Zum Adorno-Preis für Judith Butler II: Warum ihre Verteidigungsreden nichts taugen

Nun zur Verteidigung Judith Butlers gegen die Vorwürfe, die gegen sie gerichtet waren. Es waren insgesamt drei: ein Artikel in der ZEIT, einer in der fr, einer in der tageszeitung. Ich beginne jedoch mit einem Interview, das die Jungle World schon vor zwei Jahren mit Judith Butler geführt hat. (Es war kurz nachdem Butler den Courage-Preis des Berliner CSD abgelehnt hat.) In diesem Interview werden im Miniaturformat Butlers Argumentationstechniken sichtbar.

1. Interview in der Jungle World: „In diesem Kampf gibt es keinen Platz für Rassismus“

Schon in diesem Interview wurde Judith Butler gefragt, warum sie die Hamas für progressiv hält. Die Antwort ist eine Klage darüber, dass sie missverstanden wird, dass sie diskreditiert werden soll, dass ihre Kritiker niederträchtig seien, dass sie Hamas und Hisbollah wegen deren Gewaltbereitschaft nie unterstützt habe. Nur in zwei Sätzen lässt sie sich auf etwas ein, was man wohlwollend als eine Antwort auf die Frage nach der „Progressivität“ von Hamas und Hisbollah verstehen könnte:

Man könnte viel darüber sagen, wie diese Bewegungen entstanden sind und was ihre Ziele sind. Das würde bedeuten, sie als Bewegungen gegen Kolonialismus und Imperialismus zu verstehen.

Einen Bezug zum Wort „progressiv“ stellt sie jedoch nicht her, und sie diskutiert nicht, warum Kolonialismus und Imperialismus ausreichen sollen, um als „progressiv zu gelten, noch wird eine Definition von „progressiv“ diskutiert.

Hier ist, was Detlev Claussen (Preis des Grabes – Grab des Preises?) zu Antiimperialismus zu sagen hat:

Antiimperialismus dagegen ist kein linkes Alleinstellungsmerkmal; auch die Nazis sahen sich als Antiimperialisten. Butlers Äußerungen zum Nahen Osten sind Dokumente politischer Ahnungslosigkeit.

Die Interviewerin hakt also noch einmal nach. Sie fragt nach dem Antisemitismus von Hamas und wiedeerholt ihre Frage nach deren angeblicher Progressivität. Judith Butler antwortet mit Verweis auf die sogenannte Antisemitismuskeule. (Ich weiß nicht, ob sie diesen Begriff kennt.)

Ich verstehe, dass es in Deutschland schwer ist, zwischen einer Kritik beispielsweise der israelischen Besatzung und Antisemitismus zu unterscheiden. Wenn Hamas und Hizbollah antisemitische Positionen vertreten, dann sind sie unbedingt abzulehnen. Doch man muss genau analysieren, ob in der Kritik Israels Antisemitismus im Spiel ist oder nicht. Die Vorstellung, dass jede Kritik an Israel antisemitisch ist, lehne ich ab. Ich glaube, das ist eine reflexhafte Antwort, und zwar eine, die sich der Verantwortung entzieht, die Situation tatsächlich zu beurteilen.

Ich musste diesen Abschnitt viele Male lesen, um zu erkennen, dass sie nicht sich selbst, sondern Hamas und Hisbollah gegen den Antisemitismusvorwuf in Schutz nimmt. Sie verlagert den Antisemitismus von Hamas und Hisbollah ins Hypothetische, statt sich die Positionen der beiden Organisationen in der Realität anzusehen. Anschließlich geht sie auf den Antisemitismusvorwurf im allgemeinen ein, und ist dabei flugs von der Kritik an der Besatzung zu der Kritik an Israel übergewechselt. Die Frage nach der Progressivität von Hamas und Hisbollah hat sie wieder nicht beantwortet.

