, den ich weiter unten zitiere, und auch an den Abschiedsworten, die Balin und Bilbo am Ende austauschen:

„Good bye and good luck, wherever you fare!“ said Balin at last. „If ever you visit us again, when our halls are made fair once more, then the feast shall indeed be splendid.“
„If ever you are passing my way“, said Bilbo, „don’t wait to knock! Tea is at four, but any of you is welcome at any time!“ (p.269)

Sprache ist allerdings nicht mein Metier. Ich halte mich mehr an Ideen und Inhalt.

Die Ausgabe, die ich verwende, ist die Taschenbuchausgabe von HarperCollins aus dem Jahr 1999. (Und ich habe nicht vor, mich an akademischen Standards zu messen, da ich nur endlich viel Zeit habe.)

die Zwerge: keine archaischen Krieger

Eine der traditionellen Interpretationen des Hobbits ist die, dass Bilbo, ein moderner Mensch Hobbit in die Welt der Sagen und Märchen geworfen wird, dort vieles lernt, vor allem über sich selbst und seine Fähigkeiten, und als ein anderer zurückkehrt, als der er losgezogen ist. Diese Interpretation wird auch durch das Buch gestützt, vor allem im letzten Kapitel, das beschreibt, wie Bilbo nach seiner Rückkehr auf veränderte Weise lebt. (Zum Beispiel schreibt er Gedichte.) Gerne wird Joseph Campbells Vorstellung einer Heldenreise herangezogen, auch von Menschen, die der Heros in 1000 Gestalten nur vom Hörensagen kennen. (Ich habe das Buch einmal zu lesen angefangen, es aber nach einem Viertel des Texts weggelegt, da es sich um Pseudowissenschaft handelt.)

Man kann die Geschichte aber auch umgekehrt sehen: Nicht Bilbo ist es, der etwas lernt, sondern die Zwerge lernen von ihm. Schließlich ist er es, der sie aus den Netzen der Spinnen und den Kerkern der Waldelfen befreit und der sich in die Drachenhöhle hineinwagt. Die Zwerge bleiben lieber draußen und schicken ihn in alle gefährlichen Situationen. (Sie wissen jetzt allerdings auch, dass er einen Ring besitzt, der ihn unsichtbar machen kann, was die Situationen für ihn weniger gefährlich macht als für sie.) Vor allem aber geht er aus der Konfrontation mit Thorin am Ende als der moralische Sieger hervor: Er lässt sich nicht vom Gold blenden, sondern sorgt für Verhandlungen und versucht, einen Kampf der Zwerge gegen die Elben und Menschen zu verhindern.

Ganz am Ende anerkennen sie sich gegenseitig: Bilbo hat von Thorin, und Thorin hat von Bilbo gelernt.

„Farewell, my good thief“, he said. „I go now to the halls of waiting to sit beside my fathers until the world is renewed. Since I leave now all gold and silver, and go where it is of little worth, I wish to part in friendship from you, and I would take back my words and deeds at the Gate.“
Bilbo knelt on one knee filled with sorrow. „Farewell, King under the Mountain“, he said. „This is a bitter adventure, if it must end so, and not a mountain of gold can amend it. Yet I am glad that I shared in your perils – that’s more than any Baggins deserves.“
„No!“ said Thorin. „There is more of you of good than you know, child of the kindly West. Some courage and some wisdom, blended in measure. If more of us valued food and cheer and song over a hoard of gold, it would be a merrier world. But sad or merry, I must leave it now. Farewell!“ (p. 265f)

Wie gesagt, die Interpretation scheint nahezuliegen, und dass eine Konfrontation zwischen Thorin und Bilbo stattfindet, steht außer Frage. Nur ob die von Bilbo vertretenen Werte die der Moderne, und die von Thorin vertretenen die einer archaischen Kriegerwelt sind, halte ich für fragwürdig.

Einerseits sind Bilbos Werte, die am Ende den Sieg davontragen, nicht die der Moderne, jedenfalls nicht dann, wenn man unter Moderne das Zeitalter der Industrialierung versteht. Dieses wurde von Tolkien abgelehnt. (Ironischerweise ist diese aktive, bewusste Ablehnung der Moderne etwas, das ihn als modernen Autor kennzeichnet.) Es sind die Orks und der Drache, die für diese Art von Moderne stehen.

„Dragons steal gold and jewels, you know, from men and elves and dwarves, wherever they can find them; and they guard their plunder as long as they live (which is practially forever, unless they are killed), and never enjoy a brass ring of it. Indeed they hardly know a good piece of work from a bad, though they usually have a good notion of the market value, and they can’t make a thing for themselves, not even mend a little loose scale of their armour.“ (p. 23)

Now goblins are cruel, wicked and bad-hearted. They make no beautiful things, but they make many clever ones. They can tunnel and mine as well as any but the most skilled dwarves, when they take the trouble, though they are usually untidy and dirty. Hammers, axes, swords, daggers, pick-axes, tongs and also instruments of torture, they make very well, or get other people to make to their design, prisoners and slaves that have to work till they die for want of air and light. It is not unlikely that they invented some of the machines that have since troubled the world, especially the ingenious devices for killing large numbers of people at once, for wheels and engines and explosions always delighted them, and also not working with their own hands not more than they could help, but in those days and wild parts they had not advanced (as it is called) so far. (p.60)

Die Hobbits stammen aus einer ländlichen Gegend, und obwohl sie anscheinend gewisse Errungenschaften der Moderne oder zumindest der frühen Neuzeit nutzen (Uhren, Tabak), ist ihr Leben noch weitgehend von der Landwirtschaft geprägt. Möglicherweise entspricht es dem, was Tolkien selbst aus seiner Jugend kannte. Im Herrn der Ringe wird diese ländliche Idylle durch Saruman zerstört; er steht noch mehr als Sauron für das Böse der Industrialisierung.

Andererseits sind die Werte der Zwerge nicht die von archaischen Kriegern, und sie sind auch keine Krieger, weder archaische noch sonstige. (Das stimmt nicht zu hundert Prozent: es finden sich schon im ersten Kapitel Hinweise auf den Krieg zwischen Zwergen und Orks in Moria, von dem in den Anhängen zum Herrn der Ringe dann ausführlich berichtet wird, und Thorins Beiname, Eichenschild, ist schon ein erster Hinweis darauf, dass er kämpfen kann.) Als sie aufbrechen, besitzen sie außer Messern keine Waffen, wobei nicht klar ist, warum das so ist. Überzeugte Pazifisten sind sie jedenfalls nicht: Als Thorin Orkrist findet, nimmt er es an sich und nutzt es, um in den Nebelbergen gegen Orks zu kämpfen. Vielleicht besitzen die Zwerge keine Waffen – vielleicht wissen sie einfach, dass sie auf ihrem Weg überflüssig sind: Immer stehen sie einer Übermacht gegenüber, und nicht Waffen, sondern Flucht und Heimlichkeit sind die Mittel der Wahl. (Und gegen das größte Problem, Hunger, sind Waffen ohnehin nutzlos.)

Zwerge sind keine heroischen Krieger: Wenn es ernst wird, schicken sie Bilbo vor, vor allem in die Drachenhöhle. Allerdings lassen sie einander nicht im Stich, und das schließt Bilbo von Anfang an ein, etwa als sie auf der Flucht vor den Wargs in die Bäume klettern. Sie tragen auch Bombur durch den Düsterwald, nachdem dieser in einen magischen Schlaf gefallen ist. Am beeindruckendsten ist jedoch die Rettung von Bofur und Bombur als sie vom Drachen bedroht werden: Alle anderen Zwerge befinden sich auf der „Türschwelle“ vor dem Eingang in den rettenden Tunnel, aber erst als sie ihre beiden Gefährten nach oben gezogen haben, ziehen sie sich dort hinein zurück. (Ich habe eine einzige Stelle gefunden, wo die Zwerge merken, dass einer von ihnen fehlt, und sich dennoch aus schierer Erschöpfung nicht auf die Suche nach ihm machen. Dieser eine ist ausgerechnet Thorin, der von den Waldelben im Düsterwald gefangen genommen wurde.)

Was sind die Zwerge, wenn sie keine archaischen Krieger sind? Sie sind in erster Linie Handwerker, und ihr Reichtum beruht auf ihrem handwerklichen Geschick. Im Grunde sind sie fast so bürgerlich wie Bilbo, und in keiner Weise für das Abenteuer gewappnet, zu dem sie sich auf den Weg machen: Weder können sie den Drachen töten (dazu bräuchten sie einen Helden), noch können sie gegen Trolle, Orks, Wargs oder Riesenspinnen kämpfen. Immer wieder müssen sie gerettet werden, erst von Gandalf, dann von Bilbo, und wenn beide versagen, gibt es immer noch die Riesenadler. Immer wieder sind sie auf Menschen (oder Elben) angewiesen, die sie bei sich aufnehmen und sie verpflegen und sie, wenn sie wieder zu Kräften gekommen sind, neu für ihre Reise ausstatten (vor allem mit Nahrungsmitteln). Satt und ausgeruht sprechen sie dann vom Schatz, als hätten sie ihn schon gewonnen, und ziehen ins nächste Abenteuer, dem sie genauso wenig gewachsen sind wie dem vorangegangenen.

Wenn sie Bilbo in etwas überlegen sind, dann im Überleben in der Wildnis: sie können die Rufe diverser Eulenarten nachmachen, sie können ein frisch gefangenes Kaninchen ausnehmen oder mit einer Zunder und Feuerstein ein Feuer entfachen. Nur mit Regen sind sie überfordert als wären sie Touristen: wenn sie durchnässt sind, sind sie übellaunig und gehen sich gegenseitig auf die Nerven oder beschweren sich, dass der Zauberer genau jetzt nicht bei ihnen ist (etwa im Kapitel „Roast Mutton“.)

