Ich gebe zu: ich bin dominant

Über meine Twittertimeline habe ich einen Text zu dominantem Redeverhalten vom Gendercamp erhalten. Bei mir hat die Liste ein ungutes Gefühl hinterlassen: Mindestens die Hälfte der Verhaltensweisen auf der Liste habe ich schon gezeigt, und mir ist auch schon von anderen Frauen (nicht von Männern) gesagt worden, dass ich zu dominant sei. Besonders schmerzhaft waren ein paar Erfahrungen als Studentin: „Du bist zu stark, du schüchterst mich ein“, wurde mir gesagt. Nach solchen Vorwürfen verstummte ich immer erst einmal (meistens nur für kurze Zeit), und begann außerdem an mir selbst zu zweifeln: nicht nett genug, nicht vorsichtig genug, nicht bescheiden genug – eben zu dominant.

Ich weiß nicht, ob ich wirklich dominant war. Ich glaube nicht. Teilweise war es einfach Glück: ich bin in der Schule nicht zum Verstummen gebracht worden. Ich war gut genug, um von den Lehrern nicht wegen falscher Antworten fertiggemacht zu werden. Andererseits war es auch Mut: Ich habe mich von den Bullies in meiner Klasse nicht zum Verstummen bringen lassen, schon als Kind. Als ältere Jugendliche in der Oberstufe habe ich mich von den Jungen in meinem Physik-LK nicht zum Verstummen bringen lassen: in den ersten Stunden war ich schockiert und dachte: wo bin ich denn hingeraten, die sind ja alle viel besser als ich und haben die Antwort bevor ich auch nur angefangen habe nachzudenken? Mit der Zeit lernte ich mitzuhalten.

Mir war bewusst, dass ich, indem ich im Wettbewerb, wer als erstes die beste Antwort hatte, mitmischte, die Situation für die anderen Mädchen (und die stilleren untern den Jungen) verschärfte. Ich spielte trotzdem mit: Ich war stolz, mitmachen zu können, und wollte mich nicht mehr zurücknehmen.

Ich weiß nicht, ob ich besonders aggressiv war. Im Physik-LK bestand das Problem darin, dass die Lehrerin auf die Rituale des Meldens und Drannehmens verzichtete: Mit zwölf Schülern schien es möglich. Ich hielt mich auch als Studentin an Regeln und sprach nur, wenn ich dran war und spielte auch alle Kommunikationsspiele mit und war nur enttäuscht, dass die Gedanken nie so zuende gedacht wurden, wie ich es gern gehabt hätte.

Vielleicht war ich tatsächlich nur jemand, die noch wenig echte Demütigungen in solchen Situationen erlebt hatte. Vielleicht hatte ich auch noch nicht genug gelernt, darauf zu achten, dass andere zu Wort kommen. Ich war nicht aggressiv: Ich war vielleicht zu kindlich, und präsentierte noch stolz und naiv die Ergebnisse meines Nachdenkens.

Mittlerweile bin ich aggressiver und setze dominantes Verhalten bewusst ein…

Ich lese die Liste durch, und finde verschiedene Verhaltensweisen, die ich auch schon verwendet habe. Ich finde wenig Verhaltensweisen, die ich selbst bei jemand anderem kritisieren würde, und wenn, dann nicht als dominant, sondern als unreif („Unaufmerksamkeit/störende Nebengespräche“, „stummes Kommentieren durch Gesten und Laute (Gesicht verziehen, anderweitig sich [nonverbal] äußern, ohne das Wort zu haben oder direkt gefragt zu sein)“) .