Ich habe mich bei dieser Äußerung und bei anderen, späteren Äußerungen gefragt, ob Butler einfach nicht versteht, wo das Problem liegt, nämlich nicht in der Gewaltbereitschaft von Hamas und Hisbollah, sondern in deren politischen Zielen. Es wäre sehr merkwürdig, dass eine Philosophin, die für ihre schwierigen Texte berühmt ist, nicht imstande ist, ihre Kritiker zu verstehen. Mittlerweile denke ich aber, sie versteht es sehr wohl und versucht mit ihren Ausführungen zur Gewaltlosigkeit von diesem Problem abzulenken.

2. Jetzt zu dem ersten Artikel diesen Jahres, in dem sie ihre Positionen verteidigt hat, dem in der Zeit vom 31. August: „Diese Antisemitismus-Vorwürfe sind verleumderisch und haltlos“ Ihre Taktiken sind wieder dieselben: Der Antisemitismuskeulenvorwurf (dieses Mal gegen Vorwürfe, die gegen sie selbst gerichtet sind), dann weist sie auf ihre eigene Einstellung hin, nämlich dass sie sich immer gegen Gewalt gewandt habe, und erklärt, dass sie deswegen BDS unterstütze, Hamas und Hisbollah aber ablehne. Auf die Ziele dieser Gruppen, die sie unterstützt oder nicht unterstützt, geht sie nicht ein, nur auf deren mehr oder weniger gewaltlose Methoden. Außerdem beklagt sie sich darüber, sie würde missverstanden, was etwas merkwürdig klingt aus dem Mund einer, die ihre Kritiker gezielt missversteht, indem sie nicht wahrnimmt, dass es diesen Kritikern nicht um Gewalt oder Gewaltlosigkeit geht, sondern dass diese noch viel mehr Punkte an der Hamas problematisch finden.

Nun zur Kritik im einzelnen. Nur in einem kleinen Teil (30 Prozent – ich habe die Wörterzählfunktion meines Textverarbeitungssystems genutzt) geht sie auf die Vorwürfe ein. Im Rest betont sie die jüdische Tradition, aus der sie stammt, und beklagt sich über den Vorwurf des Antisemitismus und dass manche jüdische Menschen und Organisationen für sich in Anspruch nehmen, dass sie sich für alle Juden sprechen. Heinz Gess (Judith Butler und Theodor W. Adorno im historisch-gesellschaftlichen Kontext) geht ausführlich auf diesen Teil ihrer Selbstverteidigung ein (ab Seite 22), deswegen werde ich es jetzt nicht tun. Ein paar Bermerkungen vielleicht: Ärgerlich ist die Behauptung, ihre Gegner würden die „Bedingungen der Hörbarkeit“ zerstören wollen. Sie wurde kritisiert für das, was sie gesagt hat: nun ist es an ihr, zu beweisen, dass die Kritik nicht gerechtfertigt ist. Dies ist ein ganz normaler Vorgang. Ich bin eher der Ansicht, dass sie selbst die Bedingungen der Hörbarkeit zerstört, indem sie selbst ihre Gegner absichtlich missversteht und insbesondere so tut, als würde gegen jegliche Kritik an der israelischen Politik der Vorwurf des Antisemitismus erhoben. Es geht aber konkret um die Kritik, die sie selbst geübt hat, und eben um ihre Worte zu Hamas und Hisbollah und ihre Unterstützung für BDS.

Meine Kritik bezieht sich also vor allem auf den folgenden Abschnitt:

Meine Bemerkungen zu Hamas und Hisbollah wurden aus dem Zusammenhang gerissen, um meine bekannten und weiterhin bestehenden Auffassungen aufs Übelste zu verzerren…

…Und ich wünsche mir, zusammen mit einer wachsenden Zahl von Juden und Nichtjuden, dass die Besetzung ein Ende findet, dass Gewalttätigkeiten jeder Art eingestellt werden und dass die wesentlichen politischen Rechte aller Völker in der Region durch eine neue politische Struktur garantiert werden.

Zu ihrer Kritik im einzelnen.

