Nachtrag zum letzten Eintrag: wieder einmal dominant gewesen…

… nur in Grenzen. Es war ein Seminar zum Thema Kommunikation, und zur Abwechslung war der Leiter mal kein Pädagoge oder Psychologe, sondern Schauspieler. Dafür hatte er eine Menge angelesenes Halbwissen zum Thema Psychologie.

Das Dumme war nur: Ich habe mehr angelesenes Halbwissen zum Thema Psychologie, außerdem auch mehr kritischen und analytischen Verstand. Als er vorlas, aus welchen Quellen er die Techniken und das Wissen schöpfte, das er in seinem Seminar verwenden wollte, war ich es, die bei den meisten Punkten die Hand hob: Archetypen, NLP, Watzlawick und Konstruktivismus, Kinesiologie. Die einzige Ausnahme war die Transaktionsanalyse. (Erst als ich sah, was es war, erinnerte ich mich, dass ich auch davon schon gehört hatte.)

Bei den Archetypen hielt ich noch meinen Mund. Als gefragt wurde, wer schon einmal von NLP gehört hat, sagte ich: „Ja, heute morgen im Radio. Da ging es um das neue Organtransplantationsgesetz. Es gibt eine Stiftung, deren genaue Abkürzung ich vergessen habe, die für Transplantationen zuständig ist, und der wird vorgeworfen, dass sie die Angehörigen von Verstorbenen ziemlich unter Druck setzt. Die Mitarbeiter werden in Manipulationstechniken geschult, und eine dieser Techniken ist NLP.“

Anschließend beeilte sich der Seminarleiter zu sagen, dass er NLP auch nicht wirklich gut findet und es nicht wirklich im Seminar verwenden will. Für jemanden der wie er ein ausgebildeter Schauspieler ist, sei es einfach, die Techniken der NLP-ler auszuhebeln, und außerdem sei NLP in Hamburg eng mit Scientology verknüpft.

Das zweite war die Kinesiologie. Diese hat er auch nur erwähnt und nicht im Seminar verwendet, aber er hat sie wiederum positiv erwähnt, und auch mal dieses Mal war ich es, die diese Technik kannte: „Eine Freundin von mir hat das mehrere Jahre gekannt.“ Erklärend fügte ich dann hinzu: „Ja, ich war eine Weile lang in dieser Szene aus dem Graubereich von Esoterik und…“

„Kinesiologie ist keine Esoterik“, sagte er. „Das wird von Sportvereinen verwendet. Die würden das doch nicht tun, wenn das nicht wirken sollte.“

Er nahm dann eine andere dran, die erzählte, wie ihre Ärztin einmal kinesiologische Tests bei ihr gemacht hat. Ich meldete mich wieder und sagte: „So einfach ist das nicht. Meine Freundin war wirklich mehrere Jahre lang dabei und hatte gerade eine Ausbildung begonnen. Auf einem Seminar dachte sie dann: ‚Wo bin ich denn hier hingeraten? Das ist ja wie in der katholischen Kirche, wo alle ihre Sünden beichten.'“ (Ihr Seminarleiter hatte seine Leute aufgefordert, bei sich zu forschen, was an ihnen noch alles verbesserungsbedürftig ist.) „Sie war dann völlig fertig, und ich musste sie wieder aufbauen. Ich habe für sie einen Text gelesen, den sie im Seminar bekommen hatte und habe mit ihr herausgearbeitet, was an dem Text problematisch war: vor allem war da wieder eine Menge victim-blaming.“

Das Thema „Kinesiologie“ war dann auch erledigt.

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So sieht es also aus, wenn ich mein Fachwissen verwende, um Dominanz auszuüben. Echte Dominanz kann ich natürlich nicht erlangen, dazu ist die Position des Seminarleiters zu mächtig. So sieht es auch aus, wenn ich entgegen den Interessen der Gruppe handle: Die meisten möchten nämlich, dass das Programm des Seminars läuft, ohne dass eine neunmalkluge Teilnehmerin den Seminarleiter nervt. (Aber vielleicht bilde ich mir das nur ein. Vielleicht waren die anderen kritischer als ich dachte.)

Aber ich denke, es ist beides nötig: mein Fachwissen auszuspielen, und den „reibungslosen“ Ablauf des Seminars zu stören.

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Ich habe jetzt nachgesehen: Kinesiologie gehört wirklich in den Bereich der Esoterik.

Nachtrag (2.9.2012): Der obige Link funktionierte nicht mehr, deswegen habe ich ihn gelöscht. Die Site „Esowatch“ ist gelöscht worden, stattdessen gibt es jetzt Psiram. Ich bin noch nicht sicher, was ich davon halten soll: in manchen Punkten (Antipsychiatrie, Psychoanalyse) halte ich ihre Kritik für überzogen und vor allem für undifferenziert und unbedarft.

Hier ist trotzdem der Link:
Kinesiologie bei Psiram
Kinesiologie bei APGF

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Es ging auch um eine andere Psychotechnik, die vor allem von Managern von Schauspielern in Los Angeles verwendet wird: Es wird festgestellt, wie sie auf andere Menschen wirken, indem zum Beispiel in der Fußgängerzone Menschen gefragt werden, wie sie finden, dass diese Menschen auf sie wirken. Das heißt, wildfremde Menschen in der Fußgängerzone bekommen eine Liste von Adjektiven vorgelegt und sollen ankreuzen, welches dieser Adjektive auf den Menschen zutrifft. Wenn ein paar Adjektive sehr oft angekreuzt werden, so bedeutet das, dass der Mensch wirklich so auf andere wirkt, und dass er dagegen steuern muss, etwa, wenn zu viele Leute „bieder“ ankreuzen, mal was pfiffiges anziehen. (Dabei hatte der Seminarleiter extra vorher gesagt, dass sich solche Eigenschafte das ganze Leben lang gleich bleiben und durch Kleidung nicht verändert werden können.)

Kennt jemand diese Methode, zumindest den Namen, so dass ich sie googeln kann? Er sagte, das würde in Hollywood eingesetzt, um Schauspieler zu casten.

Ich finde, ehrlich gesagt, die Methode für Schauspieler angemessen, aber nicht für normale Menschen.

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