Zum Adorno-Preis für Judith Butler III: Warum die Kritiker der Kritiker sorgfältiger lesen sollten

Mein ursprünglicher Anlass, über Judith Butler zu schreiben, war der, dass ich mich über Kommentatoren ärgerte, die teilweise in ziemlich harschen Worten die Menschen kritisieren, die sich gegen den Adorno-Preis für Judith Butler wenden, ohne dass sie verstanden hätten, worum es geht. Außerdem waren da andere Menschen, die meinten, mit Judith Butlers Verteidigung in der ZEIT und ihrem Angebot zur Verständigung in der FR müsse doch jetzt alles gut sein, und die Kritiker sollten jetzt docch endlich den Mund halten. Ich hatte den Eindruck, sie hätten nicht verstanden, worum es wirklich geht, und habe daher in Teil I erklärt, warum Judith Butlers Äußerungen wirklich kritikwürdig sind und warum Kritik an ihnen nicht mit dem Antisemitismuskeulenvorwurf niedergemacht werden sollte, und in Teil II warum mit Judith Butlers Verteidigungsreden nicht alles gut ist.

Allerdings ging es mir so, dass ich, als ich anfing, den Artikel zu schreiben, auch noch nicht das volle Ausmaß begriffen hatte. Es lässt sich, glaube ich, nur begreifen, wenn man sich die Videos zu der Veranstaltung ansieht, wo Judith Butlers Äußerungen zu Hamas und Hisbollah gefallen sind, und wenn man sich anschaut, wofür die BDS-Bewegung steht. (Zu beidem finden sich Links in Teil I.) Erst dann wird klar, dass Judith Butler in ihren Verteidigungsartikeln nicht die Wahrheit sagt, und dass der Kern des Problems, um den sich nicht nur Judith Butler, sondern auch ihre Kritiker herumdrücken, der ist, dass sie die Auflösung des Staates Israels als jüdischem Staat fordert. Es soll natürlich auf gewaltlose Weise geschehen, nicht mit Gewalt, wie sie von der Hamas vertreten wird, nichtsdestotrotz tritt sie für eine Ein-Staaten-Lösung ein und einen Staat, in dem Juden die Minderheit sind. Sie träumt von Gleichheit zwischen arabischen und jüdischen Bürgern dieses zukünftigen Staates, und fragt sich nicht, ob jüdische Bürger hoffen können, von der Polizei eines solchen Staates gegen Gewalt geschützt zu sein.

Auf der Veranstaltung im Jüdischen Museum in Berlin hat sie jetzt zumindest teilweise die Katze aus dem Sack gelassen. Ärgerlich ist ihre Unehrlichkeit in den Artikeln, die sie geschrieben hat. Es ist vor allem diese Unehrlichkeit und das Ausweichen auf die Gewaltfrage und die Antisemitismusvorwurfkeule, weswegen ich mich jetzt über Judith Butler ärgere. Über ihre Ein-Staaten-Lösung hätte man womöglich diskutieren und sie als unrealistisch zurückweisen können, und vielleicht wäre sie sogar ins Nachdenken gekommen. Aber die Unehrlichkeit hat bewirkt, dass diese Diskussion nicht stattgefunden hat.

Als ich begann, den Artikel zu schreiben, dachte ich: Ihre Äußerungen zu Hamas und Hisbollah sind dumm, aber sie entwerten nicht ihr philosophisches Werk, und den Adorno-Preis kann man ihr trotzdem geben. Jetzt hoffe ich, dass man ihn ihr wieder entzieht, so wie Lance Armstrong seine Tour-de-France-Siege und Theodor von Guttenberg sein Doktortitel entzogen wurde, einfach wegen dieser Unehrlichkeit.

Jetzt trotzdem noch ein paar ihrer VerteidigerInnen…

In der taz findet sich gleich eine ganze Sammlung von ihnen: Ist Judith Butler preiswürdig? Besonders ärgerlich ist Aleida Assman, die meint, das „Antisemitismus-Argument“ verhindere, dass man über die Probleme spricht, die Judith Butler aufgeworfen hat. Naja, vielleicht auch nicht. Wenn die Kritiker nicht von jüdischem Selbsthass und Antisemitismus gesprochen hätten, sondern beharrlich verlangt hätten, dass Judith Butler etwas zu Hamas und Hisbollah, und vielleicht nocht wichtiger, zu „Boycott, Divestment, Sanctions“ etwas sagt, dann hätte Judith Butler auch nicht den Antisemitismuskeulenvorwurf hervorholen können. Etwas naiv ist Felix Semmelroth, der meint, mit Judith Butlers „Klarstellung“ hätte sich alles erledigt.

Hier eine Audiobeitrag von Klaus Englert in der Tagesschau: Porträt der Adorno-Preisträgerin Judith Butler Im Deutschlandfunk findet sich eine schriftliche Version: Warum die Vorwürfe gegen Judith Butler unfair sind

Anscheinend hat der Autor anscheinend nicht das Video gesehen, sonst hätte er nicht gesagt, dass sie angeblich Hamas und Hisbollah als fortschrittliche Kräfte bezeichnet hat. Butlers Bekenntnis zur Gewaltfreiheit entschuldigt nicht ihre politische Ahnungslosigkeit und ihre einseitige Parteinahme gegen Israel. (In einem Satz werden Selbstmordattentate erwähnt, aber dann geht es gleich wieder darum, dass Kritik an Israel zum Schweigen gebracht würde.)