Einige Verhaltensweisen, die mich schon in Diskussionen haben verstummen lassen, finden sich nicht auf der Liste: Vor allem herumpsychologisierende Vorwürfe, etwa „kann es sein, dass du ein Problem mit XXX hast, dass du so etwas sagst?“ aber auch der simple Vorwurf, ich hätte jemandes Gefühle verletzt, indem ich ein Position vertreten habe, die derjenigen der Sprecherin nicht entsprach, oder ich würde die Meinungen anderer nicht gelten lassen (weil ich widerspreche, wenn ich finde, dass die geäußerte Meinung unhaltbar ist, sei es dass ich sie für unmoralisch oder für sachlich falsch halte), oder ich würde Kritik nicht annehmen (weil ich genau diese Kritik schon öfter gehört, schon darüber nachgedacht und verworfen habe).

Kurz gesagt: Dominantes Redeverhalten lässt mich nicht verstummen, sondern ich versuche, mich nicht einschüchtern zu lassen und dagegen zu halten. Was mich dagegen verstummen lässt, sind Vorwürfe, nicht nett oder bescheiden oder friedlich genug zu sein, und danach geht es mir schlecht. (Mit der Zeit ist es allerdings besser geworden. Gemocht zu werden ist nicht mehr so wichtig für mich. Es gibt aber gerade nach einer anstrengenden Diskussion immer noch Situationen, in denen ich mir wünschen würde, dass jemand sagt: Ich mag dich immer noch, und, nein, ich finde nicht, dass du unfair warst.)

Was sich auch geändert hat: Ich führe Diskussionen, um zu gewinnen. Ich steige ein, weil jemand eine Meinung äußert, die ich für falsch oder unmoralisch halte, und ich widerspreche deutlich und zeige, worin die Probleme der Position der anderen Person bestehen und versuche, sie argumentativ in die Enge zu treiben. Der kämpferische Ausdruck ist absichtlich gewählt: Ich bin dann in kämpferischer Stimmung und möchte gewinnen. Als Sieg definiere ich, dass die andere oder der andere wütend wird und mich beleidigt. Es gibt auch Tage, da bin ich weiser und friedlicher gestimmt, an diesen Tagen ziehe ich mich zurück und bin stolz, wenn ich als erste genug Weisheit gezeigt habe, um mich zurückzuziehen.

Ich kenne natürlich auch andere Diskussionen: Diskussionen mit Menschen mit einer ähnlichen Position, bei denen es nicht darum geht, zu gewinnen, sondern darum, sich gegenseitig zu inspirieren und gemeinsam einen Gedankenfaden zu spinnen. Aber es gibt eben auch kontroverse Diskussionen, bei denen es nicht einmal darum geht, den oder die andere zu überzeugen, sondern darum, vor Publikum als Siegerin hervorzugehen.

Der Text beschreibt deutlich, dass es Situationen gibt, in denen dominantes Verhalten als akzeptabel gilt, etwa die Veranstaltungen an der Universität. Es wird auf die dortige Hierarche zurückgeführt – ich denke aber, dass es noch andere Gründe gibt, nämlich dass es dort darum geht zu streiten und herauszufinden, wer recht hat, nicht darum, sich zu einigen, um etwa ein Projekt zu starten. (Natürlich gibt es auch an der Universität Projekte, zu denen Kompromisse nötig sind. Und wenn ein Paar diskutiert, wohin es in Urlaub fahren will, ist Fachwissen nicht angebracht, außer Wissen darüber, wo es besonders oft regnet.)

Ich selbst habe umgekehrt das nichtdominante Redeverhalten, also die Verständigungsrhetorik, im Rahmen eines Seminars für Tutoren an der Universität kennengelernt (habe die entsprechenden Techniken aber schon vorher angewandt.) Dabei geht es dann vor allem darum, herauszufinden, was der andere meint, und möglichst genau danach zu fragen. Ich halte solche Verfahren in pädagogischen Zusammenhängen weiterhin für angemessen: Die Gedankengänge des Gegenübers erfragen, damit ich ihm oder ihr vermitteln kann, dass sie nicht völlig falsch liegt, sondern viele gute Ideen hat, auch wenn aufgrund eines kleinen Fehlers das Ergebnis letztendlich nicht stimmt.