Wir haben also nicht nur einen Helden, der völlig unvorbereitet in ein Abenteuer stolpert, das mehrere Nummern zu groß für ihn ist, sondern derer vierzehn. Dies gibt der Geschichte ihren Reiz: immer wieder lesen wir von neuen Listen, mit denen die Zwerge aus der Patsche befreit werden, und die Figuren kommen uns näher und sind uns sympathischer, als wenn ein übermächtiger Held, für den das Töten von Drachen zur Berufsbeschreibung gehört, auf diese Queste ziehen würde.

Und Thorin? Ist er wenigstens ein Held, wenn seine Gefährten es nicht sind? Beim sorgfältigen erneuten Lesen des Textes bleibt wenig von dem übrig, was ich als Zwölfjährige in ihm gesehen habe. Er ist kein Held, und auch nicht sehr königlich, außer in seinen Reden. Schon die Art, wie er eingeführt wird, hätte mich stutzig machen sollen:

Then they hung up two yellow hoods and a pale green one, and also a sky-blue one with a long silver tassel. This last belonged to Thorin, an enormously important dwarf, in fact no other than the great Thorin Oakenshild himself, who was not at all pleased at falling flat on Bilbo’s mat with Bifur, Bofur and Bombur on top of him. For one thing Bombur was immensely fat and heavy. Thorin indeed was very haughty, and said nothing about service, but poor Mr Baggins said he was sorry so many times that at last he grunted „pray don’t mention it,“ and stopped frowning. (p.11)

Im weiteren Verlauf des Kapitels stellt Thorin seine Bedeutung dadurch unter Beweis, dass er sich nicht am Abwasch beteiligt und stattdessen Rauchringe bläst, und durch eine Rede, die an Grußworte auf Kongressen oder auch an Reden von Chefs auf Weihnachtsfeiern erinnert, aber nicht an einen großen Helden. Ich lese das alles und stelle fest: Als Zwölfjährige war ich nicht gut im Erkennen von Ironie. Jetzt denke ich beim Lesen des ersten Kapitels: das ist ja fast schon so gut wie Terry Pratchett (vor allem die ersten Bände der Scheibenwelt-Serie mit Rincewind und Twoflower.) Aber vielleicht ist das eben typisch für ein Kinderbuch, das auch Erwachsenen Spaß macht: die Kinder akzeptieren, dass eine himmelblaue Kapuze mit silberner Quaste bei Zwergen ein Zeichen der Königswürde ist und nehmen Thorin ernst, die Erwachsenen amüsieren sich köstlich.

Es gab allerdings auch eine Stelle, an der ich meine damalige Faszination wieder nachempfinden konnte, nämlich, als die Zwerge ihre Musik spielen, die Bilbo verzaubert und in ihm eine Sehnsucht nach fremden Ländern weckt. Und an einer zweiten Stelle im ersten Kapitel nehme ich Thorin ohne jeden Vorbehalt ernst: als er die Geschichte der Vertreibung seines Volkes durch den Drachen Smaug erzählt, ohne Dramatisierung, eher mit Understatement.

„The river rushed up in steam and a fog fell on Dale, and in the fog the dragon came on them and destroyed most of the warriors – the usual unhappy story, it was only too common in those days.“ (p.24)

Auch auf der Reise gibt es nur wenige Stellen, wo er sich irgendwie königlich oder heldenhaft benimmt: Er lässt sich nicht von den Trollen überrumpeln, und als die Zwerge und Bilbo im Düsterwald von einem Hirsch überrannt werden, bleibt er auf den Beinen. In keinem der beiden Fälle nützt seine Besonnenheit irgendetwas. Heldenhaft erscheint mir die oben erwähnte Szene, in der er die Zwerge auffordert, Bofur und Bombur zu retten, eine Tat, die mir mit meinen erwachsenen, nicht zwölfjährigen Wertmaßstaben mittlerweile anerkennenswerter erscheint als sein späterer Opfertod in der Schlacht.

„Nonsense“, said Thorin, recovering his dignity. „We cannot leave them. Get inside, Mr Baggins and Balin, and you two, Fili and Kili – the dragon shan’t have us all. Now you others, where are the ropes? Quick!“ (p.203)

Königlich ist er aber vor allem dann, wenn er es übernimmt, für die Gruppe zu sprechen, und dies gelingt ihm meistens gut. Die schönsten dieser Reden hält er in der Seestadt:

„We have no need of weapons, who return at last to our own as spoken of old. Nor could we fight against so many. Take us to your master!“ (p. 194)

„But lock nor bar may hinder the homecoming spoken of old.“ (p. 184f)

(Aber vielleicht sind die Reden gar nicht „königlich“. Vielleicht sind es einfach die Reden eines Menschen Zwerges, der seine Entschlossenheit aus der Überzeugung nimmt, im Recht zu sein.)

Was macht Thorin und seine Zwerge nun erfolgreich, obgleich sie keine Helden sind? Man kann es sich mit der Antwort einfach machen und sagen: Gandalfs und Bilbos Hilfe, aber das verschiebt das Problem nur auf die Frage, wie es den Zwergen immer wieder gelingt, Hilfe zu mobilisieren, nicht nur von Menschen, sondern auch von Vögeln: Adlern, Raben, Drosseln, wie es für Märchenhelden typisch ist. Elrond hilft ihnen, weil er etwas gegen den Drachen unternehmen möchte, Beorn hilft ihnen, weil sie gegen die Orks gekämpft haben, und die Menschen der Seestadt helfen ihnen, weil auch sie auf ein Leben ohne Drachen hoffen und die Zwerge ihnen Mut machen, dass dies möglich sein könnte. Keiner dieser Helfer überlegt, ob der Plan der Zwerge (irgendwie zur Türschwelle gelangen und dann weitersehen) irgendeine Aussicht auf Erfolg hat, und so geschieht es, dass die Zwerge selbst am wenigsten zum Sieg über den Drachen beitragen: außer dass sie mit ihrer Beharrlichkeit und Zuversicht alle anderen dazu bewegt haben, ihnen zu helfen.

Das Problem ist nur: Die Zwerge, die wenig Konkretes dazu beigetragen haben, dass der Drache besiegt werden konnte, bestehen darauf, dass der Hauptgewinn dieses Sieges, der Drachenschatz, ihnen zufällt.

Der Konflikt um den Drachenhort

Gegen alle Wahrscheinlichkeit haben die Zwerge ihr Ziel erreicht: Der Drache ist tot, sie sind im Berg und nehmen den unermesslichen Drachenschatz in Besitz. Aber nun erheben auch die Menschen aus der Seestadt Anspruch auf den Schatz: Ein Großteil von ihnen stammt aus Dale (Thal), das vom Drachen zerstört wurde, und sie weisen darauf hin, dass ein Teil des Schatzes nicht den Zwergen, sondern ihren eigenen Vorfahren geraubt wurde. Außerdem seien die Zwerge schuld an der gegenwärtigen Zerstörung ihrer Stadt, so dass sie einen Anspruch auf Entschädigung hätten. Es entspinnt sich ein Konflikt zwischen Angehörigen von Völkern, die sonst in Tolkiens Werk weitgehend als gut gelten: Zwergen, Elben und Menschen. Solche Konflikte sind selten und im Herrn der Ringe nicht vorhanden; nur im Silmarillion gibt es weitere von ihnen.

Wie soll der Drachenhort verteilt werden? Es gibt keine Regeln dafür, und neben verschiedenen Ansprüche aus unterschiedlichen Quellen (alte Eigentumsrechte, Entschädigungsforderungen, Verdienste um den Sieg über den Drachen) müsste auch die Notwendigkeit bedacht werden, dass alle Beteiligten darauf angewiesen sind, dass sie miteinander auskommen. Die Prosperität von Menschen, Elben und Zwergen beruht darauf, dass sie untereinander Handel treiben können und gemeinsam die Gegend zu einem Ort des Friedens machen.

Es kommt aber nicht zu Verhandlungen: Thorin weigert sich, unter dem Druck eines bewaffneten Heeres zu verhandeln, und die Menschen der Seestadt und die Elben weigern sich, von ihren Forderungen abzurücken oder zumindest ihre bewaffnete Streitmacht abzuziehen. Die Zwerge mauern sich in ihrem Berg ein und bereiten sich auf eine Belagerung vor. Ein tragisches Ende kündigt sich an: eine Schlacht zwischen Figuren, die keineswegs böse, sondern nur menschlich sind (auch wenn es sich um Elben oder Zwerge handelt) insofern sie alle einen Anteil am Drachengold wollen. Nur durch einen Angriff von außen wird die Schlacht abgewendet.

Es ist einer der Momente, die Hobbit zu einer reiferen und erwachseren Geschichte machen als den Herrn der Ringe und ihn über den Status eines reinen Kinderbuchs herausheben: Konflikte gibt es nicht nur zwischen Gut und Böse, sondern auch zwischen ganz gewöhnlichen Menschen/Zwergen/Elben, die einfach nur ein paar menschliche Schwächen haben: Ein unbewachter Schatz ist verlockend, und es ist immer einfach, anderen die Verantwortung für das eigene Unglück zuzuschreiben.

