Antwort auf Sanczny

Ich wollte auf Sanczny’s Blogpost zu Triggerwarnungen antworten, und zwar auf Teil 1. Mein ursprünglicher Plan war, ihr einerseits meine Antwort als Kommentar zu schicken, sie aber andererseits auch hier zu veröffentlichen. Jetzt habe ich festgestellt, dass ich nicht dort nicht kommentieren kann (auch nicht auf Teil 2, auch wenn ich dabei immer darauf achten muss, den Blogpost selbst nur zu überfliegen), also werde ich nur hier kommentieren. Ich komme mir vor, als würde ich im wesentlichen nur wiederholen, was ich im vorangegangenen Eintrag erzählt habe, aber es ist mir doch wichtig, etwas zu sagen.

Nachtrag: Anscheinend kann ich zur Zeit nirgends auf WordPress kommentieren. Ich hoffe, das legt sich wieder.

2. Nachtrag: Mit einem anderen Browser hat es mit dem Kommentieren geklappt.

Ich hatte in letzter Zeit sehr viel Arbeit in Real Life und hatte deswegen keine Zeit, dir ausführlich zu antworten. Ich weiß auch immer noch nicht, ob ich dir auf Teil 2 etwas antworten möchte, was über meinen ersten kurzen Kommentar hinausgeht. Ich möchte dir jedoch auf Teil 1 antworten.

Erst einmal zu deiner Definition von Triggern. Sie ist nicht ganz exakt, und zwar steckt die Ungenauigkeit in der Definition eines Flashbacks. Ein Flashback ist nicht einfach eine traumatische Erinnerung, sondern eine Erinnerung, die nicht als Erinnerung kenntlich ist, das heißt, es ist dem oder der Betroffenen nicht klar, dass sie sich an etwas Vergangenes erinnert, sondern die Situation wird erlebt, als wäre sie gegenwärtig. Gerade gestern habe ich eine Geschichte von einem Afghanistan-Rückkehrer gehört, der beim Ruckeln des Zuges (in Deutschland), als dieser über eine Weiche fährt, meint, er sei in einen Hinterhalt geraten und er müsse beim nächsten Bahnhof sämtliche Fahrgäste am Aussteigen hindern. Nur mit Mühe kann er sich davon abhalten, dies tatsächlich zu tun. Eine andere Geschichte ist ebenfalls von einem Kriegsveteranen, der seine kleine Tochter, als sie ihn von hinten anspringt, beinahe erwürgt, weil er meint, der Feind greife ihn an und wolle ihn töten. (Dass mir gerade Geschichten von traumatisierten Soldaten und nicht etwa von Vergewaltigungsopfern einfallen, liegt daran, dass ich zur Zeit an einem Seminar über Kriegstraumata teilnehme.)

Die Erinnerung ist also nicht nur unangenehm oder verstörend, sondern sie überwältigt den Betroffenen und hindert ihn oder sie daran, sich so zu verhalten, wie es in der Gegenwart richtig wäre, stattdessen verhält man sich wie in der damaligen Gefahrensituation. Es ist sehr schwer, das eigene Denken und, noch viel wichtiger, das eigene Handeln zu kontrollieren, da man gelernt hat, in Gefahrensituation automatisch zu reagieren – damals war das überlebenswichtig. Jetzt nicht zu reagieren, sondern nachzudenken, ob das nun wirklich die Gefahrensituation ist, in der man sich zu befinden glaubt, ist dann praktisch unmöglich.

Das Problem besteht darin, dass potentiell alles ein Trigger sein kann, gerade auch Dinge, die im Prinzip harmlos sind. Nicht nur die Gewaltsituation selbst triggert, sondern ein einzelnes Element der ehemaligen Situation, das nun wieder auftaucht, ohne auf eine Gefahr hinzuweisen. Ich denke, es ist wichtig, dies im Auge zu behalten, wenn vor Triggern gewarnt wird: Selbst wenn, wie es allgemein Konsens zu sein scheint, vor graphischen Darstellungen von Gewalt gewarnt wird, so ist das doch nur die Spitze des Eisbergs – vor den meisten Triggern wird nicht gewarnt, und kann nicht gewarnt werden, denn dann müsste vor allem gewarnt werden, und das würde Warnungen bedeutungslos machen. Dennoch denke ich, dass Warnungen vor solchen expliziten/graphischen Schilderungen sinnvoll sind. (Und ich habe sie auch in den Büchern von Michaela Huber gefunden, allerdings verhältnismäßig sparsam – sie hat sich eher bemüht, explizite Darstellungen zu vermeiden.)