Was ich in den letzten zehn Jahren gelernt habe: In nichtpädagogischen Zusammenhängen muss ich pädagogische Verhaltensweisen vermeiden. Wenn mein Gegenüber mich nicht als Lehrerin anerkannt hat, sondern mich als Diskussionsgegnerin sieht, ist eine pädagogische Haltung unangemessen: Gerade weil ich mich dadurch von vornherein in eine überlegene Situation begebe – auch ein Machtspiel. (Auch sich in die Rolle der Hobbytherapeutin zu begeben bedeutet, falls die andere eine als Hobbytherapeutin akzeptiert, dass man ein Machtspiel für sich entscheidet.)

Zurück zur Liste: Als ein Machtspiel wird auch bezeichnet, wenn man versucht, das Diskussionsthema zu beeinflussen: Entweder das Thema wechseln, oder zum alten Thema zurückkehren, obgleich die Gruppe längst weiter ist. („durch Themenwechsel in den Diskussionsverlauf eingreifen,*Themenwechsel der Gruppe nicht mitvollziehen, bei eigenem Thema beharren“)

Natürlich gehört das Festlegen des Themas zu den üblichen Machtkämpfen in Diskussionen, und nicht nur das Festlegen des Themas selbst, sondern auch der Art und Weise, wie es „geframt“ wird. Ich halte es allerdings für problematisch, wenn dies in den Vorwurf umgewandelt wird, der Diskussionsgegner habe das Thema gewechselt, oder weigere sich das Thema zu wechseln. Natürlich kann es vorkommen dass der Diskussionsgegner anderer Meinung darüber ist, was der zentrale Punkt ist, über den man diskutieren soll – dann muss dies eben thematisiert und diskutiert werden, da schließlich nicht alles der gleichen Ansicht sind. Wenn aber ein Teil sich auf den Standpunkt stellt, das Thema, das er oder sie für wichtig hält, sei „das“ Thema der Diskussion, und alles andere sei „derailing“, also unfair, dann ist das problematisch.

Ein weiterer Punkt, der in der Liste gleich dreimal auftauchte, war „Fachwissen“, etwa in der Variante: „überlegenes Fachwissen zur Schau stehlen“. Ich gebe zu, das tue ich auch. Ich habe dabei von meiner Katze gelernt, die Auseinandersetzungen mit anderen Katzen meistens dadurch gewann, dass sie der anderen den Eindruck vermittelte, dass sie größer und schwerer sei. (Die Tatsache, dass sie eine Perserkatze war, half ihr dabei.) Ich setze mein Fachwissen ein, erst einmal argumentativ, aber auch um klarzustellen: „Ich habe Fachwissen. Du wirst mich mit aus der Luft gegriffenen Behauptungen nicht ins Schwanken bringen können.“

Umgekehrt verstumme ich vor überlegenem Fachwissen. Ich empfinde das aber nicht als „Dominanzverhalten“: da hat dann eben jemand mehr Ahnung als ich, und entweder kann ich etwas von ihm oder ihr lernen, oder wenn ich seinen oder ihren Ansichten nicht zustimme, muss ich eben selbst noch nach neuen Informationen suchen und mich anstrengen und nachdenken, um die Argumente widerlegen zu können – im Internet ist das einfach, da kann ich mir Zeit lassen, bevor ich antworte, im realen Leben ist es schwieriger, und oft kann ich mir nur vornehmen, bei der nächsten Diskussion, wenn das Thema wieder vorkommt, besser dazustehen.

Ich habe durch diese Einstellung sehr viel gelernt, viel mehr als wenn ich Menschen, die mehr Fachwissen haben als ich, dieses vorgeworfen hätte.

Es wird im Text ausdrücklich gesagt, dass es nicht darum geht, zu sagen, was okay ist und was nicht. Dennoch wird dominantes Verhalten im großen und ganzen als unerwünscht dargestellt. Andere Methoden, eine Diskussion zu bestimmen, etwa, indem man die Regeln und Themen festlegt, werden nicht diskutiert. Das ist auch beim abschließenden Punkt der Fall: Dominantes Verhalten dient nicht der Gruppe, sondern der Selbstdarstellung des Sprechers. Aber wer definiert, was der Gruppe dient?