Es könnte eine Situation sein wie in einer alten Sage oder einer Tragödie: alle sind der festen Meinung, im Recht zu sein, und niemand ist bereit, auch nur einen Millimeter von seiner Position abzuweichen. Es kommt zur Katastrophe, und am Ende ist die Bühne blutüberströmt und mit Leichen übersät. Die Menschen früherer Zeiten, waren nicht dumm: Sie wussten, was die Konsequenz ist, wenn zwei Seiten aufeinanderprallen, die nicht nachgeben wollen. Oft ist in solchen Geschichten nicht einmal festzustellen, wer im Recht ist – beide sind teilweise im Recht und teilweise im Unrecht, aber das eigentliche Problem besteht darin, dass sie nicht bereit sind, nachzugeben, die Situation aus der Perspektive der anderen Seite zu betrachten und dann zu einer Einigung zu kommen. Dazu kommt im schlimmsten Fall noch ein Bedürfnis nach Rache. Es sind beeindruckende, wenn auch grässliche Geschichten, aber wenn man beim Lesen/Zuschauen den Eindruck gewinnt, dass der Dichter das Gemetzel als genauso schrecklich empfindet wie man selbst, ist es möglich, sie zu lesen oder dem Theaterstück zuzusehen, ohne sich aufzuregen.

Die Ereignisse im Hobbit könnten einem ähnlichen Muster folgen (bei dem die Katastrophe erst im letzten Augenblick abgewendet wird), wenn da nicht die Erzählerstimme wäre (und Gandalf, der während der Konfrontation auftaucht.) Die Erzählerstimme macht aus der Konfrontation zwischen zwei Parteien, die sich immer mehr zuspitzt, eine Geschichte von einem Zwerg, der nicht bereit ist einzusehen, dass die Ansprüche der Gegenseite berechtigt sind und der dadurch vom Weg des Guten abweicht. Sie benennt Thorin als den, der für den Konflikt verantwortlich ist, weil er vom Gold verblendet ist und nicht teilen will. Bilbo dagegen, der bereit ist, seinen Anteil am Drachenschatz zu opfern, wird zum Helden.

(Ohne die Erzählerstimme und Gandalfs Urteil über Thorin wäre die Geschichte komplexer, und die Leser, Kinder und Erwachsene, hätten mehr Freiheit, den Konflikt zu beurteilen.)

Dadurch, dass ausschließlich Thorin für den Konflikt verantwortlich gemacht wird, verschiebt sich das Problem: Zentral ist nicht mehr die Frage, was Gerechtigkeit beim Aufteilen eines Drachenhorts bedeutet und wie man unterschiedliche Parteien dazu bewegen kann, von ihren Maximalforderungen abzurücken und miteinander zu verhandeln, sondern wie Habgier und Stolz (zwei der sieben Todsünden) das Herz eines Menschen Zwerges verdunkeln können, so dass er nicht mehr sieht, was richtig und angemessen ist (nämlich den Schatz zu teilen.) Eine Frage der Fairness wird zu einem psychologischen oder spirituellen Problem. Erst auf dem Sterbebett „erkennt“ Thorin die Bedeutungslosigkeit von Gold und anderen Schätzen und stirbt als jemand, der wieder ganz und gar zu „den Guten“ gehört.

Aus einer Frage der Gerechtigkeit wird eine Frage des „Herzens“: Wer hat ein gutes, reines Herz, und wessen Herz wurde durch das Drachengold verdorben, so dass er jetzt nur noch an das Gold denken kann und unfähig ist, es loszulassen? Jemand mit einem guten, reinen Herzen wie Bilbo denkt nicht an sich selbst, sondern ist bereit, seinen Anteil zu opfern, aber Menschen Zwerge, deren Herz verdorben ist, weigern sich, zu teilen und von ihrem Schatz etwas anzugeben.

Es handelt sich um eine Kindergartentugend: gute Kinder geben ab und teilen und wollen nicht alles für sich behalten. Außerdem sind gute Kinder nicht stur, sondern geben hin und wieder auch nach. Das Problem ist nur, dass Menschen, Elben und Zwerge keine Kinder sind, und dass für sie differenziertere Regeln gelten. Ansprüche müssen geprüft werden, und es ist zwar oft gut und richtig, über legitime Ansprüche hinaus etwas zu geben und anderen zu helfen, es gibt aber auch Situationen, wo das nicht gut ist, etwa, weil die andere Partei dabei ist, unverschämt zu werden oder einen auszunutzen. Thorin weigert sich, das geforderte Gold herauszugeben, weil er unter Druck gesetzt wird: Mit einer bewaffneten Streitmacht verhandelt er nicht: Aus seiner eigenen Perspektive heraus ist er nicht starrsinnig, sondern standhaft, und die Menschen der Seestadt und die Elben sind Diebe, die gekommen sind, sich etwas, was nicht ihnen gehört, notfalls mit Gewalt zu nehmen.

In der Konfrontation zwischen Bilbo und Thorin werden Eigennutz und Habgier (schlecht, Thorin) und Selbstlosigkeit und Verzicht (gut, Bilbo) einander gegenüber gestellt (und nicht Pazifismus und ein Kriegerkodex.) Es ist eine religiöse, christliche Moral, die Selbstlosigkeit und Verzicht predigt. Es ist die Art von Moral, die ich in meiner Jugend gelernt habe, aber mittlerweile halte ich sie für falsch: ich denke, moralische Fragen müssen anders gestellt werden. Es geht nicht darum, diese oder jene Tugend zu entwickeln oder diese oder jene „Todsünde“ zu vermeiden, sondern darum, sich zu überlegen, was in einer bestimmten Situation die richtige Handlungsweise ist. Dazu ist auch eine Tugend nötig, aber eine andere: Reflexionsvermögen, und die Fähigkeit, zu sich und seinen eigenen Interessen auf Distanz zu gehen und zu überlegen, was angemessen und gerecht ist.

Helden

Auf der Seite der Menschen (und Elben) ist nun eine Figur aufgetaucht, die Tolkiens uneingeschränkte Sympathie hat: Bard, der Bogenschütze. Er, nicht Bilbo, ist der Gegenentwurf zu Thorin: Auch er ist Erbe eines Fürsten, der durch den Drachen getötet wurde, aber im Gegensatz zu Thorin ist er zufrieden mit seinem Leben in Esgaroth, zufrieden genug jedenfalls, um sich nicht in ein Abenteuer zu stürzen, dessen Ausgang er nicht absehen kann. Vom Enthusiasmus über die Rückkehr des Königs unter dem Berge hat er sich nicht anstecken lassen. Dafür ist er mutig, als er mit dem Drachen selbst konfrontiert wird: Während es Thorin in erster Linie um seine Sicherheit und die seiner Leute geht, ist Bard bereit, sich dem Drachen entgegenzustellen, und auch das Leben einer Gruppe von Bogenschützen zu riskieren, die mit ihm gemeinsam in einem „Last Stand“ versuchen, den Drachen zu erschießen.

Thorin ist also mutig, wenn es darum geht, ins Abenteuer aufzubrechen, aber vorsichtig, wenn er im Abenteuer steckt. Bard dagegen ist vorsichtig, wenn es darum geht, das Abenteuer zu suchen, aber wenn es da ist, ist er mutig. Nur dass sein „Last Stand“ im Prinzip genauso wenig Hoffnung auf Erfolg hat wie Thorins gesamte Reise, wenn ihm nicht Hilfe zuteil geworden wäre, durch einen Vogel (genau wie den Zwergen), nur dass es dieses Mal eine Drossel ist.

Aber auch Thorin wird am Ende der Geschichte, während der Schlacht gegen die Orks, zum Helden . Er und seine Gefährten verwandeln sich in der Stunde der Gefahr in heroische Krieger, die sich als kleine Gruppe in die Schlacht werfen, als würde ihr eigenes Überleben sie nicht interessieren, und in der Tat sterben drei von ihnen, Thorin selbst und Kili und Fili, die ihn ebenfalls in einem „Last Stand“ zu schützen versuchen. Thorin ist dadurch rehabilitiert (redeemed): er ist von der „Drachenkrankheit“ (Gier nach Gold) geheilt, und wieder einer der Guten. Allerdings bezahlt er dafür, mit seinem Leben: Er muss beweisen, dass er bereit ist, uneigennützig für alle zu handeln und das höchstmögliche Opfer zu bringen. (Die Idee einer pazifistischen Botschaft der Geschichte ist dadurch ad absurdum geführt).

Die Zwerge sind keine Handwerker mehr. Sie haben Rüstungen angelegt, und als Krieger werden sie zu Helden. Als Handwerker und Kaufleute waren sie dem Gold verhaftet, als Krieger aber opfern sie sich selbstlos auf. Als Zwölfjährige habe ich sie in diesem Augenblick bewundert, jetzt hat das ganze einen faden Beigeschmack für mich. Ich wünschte, die Zwerge wären als Handwerker respektiert worden. Ich wünschte, sie wären dafür respektiert worden, wie sie sich füreinander einsetzen, etwa Bombur durch den Düsterwald tragen, und wie sie ihr Leben riskieren, um Bofur und Bombur zu retten, ohne aber mit dem Ziel, sich zu opfern. Ich wünschte auch, ihre Großzügigkeit gegenüber denen, die ihnen helfen, wäre gewürdigt worden: Schon das Kettenhemd aus mithril, das Thorin Bilbo als „Anzahlung“ überreicht, war eine königliche Belohnung. Ich wünschte, die Zwerge wären als „decent fellows“ gewürdigt worden und hätten nicht zu Helden werden müssen.

