Triggerwarnungen und Politik

Warnung: Ich benutze in meinem Text keine Splats. Es gibt keine „graphische“ Darstellung von Gewalt, aber ich benenne sie, und mir ist es wichtig, sie beim vollständigen Namen zu nennen.

Katrin Rönicke hat über Triggerwarnungen geschrieben, und ich habe ihr versprochen, ebenfalls etwas zu schreiben, wenn ich das Buch von Michaela Huber, „Trauma und die Folgen“ wieder einmal hervorgeholt hätte. Ich habe mich also gestern hingesetzt und angefangen, meine Gedanken in den Computer zu tippen, da fand ich auf Twitter die Nachricht über ein Blogpost von Paula: Zum Thema „Triggerwarnungen“.

Ich habe dann den Abschnitt des Blogposts, in dem es um echte Triggerwarnungen geht, gestrichen: In Paulas Blog findet eine sehr qualifizierte Diskussion statt, an der sich mittlerweile auch einige Betroffene beteiligen. Mir scheint, dass die Diskussion auf einen Konsens hinausläuft, dass vor Schilderungen von Gewalt gewarnt werden sollte – nicht unbedingt durch eine einfache Triggerwarnung, sondern vielleicht besser, indem man knapp zusammenfasst, welche Art von Gewalt folgen wird, so dass die Leser entscheiden können, ob sie den Text lesen wollen oder nicht.

Wenn ich das so schreibe, klingt das ziemlich makaber. M.E. wäre auch etwas gewonnen, wenn sich die Menschen beim Schreiben überlegen, wie „graphisch“ (detailreich) eine Schilderung von Gewalt tatsächlich sein muss, und welche Informationen dadurch gewonnen werden. (Und dabei ist ja da Paradoxe jetzt, dass das Empfinden von nichttraumatisierten Menschen, die ja ebenfalls von Gewaltdarstellungen verstört oder abgestoßen werden, jetzt unter der Hand wieder zum Maßstab wird.) Jedenfalls habe ich kein Problem mit solchen Triggerwarnungen, und ich verweise noch einmal auf die Diskussion in Paulas Blog.

Hier möchte ich auf die andere Seite eingehen: Den Missbrauch des Wortes „Triggerwarnung“ und Katrins Frage, ob damit politische Fragen vermieden werden. Um es kurz zu sagen:

Das Wort „Triggerwarnung“ sollte nicht verwendet werden, um allgemein Abscheu oder Ablehnung gegenüber einer politischen Position, einer bildlichen Darstellung oder sonst etwas auszudrücken, sondern eben nur für Warnungen vor Darstellungen von Gewalt, die auf viele Traumatisierte triggernd und auf viele nichttraumatisierte verstörend wirkt.

Ich habe in den letzten Tagen ein paar Beispiele für eine solche falsche Verwendung des Wortes Triggerwarnung gefunden:

1. Ich habe einen Screenshot von dem gemacht, was man zur Zeit findet, wenn man „#Triggerwarnung“ ins Suchfeld bei Twitter eingibt:

Screenshot zu #Triggerwarnung: Warnung vor toter Katze und vor piratenkritischem Artikel

Wobei: Als ich bei Paula kommentierte, es handele sich dabei um eine Verhöhnung der Opfer, dachte ich noch, dass die, die diese Warnungen aussprachen, diese Verhöhnung nicht beabsichtigten. Nun denke ich, sie wussten, dass sie sich über Triggerwarnungen lustig machten – ohne zu bedenken, dass es Triggerwarnungen gibt, die absolut angebracht sind.

2. Ein weiteres Beispiel, wie man es nicht machen soll, findet sich im Artikel von Katrin verlinkt. Ich warne mal selbst, und zwar bevor ich verlinke: Der Link führt zu einen Artikel, der eine abstrakte Darstellung von oralem Geschlechtsverkehr enthält (im Stil der Symbole der verschiedenen Sportarten, wie es sie früher bei der Sportschau gab). Ich persönlich finde die Darstellung abstoßend und frauenverachtend – sie macht nicht den Eindruck, als ob beide Beteiligten Spaß hätten: Schniblo.