Die Äußerung entstammt nicht der gegenwärtigen Debatte, sondern einem Buch, dass Judith Butler 2002, kurz nach ihren Adorno-Vorlesungen am Frankfurter Institut für Sozialforschung hielt. Damals kam keine Kritik des Zentralrats der Juden auf. Auch nicht ein Jahr zuvor, als der jüdische Philosoph Jacques Derrida, der ebenso scharf die israelische Siedlungspolitik kritisierte, den Adorno-Preis erhielt.

Aber damals waren eben auch ihre Äußerungen zu Hamas und Hisbollah noch nicht gefallen. Es besteht eben tatsächlich ein Unterschied, ob jemand die israelische Siedlungspolitik kritisiert oder wie Primo Levi die Massaker von Sabra und Shatila, oder ob jemand Hamas und Hisbollah legitimiert. Nicht bei jeder Kritik an Israel wird die „Antisemitismuskeule“ geschwungen, sondern es wird zwischen verschiedenen Formen von Kritik unterschieden.

Und von Verantwortungsethik kann ich bei Butler wirklich nichts erkennen. Verantwortungsethik würde doch heißen, nach realistischen Lösungen für den Nahost-Konflikt zu finden.

Helmut Mayer in der FAZ: An den Körpern hängt zuletzt doch alles.

Da nützte kein Eingeständnis von Seiten Butlers, dass die mündliche Äußerung über Hamas und Hizbullah missverständlich ausgefallen war, und auch nicht der stichhaltige Hinweis darauf, dass sie jede Form der Gewalt ablehne (wozu man jederzeit ihre Texte konsultieren kann). Man war und blieb auf Seiten des Zentralrats fest entschlossen, in der Ehrung Judith Butlers einen Skandal zu sehen. Nach der im Kern recht einfachen Logik, die aus der Tatsache, dass sich die Beschuldigte nicht bedingungslos hinter Israel stellt, den Vorwurf des Israel-Hasses und antisemitischer Gesinnung gewinnt.

Anscheinend hält es der Autor nicht für möglich, dass Stephan Kramer die Erklärung von Judith Butler nicht für ausreichend hielt. Gewaltfreiheit reicht einfach nicht, und das Problem an Judith Butlers Äußerungen war nun wirklich nicht, dass sich Judith Butler nicht bedingungslos hinter Israel gestellt hat. Besonders erschreckt der folgende Satz: „Die Maßlosigkeit dieses Anwurfs, die man Stephan Kramer nicht einfach nachsehen sollte, einmal beiseitegesetzt“ Ich wüsste gern, was der Autor mit dem Wort „nicht einfach nachsehen“ meint.

Hubert Winkels im Deutschlandfunk: Dankesrede gleicht Besinnungsaufsatz. Es geht wieder sehr viel darum, dass sie Gewalt ausschließt, und er wirft den Gegnern vor, dass sie dies nicht wahrhaben wollen. Hier ist nun der eigentliche Abschnitt zu dem Streit:

Na ja, dieser Streit war ein typisch deutscher Streit bis zu einem gewissen Grat. Sie hat, finde ich, mit viel Recht in einem wissenschaftlichen Bereich gearbeitet, sodass sie den Adorno-Preis bekommen hat. Nur hat sie als bekennende Linke 2006 auf die Frage, ob Hisbollah und Hamas antiimperialistisch seien, gesagt, dass der Antiimperialismus die globale Linke und Hamas und Hisbollah verbinde. Man kann das ja sagen oder nicht, sie sagt heute, es war eigentlich ein Fehler, das gesagt zu haben, aber darin steckt eigentlich gar kein Problem.

Das Problem steckt darin, dass die, die das hören, jetzt sagen, damit ist erstens die Hisbollah und Hamas eine linke Bewegung, und zweitens: links sein ist gut. Diesen Schluss macht sie aber in keiner Weise und jetzt distanziert sie sich. Sie hat ja gestern sich ausführlich dazu geäußert, mündlich und schriftlich – davon, dass sie sowohl Antiimperialismus mit links sein im Sinne von politisch gut sein identifizieren würde, sie streitet auch ab, dass es überhaupt eine Einheit wie globale Linke gibt -, geschweige denn, dass sie der Hisbollah und der Hamas diesen Punkt als wesentlichen Zug zubilligt, und distanziert sich ganz klar natürlich von deren Auslöschungsfantasien gegenüber Israel.