Drachenkrankheit

Am Anfang der Reise zeigt Thorin keine Anzeichen von Habgier. Er möchte zwar den Drachenschatz zurückgewinnen, aber er verspricht selbst den Adlern großzügig Belohnung (die sie auch erhalten, allerdings dann von Dain), und selbst als er den Drachenhort besichtigt, ist er nicht von Gier überwältigt, sondern schenkt Bilbo ein Kettenhemd als Anzahlung auf seine Belohnung. Natürlich kann man die gesamte Reise mit dem Ziel, dem Drachen seinen Schatz zu rauben, als erstes Anzeichen von Habgier, der „Drachenkrankheit“ deuten, so etwa in einer Besprechung, die ich in einem Blogpost Re-visiting The Hobbit gefunden habe: „And the dragon’s demise is not the story’s end-point, but the beginning of a complex moral climax that questions the entire basis of the story and of the reader’s sympathies — namely, that the Quest had as its objective only gold — greed, in other words“. Mit einer solchen Position wird aber außer Acht gelassen, dass es sich um Gold handelt, das den Zwergen geraubt wurde und das jetzt einem Drachen gehört.

Ein weiteres Problem besteht darin, dass durch eine solche Position der Rest des Abenteuers entwertet wird. Bis hierhin sind die Leser Bilbo und den Zwergen gefolgt und haben gehofft, dass sie überleben und Erfolg haben. Die größten Sympathien mögen Bilbo gegolten haben (wenn jemand nicht ein düster-romantischer Typ ist wie ich selbst als Kind und Jugendliche), aber das heißt nicht, dass die Leser den Zwergen ihren Erfolg nicht gegönnt hätten. Und gerade in der Drachenhöhle haben sich die Zwerge als Leute erwiesen, die füreinander da sind (die Tatsache, dass sie Bilbo in die Drachenhöhle schicken ändert nichts daran.) Plötzlich wird all das in Frage gestellt: auf einmal sind die Zwerge und vor allem Thorin „die Bösen“ im Konflikt mit den Elben und Menschen.

Wie wird dies erreicht? Thorin dreht tatsächlich nicht durch, vielleicht mit Ausnahme seiner harten Worte gegenüber Bilbo, als er sieht, dass dieser den Arkenstein an seine Feinde weitergegeben hat. Er bleibt stur, aber rational, und was er den Menschen von Esgaroth sagt, kann nicht so einfach von der Hand gewiesen werden: Dass sie aus dem Besitz des Drachen, nicht aus dem, was er anderen geraubt hat, entschädigt werden müssten, oder dass es nicht angemessen sei, dass er sein Eigentum, den Arkenstein, zurückkaufen soll. Es kommt auch nicht zu einem Kampf, sondern nur zu einer Belagerung: Beide Seiten hoffen darauf, dass der anderen Seite die Kräfte und Nahrungsmittel ausgehen und dass sie dann zu Verhandlungen bereit ist. (Sie wissen trotz allem, dass sie aufeinander angewiesen sind.) Einen offenen Kampf wagt Thorin nicht, da er weiß, dass er dazu zu schwach ist. Erst mit Dains Eintreffen verändert sich die Situation.

Es ist vor allem die Erzählerstimme, die den Lesern sagt, was sie von dem Konflikt halten sollen, nämlich dass Thorin schuld ist, und sie erklärt auch, was mit Thorin passiert ist, dass er auf einmal böse ist, während er vorher doch (einigermaßen) gut war:

But also, he [Bilbo] did not reckon with the power that gold has upon which a dragon has long brooded, nor with dwarvish hearts. Long hours in the past days Thorin had spent in the treasury, and the lust of it was heavy on him. Though he had chiefly hunted for the Arkenstone yet he had an eye for many another wonderful thing that was lying there, about which were wounded old memories of the labours and the sorrows of his race. (p. 245)

And already, so strong was the bewilderment of the treasure upon him, he was pondering whether by the help of Dain he might not recapture the Arkenstone and withhold the share of the reward. (p. 255)

Die Leser wissen jetzt, wie sie den Konflikt beurteilen sollen: Thorins zwergische Lust auf Gold, ausgelöst durch den Anblick des Drachenschatzes, verstärkt durch den bösen Zauber des Drachen, der lange auf dem Gold gelegen hat, ist die Ursache des Konflikts. Und wenn ich Texte im Internet lese, gewinne ich den Eindruck, dass die meisten Leser das Urteil der Erzählerstimme übernehmen: Thorins Gier nach Gold ist der Grund, warum es beinahe zu einer Schlacht kommt. Nur: andere (Menschen und Elben) sind genauso gierig.

Doppelte Standards

Immer wieder stoßen wir auf Vorbehalte verschiedener Figuren gegenüber Zwergen, etwa Elrond oder Beorn:

He took it and gazed long at it, and he shook his head; for if he did not altogether approve of dwarves and their love of gold, he hated dragons and their cruel wickedness, and he grieved to remember the ruin of the town of Dale and its merry bells, and the burnt banks of the bright River Running. (p.51)

„I am not over fond of dwarves, but if it is true that you are Thorin (son of Thrain, son of Thror, I believe), and that your companion is respectable, and that you are enemies of goblins and are not up to any mischief in my lands – what are you up to, by the way?“ (p. 113)

(Ich fühlte mich stark an eine klassische rassistische Trope erinnert: „Normalerweise mag ich … ja nicht, aber du bist anders, du bist okay.“)

Selbst der Erzähler nennt sie „calculating folk“:

The most that can be said for the dwarves is this: they intended to pay Bilbo really handsomely for his services; they had brought him to do a nasty job for them, and they did not mind the poor little fellow doing it if he would; but they would all have done their best to get him out of trouble, if he got into it, as they did in the case of the trolls at the begining of their adventures before they had any particular reasons for being grateful to him. There it is: dwarves are not heroes, but calculating folk with a great idea of the value of money; some are tricky and treacherous and pretty bad lots; some are not, but are decent enough people like Thorin and Company, if you don’t expect too much. (p. 199)

Tolkiens Zwerge sind nicht böse. Sie sind keine Orks. Tolkien fühlt sich den Zwergen verbunden, da sie als auf Metallarbeiten und Edelsteinverarbeitung spezialisierte Handwerker schöne Dinge schaffen (schließlich sieht er sich selbst auch so als Schriftsteller und Künstler.) Gold ist für Zwerge nicht nur Zahlungsmittel, sondern vor allem Werkstoff, und als solches lieben sie es, so wie andere Künstler Speckstein oder Polyester lieben. Selbst als sie vom Drachenhort sprechen, interessiert sie nicht die Menge des Goldes, sondern einzelne schöne Gegenstände: das unterscheidet sie von Smaug. Aber wie das andere große Handwerkervolk Mittelerdes, die Noldor (Deep Elves im Hobbit) sind Zwerge gefährdet, ihr Herz an materielle Dinge zu hängen, solche, die sie selbst geschaffen haben, oder eben auch etwas Schönes, was sie gefunden haben wie den Arkenstein.

Dabei wird aber übersehen, dass auch Elben und Menschen und sogar Hobbits für diese Art von Materialismus anfällig sind. Nur: wenn Zwerge ihr Herz zu sehr ans Gold hängen, ist es Teil ihres zwergischen Charakters und potentiell gefährlich. Wenn Menschen zu goldgierig werden, etwa der Meister der Seestadt, ist es ein persönlicher Fehler und hat nichts damit zu tun, dass er ein Mensch ist. Wenn Elben goldgierig sind, ändert das nichts daran, dass sie gute Leute sind. Es wird ausdrücklich gesagt, dass der König der Waldelben eine Schwäche für Gold hat:

If the elf-king had a weakness it was for treasure, especially for silver and white gems; and though his hoard was rich, he was eager for more, since he had not as great a treasure as other elf-lords of old. His people neither mined nor worked metals or jewels, not did they bother much with trade or tilling the earth. All this was well known to every dwarf, though Thorin’s family had had nothing to do with the old quarrel I have spoken of. (p.157)

„Very well! We’ll see! No treasure will come back through Mirkwood without my having something to say in the matter. But I expect they will all come to a bad end, and serve them right!“ He at any rate did not beieve in dwarves fighting and killing Smaug, and he strongly suspected attempted burglary or something like it – which shows he was a wise elf and wiser than the men of the town, though not quite right, as we shall see in the end. (p.186)

Und er ist nicht nur weise, sondern er und seine Elben sind auch gut:

Still elves they were, and that is Good People. (p. 157)

(Wovon leben die Waldelben eigentlich? Von der Jagd? Oder nur von Importen aus der Seestadt und Dorwinion und weiteren Gebieten? Und was exportieren sie, um diese Importe finanzieren zu können? Wie gelingt es ihnen, einen Schatz anzuhäufen, und kein horrendes Staats- und Außenhandelsbilanzdefizit? Vielleicht hat der Elbenkönig gute Gründe, am Schatz der Zwerge interessiert zu sein.)

Die Menschen der Seestadt lassen sich nur allzu leicht überreden, die Schuld für den Drachenüberfall bei den Zwergen zu suchen. (Sie haben damit nicht ganz unrecht, aber auch nicht ganz recht: auch ohne Zwerge war der Drache eine permanente Bedrohung.) Sie sind schnell bei der Hand, wenn es darum geht, den Drachenschatz plündern zu wollen, und sie überlegen nicht, ob auch die Zwerge ein Anrecht daran haben könnten. Und das elbische Heer setzt sich in Bewegung, sobald es vom Tod Smaugs gehört hat, ebenfalls mit dem Ziel, den Drachenschatz zu erobern; sie lassen sich allerdings erst einmal ablenken, um den Menschen der Seestadt zu helfen.