  • „Meine Bemerkungen zu Hamas und Hisbollah wurden aus dem Zusammenhang gerissen“: Viele Kritiker zitieren die Äußerungen in voller Länge. Bei denen, die dies nicht tun, geschieht das vermutlich aus Platz- und Zeitgründen, nicht um ihre Auffassungen zu verzerren. Möglicherweise lassen sie die Ausführungen zur Gewaltfreiheit weg, aber die sind nicht der entscheidende Punkt, um den es ihren Kritikern geht.
  • „Ich war immer für gewaltfreies Handeln“: Dies bezweifelt keiner ihrer Kritiker.
  • „Vor einigen Jahren wurde ich während eines akademischen Vortrags aus dem Publikum heraus gefragt, ob Hamas und Hisbollah meiner Ansicht nach Teil der „globalen Linken“ seien“: Ich verstehe nicht, dass sie so etwas in einem Artikel sagt, in dem ein paar Zeilen darüber das Video verlinkt ist, das zeigt, dass diese Behauptung nicht wahr ist.
  • „Die genannten politischen Organisationen verstünden sich als antiimperialistisch, und Antiimperialismus sei ein Merkmal der globalen Linken, sodass man sie vor diesem Hintergrund als Teil der globalen Linken beschreiben könnte.“ Von Antiimperialismus oder dem Selbstverständnis von Hisbollah und Hamas ist in Judith Butlers Antwort keine Rede, auch nicht von Antiimperialismus als Kennzeichen der globalen Linken. (Möglicherweise handelt es sich auch um ein Übersetzungsproblem, und Butler redet von ihrer nachträglichen Interpretation, nicht von dem, was sie damals gesagt hat.)
  • „Wie bei jeder linken Gruppierung müsse man sich entscheiden, ob man für oder gegen diese Gruppe sei, und man müsse ihre Positionen kritisch überprüfen.“ Sie kritisiert nicht die Gruppe als ganzes, sondern „diesen oder jenen Aspekt“ – konkret eben ihre Gewaltbereitschaft, aber eben nicht ihren Antisemitismus und ihre islamistischen Pläne.
  • „Tatsächlich mokieren sich gelegentlich Vertreter der Linken über mich, die Formen des gewaltsamen Widerstands befürworten und der Meinung sind, ich verstünde diese Praktiken schlicht nicht.“ Es ging keiner der linken Gruppen um Kritik an ihrer Forderung nach Gewaltfreiheit – jedenfalls nicht ihren wichtigsten Kritikern in Deutschland. Weder kritisieren, dass Butler gewaltbereite Gruppen unterstützen würde, noch kritisieren sie, dass Butlers Botschaft von Gewaltfreiheit naiv sei.
  • „Tatsächlich folgten diese Bemerkungen einem Vortrag, in dem ich die Bedeutung des öffentlichen Trauerns und der politischen Praktiken des gewaltfreien Handelns hervorgehoben hatte“ Ja, hat sie, in der zweiten Hälfte ihres Vortrags. Allerdings geht es nur um die israelische Gewalt, nicht um die Gewalt, die von der Seite der Hamas oder der Hisbollah ausgeht. Die erste Hälfte des Vortrags „informiert“ über den damals stattfindenden Krieg im Libanon auf eine Weise, die einseitig gegen Israel Partei nimmt.
  • „Hingegen akzeptiere ich nicht die Zielsetzung, einzelne Personen aufgrund ihrer Staatsangehörigkeit zu diskriminieren, und ich werde auch weiterhin enge und kooperative Beziehungen zu zahlreichen israelischen Wissenschaftlern unterhalten.“ Dies ist keine Zielsetzung, sondern eine Methode. Über die wahren Ziele von BDS schweigt sie.
  • „Ein Grund, warum ich BDS befürworte, Hamas und Hisbollah aber nicht befürworten kann, besteht darin, dass BDS die größte gewaltfreie zivile politische Bewegung ist, die sich für die Gleichheit und die Selbstbestimmungsrechte der Palästinenser einsetzt.“ Hier nun das Problem, das ich oben benannt habe: Als wichtigster Grund für die Unterstützung von BDS wird die Gewaltfreiheit genannt. Nun, da ich diesen Satz einzeln vor mir habe, sehe ich aber, dass auch Ziele genannt werden: Gleichheit und Selbstbestimmung der Palästinenser. Diese sind aber sehr widersprüchlich: Gleichheit würde bedeuten Gleichheit der arabischen mit den jüdischen Bürgern in einem Gesamtstaat. Selbstbestimmung aber würde einen eigenen Staat bedeuten.