Ich fange mit dem letzten Satz an: Er ist pure Phantasie. Judith Butler hat sich von keinen Auslöschungsfantasien distanziert, und die gewaltfreien des BDS unterstützt sie. Zweitens ist es natürlich so, dass außer jüdischen Menschen vor allem Menschen, die sich selbst als links und progressiv bezeichnen (und „links“ daher gut finden) ihr diesen Satz vorwerfen. Und wenn man ihren Satz im Zusammenhang mit der an sie gerichteten Frage sieht, bekommt man doch den Eindruck, dass „links“ von ihr positiv gewertet wird. Für Menschen, die sich selbst als „links“ empfinden, ist es natürlich wichtig, auch zu definieren, wer nicht dazu gehört, und welches die entscheidenden Kennzeichen sind. Außerdem: Das Video ist vorhanden, es ist im ZEIT-Artikel verlinkt, man kann Butlers Rechtfertigungen mit ihren damaligen Äußerungen vergleichen, sogar im Kontext.

Dann gibt es einen Artikel in der EMMA: Was bedeutet es, Frau zu sein und Jüdin?

Damit schließt sich der Kreis zur Adornopreis-Debatte. Die moralisierende Zurechtweisung des Zentralrats der Juden (festgemacht an einem aus dem Zusammenhang gerissenen Statement von Butler) entpuppt sich als Fortsetzung eines alten Konflikts. Klare Frontstellung gegen ambivalenzfähige Nachdenklichkeit: Es geht den Orthodoxen nicht, wie es zunächst den Anschein hat, um Butlers Bewertung von Hisbollah oder Hamas. Nicht ertragen wird die differenzierte Zurückweisung jederart von Identitätspolitik durch eine amerikanische Jüdin – auch wenn es um Israel geht. Denn vorgelegt hat Butler eine wohldurchdachte Theorie der möglichen Grenzen einer Identifikation, gerade auch von Juden, mit der Politik des Staates Israel. Sie geht mit der Identität „Jude“ also nicht anders um als mit der Identität als „Frau“.

„Eine Kritik an Israel ist nicht identisch mit einer Anfechtung der Existenz Israels, und sie ist auch nicht dasselbe wie eine antisemitische Haltung“, schrieb sie schon 2003. Nicht ohne auf die „kleine, aber dynamische Friedensbewegung in Israel selbst“ hinzuweisen, mit der sich ebenso solidarisiert wie mit FriedensaktivistInnen auf der palästinensischen Seite, die mit der israelischen Friedensbewegung zusammenarbeiten. Vor allem aber fordert Butler Raum für Argumente: Die Drohung mit der öffentlichen Wortkeule „antisemitisch“ sei eine subtile Form der Zensur.

Der Vorwurf Butlers, das Zitat sei aus dem Zusammenhang gerissen, wird ohne Überprüfung übernommen. Der Kontext ist eine Veranstaltung, in der Parteinahme gegen Issrael allgemeiner Konsens ist. Nicht mehr die Kritik an Hamas und Hisbollah, sosndern die Identitätspolitik soll das eigentliche Problem sein. Es ist aber Judith Butler, die immer wieder von ihren konkreten Äußerungen ablenkt (schon 2010, als die Interviewerin wirklich nicht von Butlers Judentum sprach) und stattdessen von ihrer Identität als Jüdin spricht.

Nein, eine Kritik an israelischer Politik heißt nicht, dass man das Existenzrecht Israels angefochten wird. Anders sieht es aus, wenn Partei genommen wird für Gruppen, die das Existenzrecht Israels in Frage stellen.

Dann ein Beitrag von Christian Schlüter in der FR: Ist Judith Butler Israel-Hasserin?

Der erste Abschnitt besteht aus einer Beschimpfung Kramers (besonders schön der Vergleich mit Alexander Dobrindt). Dann geht er auf die Vorwürfe gegen Butler ein:

Wer sich die Veranstaltung in Berkeley anschaut, wird bemerken, dass Butler keineswegs Stellung bezogen hat zu den politischen Zielen von Hamas und Hisbollah, sondern nur Begriffe aufgenommen hat, die in der Diskussion gefallen sind. Dabei hat sie zugestimmt, dass beide Organisationen als „soziale Bewegungen“ zu verstehen sind, die in gewisser Hinsicht auch der „globalen Linken“ zuzuordnen seien, und zwar als Perspektive der politischen Analyse.

Das Problem besteht eben genau darin, dass Judith Butler keine Stellung zu den politischen Zielen von Hamas und Hisbollah genommen hat, was aber notwendig wäre für die Frage, ob die beiden Organisationen links sind und ob man sie unterstützen kann.

Wieder in der FR: Eine nationale Angelegenheit.

Hier nur ein Satz: „Butler hat den FR-Lesern auseinandergesetzt, dass ihre Unterstützung der Kampagne „Boycott, Devistment and Sanctions“ (BDS) nicht von antiisraelischen Ressentiments geprägt ist, sondern von dem Interesse an einer friedlichen Koexistenz in Palästina.“ Es wäre aber notwendig, nicht nur Judith Butlers Motive, sondern auch die Ziele der BDS-Kampangne zu untersuchen.