Nicht einmal Bilbo ist frei von der Sehnsucht nach materiellen Dingen. Möglicherweise hat ihn mehr die Sehnsucht nach Abenteuern als die nach einem Goldschatz dazu bewogen, sich den Zwergen anzuschließen, aber als er den Arkenstein findet, kann er ihm nicht widerstehen:

Suddenly Bilbo’s arm went towards it drawn by an enchantment. His small hand would not close about it, for it was a large and heavy gem, but he lifted it, shut his eyes, and put it in his deepest pocket. (p. 220)

Bilbo hängt am Arkenstein, und es fällt ihm schwer, ihn herauszugeben. Am Ende nutzt er ihn, um Thorin zu zwingen, seinen, Bilbos, Anteil den Menschen der Stadt zu geben. Es mag heroisch scheinen: selbstloser Verzicht, um den Frieden zu sichern, aber es funktioniert nicht, denn Frieden lässt sich nicht erkaufen.

Wenn man es auseinandernimmt handelt sich um einen merkwürdigen Ringtausch: Bilbo gibt den Arkenstein an Thorin, dieser gibt den vierzehnten Teil des Schatzes an Bard und die Stadtmenschen, und Bard verspricht den Frieden, den Bilbo sich wünscht. (Der ursprüngliche von Bard vorgeschlagene „Handel“ bestand darin, dass Bard den Zwergen Frieden im Austausch für den zwölften Teil des Schatzes versprach. Wenn ich es so formuliere, ist nicht mehr Thorin der Hauptschuldige im Konflikt.)

Am Ende ist es nicht der von Bilbo eingefädelte Deal, sondern ein Angriff von außen, der Menschen, Zwerge und Elben zu Verstand kommen lässt: Gegen die Orks vereinen sie sich im Wissen, dass sie im Prinzip alle auf derselben Seite stehen und miteinander auskommen müssen. Auch die Einigung über den Drachenschatz ist nun möglich. (Und solch ein Schatz ist ja ein Luxusproblem – warum sollte solch ein Konflikt also nicht lösbar sein?)

Der Konflikt um den Schatz ist also vielschichtiger, als es zunächst den Anschein hat, und auch vielschichtiger als Gandalfs Zusammenfassung im Text „die Fahrt zum Erebor“. Er ist nicht einfach darauf zurückzuführen, dass Thorin durch Stolz und Habgier verblendet ist, und diese Behauptung wird auch nicht wahrer, wenn sie immer wieder wiederholt wird. Es bleibt eine der großartigsten Szenen in Tolkiens Werk, eine, die das Potential hätte, mit den realen Sagen aus alter Zeit mitzuhalten, aber die Erzählerstimme und Gandalfs Kommentare vereinfachen sie zu einer moralistischen Erzählung mit einer simplen Botschaft: Sei nicht gierig und hänge nicht am Gold!

Nach der erneuten Lektüre des Hobbit denke ich: Thorin besitzt nicht die Eigenschaften, die mich als Zwölfjährige für ihn haben schwärmen lassen. Er besitzt aber einige andere Eigenschaften (gerade nachdem die Gruppe die Seestadt erreicht hat), die ihn mir jetzt als Erwachsene sympathisch machen. Das Urteil der Erzählerstimme braucht mich nicht zu interessieren: ich nehme das, was mir als Taten und Worte Thorins angeboten werden.

Lösungsmöglichkeiten

Früher genoss ich tragische Enden, wenn die Figur nur auf die richtige Weise umkam, so dass ihr Tod ein erhebendes Gefühl erzeugte. Heute bevorzuge ich es, wenn die Figuren, die ich mag, überleben.

Dass die Geschichte nicht mit dem Tod des Drachen und dem Gewinn des Schatzes endet, ist eine gute Entscheidung. Es wäre ein zu einfaches gutes Ende: Das Ziel der Queste ist erreicht und nichts steht dem Glück der Zwerge entgegen. Dass mit dem Tod Smaugs nicht alle Probleme gelöst sind, sondern der bitterste Teil des Abenteuers erst beginnt, macht die Geschichte zu mehr als einer einfachen Kindergeschichte. Außerdem ist es realistisch, dass der Drachenschatz noch andere Leute als nur die Zwerge anzieht.

Dennoch wünsche ich mir ein gutes Ende. Wie hätte es zustandekommen können?

Eine Möglichkeit wäre gewesen, dass Thorin die Schlacht der Fünf Heere überlebt hätte. Bard hätte dann auf ihn zugehen können, ihm den Arkenstein zurückgeben (denn diesen hätte er wirklich nicht behalten dürfen), und sagen: „Jetzt lasst uns verhandeln über das, was ihr den Menschen von Seestadt geben wollt als Gegenleistung für das, was sie für euch getan haben, und wie Ihr eine Neugründung der Stadt Dale unterstützen wollt: Denn Ihr Zwerge braucht eine Menschenstadt zu Füßen des Berges, da Ihr selbst keine Nahrungsmittel anbaut.“ (Ich habe auch über eine Version nachgedacht, in der Thorin auf Bard zugeht. Aber er braucht es nicht zu tun, denn er hat den ersten Schritt schon getan, als er in die Schlacht eingegriffen hat.)

Eine andere Möglichkeit wäre gewesen, dass sich die Parteien ohne einen Angriff von außen geeinigt hätten. Es wäre schwierig gewesen, da sie sich beide verrannt hatten und keine Seite nachgeben wollte. Vielleicht hätte ein Wintereinbruch beide Seiten zur Vernunft gebracht (ähnlich wie der Orkangriff.) Vielleicht hätte es dann auf beiden Seiten Figuren gegeben, die ihre Stimme gegen die Halsstarrigkeit der Anführer erhoben hätten.

Oder eine dritte Möglichkeit, noch früher: Thorin hätte etwas sanfter antworten können, etwa deutlicher machen können, dass er bereit ist, die Menschen der Seestadt für ihre Hilfe zu belohnen, und Verhandlungen darüber versprechen, wie viel er ihnen als Belohnung zu geben bereit ist – aber nicht unter einer Drohung von Gewalt. Eine weitere Möglichkeit wäre gewesen, ihnen das anzubieten, was sie im Augenblick dringender brauchen als Gold: Ein Dach über dem Kopf als Schutz vor dem Winter. Es hätte den Konflikt um den Schatz entschärft.

Ich habe jetzt Thud von Terry Pratchett aus dem Schrank geholt, vor allem weil mich die Szene im Film, in der die Zwerge gegen die Trolle kämpfen, an das Spiel „Thud“ erinnert hat. Ich stelle fest, Es ist möglich, eine spannende Geschichte darüber zu schreiben, wie ein uralter Konflikt beendet wird. Aber die Figuren bei Pratchett wissen, wie man verhandelt: Erst einmal gibt es Komitees, die darüber verhandeln, wie verhandelt werden soll.

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10 Antworten zu Regression in den Weihnachtsferien: Der Hobbit, gelesen als frischgebackene Atheistin

  1. ramblingbrother schreibt:

    Hallo,

    eine wunderschöne Kritik des Buches, dass ich vor 30 Jahren zum letzten Mal gelesen habe.

    Gruss

    • susanna14 schreibt:

      Vielleicht sollte ich auch erwachsen werden… Ich denke aber nach wie vor, dass der Hobbit ein hervorragendes Kinderbuch ist – ob die Kinder dann auch den Herrn der Ringe lesen wollen, sollte ihnen selbst überlassen bleiben. Immerhin sind Tolkien Romane die realistischste Fantasy, die ich kenne, vielleicht mit Ausnahme von Terry Pratchett. Nur die moralisierende Erzählerstimme stört.

      Vielleicht ist es aber auch einfach gut, zu den Büchern zurückzugehen, die ich als Kind/Jugendliche liebte, und sie mit meinem dazugewonnenen Wissen zu analysieren. Es hilft mir, zu durchschauen, was damals mit mir passiert ist. Außerdem durchschaue ich immer besser die katholische Kapitalismuskritik, die sich auch bei Tolkien findet, und von der ich mittlerweile überhaupt nichts halte („wenn die Menschen nur nicht so gierig wären…“). M.E. versucht sie den Kapitalismus durch etwas zu ersetzen, was noch schlimmer ist.

      • John Dean schreibt:

        Herzensbildung und Edelmut?

        Sicher, das ist nicht unbedingt die realistischste Perspektive, jedenfalls nicht als Dauerzustand. Ich würde den Katholizismus insgesamt weniger durch seine Moralperspektive begreifen wollen (und insofern halte ich also die katholische Soziallehre als auch die Befreiungstheologie für einen Sonderfall), sondern mehr als Herrschaftstechnik mit einem dogmatischen Katechismus.

        Katholizismus und kritisches Denken stehen in meinen Augen jedenfalls in einem eigentlich oppositionellen Verhältnis und insofern war und agiert die katholische Kirche als politische Instanz konsequent, zumal sie selbst eigentlich eine führerstaatliche internen Struktur aufweist, wenn sie sich in der Geschichte alles andere als kapitalistismuskritisch oder gegenüber autoritären rechtsgerichteten Regimen abgeneigt erweist. Insgesamt ist die Kapitalismuskritik der katholischen Kirche nicht ernst gemeint, mehr eine salbungsreiche Formel, mit der sie sich selbst gegenüber dem Mammon an erste Stelle setzt, zudem eine Methode zum Einfangen von Menschen, wo sie beispielsweise die Banken „mahnen“ kann – und im Rahmen ihrer politischen Aktivitäten dann aber weitgehend ohne Belang, und selbstverständlich ganz besonder hinsichtlich der eigenen Bankgeschäfte, welche die katholische Kirche u.a. als Geldwäscher für Kriminelle, Waffenschieber und Despoten betreibt. Ihre politischen Aktivitäten z.B. im Polen der Wendejahre waren ja auch nicht kapitalismuskritisch beseelt, sondern ganz im Gegenteil. Vielmehr agiert die katholische Kirche kritisch gegenüber jenen, die kapitalismuskritisch eingestellt sind. Befreiungstheologen wird reihenweise die Lehrerlaubnis entzogen, also, ein totaler Maulkorb erteilt.