Ich nehme Judith Butler ab, dass sie wirklich gegen Gewalt ist. Ihre Ansichten, wie man zu einem brauchbaren Frieden gelangt, sind sehr problematisch und gefährlich naiv, und außerdem blind für den Hass von arabischer und palästinensischer Seite. Das Hauptproblem ihrer Verteidigung sehe ich allerdings darin, dass sie in vielen Punkten nicht die Wahrheit sagt. Da das Video von ihrem Auftritt verlinkt wurde, hätte sie es sich vielleicht ansehen sollen, bevor sie ihre Verteidigung schrieb. Zu hoffen, dass es sich niemand ansieht und mit ihren Äußerungen vergleicht, war nun wirklich sehr optimistisch. (Oder auch nicht: schließlich wurde der Artikel ungefähr zehn Tage vor ihrer Verleihung des Adorno-Preises verliehen, aber kein Journalist irgendeiner wichtigen Zeitung scheint sich die Mühe gemacht zu haben, Video und Behauptungen im Artikel zu vergleichen.)

3. in der Frankfurter Rundschau: Fangen wir an, miteinander zu sprechen: Es handelt sich um eine Antwort auf Stephan Kramer, den Generalsekretär des Zentralrats der Juden. Ich habe versucht, den genauen Wortlaut seiner Kritik zu finden, etwa einen von ihm verfassten Zeitungsartikel oder eine Pressemitteilung auf der Website des Zentralrats der Juden, aber das beste, was ich finden konnte, war ein Zitat auf der Website Kritiknetz: Zur beabsichtigten Preisverleihung an Judith Butler. Im Grunde richtet sich sein Angriff vor allem gegen das Kuratorium – Judith Butler ist für ihn schon an einem Punkt, an dem er sie nicht direkt ansprechen möchte. Er kritisiert sie dafür, dass sie sich mit den „Todfeinden Israels“ verbündet und „Israel in den Würgegriff eines Boykotts legen will“. Konkret greift er jedoch auch den Vorwurf auf, der hier als erstes bekannt wurde: „die Hamas als legitime soziale Bewegungen und Teile der globalen Linken einstuft“.

Judith Butler antwortet auf Stephan Kramer und wirft ihm vor, seine Vorwürfe nicht zu belegen.

Im Versuch eine Denunziation wie diese zu begreifen, finden sich eigentlich keine Gründe, aus denen hervorginge, warum Einspruch gegen mich erhoben wird. Deswegen bin ich auch nicht in der Lage, auf direktem Wege zu antworten.

Sie übersieht, dass er sie dafür kritisiert hat, sich mit den Todfeinden Israels zu verbünden. Er begründet diese Behauptung nicht, allerdings kann er davon ausgehen, dass es allgemein bekannt ist, dass Hamas und Hisbollah die Vernichtung Israels fordern. Statt auf diesen Vorwurf einzugehen, wirft sie ihm vor, sie zu denunzieren und eine Debatte unmöglich machen zu wollen. Und in gewisser Weise hat sie sogar Recht: Aus seiner Perspektive hat sie sich mit ihren Äußerungen jenseits einer Debatte gestellt. (Es ist ja nicht so, dass er sie mit der Pinzette anfassen würde.) Entgegen der Ankündigung im Titel des Textes ermöglicht sie jedoch keine Debatte, sondern macht ihm ihrerseits pauschale Vorwürfe. Besonders schön fand ich dabei diesen Satz: „Ich nehme den Angriff gegen mich insofern auch nicht persönlich; vielmehr richtet er sich gegen alle, die Israel und seine gegenwärtige Politik kritisch beurteilen.“ (Ich habe eine Überdosis an Selbsterfahrung hinter mir, und „das ist nicht persönlich“ ist eines der Kampfmittel im Psychokrieg in diesen Kreisen.)