Stefan Rheinecke: Lob der Zwischentöne

Stephan Kramer wird als „Alexander Dobrindt des Zentralrats der Juden“ beschimpft, ohne dass sich der Autor die Mühe gemacht hätte, sich über die Kampagne BDS zu informieren. Was er über diese Kampagne schreibt, ist eine grobe Verharmlosung:

Folgt man diesem Alexander Dobrindt der deutschen Juden, dann beteiligt sich, wer aus Protest gegen die völkerrechtswidrige Besatzung israelische Waren boykottiert, an der „Kriegsführung gegen Israel“. In dieser Polemik schrumpft der Unterschied, ob man Terror gegen israelische Zivilisten gutheißt oder keine Oliven aus der Westbank isst, fast zur Bedeutungslosigkeit.

Es geht nicht darum, dieses oder jenes Produkt als Privatmensch nicht zu kaufen. Es geht darum, eine Organisation zu unterstützen, die sich die gewaltfreie Auflösung Israels zum Ziel gesetzt hat.

Zum Abschluss noch zwei diffenzierte Kommentare:

Erklärung der Assoziation für kritische Gesellschaftsforschung zur Verleihung des Adorno-Preises an Judith Butler

Doch für sich selbst nimmt sie in Anspruch, eine Linksliberale zu sein; und genauer betrachtet sagte sie 2006, während der Podiumsdiskussion an der Universität Berkeley, dass selbst wenn beide Organisationen zur globalen Linken gerechnet würden, dies uns nicht davon abhalten sollte, nach anderen Optionen der Politik als Gewalt zu suchen. Nicht wenige von uns erachten die Äußerung dennoch als hochproblematisch und sehen Hamas und Hisbollah ausdrücklich nicht als Teil der globalen Linken. In der Sensibilierung im Umgang mit solchen identitären Zuschreibungen, sehen wir eine der wichtigsten Anregungen durch Butlers Arbeiten. Letztere, nicht einzelne Äußerungen sind für uns maßgeblich. Im zweiten Fall eines Boykotts argumentiert Judith Butler im Zusammenhang einer Kritik an US-amerikanisch-jüdischen Lobbys, die für eine bestimmte israelische Außenpolitik eintreten und plädiert für eine genaue Analyse dieser Zusammenhänge, um Verschwörungstheorien zu vermeiden. Den Boykott grenzt sie ausdrücklich auf solche wissenschaftliche Einrichtungen ein, die die von der israelischen Regierung geförderte Besatzungspolitik Palästinas nicht kritisieren. Viele von uns halten solche Boykottaufrufe für sehr problematisch, sind allerdings der Ansicht, dass Kritik möglich sein muss.

Immerhin hat es hier Differenzen innerhalb der Gruppe gegeben.

Und zuletzt der Kommentar von Micha Brumlik: Selbstbehauptung und Gerechtigkeit

Er kritisiert Kramer, sieht aber auch, wo Kramer recht hat:

Die Ursache dürfte die weiterhin ungebrochene Bereitschaft Butlers sein, wenn auch selektiv mit der gewaltfrei agierenden Boykottkampagne BDS zu kooperieren. Aller Gewaltfreiheit zum Trotz nämlich ziele diese Kampagne auf die Zerstörung Israels. Dass sich Butler von dieser Kampagne unter Vorbehalten distanziert habe, „macht“ so Kramer „ihre Komplizenschaft nicht viel besser. …

…Doch trifft sein politisches Gefühl durchaus etwas Richtiges: Tatsächlich trifft nämlich Butlers zweites Boykottziel beinahe die gesamte jüdisch-israelische Gesellschaft, denn: mit Ausnahme einiger nun wirklich linker Departments an israelischen Universitäten bzw. kleiner, besatzungskritischer NGOs wie „Breaking the Silence“, „New Israel Fund“ und „Skhorot“ (Erinnerungen – nämlich an zerstörte arabische Dörfer) sowie die „Rabbis for Human Rights“ dürfte es keine Institutionen des israelischen Staates und seiner Gesellschaft geben, die sich „eindeutig“, so Butlers sehr anspruchsvolles Kriterium, „gegen die Besetzung aussprechen.“

(Auch hier: Bitte lesen!)

Ich frage mich, warum so viele Menschen Judith Butler verteidigen und sich gegen die Menschen wenden, die sie kritisieren. Ich vermute, es liegt daran, dass Judith Butler eine von vielen verehrte Philosophin und Gendertheoretikerin is und dass sie nicht möchten, dass ihr Ansehen in den Schmutz gezogn wird. Daher sind sie dankbar, wenn die Angriffe gegen sie mit dem Hinweis auf einen pauschalen Antisemitismusverdachtsvorwurf zurückgewiesen werden können, ohne hinzusehen, ob es sich dieses Mal vielleicht nicht nur um diese oder jene Kritik an israelischer Politik handelt, sondern um Positionen, die den israelischen Staat gefährden können.

Ich wünschte, ich könnte noch sagen: Dass sie in diesem einen Fall Unsinn geredet hat, schmälert nicht die Bedeutung ihres Gesamtwerks. Die Art und Weise, wie sie sich verteidigt und dabei die Wahrheit verdreht, tut dies meiner Ansicht nach durchaus.