        Nehme ich aber wiederum die katholische Soziallehre als solche (ähem: und ziehe davon den Katholizismus bzw. seine theologischen Dogmen wieder ab), dann hat auch eine katholisch geprägte Kapitalismuskritik imho durchaus ihre starken Seiten, und sogar eine bemerkenswerte geistige Potenz. Nur, dass diese Kapitalismuskritik aus den eigenen Reihen für den Alltag der katholischen Kirche eigentlich keine Rolle spielt und, so empfinde ich das, sogar verborgen wird.

        P.S.

        Was ich ja eigentlich schreiben wollte: Schöner und sehr lesenswerter Artikel wieder mal von Dir!!
        😀

        Irgendwie geht das Schweinchen Schlau mit mir immer wieder durch…
        Ich hoffe aber, du hast sich über meine Ansichten und Anmerkungen nicht geärgert!
        Ich h

        • susanna14 schreibt:

          Nein, ich habe mich überhaupt nicht geärgert. Und wenn mir die erneute Lektüre des Hobbits etwas gebracht hat, dann dass durchschaut habe, dass . Die Figuren, die im Konflikt am Ende als gut dargestellt werden, sind es nicht wirklich.
          Ich habe ja nicht ausdrücklich geschrieben, was die katholische Kirche an Stelle der Moderne setzt. Ich würde sagen, es ist eine autoritäre, hierarchische, ständische und statische Gesellschaftsordnung. (Eine so ausführliche Kritik wie du bekomme ich nicht zustande, da ich selbst nicht katholisch bin. Bei ökumenischen Aktionen (an denen ich früher, als ich noch in der evangelischen Kirche aktiv war hin und wieder teilgenommen habe) habe ich die hiesige katholische Gemeinde eher als harmlos erlebt: genauso wie die evangelische Kirche ist sie bemüht, den Kontakt zu den typischen Großstadtmenschen nicht ganz zu verlieren. Nur wenn ich sie als ganzes betrachte, sehe ich sie als das, was sie ist: Einen mächtigen, konservativen, antidemokratischen, antisozialistischen Akteur. Selbst die Soziallehre war ja nur ein Versuch, den eigentlichen Sozialisten das Wasser abzugraben.)

          Was ich gelernt habe: dass ich jetzt imstande bin, den moralischen Appell, der im Hobbit steckt, zurückzuweisen. Vor zehn Jahren war ich dazu noch nicht imstande. Da habe ich auf Fragen wie „findest du es etwa gut, wenn jemand egoistisch ist und nicht teilen will?“ nicht antworten können. Nun kann ich es. Auch die Behauptung, dass der zentrale Wert im Herrn der Ringe Freiheit sei, kann ich zurückweisen: In Wirklichkeit geht es um eine ganz bestimmte traditionelle Ordnung, die vor allem im Auenland verwirklich ist. Es geht nicht darum, dass Menschen (oder Hobbits oder Zwerge oder Elben) ihre eigene Ordnung entwickeln und sich (mit Worten) streiten, wie diese aussehen könnte. Und das erkennt man eben auch am zentralen Konflikt im Hobbit.

          Und was mir die Lektüre eben noch gebracht hat: Dass ich dazu stehen kann, dass ich Tolkiens „graue“ Figuren mag, eben Thorin und Feanor (aus dem Silmarillion), und zwar gerade ihr Aufbegehren gegen den großen göttlichen Plan, der leider vorsieht, dass sie auf das verzichten, was ihnen am teuersten ist. (Ich habe noch mehr Gedanken zu diesen Texten, gerade zu der Verherrlichung des Selbstopfers.)

      • ramblingbrother schreibt:

        Es gibt ja diverse Vermutungen darüber, wie Tolkien sein „Herr der Ringe“ selbst verstanden hat. Unter anderem haben einige Interpretatoren unterstellt, dass er sich mit den beiden Büchern allegorisch dem Kampf gegen den Nationalsozialismus und anderer Totalitarismen widmete. Er selbst hat das bestritten und es als Phantasie über den archetypischen Kampf der Kategorien „das Gute“ und „das Böse“ ausgegeben. Und mit dem Hinweis versehen, dass beide Kategorien nie als rein und unvermischt zu gelten haben, Was sich als Umstand tatsächlich im „Hobbit“ und auch im „Herr der Ringe“ niedergeschlagen hat.
        Seine Abneigung gegenüber mancherlei Effekte des Kapitalismus ist kein Geheimnis. Im Fokus seiner Kritik stehen da vor allem die fortschreitende Motorisierung/Mechanisierung/Maschinisierung produktiver Abläufe. Vor allem im „Herr der Ringe“ klingt diese Kritik an. Idylle und Schrecken. Gut und Böse. Hoffnung und Verzweiflung. Aufgang und Untergang. Rasende Moderne gegen ländliche Abgeschiedenheit und putzige Rückständigkeit. Als Leser waren es gerade diese binären Oppositionen, die mich fesselten, zugegeben. Insofern hat die Lektüre eine in mir lauernde Sehnsucht nach der eskapistischen Idylle, nach dem positiven Ausgang der mörderischen Auseinandersetzungen und nach dem reinen Guten in mir befriedigt.

        • susanna14 schreibt:

          Ich kenne da ja vor allem das Vorwort zum Herrn der Ringe, wo er sich gegen aktuelle Parallelen und Allegorien wendet. Ich denke, er hat Recht, wenn er sich gegen eine simple Parallele wendet; ich glaube aber, dass es schon Aspekte gibt, über die nachzudenken lohnt. Ein Punkt, den ich immer gemocht habe, war der, dass die guten Figuren alle durch den Ring in Versuchung geführt werden: Das Streben nach Macht, und das Verwenden der Waffen des Feindes, führt zur Errichtung eines Regimes das genauso schrecklich ist, wie das, was der Feind geplant hat. Das Problem ist nur, dass das Ideal nicht wirklich Freiheit ist, sondern eine vorgegebene göttliche Ordnung, wie etwa in der Musik des Ainulindale. (Ja, ich habe auch das Silmarillion gelesen, und teilweise auch die Lost Tales.)

          Was mir beim Nachdenken in den letzten Wochen aufgefallen ist: Der Hobbit ist vor dem zweiten Weltkrieg geschrieben, und auch die meisten Geschichten des Silmarillion sind vor dem zweiten Weltkrieg entstanden und wurden hinterher nur noch in Details und im sprachlichen Stil verändert. Sowohl im Hobbit als auch im Silmarillion gibt es Konflikte zwischen Völkern, die „im Prinzip“ gut sind, sogar einige der Elben sind alles andere als vorbildlich. Im Herrn der Ringe gibt es das nicht mehr. Vor allem Galadriel, die doch ursprünglich gegen den Willen der Götter mit den anderen Noldor nach Mittelerde zurückgekehrt ist, wird während der weiteren Umschreibungen und Veränderungen am Silmarillion zu einer rein guten Figur. Ich habe überlegt, ob ein Grund dafür tatsächlich die Erfahrung des zweiten Weltkriegs war, der für die Engländer tatsächlich einen heldenhaften Kampf gegen das Böse bedeutete.

          Was ich am Herrn der Ringe mochte… Er ist gut geschrieben und spannend, aber auch keine 0-8-15-Geschichte. Ich mag auch das Umherreisen. Ich mochte immer die ruhigen Stellen am liebsten. Ich habe ihn aber seit mehr als zehn Jahren nicht vollständig gelesen.

      • bigmouth schreibt:

        “ Immerhin sind Tolkien Romane die realistischste Fantasy, die ich kenne,“

        Game of Thrones lohnt sehr, wenn fantasy realistisch sein soll. zumindest die ersten 3 bände sind auch noch ziemlich gut geschrieben

        • susanna14 schreibt:

          Danke für den Tipp! Ich habe davon schon gehört. Ich habe zur Zeit wenig Zeit zum Lesen von Belletristik (und den Hobbit habe ich wiedergelesen, obwohl ich eigentlich keine Zeit hatte), aber ich werde mich an deinen Tipp erinnern, wenn ich wieder Zeit habe.

  2. Reineke schreibt:

    Hätt ich den Artikel gleich gelesen, hätt ich evtl nicht so viel zu nem Film geschrieben, den ich nicht gesehen habe… ;=)

    Das Ganze ist sehr lang geworden. Ich hoffe, es interessiert.

    Zur Krieger-Rolle der Zwerge: Hier beißt sich mE Tolkiens Hintergrund mit der Darstellung der Zwergengruppe um Thorin im Hobbit; es lässt sich für mich nur so erklären, dass das „Unternehmen Erebor“ von vorne herein nicht als kriegerisches Unternehmen geplant war (interessant hierfür, was Gandalf über Drachentöter sagt, bzw dass es keine mehr gibt), denn eigentlich:

    Zwerge sind in Mittelerde DIE Krieger vor dem Herrn, die absolute Elite, die jedes andere Volk militärisch locker in die Tasche stecken würde, wenn es nicht so wenige von ihnen gäbe. Das zieht sich durch jede Beschreibung von Kämpfen bei Tolkien, bei denen Zwerge auftauchen, ua dem Hobbit vor und während der Schlacht der Fünf Heere. Auch Thorin IST ein „hard-bandend warrior“, erprobt in der Schlacht im Schattenbachtal, wo er seinen Beinamen gewann (er verteidgte sich mit einem Eichenstamm in der Linken, weil sein Schild zerbrochen war), und tritt so auch am Ende des Hobbits auf, bzw ab.