Die Triggerwarnung befindet sich direkt über dem Bild. Sie ist ziemlich klein, und bevor man sie gelesen hat, hat man schon das Bild gesehen. Sie bietet überhaupt keinen Schutz. Entweder die Autorinnen hatten keine Ahnung davon, wie Trigger wirken – oder es ging um etwas ganz anderes: Darum, ihren Abscheu gegenüber dem Bild deutlich zu machen.

3. Etwas ratlos lässt mich der folgende mit einer Triggerwarnung versehene Beitrag. In ihm werden sehr beredt der alltägliche Sexismus und die alltägliche Frauenfeindlichkeit dargestellt, denen Frauen ständig ausgesetzt sind: The Terrible Bargain We Have Regretfully Struck. Es wird keine Gewalt geschildert, die lebensgefährlich wäre oder der jemand hilflos ausgeliefert ist (die übliche Definintion von Trauma), aber eben doch der ganz normale Zustand struktureller Gewalt, dem Frauen täglich ausgesetzt sind. Ob dies triggernd wirkt? Wirken kann? Bestimmt, denn alles kann auf jemanden triggernd wirken. Wahrscheinlich wäre eine inhaltliche Warnung vor dem was folgt, sinnvoller gewesen.

Möglicherweise ging es aber doch wieder um die Schilderung von Situationen, die der Autorin den letzten Nerv rauben und die sie tagtäglich verstören, ohne sie im engeren Sinne des Wortes zu triggern (sprich einen Flashback auszulösen). „Triggerwarnung“ als Ausdruck von Zorn scheint mir aber problematisch.

(Und eine kleine Bemerkung noch: Nicht nur das Wort Trigger, sondern auch das Wort Trauma selbst wird heutzutage oft inflationär gebraucht. Nicht jedes Leiden ist aber traumatisch, und nicht jedes schlechte Gefühl oder jede schlechte Erinnerung, die durch das Lesen von bestimmten Worten oder Inhalten ausgelöst (wörtlich „getriggert“) wird, ist auch ein Flashback.)

Nach diesen Beispielen zurück zu der Frage, die Katrin aufgeworfen hat: inwiefern Triggerwarnungen unpolitisch sind.

Triggerwarnungen wie sie jüngst in Erscheinung treten beinhalten eine stark moralische Komponente, in der Form, dass sie das, was als „triggernd“ bezeichnet wird, moralisch abwerten. Sie stellen eine vorweggenommene (heftige) Wertung dar, die hinter einer BeschützerInnen-Intention versteckt wird.

Trigger im eigentlichen Sinn sind nun nichts per se moralisch verwerfliches – auch ganz harmlose Dinge können triggernd wirken, wenn sie an etwas nicht Harmloses erinnern. Aber das hat mit den Triggerwarnungen in den obigen Beispielen nichts zu tun. Hier wird die Triggerwarnung tatsächlich ausgesprochen, um Ablehnung zu bekunden.

Nun ist es so, dass ich etwas andere Ansichten als Katrin über die Rolle von Moral in der Politik habe. M.E. hat sie durchaus einen Platz. Was ich das problematische an diesen (unechten) Triggerwarnungen finde, ist, dass dadurch etwas der Diskussion entzogen wird: Wenn jemand getriggert wird, so ist das jenseits von seiner oder ihrer rationalen Kontrolle. Etwas ist schlecht, weil es jemandem weh tut: wie will man dagegen argumentieren?

Was mich zu den Triggerwarnungen im Fandom bringt, von denen Paula so positiv berichtet:

Wo ich gerade die Fanfic-Plattformen erwähnte: Bei Fanfiction [= Geschichten, die auf Büchern, Filme, Serien etc. basieren und von deren Fans geschrieben werden] kenne ich solche Spoiler- bzw. Triggerwarnungen schon seit über zehn Jahren; es ist einfach Usus, Labels anzubringen, die vorab auf graphisch dargestellten Sex, V+rg+w+lt+g+ng+n oder den Tod eines Charakters hinweisen.)