Ich gebe zu, ich bin dominant, und ich gebe auch zu, dass ich manche Diskussionen in erster Linie als Schaukämpfe wahrnehme, in denen es in erster Linie darum geht, die Zuschauer davon zu überzeugen, dass ich recht habe. Ich gebe zu: Es gibt Diskussionen, die ich nicht mit dem Ziel führe, eine Einigung herstellen zu wollen, sondern mit dem Ziel, klarzumachen, dass ich Recht habe und die andere Seite unrecht.

Aber vielleicht sollten auch andere Machtstrategien kritisiert werden: solche, die die in die Schranken weisen, die nicht passen: deren Meinungen nicht zur Meinung des Rests der Gruppe passen, und die daher die Gruppe nicht weiterbringen, deren Gefühle andere sind als die der Mehrheit, und die darum möglicherweise die Gefühle dieser Mehrheit verletzen, die nicht als „nett“ wahrgenommen werden, weil sie anders sind.

Vielleicht sollte neben Dominanzverhalten auch das Gegenteil diskutiert werden: Unsicherheitsgesten, etwa die Gesten, mit denen man signalisiert, dass man sich seiner Sache nicht sicher ist, Einleitungssätze wie „ich würde sagen…“ etc. Sie sind angemessen, wenn man sich tatsächlich nicht sicher ist (und können dann hilfreich sein), aber als genereller Ausdruck von Unsicherheit sind sie problematisch. Ein weiteres Problem ist das Beantragen von „Welpenschutz“, oder eben von Schutz für die eigenen Gefühle, die absolut gesetzt werden. Und dann eben der Vorwurf, nicht nett genug zu sein – auch ein Mittel, andere kleinzukriegen.

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21 Antworten zu Ich gebe zu: ich bin dominant

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  2. na sowas schreibt:

    Du entsprichst wohl nicht dem weiblichen Stereotyp. Sehr gut, weiter so!

  3. susanna14 schreibt:

    Ehrlich gesagt, brauche ich keine Aufforderungen, die mir sagen, wie ich sein soll.

  4. Ich empfinde das Vermeiden der Motivation von „GewinnenWollen“ in einer Diskussion nicht zwangsläufig als pädagogischen Gestus – du selbst sagt ja, dass der Ton dann eher darauf hinausläuft, den anderen genau verstehen zu wollen, und das sehe ich nicht direkt an eine „ich will dir was beibringen“-Pose geknüpft.

    GewinnenWollen-Diskussionen schätze ich als wichtig ein, wenn alle Standpunkte bereits klar definiert sind und es abschließend darum geht, bei einem bestimmten Problem konkrete Entscheidungen herbeizuführen. Ist also meist ein Prozess von wenigen Diskutanten vor vielen Zuhörern.

    GewinnenWollen ist in meinen Augen auch der historische und individuelle Ursprung aller Rhetorik und Diskussionskultur, aber meines Erachtens muss das nicht ihr hauptsächliches Ziel bleiben. GewinnenWollen-Diskussionen machen auch mir großen Spaß, wenn es nicht destruktiv wird. Was destruktiv ist und was nicht, hängt sehr vom Gegenüber ab und wie viel er / sie / es aushält. Ich stelle mich darauf ein und ’spiele‘ entsprechend der jeweiligen Regeln mit.

    Ich habe mich aber bei der hierarchielosen / gruppenumfassenden Erarbeitung von Inhalten (welche in meinen Augen kein Kampf sein sollte) in letzter Zeit sehr vom GewinnenWollen gelöst. Jemand, der meint, schon alles zu wissen und einordnen zu können und das ununterbrochen bei jeder Gelegenheit mitteilt, nervt mich. Ich diskutiere in so einem Umfeld am liebsten, um erst mal Meinungsbildung zu ermöglichen, bei mir und bei anderen.