Anschließend weigerst sich Judith Butler, auf den muslimischen Antisemitismus einzugehen und spricht stattdessen vom europäischen Antisemitismus und europäischen Rechten. (Ähnlich hat sie in der Debatte zum CSD argumentiert: Europäer sollen sich um Homophobie unter Europäern kümmern, etwa in der katholischen Kirche, nicht um Homophobie unter Muslimen, auch nicht solchen, die in Europa wohnen.) Dann geht es darum, dass in Deutschland besonders schnell die Antisemitismuskeule hervorgeholt würde: „Ich weiß natürlich auch, dass es in Deutschland besondere Gründe gibt, Israel-Kritiker des Antisemitismus zu verdächtigen.“

Zwischendurch dann mal ein Abschnitt von bemerkenswerter Einsicht:

Wir wissen allerdings auch, dass der Vorwurf des Antisemitismus ein Vorwand sein kann. So hat die anti-deutsche Linke eine deutliche Kritik an dem entwickelt, was gemeinhin anti-imperialistische Linke genannt wird. Sie zielt genau darauf, dass jede Kritik an Israel in einem deutschen Kontext den virulenten Antisemitismus zu neuem Leben erweckt, insoweit er mit dem deutschen Nationalismus verknüpft ist. Diese Form der Kritik ist sehr wichtig, weil sie deutlich macht, auf welch verquere und versteckte Weise sich Antisemitismus äußern kann: Wer Israel einfach nur als imperialistischen Staat kritisiert, verkennt, welche historische Bedeutung dieser Staat als Zufluchtsstätte für die Juden hat und wie sehr der fortbestehende Antisemitismus die Existenz des Staates Israel in seiner gegenwärtigen Form und mit seiner gegenwärtigen Politik als politische Notwendigkeit rechtfertigt.

Nur der erste Satz irritiert, weil sie hier unterstellt, dass der Antisemitismusvorwurf ein Vorwand sein kann. Im Rest des Absatzes wird nicht darauf eingegangen. Anschließend fährt sie mit ihrer Kritik an den deutschen Antiimperialisten fort, geht darauf ein, dass sie den Nationalismus aus dem Blick verloren hätten, und geht dann weiter zu ihrer eigenen Kritik an dem, was sie jüdischen Nationalismus nennt, betonend, dass sie selbst aus einer jüdischen Familie stammt.

Dann geht sie doch einmal auf die konkreten Vorwürfe ein unter Verbreitung der schon bekannten Unwahrheiten.:

Als ich in Berkeley bei einer Diskussion gefragt wurde, ob Hamas und Hisbollah der „globalen Linken“ zuzurechnen sei, ging ich davon aus, dass ich nach meiner Einschätzung gefragt wurde. Und so gab ich zur Antwort, dass selbst dann, wenn beide Organisationen Teil der globalen Linken seien, dies noch lange kein Grund ist, diese auch zu unterstützen.

Interessant ist ein Satz, der im folgenden Abschnitt folgt: „Niemand fragte mich übrigens, was denn nun eine globale Linke ausmachen sollte – ich hätte dann wohl über die Notwendigkeit gesprochen, Allianzen zu bilden, um die Armut zu bekämpfen.“ Es war nun eine Veranstaltung, in der niemand die Möglichkeit hatte, nachzufragen, was sie mit ihren Behauptungen meinte. Und Allianzen bilden, um die Armut zu bekämpfen: Das kann ja durchaus die Hamas einschließen. Progressive Werte wie Gleichheit oder Freiheit sind in ihrer Äußerung nicht enthalten.