Ich gehöre auch zu denen, die Fanfiction schreiben, und früher habe ich auch die Fanfiction anderer Leute gelesen, jetzt tue ich es nur noch extrem selten. Ich habe mich auch an den Diskussionen beteiligt, die von Zeit zu Zeit aufkamen. (Ich habe schon einmal darüber geschrieben: zu den gegenwärtigen Diskussionen zu Feminismus und Rassismus und den vergangenen Diskussionen auf Dreamwidth). Natürlich kenne ich auch die Sitte der „Header“ im Fandom: Jede Geschichte wird mit einem solchen versehen, in welchem die wichtigsten Informationen vermerkt sind: Fandom (also die Serie, das Buch oder der Film, auf dem das Fanfiction basiert), das Pairing (wer das zentrale Liebespaar der Geschichte ist; manchmal werden auch side-pairings angegeben), das Rating (also die FSK-Freigabe, wobei die amerikanischen Kategorien andere sind) und dann eben auch Warnungen.

Gewarnt wird vor allem möglichen: vor bestimmten Formen von Sexualität, vor Folter in der Geschichte, vor dem Tod von Figuren, vor „own characters“ (selbsterfundenen Figuren, die in der ursprünglichen Geschichte nicht vorkommen und die normalerweise nicht zur Qualität der Fanfiction beitragen.)

Der eigentliche Punkt an all diesen Angaben und Warnungen ist dabei der, dass es sich bei den meisten Fanfictions um Pornographie handelt. Dies gilt in gewissem Sinn auch für die Geschichten, die ohne explizite Sexszenen auskommen: auch in diesen geht es in aller Regel nicht darum, die Menschen irgendwie zum Nachdenken zu bringen oder ihren Horizont zu erweitern, sondern darum bestimmte Gefühle zu erzeugen, vor allem das wohlige Gefühl, das entsteht, wenn in einer Geschichte die richtigen zwei zusammenkommen, aber manchmal auch eine gewisse sentimentale Traurigkeit, wenn eine der Figuren stirbt.

Ich habe darüber nachgedacht, wie ich diese Angaben und Warnungen im Header empfinde, und im Moment denke ich, dass sie sich möglicherweise am besten mit einer Speisekarte vergleichen lassen. So wie jemand, der im Restaurant etwas bestellt, ungefähr wissen möchte, worum es sich handelt, so wollen die Leserinnen (Leser sind ganz selten) wissen, worauf sie sich einlassen, wenn sie eine Geschichte lesen. Sie haben konkrete Wünsche, die sie befriedigt wissen möchten durch Geschichten, die ihnen entgegenkommen.

Natürlich hat jemand, der etwas bestellt, auch das Recht darauf, dass er oder sie bekommt, was sie bestellt hat. Wer Nudeln bestellt hat, weil er keinen Reis mag, möchte nicht plötzlich Reis stattdessen. Wenn eine gegen etwas allergisch ist, möchte sie nicht, dass das unerwarteterweise im Essen auftaucht.

Mit Literatur hat das nichts zu tun. Literatur heißt, dass man sich auf die Gedankengänge der Autorin oder des Autors einlässt, dass man bereit ist, sich selbst in Frage zu stellen, und auch, dass man sich überraschen lässt. In den Diskussionen zu Paulas Blogpost wurde herausgestellt, wie wichtig es für Betroffene ist, dass sie nicht überrascht werden – ich denke jedoch, dass es für Menschen, die nicht unter Flashbacks leiden, wichtig ist, dass sie hin und wieder überrascht werden und Unerwartetes erleben.