Nachtrag:

Am 15. September hat Judith Butler mit Micha Brumlik über Zionismus und Judentum diskutiert. Ich habe bisher drei Berichte gefunden:

taz: „Ethik der Diaspora“
Frankfurter Rundschau: Keine Tröten gegen Butler
Jerusalem Post: Berlin Jewish Museum event calls for Israel boycott

Mein Eindruck ist, dass nun die Katze aus dem Sack ist: Eine Ein-Staaten-Lösung, und das Ende Israels als jüdischer Staat. Ich bin neugierig, was jetzt passiert.

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7 Antworten zu Zum Adorno-Preis für Judith Butler III: Warum die Kritiker der Kritiker sorgfältiger lesen sollten

  1. ramblingbrother schreibt:

    Schön, wie du nachweisen konntest, dass, wenn Wahrheit schon nicht in der „Übereinstimmung von Sprache und Wirklichkeit“ (Horckheimer) liegt, sie doch wenigstens in der Übereinstimmung zwischen dem liegen sollte, was man ehemals tatsächlich gesagt hat (Butler im Video), und der eigenen, aufrichtigen und ehrlichen Erinnerung daran (die ihr ganz bewußt nicht gelungen ist). Darüberhinaus kann sich Butler nicht einmal mehr hinter dem von ihr vielleicht missverstandenen Signifikanten der studentischen Frage nach der Hisbollah und der Hamas verstecken, da sie das in dieser Frage nicht auftauchende Signifkat (Hamas und Hisbollah als linke Bewegungen) erst selbst in ihrer Antwort auf diese Frage ins Leben gerufen hat. Da hat sie in fataler Weise einigen ihrer wissenschaftlichen Ziehväter in den Bereichen der strukturalistischen Linguistik und der Psychoanalyse wenig Ehre gemacht. Mildernde Umstände für ihre Lüge sind hier tatsächlich nicht angebracht.

  2. susanna14 schreibt:

    Schön, dass du das alles noch in linguistische Theorie packen kannst.😉 Ich habe keine Ahnung von linguistischer Theorie und habe daher nur weit hässlichere alltäglichere Wörter zur Verfügung.

    Es bleibt die Frage, warum zwar einerseits das Video verlinkt wird (wirklich, im ZEIT-Artikel selbst), sie sich aber nicht einmal die Mühe macht, es sich anzuschauen, bevor sie ihre Verteidigung schreibt.

  3. ramblingbrother schreibt:

    Da kann ich auch nur Küchenpsychologie anbieten: Was nicht sein darf, kann auch nicht gewesen sein. Verdrängung, die sich aber nicht als simpler Erinnerungsverlust tarnen kann. Oder die tatsächliche Unterschätzung des Erinnerungsvermögens des Internt. Ich habe keine wirklich plausible Antwort darauf. Außer darüber nachzudenken, ob mir solches auch passiert, passieren könnte. Wenn man in der Ecke irgendeiner Kritik steht und spürt, dass die Kritik vollinhaltlich berechtigt ist, neigt man leicht zum Verbiegen der Wahrheit. Weil die Angst, vor sich selbst das Gesicht zu verlieren, größer ist als die Angst davor, dass die Welt mir bei der Lüge zuschaut. Zuzugeben, dass sie Bockmist geredet hat, stand wohl nie auf ihrer Agenda, sie hätte ansonsten mehrfach Gelegenheit dazu gehabt. Du hast das ja umfassend herausgearbeitet. Ich halte jedoch immer noch Butlers vielfach geäußerte Ablehnung jeglicher Gewalt in ideologischen oder politischen Auseinandersetzungen für ein glaubwürdiges Fundament ihrer Einlassungen. Politisch, da gebe ich dir recht, ist sie naiv. Aus der grundsätzlichen und von ihr nicht hinterfragten Sympathie für „linke Bewegungen“ und dem angespannten Verhältnis zu Israel, erwächst aus meiner Sicht für Butler die schizophrene Situation, das Beste zu wollen, aber mit untauglichen Mitteln und untauglichen Einsichten in die eigentlichen Ziele der in Konflikt stehenden Parteien, der Hamas ebenso wie der politischen Schicht Israels.
    Sie scheint das Ziel der Hamas, die Vernichtung des Staates Israel, als etwas zu qualifizieren, was sie in ihren Büchern als das „ontolgisch Vorgängige“ bezeichnet. Etwas, was sie als Ursache auch politischer Haltungen und Handlungen stets als irrelevant und nichtexistent abtut. Das „Sein“ der Idee der Vernichtung Israelis kommt bei ihr offensichtlich nicht vor. Sie hält es mit der Performanz, also mit den Mitteln der Hamas. Und die sind aus ihrer Sicht wohl stets nur tagesaktuell relevant, geben für Butler noch keinen Hinweis auf den dahinter stehenden Vernichtungswillen. Du siehst, ich bin jetzt voll im Jargon von Butler’s „Das Unbbehagen der Geschlechter angekommen🙂 Heftige Kost.