Im Abschnitt „Fehler als Professorin“ beklagt sie, dass sie möglicherweise zu akademisch geantwortet hätte, und dass ihr dieses jetzt als Unterstützung ausgelegt würde. Ihre Unterstützung von BDS verteidigt sie mit den gleichen Worten wie im ZEIT-Artikel. (Ich muss gestehen, dass ich mittlerweile müde bin und ihre Worte nicht mehr im Detail entschlüsseln möchte. Es ist zu viel Mühe, die nicht lohnt. Aber dafür ist dann ja die Diskussion da.)

Nachdem sie also kurz auf die Vorwürfe eingegangen ist, kehrt sie zurück zur Antisemitismuskeule, und dazu, dass Juden vielfältige Positionen zu Israel einnehmen:

Ich glaube, es ist für die meisten Deutschen nur schwer vorstellbar, dass bei fast jedem jüdischen Abendessen ein Streit ausbricht über die israelische Politik; übrigens in den USA genauso wie in Israel. Ich mache immer den Witz, dass man gut feststellen kann, ob man an einem jüdischen Dinner teilnimmt, weil es dabei niemals zu einem Einvernehmen über Israel kommt, ganz gleich ob man sich über militärische Angriffe in Gaza oder im Libanon oder über den Zionismus als solchen streitet. Wenn jemand behauptet, er sei „für“ oder „gegen“ Israel, und das ließe doch erkennen, ob er „für“ oder „gegen“ die Juden sei, dann muss ihm eine Diskussion unter uns Juden wie ein einziges Wirrwarr vorkommen, das mit einer „vernünftigen“ Diskussion rein gar nichts zu tun hat.

Ich kann mir vorstellen, dass Juden heftig über militärische Angriffe in Gaza oder im Libanon streiten. Dass Juden über den Zionismus oder das Existenzrecht Israels streiten, kann ich mir nicht so gut vorstellen. Besonders merkwürdig finde ich aber, dass sie in ihrem letzten Abschnitt gezielt Deutsche anspricht, obgleich sie sich doch gegen die Vorwürfe Kramers wehrt.

Hier findet sich eine ausführlich Analyse des Texts in der FR: BUTLER’S JARGON

Und hier die Antwort Stephan Kramers: So werden Israels Todfeinde legitimiert Ich möchte keine einzelnen Zitate herausgreifen, nur, wie auf Twitter, sagen: Bitte lesen!

4. in der tageszeitung: Wir maskieren die Realität

Ursprünglich fand ich den Artikel gut, weil Judith Butler sich endlich einmal nicht darauf beschränkte, ihre Gewaltlosigkeit zu betonen. Endlich ging sie auf Fragen ein wie die, was eine angemessene Definition von links sein könne. Sie erklärt, dass Anti-Imperialismus nicht reicht, um eine Gruppe als Links zu bezeichnen. Dies lässt natürlich die Frage offen, warum sie dann Hamas und Hisbollah als links bezeichnet. Welchen anderen Kriterien für „links“ entsprechen sie? Angeblich ging es Butler darum, ein wenig Verwirrung zu stiften, um die Studenten zum Nachdenken darüber zu bewegen, was „links“ eigentlich bedeutet. So etwas ist legitim, eine Art „pädagogische Provokation“. Allerdings fragte ich mich, warum sie das nicht gleich gesagt hat, als sie für ihre Äußerungen zu Hamas und Hisbollah kritisiert wurde, und stattdessen auf ihrer Gewaltlosigkeit beharrte und meinte, damit sei alles in Ordnung.

Nachdem ich das Video von der Questions-and-Answers-Section gesehen hatte und nun wusste, welche Fragen wirklich gestellt wurden, fand ich den Artikel nicht mehr gut. Ein Vergleich mit dem Video zeigt, dass Judith Butler in diesem Artikel schlicht und ergreifend lügt. Eine genauere Analyse findet sich hier: Butler rennt.

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Eine Antwort zu Zum Adorno-Preis für Judith Butler II: Warum ihre Verteidigungsreden nichts taugen

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