Hier ist ein Beispiel für ein Template in einem Fanfiction-Archiv (Archive of Our Own), in welchem Warnungen eingetragen werden können. „Major character death“ steht unter „graphic depiction of violence“, „underage sex“ steht unter „rape/non-con“. In der zweiten Hälfte kann man eintragen, in welchen Kombinationen die Figuren Sex miteinander haben.

Archivwarnungen bei AooO

In aller Regel ist klar, dass die Header zu den Fanfictions nicht als Triggerwarnungen dienen, sondern dazu, dass jede die Art von Geschichte bekommt, die ihr behagt (und von der sie erregt wird). Manchmal wird die Notwendigkeit von Warnungen allerdings mit der Möglichkeit des Getriggertwerdens begründet, vor allem bei Geschichten, die eine Vergewaltigung enthalten. (Der Unterschied besteht darin, dass die meisten Angaben/Warnungen freiwillig sind, es aber als rücksichtslos angesehen wird, nicht vor einer Vergewaltigung in der Geschichte zu warnen.)

In meinen Augen besteht jedoch ein Problem darin, nur in der Form einer Triggerwarnung vor einer Vergewaltigung in der Geschichte zu warnen. Die Triggerwarnung zeigt nur an, dass eine Vergewaltigung in der Geschichte vorkommt. Sie zeigt nicht an, wie die Vergewaltigung in der Geschichte dargestellt und bewertet wird: Ob sie als das dargestellt wird, was sie ist, nämlich absolut schrecklich für das Opfer, oder ob sie dargestellt wird als etwas, was genossen wird. (In letzerem Fall ist das Wort, mit dem gewarnt wird, meist nicht rape, sondern „non-con“, also „non-consensual“.) Für mich macht das einen großen Unterschied bei der Frage, ob mich eine Geschichte verstört oder nicht, und ich gehe mal davon aus, dass ich nicht die einzige bin, der es so geht.

Wenn allein die Darstellung einer Vergewaltigung als triggernd angesehen wird, wird sie aus dem Kontext der Geschichte gerissen, in der sie steht. Aber ich denke, dass in vielen Fällen der Kontext genauso wichtig ist, insbesondere die Bewertung der Geschehnisse in der Geschichte.

Gefördert wird diese Haltung durch eine grundsätzliche Amoralität bei der Behandlung von fanfiction, zumal pornographischer Fanfiction. Die Art und Weise, wie eine sexuelle Befriedigung findet (oder welche Geschichten sie mag) wird grundsätzlich nicht moralisch bewertet. Wenn sie „non-konsensualen Sex“ als erregend empfindet, ist das okay – nur Rücksicht auf die Gefühle anderer (wegen möglicher Flashbacks) kann von ihr verlangt werden, nicht aber, dass sie ihre Position überdenkt und eventuell feststellt, dass das, was sie euphemistisch „non-con“ genannt hat, in Wirklichkeit eine Vergewaltigung ist.

Irgendwann kamen Amoralität und Triggerwarnungen dann an einen Punkt, wo es absurd wurde: Eine rassistische Geschichte war aufgetaucht und wurde dementsprechend kritisiert. Andere stellten in Frage, ob es noch verhältnismäßig sei, die junge Autorin dermaßen unter Druck (und an den Pranger!) zu stellen. Sie erinnerten an Prinzipien wie „don’t like don’t read“ (was für Pornographie, die nicht dem eigenen Geschmack entspricht, okay ist), und schließlich schlug irgendjemand vor (ich weiß nicht einmal, auf welcher Seite sie stand), dass das Problem von rassistischen Geschichten vielleicht dadurch zu lösen sei, dass man sie mit einer Triggerwarnung versieht.

Zum Glück fand dieser Vorschlag keine Zustimmung. Rassismus ist aus sehr vielen Gründen ablehnenswert, nicht nur weil eine rassistische Geschichte eventuell triggert, und die Probleme, die von rassistischen Geschichten aufgeworfen werden, lassen sich nicht dadurch lösen, dass diejenigen, die durch sie verletzt oder angegriffen oder getriggert werden, sie nicht mehr lesen.