Was ich bei Michaela Huber nicht gefunden habe: Warnungen vor diskriminierenden Inhalten, also (um nur ein paar Beispiele aus deiner Liste zu nehmen) ableism, fat-shaming, Christian supremacy oder gender essentialism. Das soll nicht heißen, dass diese Inhalte okay sind: aber wenn man begründen will, warum sie nicht okay sind, muss das anders geschehen als mit einer Triggerwarnung, da Menschen durch solche Inhalte normalerweise keine Flashbacks erleiden. Ich glaube, dass Flashbacks und das durch sie verursachte Leid verharmlost werden, wenn Inhalte, die verstören oder unangenehm sind oder eben auch diskriminieren, mit einer Triggerwarnung ausgestattet werden: Ein Flashback ist noch einmal von einer ganz eigenen Qualität. (Ich weiß noch nicht, was ich davon halte, wenn die die es sich um eine Contentwarnung, nicht um eine Triggerwarnung handelt. Ich denke, das ist weniger problematisch.)

Umgekehrt denke ich auch, dass diskriminierende Inhalte verharmlost werden, wenn mit einer Triggerwarnung vor ihnen gewarnt wird. Solche Inhalte sind nicht deswegen schlimm, weil sie eventuell triggern, sondern weil sie die Gleichheit und gemeinsame Menschenwürde mit Füßen treten. (Zur Erinnerung: auch an und für sich ganz harmlose Dinge können triggern. Diskriminierende Inhalte sind aber nicht an und für sich harmlos.)

Trauma ist heutzutage ein Begriff, der inflationär gebraucht wird („die deutsche Nationalmannschaft ist traumatisiert durch das Halbfinale 2006, und jetzt retraumatisiert durch das Halbfinale der EM“.) Damit wird denen, die von Traumata im eigentlichen Sinn betroffen sind, kein Gefallen getan. Es wird ihnen auch kein Gefallen getan, wenn der Begriff des Flashbacks auf verstörende Gefühle erweitert wird. Bei einem verstörenden Gefühl bleibt man in der Gegenwart und ist weiterhin handlungsfähig.

Man kann natürlich argumentieren, dass Menschen auch davor geschützt werden sollen, sich verstörenden Inhalten auszusetzen. Ich denke jedoch, dass ein wesentlicher Unterschied zwischen einem Inhalt, der „nur“ verstört und einem Flashback darin besteht, dass man sich noch unter Kontrolle hat: man kann mit Lesen aufhören, man kann den Text nur überfliegen, man kann mit Freunden und Freundinnen über den Text reden und klären, welche Eigenschaften des Textes zum Gefühl von Verstörtheit geführt haben. Bei einem Flashback geht all das nicht mehr.

Ich muss dir übrigens für die Liste danken. Sie belegt besser, als die drei Beispiele, die ich auf die Schnelle gefunden habe und über die man gewiss diskutieren kann, dass Triggerwarnungen sich auf Inhalte ausgeweitet haben, die nicht im engeren Sinne triggernd wirken, sondern die „nur“ politisch verabscheuenswert sind. Unabhängig von meinen Beispielen denke ich weiterhin, dass es nicht gut ist, wenn Triggerwarnungen benutzt werden, um den Abscheu vor einer bestimmten Position auszudrücken. (Und in der kommenden Woche werde ich wahrscheinlich noch die Zeit finden, auf die Kritik an den Beispielen einzugehen, und auch berechtigte Kritik anzunehmen. Ironischerweise erlaubt mir dies jetzt deine Liste.)