    Fazit: Ich denke, sowohl GewinnenWollen-Diskussionen als auch konstruktive/kooperative Diskussionen haben ihre Zwecke und Ziele. Mich nerven GewinnenWoller-Posen beim Inhalte-Erarbeiten jedenfalls ungefähr so wie wenn überformalisierte Rücksichtnahme dringende Entscheidungsfindungen blockiert. Allerdings erlebe ich letztere Situation wesentlich seltener…

    • susanna14 schreibt:

      Ja, du hast natürlich recht, nicht nur in der Pädagogik, sondern auch in anderen Situation können Verständigung und Aufrechterhalten der Beziehung wichtiger als gewinnen sein. Es ist nur, dass ich die „Verständigungsrhetorik“ zuerst in pädagogischen Zusammenhängen kennengelernt habe. Ich habe heute an einem Seminar zu Kommunikation teilgenommen, und dabei ist mir noch etwas anderes klar geworden: Pädagogische Zusammenhänge haben (im Idealfall) die Besonderheit, dass jemand, der eigentlich vom Status her höher ist und mehr weiß, diesen Status nicht voll ausspielen darf, um dem anderen Wachstum und Lernen zu ermöglichen.

      Wo ich zur Zeit sehr hart bin, das sind Positionen, mit denen ich keine Kompromissee schließen kann: Rassismus (vorgestern einer Kollegin erklärt, warum Sarrazin nicht recht hat), oder Esoterik.

      • Alexander Erben schreibt:

        Bei der Nichtrelativierung eigener Positionen stimme ich absolut zu. Ich denke allerdings auch hier, es geht ganz gut zusammen, Positionen eindeutig abzulehnen und dabei einen unmissverständlichen, aber nicht ‚dominanten‘ bzw. agressiven Ton anzuschlagen.

        Meinem Empfinden nach (mal wieder) gibt es einen großen Prozentsatz von Leuten, die bestimmte Positionen vor allem deshalb vertreten, weil sie sich wenig echte Gedanken dazu gemacht haben und den (zumeist wohl ursprünglich oft akademischen) Stand der Diskussion einfach nicht kennen. Ein scharfes Angegriffenwerden empfinden sie dann gerade als Bestätigung, in einer Haltung von „da sagt mal jemand was nicht ‚politisch korrektes‘ und wird dafür gleich von allen Alt- und Neo-68ern so angegangen, da sieht man mal, wie es mit der Meinungsfreiheit steht, blablabla“ und verwechseln dann das Recht, es sagen zu dürfen („man wird doch wohl noch“) mit dem fragwürdigen Inhalt selbst.

        Das liegt dann oft aber auch an der Art der Kritik. Ich sehe für meine Begriffe leider zu oft, wie, statt mühelos und knapp darzulegen, warum die jeweilige rassistische / sexistische / sonstige Position inhaltlich in keiner Weise tragbar ist, infach nur die jeweils zu kritisierende Person pauschal geknüppelt und ins Feindeslager gesteckt wird („typisch Piraten – gleichberechtigungskritische kackscheißeria!“).

        Ich kann nachvollziehen, dass für manche ein ernsthaftes inhaltliches Widerlegen von Positionen, die heutzutage nach eigener Ansicht niemand mehr haben *sollte*, eine Art „Würdigung“ dieser schändlichen Position darstellt und den bereits erarbeiteten diskursiven IST-Zustand schwächt – sehe ich aber nicht so. Ich halte es im Gegenteil sogar für ganz gesund, diese Übungen zu vollziehen: einmal für sich selbst, also zur erneuten Bestätigung des hergeleiteten Inhaltes statt seiner als selbstverständlich angenommenen Verkürzung, und zum anderen für das Gegenüber – um eine echte Chance herzustellen, dass dort Verständnis einsetzt, warum seine Ansichten inhaltlich problematisch sind (statt einfach nur kontrovers, was ja wie gesagt manche als Bestätigung empfinden).