Ich habe gerade einen Artikel von Ian Buruma gefunden The joys and perils of victimhood. Ich möchte mit einem Zitat daraus schließen, das für mich den Kern der Problematik der Diskussion um Triggerwarnungen ausmacht:

I think the tendency to identify authenticity in communal suffering actually impedes understanding among people. For feelings can only be expressed, not discussed or argued about. This cannot result in mutual understanding, but only in mute acceptance of whatever people wish to say about themselves, or in violent confrontation. … you cannot argue with feelings. Those who try are not denounced for being wrong, but for being unfeeling, uncaring, and thus bad people who don’t deserve to be heard.

Nachtrag 17. Juni 2012: Ich habe jetzt ein weiteres Beispiel dafür gefunden, wie eine Triggerwarnung benutzt wird, um auszudrücken, dass man die verlinkten Inhalte für absolut inakzeptabel hält: Dann geh ich halt Schach spielen

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11 Antworten zu Triggerwarnungen und Politik

  1. dieKadda schreibt:

    ich danke dir!🙂

  2. Chomsky schreibt:

    Sollte ich mal einen Blog oder sonst was haben, werde ich einfach schreiben: „Auf diesem Blog keine Triggerwarnung, betreten und lesen auf eigene Gefahr“!😀

    Soll heissen: Ich halte das für einen Schrott diese Diskussion um Triggerwahrnung. Bei darf kann ich das gerne lange und breit erklären!🙂

    • susanna14 schreibt:

      Jetzt bin ich neugierig… Ich bin selbst noch am Überlegen, was ich davon halte. Wie Kadda denke ich, dass Triggerwarnungen an Orten, in denen Betroffene von ihren Erfahrungen berichten, aber gleichzeitig nicht von den Erfahrungen anderer getriggert werden möchten, völlig angemessen sind. Welche Triggerwarnungen ich nicht korrekt finde, habe ich geschrieben. Ansonsten gibt es eine weite Spanne, wo ich mir noch unsicher bin.

      • Chomsky schreibt:

        Muss sagen, habe mich nun mit der Triggerwarnung nicht wahnsinnig reflexiv auseinandergesetzt, es ist also eher so was Intuitives und von daher ev. auch nicht sehr differenziert, was ich nun von mir gebe.

        Aber, ich würde so auf die Schnelle Folgendes sagen:

        1. Bisher haben Leute, für die eine Tiggerwarnung gedacht ist, offenbar auch das Leben gemeistert. Es gibt offenbar noch keine offizielle Stellungnahme von Fachpersonen, die nun diese Triggerwarnung breit unterstützen würden. Es ist auch nicht klar, wer von den Betroffenen diese Triggerwarnung unterstützt und wer vielleicht nicht etc.
        2. Es gibt auch ein Leben ausserhalb des Intenets: Die logische Konsequenz wäre, man müsste quasi auch die gesamten Radiosendungen, TV-Sendungen, Zeitschriften (quasi alle Medienprodukte) auf Triggermainstreaming überprüfen!🙂 Ob sich das auf grosse Freude stossen würde in der Gesamtbevölkerung, wäre eine andere Frage.
        3. Triggerwarnung scheint ja vor allem aus dem Kontext der Posttraumatischen Belastungsstörung entstanden zu sein. Nun ist es nicht ersichtlich, weshalb quasi nur Triggerwarnungen auf dieses Krankheitsbild zugeschnitten werden sollen. Was ist mit denen, die an einer Narzisstischen Persönlichkeitsstörung oder anderen Persönlichkeitsstörungen leiden? Oder an Depressionen oder was weiss ich. Wäre ja ein bissche gemein, wenn man für diese Gruppen keine spezifischen Triggerwarnungen rausgeben würde.
        4. Denke ich mir aber, dass Triggerwarnungen wirklich fast so zu etwas wie zu einer Phobie oder zu einem Vermeidungsverhalten führen können, weil eben quasi vorher ein Warnschild steht: „Achtung, könnte gefährlich sein.“ Wer natürlich schon überall Gefahren wittert und auch noch Hinweise auf ein Gefahrenpotenzial sichtet, dem dürfte es wohl nicht leicht fallen, gewisses phobisches oder Vermeidungsverhalten abzulegen, auch wenn die Warnhinweise gut gemeint sind.
        5. Überspitzt könnte man auch sagen, es geht einher mit einer Infantilisierung (Kinder warnt man auch immer vor Gefahren) und „Vulnerabilisierung“: Ich gehe mal davon aus, dass z.B. körperlich Behinderte oder was weiss ich es auch nicht nur mögen, wenn zuviel Rücksicht auf sie genommen wird, damit sie ihre Behinderung dann gerade erst richtig wahrnehmen und spüren. Aber wir verkommen dann auch langsam zu einer therapeutischen Gesellschaft.
        6. Und dann hat eine Person auf einem anderen Blog m.E. etwas gesagt, was mir sehr gut gefällt:

        „Es soll eine moralische Demarkationslinie abgesteckt werden, auf deren einer Seite sich nicht die Guten, sondern die Besseren befinden. Das ist moralische Trittbrettfahrerei auf Kosten von Leuten, die tatsächlich traumatisiert sind. Überdies erfahren die Begriffe Gewalt und Trauma durch inflationäres Warnen eine Banalisierung. Mittels DefMa kann alles Mögliche als Gewalt oder Trauma gedeutet werden und scheinheilige Beschützerreflexe selbsternannter Opferanwälte auslösen. Das führt zu einer Betroffenheitsralley. Wer ist am sensibelsten, wer spürt noch im letzten Winkel auf, was irgendwie als Trigger “gelesen” werden könnte, welches hypothetische Opfer kann man für seine Argumentation ins Feld führen. Irgendwann sind all Opfer und das Leben ein Trauma.“
        http://blog.katrin-roenicke.net/?p=1143#comments

    • susanna14 schreibt:

      Ich kann auf deinen anderen Kommentar nicht mehr antworten, daher tue ich es hier.

      Trigger können ein ernsthaftes Problem sein. Dass sie vor allem für Menschen mit posttraumatischer Belastungsstörung so schwierig sind, liegt an einem speziellen Aspekt der PTBS, den sogenannten Flashbacks: dabei fühlt sich ein Mensch plötzlich als sei er wie in der Situation von damals, die Erinnerung ist also nicht als Erinnerung erkennbar. Im schlimmsten Fall handelt er oder sie dann entsprechend der Erinnerung und verletzt sich selbst oder andere – zum Beispiel ist es möglich, dass ein ehemaliger Soldat beim kleinsten Anzeichen von Gefahr zum „Gegenangriff“ übergeht, und dabei vielleicht einen Freund schwer verletzt.

      Jemand, dem es so geht, ist wirklich in seinem Leben sehr eingeschränkt, und er muss wirklich versuchen, Trigger zu vermeiden. Gerade heute habe ich einen Satz über Vietnam-Veteranen gelesen: Sie leben in einem überraschungsfreien Bunker.

      Das Problem mit Triggern ist nun, dass alles möglich triggern kann, wenn es zufällig den Betreffenden an eine Situation erinnert, in der er sich in Lebensgefahr befunden hat. Ein Beispiel, von dem ich vor kurzem gehört habe: ein Kind schlingt seinem Vater von hinten die Arme um den Hals. Etwas, was viele kleine Kinder tun – für einen ehemaligen Kämpfer aber hoch gefährlich. Es ist also unmöglich, die Welt triggerfrei zu gestalten – das einzige, was man möglicherweise einschränken könnte, ist die Konfrontation mit Darstellungen von Gewalt.