Noch ein paar Worte zum Fandom:

Triggerwarnungen sind üblich in feministischen und anderen Räumen, z.B. im Fandom, weil dort die Auseinandersetzung mit Themen, die Trigger-Potential haben oder verunsichern können, verbreitet ist.

Ich wäre nun neugierig, in welchen Ecken des Fandoms du dies festgestellt hast. Meine eigenen Erfahrungen im Fandom habe ich vor allem auf Livejournal und Dreamwidth gemacht (und vorher in Herr-der-Ringe-Foren, in denen aber in erster Linie diskutiert und nicht so sehr viel fanfiction geschrieben wurde.) Fanfictions werden dort mit Warnungen versehen, von allerdings die meisten nicht als Triggerwarnungen gelten können (und in aller Regel auch nicht als soche bezeichnet werden.) In den sogenannten wanks (englisches Wort für Shitstorm), die eine Weile lang alle paar Monate das Fandom auf LJ und DW erschütterten, wurde auch vor politischen Inhalten gewarnt, etwa sexism oder ableism. Ich selbst halte es allerdings für problematisch, wenn beim Verlinken eines Textes sofort deutlich gemacht wird, dass der verlinkte Text verabscheuungswürdig ist, anstatt dass man wenigstens die Denkweise der Autorin aufgreift und kurz deutlich macht, was daran falsch ist. Immerhin wurden diese Warnungen nicht als Triggerwarnungen bezeichnet.

Insgesamt habe ich das Fandom als einen eher unpolitischen Ort erlebt, wo Menschen mehr oder weniger explizite Liebesgeschichten über ihre Lieblingsfiguren aus populären Medien schreiben. Manchmal bin ich erschreckt über ihre Naivität. (In diesem Frühling habe ich zweimal die Erklärbärin gespielt und Menschen erklärt, dass der Staat keine Menschen ermorden darf – okay, das ist schon nicht mehr naiv, das ist so weit rechts im politischen Spektrum, dass ich den Atem anhalte.) Hin und wieder gab es wie gesagt wanks, in denen diskriminierendes Verhalten angeprangert wurde, als Auseinandersetzung würde ich diese wanks jedoch nicht bezeichnen. (Es gab aber jedes Mal ein paar Beiträge, die wirklich gut waren.)

Ja, und deswegen wäre ich neugierig: Wo im Fandom hast du Auseinandersetzungen erlebt?

Dieser Beitrag wurde unter Fandom-Erinnerungen, Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Antwort auf Sanczny

  1. susanna14 schreibt:

    Dies ist ein Test, ob ich kommentieren kann.

  2. eigentlich OFF TOPIC — ich möchte nur kurz was anmerken, und vielleicht ergibt sich dazu mal eine debatte.

    In diesem Frühling habe ich zweimal die Erklärbärin gespielt und Menschen erklärt, dass der Staat keine Menschen ermorden darf

    das ist eine recht idealistische vorstellung. denn wer entscheidet, was der staat darf und was nicht? — der staat selber. mit der realität hat dein „der staat darf das nicht“ also so viel nicht zu tun. das zeigt auch der blick in die welt: in etlichen staaten darf der staat das, weil er es sich erlaubt. in anderen nicht, weil er es sich nicht erlaubt — weil er es nicht als dienlich für den staatszweck ansieht (aber auch die haben alle notverordnungen, soll heißen: wenn er es für notwendig erachtet, darf er eben schon, er erlaubt es sich).

    wie gesagt: off topic; ist aber ein spannendes thema, das man sich mal vornehmen könnte.

    gruß

  3. ps: da off topic kannst du den obigen kommentar auch gerne löschen. war/ist nur als anregung gedacht.

  4. Pingback: Antwort auf Sanczny | Piraten | Scoop.it

  5. genoland schreibt:

    neu-piraten braucht das land
    befremdliche diskussionen bei den piraten: “alt-piraten” gegen “neu-piraten”
    wie steht es nun um “transparenz” und “basisdemokratie” bei den piraten ?
    http://genoland.wordpress.com/2012/07/13/neu-piraten-braucht-das-land/

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