    • susanna14 schreibt:

      Ich habe mich vor allem an die typischen Politikerskandale erinnert: Es wird erst geleugnet und von Missverständnissen geredet, und von Verleumdung, und dann wird langsam zugegeben, was man nicht mehr leugnen kann. Wulff wäre kein so gutes Beispiel, dann schon eher Köhler, oder ganz aktuell Mitt Romney.. Wieder das gleiche: Worte angeblich aus dem Zusammenhang gerissen, ungeschickt formuliert, etc. Warum Judith Butler nicht sagt: „Ich habe Unsinn geredet, aber jetzt habe ich meine Meinung zu dem Thema geändert“, weiß ich nicht. Aber vielleicht hat sie ihre Meinung nicht geändert, und dann kann sie eben nur sagen: „ungeschickt formuliert“.

      Ich glaube auch, dass sie durch und durch für Gewaltfreiheit ist. Ich war auch so, als ich achtzehn war, durch und durch friedensbewegt und gegen jede Gewalt, und beim Nahostkonflikt stellte ich mich hinter die Seite derer, die ich für diskriminiert ununterdrückt hielt, also die Palästinenser. Nur ist Judith Butler nicht mehr achtzehn. Das Problem ist ja auch, dass sie sehr berühmt ist, aber eben für was anderes als den Nahostkonflikt. Schauspieler und Stars aus der Musikbranche reden ja auch oft zu Themen, zu denen sie nicht mehr Ahnung haben als du oder ich. Wenn Judith Butler redet, bekommen das dann eben alle mit.

      Hm. Ich bin ja selbst dabei, zu versuchen, Butler zu verstehen. Bei der BDS-Bewegung scheint die Vernichtung Israels ja wirklich etwas außerdiskursives zu sein (außer für Menchen, die aus „Rückkehrrecht für Flüchtlinge von 1948 auf das Ende Israels als jüdischer Staat schließen können), aber bei der Hamas nicht wirklich – die reden doch auch offiziell davon.

  4. kimberra schreibt:

    Beim Lesen Deiner drei Artikel über Butler kam mir nach und nach eine Idee. Ursprünglich wollte ich einfach nur die Frage stellen, wo eigentlich die ‚tieferen‘ Ursachen für die gegenseitige Ablehnung von dekonstruktivistischer (Queer)Theorie(y) und der von der Kritischen Theorie inspirierten Linken liegen.
    Um Missverständnissen vorzubeugen, in Sachen Israel und Nahost-Konflikt stehe ich eindeutig auf der Seite der Butler-Kritiker_innen. Ich halte sie für mindestens naiv und ihre Äußerungen für depolitisierend, wo doch die Konflikte erst richtig interessant werden. Hamas und Hisbollah sind für mich völlig absurde Organisationen, die niemals Unterstützung verdient haben und in deren Nähe ich mich niemals aufhalten wollte. Es sind klarer Weise Organisationen, die nicht nur irgendwie auch antisemitisch sind, sondern deren Gründungs- und Bestandssicherungspunkt der moderne Antisemitismus nach der Shoah ist. Dass sie dabei auch hochgradig gewaltsam agieren, nach innen, wie nach außen, steht eh außer Frage. In diesen Organisationen und dadurch auch bei den vielen Friedensbewegten, die sie unterstützen wollen, zählt der Wert des Lebens von Menschen nicht allzu viel. Sich selbst und andere für irgendwelche politischen Ziele zu opfern, gehört hier zur Normalität. Das sind für mich alles Gründe, Hamas und Hisbollah als meine Gegner einzustufen. Ähnlich verhält es sich anscheinend mit dieser Boykott-Bewegung, über die ich zu wenig weiß. (Zugegeben, ich bin Deinen Links nicht gefolgt.) Forderungen nach Israel-Boykotts stoßen mir ohnehin sehr übel auf – Boykott April 1933, ich weiß wozu Boykotts dienen.

    Nicht aus diesen Gründen, sondern wegen meiner erbarmungslosen Adorno-Verehrung habe ich früher alles, was nach Foucault, Butler, Derrida usw. roch, strikt ignoriert. Das geht mir inzwischen anders. (Ich habe auch hin und wieder den Eindruck, dass der Adorno-Preis für Manche ein Heiligtum darstellt, das nicht beschmutzt werden darf. Schon gar nicht von Butler.) Jetzt endlich zu meiner Idee.
    Die Kontroverse um Butler wird in der radikalen Linken in einer besonderen Weise geführt. Es geht um das Problem der politischen Gemeinschaft und genauer, mit wem man sie eingehen möchte und mit wem nicht. Ich denke, Butlers Unehrlichkeit in Bezug auf ihre Äußerungen zu Hamas und Hisbollah, die einfach unsäglich sind, beruht darauf, dass sie eine globale Linke als politische Gemeinschaft – im Sinne Hannah Arendts: gemeinsam etwas Neues anfangen – will. Was mich wundert und was ich nicht recht verstehe, ist, dass Butler in meinen Augen eigentlich gegenüber eindeutigen gemeinschaftsorientierten Identifikationen sehr kritisch ist, sie bezüglich der globalen Linken, die Solidarisch mit allen Unterdrückten dieser Welt sein soll, aber ohne mit der Wimper zu zucken akzeptiert. Eigentich sagt sie immer, seid vorsichtig, wenn ihr auch als Frauen, Männer, Schwule, Lesben, Schwarze usw. bezeichnet, denn es kommt darauf an, was darunter verstanden wird. Die Bedeutung dieser Identifikationen kann sich ständig verschieben und verändern. Ich finde diesen Ansatz deswegen so interessant und auch befreiend, weil man nun endlich mal gemeinsam Politik machen könnte (Konjunktiv), ohne etwaige Differenzen ausschließen zu müssen. Endlich kann ich auch mit Leuten zusammen arbeiten, die nicht perfekt zu meiner Gesinnung und meinen Erfahrungen passen. Das wäre ein echtes Novum innerhalb der (deutschen) Linken. Bezüglich Hamas unsw. geht der Schuss aber nach hinten los, plötzlich sind Leute Teil ‚meiner‘ Bewegung, die ich normaler Weise nicht mal mit der Kneifzange anfassen würde. Ich halte dieses Problem aber nach wie vor, nicht für eine Konsequenz von Butlers politischer Theorie, sondern für einen blinden Fleck in dieser. Denn gerade die Öffnung der Gemeinschaften für Differenzen könnte doch auch die Grenzen dieser Gemeinschaften klarer sichtbar machen – Hamas und Hisbollah sind nun mal weit hinter diesen Grenzen angesiedelt (s.o.). Butler will diesen Punkt aber offenbar nicht diskutieren, deshalb bleibt es ein blinder Fleck.