      Allerdings habe ich auch in Büchern von Fachleuten schon Triggerwarnungen gefunden, etwa in „Wege aus dem Trauma“ von Michaela Huber. Sie ist sich bewusst, dass diee Schilderungen extremer Gewalt triggern können. (Mittlerweile glaube ich, dass das einer der Punkte ist, wo Trigggerwarnungen absolut am Platz sind: Es ist klar, dass die Gewalt abgelehnt wird, aber um den Lesern und Leserinnen klar zu machen, wie schrecklich ist, was passiert, muss sie doch einigermaßen im Detail beschrieben werden – aber eben mit Warnung, damit Betroffene nicht retraumatisiert werden.) Ich habe jedoch nicht gelesen, dass sie vorgeschlagen hätte, die Umwelt triggerfrei zu gestalten. Allerdings empfiehlt sie Betroffenen, Trigger zu identifizieren und zu vermeiden.

      Wer natürlich schon überall Gefahren wittert und auch noch Hinweise auf ein Gefahrenpotenzial sichtet, dem dürfte es wohl nicht leicht fallen, gewisses phobisches oder Vermeidungsverhalten abzulegen, auch wenn die Warnhinweise gut gemeint sind.

      Das Problem ist ja, dass Menschen, die traumatisiert sind, schon an und für sich überall Gefahren wittern. (Denke wieder an den Aufsatz über Vietnamveteranen, den ich heute gelesen habe.) Wenn sie gewarnt werden, können sie wenigstens die SItuationen vermeiden, in denen sie eventuell richtig in einen Flashback geraten.

      Von daher würde ich nicht von einer Infantilisierung sprechen. Diese Menschen meistern ihr Leben eher schlecht als recht. (Wieder denke ich an meinen heutigen Artikel: Veteranen habe höhere Selbstmordraten, höhere Raten von Obdachlosigkeit, haben Schwierigkeit, eine Partnerschaft zu führen oder kontinuierlich zu arbeiten.)

      Ob spezielle Rücksichtnahme wirklich eine gute Methode ist, weiß ich nicht. Darstellungen von extremer Gewalt zu vermeiden, scheint mir vernünftig, aber selbst hier bin ich mir nicht hundertprozentig sicher. Ich bin am Überlegen, ob ich einen weiteren Blogpost schreiben soll.

      Die andere Person ist Katrin, und sie hat hier schon kommentiert, und ich habe sie verlinkt. Den Abschnitt, den du verlnkst, finde ich den schwächsten aus ihrem Beitrag. Es geht hier nicht mehr um Triggerwarnungen selbst, sondern um die Gruppenbildung, die sich um Triggerwarnungen herum bildet. Vielleicht besteht diese Gefahr tatsächlich, wenn nicht klar ist, welche Art von Triggerwarnungen nun angemessen sind.

      • Chomsky schreibt:

        Ich muss hier schon wieder aussteigen aus der Diskussion, weil ich müsste nun wohl mal 10-15 Bücher konsultieren, die sich mit PTS, Trigger, Intrusion, Vermeidungsverhalten und Triggerwarnungen ausführlich befassen, um dann abschätzen zu können, was ev. so der Forschungsstand ist. Ich habe vorhin noch kurz bei Google-Scholar „Triggerwarnung“, „Trigger Warnung“ und „Trigger-Hinweis“ eingegeben und würde mal sagen, dieses Thema scheint – zumindest im deutschsprachigen Raum – in den Wissenschaften noch kein Thema zu sein.
        Aber ich würde folgendes sagen: Ich bin doch der Meinung, dass Triggerwarnungen bei PTS in einem Spannungsverhältnis von Intrusion und Vermeidungsverhalten stehen (meine Laienmeinung). Habe vorhin gerade noch gelesen, dass sich Trigger-Reize generalisieren können, sodass bereits bei Vietnamveteranen das Ergrünen der Bäume im Frühling (Reiz, der den Dschungel symbolisiert) zum Trigger werden können, dann kann eben schlussendlich alles zum Trigger werden. Was macht man mit einem solchen Menschen? Im Frühling im Haus einsperren? Scheuklappen anziehen? Oder ev. doch Expositionstherapie?? Ich weiss es nicht. Aber ich denke, hier müssen sicherlich auch die Betroffenen einbezogenen werden, aber sicherlich auch die Fachleute und dann müssten dann wohl Fachleute und Betroffene sagen, ob Triggerwarnungen überhaupt sinnvoll sind oder eben nicht. Ok, wie gesagt, ich habe ja bereits gesagt, was ich auf meinem Blog schreiben würde bezüglich Triggerwarnung!🙂 Und was mir gerade noch in den Sinn kommt: Wenn sich ja Trigger-Reize generalisieren können, dann ist natürlich auch anzunehmen, dass auch und gerade eine Triggerwarnung als Trigger funktionieren kann, was ich nun eben wieder sehr nachvollziehbar finden würde.🙂