    Dabei gibt es in Tolkiens Welt kaum „Berufssoldaten“ respektive „Berufskrieger“; das, was die irdische Geschichte als stehende Heere kennt, spielt keine Rolle, außer bei „den Bösen“. Diese stehen, da stimme ich völlig zu, für die industrialisierte, moderne Welt, oder zumindest die Teile davon, die Tolkien nicht ausstehen konnte; bei einem Menschen, der sich selbst einen „alten Reaktionär“ nennt, sind das natürlich einige. Mit wenigen Ausnahmen (Turmwacht von Minas Tirith) sind die „guten“ Kämpfer, die bei Tolkien vorkommen, entweder „Adlige/Ritter“, die die Muße, Pflicht und Macht haben, sich militärisch zu betätigen; oder es sind „einfache Leute“ (welchen Volkes auch immer), die in Notzeiten zur Waffe greifen, oder auch ohne zu Helden werden.

    Tolkiens Vorbilder sind bei ersterem bei seinem primären Studienobjekt zu suchen, den altenglischen bzw angelsächsischen Sagen und der Kultur, aus der die stammen. Bei zweiterem gewinnen Zwerge, weil sie so reich und kunstfertig sind, dass jeder (männliche) Zwerg eine schwere Rüstung & Waffen (Kettenhemd, Helm, Axt etc) sein Eigen nennen dürfte. Thorin & Comp. greifen darauf nicht zurück, weil sie nicht wollen (zB den Kram hunderte Meilen durch die Wildnis schleppen), nicht weil sie keine besäßen. Das ist konkret natürlich nirgendwo gesagt, erschließt sich mE aber aus den Beschreibungen von Zwergen und von Zwergen geführten Kriegen.

    Zu Mensch/Hobbit: Ich glaub, es war Wolfgang Krege, der mal geschrieben hat: Hobbits sind Menschen. Eine durchaus interessante Frage bei der „tolkienschen Metaphysik & Rassenlehre“: Was sind sie sonst? Die Kinder Illuvatars sind mit Elben, Menschen und Zwergen (adoptiert) vollständig aufgezählt, wo Ents, Trolle und Orks herkommen ist auch mehr oder minder geklärt, aber wer oder was sind Hobbits? ME passt es, va da die Hobbits und das Auenland ja ziemlich die idealisierte Vorstellung der Lebenswelt des Autors sind: Von hier, der beschaulichen Welt eines englisch-ländlichen Kleinbürgers aus, machen sich die Helden seiner Romane auf, um Drachenschätze zu stehlen, oder die Welt zu retten.

    Wenn man bedenkt, dass das vielleicht prägendste Ereignis in Tolkiens Leben der Einsatz als junger Mann im Ersten Weltkrieg war (bei dem mWn viele seiner engeren Freunde fielen), bekommt das eine ziemlich autobiographische Dimension. Besonders Frodo, der überhaupt nicht mehr in die „normale Welt“ zurückfindet und letztendlich freiwillig aus der „Welt der Lebenden“ scheidet, ist hier bezeichnend. ME beschreibt Tolkien hier das Schicksal „seiner Generation“; Frodo stehen aber Bilbo, Sam, Merry und Pippin gegenüber, die auch große Veränderungen durchmachen, aber mit diesen weiterleben können.

    Zu Bilbos Entwicklung: Eigentlich ist der Hobbit eine typische „Entwicklungsgeschichte“, auch wenn sie seltsamerweise einem Erwachsenen zustößt. Im Buch ist Bilbo trotz Gandalfs Hoffnungen bzw Vertrauen lange Zeit das fünfte Rad am Wagen: Er taugt zu nichts, und wenn er handelt, dann mit teils fatalen Konsequenzen (Trolle). Das erste Mal, das sich das überhaupt ändert, ist in den Orkhöhlen unter dem Nebelgebirge, NACHDEM er den Ring gefunden hat. Aus der ungemütlichen Situation mit Gollum befreit er sich aus eigener Kraft, und findet allein zu seinen Gefährten zurück: Er beweist, dass er zumindest für sich selbst sorgen kann. Allerdings muss ihm auch noch nachher hin und wieder aus der Patsche geholfen werden, bspw weil er nicht alleine auf einen Baum kommt, als die Warge anrücken.

    Ändern tut sich das erst bei der Auseinandersetzung mit den Spinnen, und als er der Retter aus der Höhle der Waldelben ist; hier offenbart er allerdings seine „Geheimwaffe“ (den Ring), und tatsächlich, ab dem Zeitpunkt nehmen ihn die Zwerge so ernst, dass sie am Erebor angekommen von ihm ziemlich wortwörtlich erwarten, solange auf dieser verflixten Türschwelle herum zu sitzen, bis ihm was gescheites einfällt… was dann ja auch passiert. Im „Abspann“ der Rückreise interagiert Bilbo dann praktisch auf gleicher Ebene mit den vorher so mächtigen und unnahbaren Gestalten wie Thranduil; ein Zeichen, dass er sich einen Namen gemacht hat und anerkannt wird. So ist mE auch der Titel „Elbenfreund“ zu verstehen, der im HdR eine Rolle spielt.

    Zu den Zwergen ist zu sagen, dass sie im Hobbit eigentlich weitgehend Beiwerk sind, bis auf Thorin. Die einzelnen Zwerge werden kaum charakterisiert (außer durch Klischees, Kili & Fili jung, Bombur fett etc), und sie machen auch nicht wirklich eine Entwicklung durch; sie reagieren va als Gruppe auf die gegebenen Situationen, um Bilbo einen Hintergrund zu geben, vor dem er agieren (und eine Entwicklung durchmachen) kann. Und, wie Du sagst: So wirklich zu wissen, was sie da tun, scheinen die Zwerge auch nicht zu haben, außer Thorin, der es wissen müsste. Und der mE auch weiß, wie verzweifelt das Ganze anmutet; aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zu Letzt.

    Und zu guter Letzt: Ist Thorin ein Held? Ja, natürlich ist er das (mE); aus einer „zwergischen“ Perspektive. Er hat alles aufs Spiel gesetzt, um sein Recht und das Eigentum seiner Vorfahren zurückzuerlangen, sich dabei klug und umsichtig verhalten, nie aufgegeben (bspw in der Gefangenschaft der Waldelben), und dadurch wurde die Tradition bewahrt bzw wieder aufgerichtet, ganz zu schweigen von der Mach seiner Sippe. Dabei halfen ihm (quasi per Naturgesetz in Tolkiens Welt) andere Kräfte, die ein Interesse am Fortbestehen der „alten Ordnung“ haben, bspw die örtliche Natur am Erebor in Form der Raben und die Menschen in Seestadt; aber auch die Adler, Beorn und in gewisser Weise selbst Gandalf fallen darunter. Bei den Elben, die ihre eigene alte Feindschaft zu den Zwergen hegen, fällt es mal gut (Elrond), mal schlecht (Thranduil) aus, und erst die direkte Bedrohung durch einen gemeinsamen Feind (Orks) kann das ändern.

    Wirklich herausgefordert, „vom Teufel versucht“ sozusagen (bin auch Atheist ;=) ), wurde er durch den Fluch des Drachen, und der kam erst über ihn (und über die anderen Zwerge… und vorher schon über Bilbo), als er im Drachenhort stand. Von da an handelte er „falsch“. Interessant dabei, das selbst die Ringe der Macht bei Zwergen nur bewirken, dass sie gieriger und sturer werden. Andere Schwächen lässt auch Thorin in dieser Situation nicht erkenne, die Folgen sind ja auch drastisch genug.

    Gemäß Gesetz und Tradition war der Berg und ein großer Teil des Hortes sein. Verurteilen tut ihn, dass er weder auf Recht und Tradition (ein Teil des Hortes war nicht den zwergen geraubt worden), noch auf das Mitleid (die Leiden der Seestadt-Menschen), noch auf Leistung (Bard war es, der den Drachen erschlug, und er hatte Hilfe von ihm erhalten), noch auf die reine Vernunft hörte (da standen seine zukünftige Nachbarn in Waffen vor ihm!), sondern nur uf die Gier. Retten tut ihn, dass er sich in der Schlacht der Fünf Heere dazu aufraffte, alles, was er gewonnen hatte, für den Sieg „der Guten“ zu opfern. Letzteres macht in mE ganz sicher zum Helden im tolkienschem Sinne. Interessant ist tatsächlich, dass hier die bösen Orks auftauchen müssen, damit es nicht zu einem furchtbaren Gemetzel zwischen denen kommt, die doch eigentlich als „die Guten“ gedacht sind. Im Silmarillion gibt es einige solcher, hier retten die Bösen erst durch ihr Erscheinen und dann durch ihre Niederlage die Stunde. Schicksal.

    Und da bin ich schlussendlich zu dem, was Tolkien für mich so wertvoll und spannend macht. Dass ich in grob geschätzt einer Millionen Fragen völlig anderer Ansicht wäre als Tolkien liegt für mich auf der Hand. Aber Tolkien wollte ja gar nicht, dass man seine Ansichten übernimmt oder seine Geschichten ein-zu-eins auf die reale Welt überträgt. Laut seinem Vorwort zum HdR war es eher sein Wunsch, dass jeder das mitnimmt, was er in de Büchern für sich und sein Leben findet. Für mich: Bei Thorin geht es um Tradition, und auch wenn ich mit Tolkiens oder Thorins Traditionen genau genommen nicht viel anfangen kann, mit diesem Ringen allgemein kann ich mich identifizieren.