    Bei Butlers Kritiker_innen sehe ich jedoch ähnliche Probleme. Butler wird mit Hamas und Hisbollah gleichgesetzt und aus der eigenen politischen Gemeinschaft ausgeschlossen, wo doch die Austragung des Konfliktes (nicht seine Lösung) viel produktiver wäre. Eigentlich sind die Antideutschen mit dem Anspruch angetreten, auch innerhalb der Linken gegenseitige Kritik zu ermöglichen. Leider haben manche von ihnen (von uns muss ich fairer Weise sagen) die Idee der perfekten politischen Gemeinschaft nicht aufgegeben und sehen die Zusammenarbeit mit Leuten, die auch nur einen Tick anders denken oder einfach einen ganz anderen Hintergrund haben, als Riesenproblem an, als Beschmutzung der eigenen Anliegen – oder whatever. Sprich, auch die Antideutschen haben eigentlich nie klare, inhaltlich begründete Grenzen der Zusammenarbeit entwickelt, sondern wollen einfach nur ihre Gemeinschaften von Differenzen frei halten. So erkläre ich mir einen Teil der Reaktionen auf Butler, das ewigie Rumreiten auf Adorno und Heidegger usw. Wie ging noch der entsprechende Witz in der Jungle World: ‚Ich sah‘ eine Anzeige einer WG: Suche neue/n Mitbewohner_in, aber keine verrückten Nazis bitte. Ich dachte, kein Problem, ein verrrückter Nazi bin ich nicht. Beim Vorstellungsgespräch stellt sich heraus, dass es durchaus ein Problem gibt, weil ich mal Derrida gelesen hatte, den man nicht lesen darf, weil der Heidegger gelesen hat, den man nicht lesen darf – warum, wussten sie aber nicht, weil man ihn ja nicht lesen darf.‘

    Mit anderen Worten und zusammengefasst, ich hätte den Wunsch und sah den Adorno Preis für Butler als guten Weg dorthin, dass auch die Linke endlich mal die eigene Bildung politischer Gemeinschaften kritisch durchleuchtet und – das wäre mein Ziel – von ihrem elenden Perfektionismus Abstand gewinnt.

  5. susanna14 schreibt:

    Danke für deinen langen und nachdenklichen Kommentar!

    Bis jetzt wusste ich noch nichts von einer grundsätzlichen Abneigung zwischen Queer Theory und Kritischer Theorie. Ich wusste zwar von dem Streit zwischen Anti-Imps und Anti-Deutschen, aber die Kontroverse zwischen Queer Theory und Kritischer Theorie kannte ich nicht. (Vor allem, weil ich von beidem zu wenig Ahnung habe. Ich bin kein Mitglied irgendeiner linken Gruppe (vielleicht ändert sich das ja noch). Im Moment interessiere ich mich, glaube ich, mehr für Kritische Theorie als für Queer Theory. (Und gleichzeitig lese ih „Raster des Krieges“.)

    Über Hamas und Hisbollah sind wir uns wohl einig. Die BDS-Bewegung ist m.E. nach aber genauso wichtig, vor allem, weil Judith Butler diese Organisation wirklich unterstützt. Es ist, glaube ich, taktisch klüger, sie wegen etwas zu kritisieren, was sie unterstützt, als wegen etwas, was sie nicht unterstützt.

    Die BDS-Leute selbst sehen sich in der Tradition der Boykottbewegung gegen Südafrika. Der Boykott von 1933 fällt ihnen nicht ein. Ich denke, dass bei allen historischen Vergleichen Vorsicht geboten ist: inwiefern passt der Vergleich, inwiefern passt er nicht? Wertvoller ist eine Untersuchung der Organisation selbst, und da finde ich vor allem die Unehrlichkeit einen Grund, sie abzulehnen. Sie bleiben unklar, was die Existenz Israels anbelangt, so dass sie einerseits anschlussfähig bleiben für Menschen, die gegen die Besatzungspolitik Israels protestieren wollen, und andere, die dann eben doch das Ende Israels befürworten. Sowohl Chomsky (der echte, nicht der, der hier regelmäßig kommentiert) als auch Finkelstein sind richtig sauer auf BDS und den jungen Mann, der sie interviewt und der sich von ihnen womöglich Unterstützung erhofft hatte.