    • susanna14 schreibt:

      Und wieder kann ich auf deinen Kommentar nicht direkt antworten.

      Was macht man mit einem solchen Menschen? Im Frühling im Haus einsperren? Scheuklappen anziehen? Oder ev. doch Expositionstherapie??

      Ja, das ist ja das Problem: ganz normale Dinge können triggern. Das wird in der Debatte gern vergessen. Ich fürchte, dass sogar die Regel, exzessive Gewaltdarstellung mit einer Triggerwarnung zu versehen, nicht in erster Linie den Bedürfnissen von nichttraumatisierten Menschen entspricht. Aber vielleicht ist dies sogar ganz gut, nur müsste man diese Regeln dann nicht mit der Gefahr von Triggern begründen, sondern eben damit, dass Gewaltdarstellungen die meisten Menschen verstören und dass man deswegen vorsichtig damit sein sollte. (Heute habe ich einen Bericht von einer Genitalverstümmelung gelesen – ich habe nach der Hälfte abgebrochen. Und gestern habe ich mich mit einem Dozenten unterhalten, der Galtungs Studie zu Kriegsfolgen untersucht hat – auch er meint, er frage sich, wie Galtung den ganzen Schrecken aushalten konnte.) Hm. Vielleicht ist das die Lösung: als nichttraumatisierter Mensch dazu stehen, dass die Fähigkeit, Darstellungen von Schrecken zu lesen, Grenzen hat.

      Für traumatisierte Menschen gilt natürlich, dass eines der wichtigsten Therapieziele darin besteht, dass man nicht mehr getriggert wird – dass sich die Erinnerungen in normale Erinnerungen verwandeln, also in solche, die als Erinnerungen deutlich bleiben.

  3. »Paula« schreibt:

    Sah gerade, wie lange der Text noch geht und schaffe es daher jetzt gar nicht, ihn komplett zu lesen (mache ich heute Abend), aber schnell zur Mädchenmannschaft: die Triggerwarnung ist tatsächlich unglücklich plaziert, aber vermutlich hat die Autorin nicht bedacht, dass Menschen direkt zum Beitrag linken – auf der Hauptseite sah das nämlich so aus:

    „Nach dem Klick das Logo des Schniblo-Tages (Triggerwarnung!):
    Weiterlesen »“ — und das Bild kommt erst nach dem Klick.

  4. susanna14 schreibt:

    Ich habe das jetzt gesehen. Ich kann verstehen, dass jemand nicht daran denkt, dass manchmal Artikel direkt verlinkt werden – für mich ist es das normale, wenn ich den Artikel verlinke. Ich kann verstehen, wenn jemand nicht daran denkt. Dass allerdings eine ganze Gruppe nicht daran denkt, finde ich fragwürdig. Da hat die ganze Gruppe (Mannschaft) das Konzept der Triggerwarnungen nicht ganz durchdacht.

    (Außerdem führt schon der erste Link auf die Schniblo-Seite, und dort ist das Logo ebenfalls zu sehen.)

  5. Pingback: Triggerwarnungen (2): Kritische Stimmen « sanczny

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