    Die gleichen Punkte spielen auch bei Bard eine Rolle, aber: Thorin zieht willentlich ins Abenteuer, um seine Erbe zu einzufordern. Bard tut das nicht; er reagiert auf das, was von anderen ausgelöst wurde. Den Status als Krieger und Held hat er geerbt (zusammen mit dem Drosselding und dem schwarzen Pfeil, die ihm das Drachentöten erst ermöglichen) und das tritt schicksalhaft zu Tage, wenn die Zeit reif ist, aber um ein Held zu sein müsste er die Gefahr suchen, und nicht warten, bis sie kommt.

    Auf der anderen Seite steht natürlich die Haupt-Identifikationsperson Bilbo. Der Macht sich grundsätzlich nichts Reichtümern, Macht, Ansehen oder irgend etwas, was den anderen Hauptfiguren am Herzen liegt. Er geht auch nicht wie Frodo auf eine Mission, um das Böse zu bekämpfen oder das Auenland zu retten oder was auch immer. Zuerst ging er eigentlich nur mit, weil seine Abenteuerlust geweckt und irgendwo auch seine Ehre angekratzt worden war: Die „Tuk-Seite“ in ihm erwachte, kurz… und dann gab’s keinen Weg zurück. Wie oft kommt im Buch doch gleich die Zeile „und er wünsche sich in seine gemütliche Hobbithöhle zurück“ (oder so ähnlich) vor? Ziemlich oft. Der Drachenhort weckt seine Gier und lässt ihn diesen verdammten Edeltseinen stehlen, den Thorin unbedingt will. Wirklich zum Held (nicht nur zum von Gandalf versprochenen Meisterdieb) wird er, als er den allgemeinen Frieden über alles andere stellt und den Belagerern eine Möglichkeit gibt, trotz Thorins Widerwillen zu verhandeln, auch wenn er damit alles Ansehen, dass er sich bei den Zwergen verdient hat, aufgibt (von seinem Aneil am Schatz ganz zu schweigen). Hier ist die Moral, wenn man so will, ziemlich eindeutig. Aber welche Moral ist das? Bei Bilbo natürlich eine sehr selbstlose, wenn man so will christliche, was Tolkien ja auch bekennd war. Aber auch bei der „guten“ Auflösung zum Schluss behalten die Zwerge natürlich den Großteil des Schatzes; weil er (in Tolkiens Denken) einfach ihnen gehört. Was dann wieder die Unterschiede verdeutlicht, die zwischen mienem und Tolkiens Denken liegen.

    BTW, kennst Du die Briefe vom Weihnachtsmann von Tolkien, oder Bauer Giles von Ham? Der Hobbit ist nicht das einzige Buch, das eigentlich für Kinder ist, aber das für Erachsene auch sehr unterhaltsam ist. ;=)

    So long (und das war sehr lang…)

    Reineke

  3. susanna14 schreibt:

    Danke für deinen langen und ausführlichen Kommentar!

    Ich habe mich nicht in den ganzen Mittelerde-Kosmos wieder eingelesen, sondern habe nur den Hobbit selbst wieder gelesen (und mir auch den Annotated Hobbit bestellt, so dass ich jetzt etwas über die Veränderungen sagen kann.)

    Die Zwerge tauchen tatsächlich unbewaffnet in Beutelsend auf. Vor allem Kilis und Filis Gepäck wird beschrieben, und es steht in deutlichem Kontrast zu dem Gepäck, das die beiden im Film mit dabei haben. Ein paar andere Stellen, in denen die mangelnde Bewaffnung der Zwerge augenfällig wird, sind der Kampf gegen die Spinnen im Düsterwald, wo nur Bilbo bewaffnet ist, die Szene, wo sie sich von den Elben gefangen nehmen lassen, und die Ankunft in der Seestadt.

    Du hast natürlich recht: in anderen Texten sind die Zwerge Krieger, etwa im Herrn der Ringe oder in den Texten des Silmarillion. Sie werden auch am Ende des Buches zu Kriegern: irgendwie können sie also kämpfen, und bereits im ersten Kapitel werden die Kämpfe der Zwerge gegen die Orks erwähnt, in denen Thror gerächt wurde. Aber unterwegs sind sie keine Kämpfer. (Ich vermute, es liegt an der Art, wie der Hobbit entstanden ist, nämlich als vergnügliche, etwas ironische Geschichte für Kinder, die davon lebt, dass Leute, die von Haus aus keine Drachentöter sind, sich auf den Weg machen, einen Drachen zu besiegen. Seit ich angefangen habe, über diesen Text nachzudenken, sind mir eine Reihe Geschichten eingefallen, die so funktionieren. Erst später wurde die Geschichte in den Mittelerde-Kosmos eingebaut.)

    Eine Frage, die sich stellt, wenn man annimmt, dass die Zwerge Krieger/Helden sind: Warum versuchen sie nicht selbst, den Drachen zu töten? (In einem Forum habe ich die Frage gefunden, wie Peter Jackson glaubwürdig rüberbringen will, dass Thorin Bilbo in die Drachenhöhle schickt, obgleich Thorin als „battle-hardened warrior“ gestaltet hat, und nicht als jemanden, der vor allem gut darin ist, feierliche Reden zu halten.)

    Wie sich die Erfahrung des ersten Weltkriegs in Tolkiens Büchern niederschlägt, ist m.E. ein sehr komplexes Thema, das ich nicht in ein paar Sätzen abhandeln will. Im Hobbit habe ich zwei Szenen gefunden, wo ich dachte: da müssen sich Erfahrungen niedergeschlagen habe, nämlich in der Beschreibung der Verwüstungen, die Smaug angerichtet hat (im ersten Weltkrieg reichten dafür ein paar Jahre, nicht Jahrzehnte), und in der Szene, wo sich die Zwerge und Bilbo in den Tunnen flüchten. Aber abgesehen von so einzelnen Szenen glaube ich, dass man genau hinsehen muss: Tolkien verarbeitet seine Erfahrungen, und teilweise verarbeitet er sie, indem er ihnen etwas entgegen setzt. Die Situation eines einfachen Soldaten im Ersten Weltkrieg unterschied sich in einem ganz grundsätzlichen Punkt von der Bilbos im Hobbit und der von Sam, Frodo, Merry und Pippin im Herrn der Ringe: Die Soldaten im ersten Weltkrieg waren mehr oder weniger den Entscheidungen ihrer Offiziere und Generäle ausgeliefert. Ihr Heldentum bestand darin, dass sie ihre Pflicht erfüllten, auch wenn dies bedeutete, in deutsche Maschinengewehrfeuer hineinzulaufen. Die Hobbits dagegen sind alle in Situationen, in denen sie durch Eigeninitiative und eigene Entscheidungen etwas verändern können.

    Die Zwerge einschließlich Thorins haben keine Ahnung, wie sie an das Abenteuer herangehen sollen. (Im ersten Kapitel kann man Thorins „Plan“ nachlesen.) Realistisch gesehen wäre das unverantwortlich, aber es entspricht dem Märchenmuster.

    Den Konflikt zwischen Thorin uns seinen Gegnern bewerte ich anders als du. Deine Interpretation entspricht dem Urteil Gandalfs und der Erzählerstimme, aber ich sehe das eben anders, und das habe ich in meinem Text versucht zu erklären. Wenn du dir die erste Verhandlung zwischen Thorin und Bard ansiehst, wirst du feststellen, dass Thorin Zugeständnisse macht (er ist bereit, die Menschen der Seestadt für ihre Dienste zu bezahlen), dass Bard aber keine Zugeständnisse macht und stattdessen seine Forderungen erhöht: Anstatt Verhandlungen zu fordern, wie viel vom Schatz jetzt den Menschen aus Dale gehören, fordert er ein Zwölftel des Schatzes, und droht anschließend mit Gewalt.

    Die Menschen der Seestadt hätten mit Thorin auch ohne den Arkenstein verhandeln können, wenn sie ihre Streitmacht abgezogen hätten. Sie haben nämlich ein Druckmittel in der Hand: Die Zwerge sind auf die Menschen angewiesen, und zwar mehr als umgekehrt. Aber ohne Arkenstein hätten sie wirklich verhandeln müssen, statt Forderungen zu stellen.

    Bilbo wird wohl von der Erzählerstimme und von Gandalf als Held angesehen, aber ich kann mir mutigere Handlungsweisen vorstellen, bei denen er die Zwerge nicht verraten hätte. Und am Ende bringt seine Aktivität nichts: Frieden kann man nämlich nicht erkaufen. (Es kann ja nicht nur darum gehen, wie viel welche Seite vom Schatz bekommt, sondern es müsste auch um gute Beziehungen in der Zukunft gehen. Und das vermasseln sich beide Seiten gehörig.)

    (Ich kenne die gängigen Interpretationen der Geschichte, einschließlich derer, die Tolkien selbst gibt, etwa durch die Erzählerstimme oder die Geschichte „die Fahrt zum Erebor“. Aber wie gesagt, wenn man sich nur die Taten und Worte der beteiligten Personen ansieht, und die Erzählerstimme streicht, sieht der Konflikt deutlich anders aus. Und diese Botschaft, dass Gier und Stolz (auf Thorins Seite) schlecht sind, halte ich mittlerweile für Unsinn – das ist nicht mehr die Art und Weise, wie ich an moralische Fragen herangehe. Das ist vielleicht für mich das entscheidende, was jetzt auch meine säkulare Haltung bestimmt.)

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