    Ich bin mir nicht sicher, ob Butler eine politische Gemeinschaft aller Linken will. Vielleicht ist sie naiv – vielleicht weiß sie aber auch genau, dass sie mit ihren Äußerungen über Hamas und Hisbollah für einen großen Teil der Linken ein Bündnis unmöglich macht. Durch dich lerne ich jetzt, dass dies Leute sind, die ohnehin nie ein Bündnis mit ihr eingegangen hätten.

    Ich habe ja jetzt „Gender Trouble“ gelesen, und da ist mein EIndruck tatsächlich, dass sie sich gegen festgefügte Identitäten wendet. Aber in den ganzen Interviews, die sie gibt, auch schon in dem in der JungleWorld, das ich im zweiten Teil zitiert habe, argumentiert sie sehr stark mit Identitäten: mit ihrer eigenen jüdischen Identität, mit der deutschen Idenität der Interviewerin und anderer Menschen, die sie kritisieren und schließlich eben mit den Identitäten von MigrantInnen. Zum Beispiel dürfen EuropäerInnen nur EuropäerInnen kritisieren, oder Teile der europäischen Kultur wie die katholische Kirche, aber keine Muslime. Da wird die Welt doch hübsch in kleine Kulturen unterteilt, die autonom sind und keinesfalls von außen kritisiert werden dürfen, wenn schon müssen sie sich von innen heraus entwickeln.

    Vielleicht hat sie sich auch so viel mit Identitäten beschäftigt, dass sie sich einfach nicht vorstellen kann, dass jemand sie einfach nur wegen dessen kritisiert, was sie gesagt hat und nicht wegen dessen, was sie ist. Ich habe noch eine andere Spekulation anzubieten: In den Achtzigern protestierten schwarze Frauen erfolgreich dagegen, dass sich weiße Mittelschichtsfrauen anmaßen, stellvertretend für alle Frauen zu sprechen. (Ist jetzt etwas zusammengefasst und vereinfacht.) Dies nimmt Butler auf in ihrer Kritik an der Kategorie „Frau“. Andere Kategorien kritisiert sie nicht, im Gegenteil, sie nimmt die Angehörigen dieser Gruppen gegen Kritik in Schutz. Dies gilt insbesondere für Minderheiten und Menschen in nichtwestlichen Ländern.

    Aber letztlich kenne ich Judith Butlers politische Theorie noch nicht gut genug, um sagen zu können, ob es sich um einen blinden Fleck oder um eine logische Konsequenz ihrer politischen Theorie handelt. Ich könnte noch nicht einmal sagen, ob sie eine politische Theorie jenseits der Auflösung von Geschlechterkategorien hat.

    Ich würde nicht sagen, dass Butlers GegnerInnen sie mit Hamas und Hisbollah gleichsetzen, andererseits kenne ich es natürlich, dass Ausschlüsse begründet damit begründet werden, dass jemand dieses oder jenes falsches gesagt habe und daher ein unmöglicher Mensch sei. Ich kenne es vor allem aus Fandom-Debatten, wo sich erwachsene Frauen wie zwölfjährige Mädchen verhalten, und ich kenne es aus der Zeit, als ich selbst zwölf war. Wie gesagt, als ich anfing, diesen langen Text zu schreiben, war ich vor allem über die Feuilletonisten verärgert, die nicht verstanden, was an dem, was Judith Butler gesagt hat, gefährlich ist. Als ich fertig war, dachte ich, dass auch die Gegner von Butler einen Fehler machen, indem sie sich auf diesen einen Satz über Hamas und Hisbollah stürzen: eine Analyse ihres Engagements für BSD wäre viel sinnvoller. Das ist schließlich nicht nur ein einzelner Satz.

    Aber dass man nur mit Menschen zusammenarbeitet, die genauso denken wie man selbst, ist doch eigentlich Unsinn. Und noch gefährlicher ist es, bestimmte Texte nicht zu lesen, weil man schon weiß, dass sie „böse“ sind. Man muss doch kennen, was man kritisiert. (Von daher bin ich auch froh, „Unbehagen der Geschlechter“ jetzt doch einmal ganz gelesen zu haben.

    Aber wie gesagt, ich war nie wirklich Mitglied einer linken Gruppe. Es gab zwar einige Versuche, aber die sind immer daran gescheitert, dass ich in Gruppen kam, in denen es schon feste Meinungen gab, und dass ich noch lange nicht so weit war, diesen Gruppenkonsens als meine Meinung zu akzeptieren.

  6. Pingback: Verlinkt von malmoe, und ein paar Worte über den Unterschied zwischen “Israelkritik” und Antisemitismus | susanna14

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