        Nichts gegen emotional aufgeladene Diskussionen und kämpferisches Verbalisieren – besonders gerne bei ‚internen Diskussionen‘ über feinere Aspekte, wenn man ’sowieso‘ weiß, dass man auf der gleichen ‚Seite‘ befindet. Aber wenn das Anliegen vor allem darin besteht, z.B. jemand eher ‚fachfremden‘ zu vermitteln, wie patriarchales Denken funktioniert und wie verbreitet es ist, hilft es weniger, ihn erst mal aufgrund einer uninformierten Äußerung als erfüllungshelfendes Rädchen im Getriebe zu verdammen und die inhaltliche Kritik erst auf Nachfrage zu liefern – die dann komischerweise eher selten kommt.

        Wem das zu ‚kuschelig‘ ist (sowas lese ich leider auch oft) – dem liegt dann wohl einfach nicht ernsthaft daran, seine Ansicht zu verbreiten und fühlt sich wohler damit, andere dafür zu bashen, dass sie sie nicht teilen.

      • susanna14 schreibt:

        Ich kann auf deinen zweiten Kommentar irgendwie nicht antworten und habe dir daher in deinem eigenen Blog geantwortet. Das Verhalten, das du beschreibst, kenne ich, und mittlerweile nervt es mich nur noch, und ich kann es nicht mehr ernst nehmen. Ich habe dann den Eindruck, dass es sich um Leute handelt, die ein paar Theorien, die sie gerade erst neu gelernt haben und cool oder wunderbar radikal finden und die sie möglicherweise selbst noch nicht vollkommen verstanden haben, jetzt an die Menschheit weiterverbreiten und sich denen, die diese Theorien noch nicht kennen, haushoch überlegen fühlen. Nur erklären können sie diese Theorien nicht (so dass man als Zuhörer möglicherweise auch die Schwachpunkte der Theorie herausstellen könnte.) Ich bin dieser Art von Diskussion während meiner Zeit im „Fandom“ begegnet und muss mittlerweile aufpassen, dass ich nicht aggressiv und zynisch werde, wenn ich auf sie stoße. Es sind auch diese Diskussionen, an die ich dachte, als ich schrieb „Ich habe durch diese Einstellung sehr viel gelernt, viel mehr als wenn ich Menschen, die mehr Fachwissen haben als ich, dieses vorgeworfen hätte.“

        Ich habe dazu auch schon gebloggt: Zu den gegenwärtigen Diskussionen zu feminismus und rassismus und den vergangenen Diskussionen auf Dreamwidth. Es lohnt sich auch, die Diskussion durchzulesen und den Link auf Katrins Blog anzuklicken.

  5. Nicolai (@_scallo) schreibt:

    Ich finde deinen Text sehr gut und teile deine darin vertretenen Ansichten.
    Viele davon waren mir vorher nicht so bewusst und deine Anmerkung zur Unreife des stummen Kommentierens hat mir zu denken gegeben, daran werde ich arbeiten.
    Vielen Dank.

    • susanna14 schreibt:

      Ich habe noch einmal darüber nachgedacht, warum ich „stummes Kommentieren“ für unreif halte: Ich finde es reifer, wenn man das, was man denkt, offen sagt, statt es nur durch Mimik auszudrücken. Dann hat auch der Vortragende die Möglichkeit, vernünftig darauf zu reagieren.

      Vielen Dank für deinen Kommentar!

  6. Chomsky schreibt:

    Ich finde, bei fast jedem Punkt, der dort auf der Liste aufgeführt ist, könnte man schon wieder eine lange Diskussion führen, welche Verhaltensweisen denn eigentlich genau darunter fallen würden: Was heisst z.B. „Überlegenes Fachwissen zur Schau stellen“? Hier könnte man sich schon fragen, welches Wissen wird als Fachwissen klassifiziert und was heisst der Zusatz „überlegenes“. Nur hier wird es wohl schon unterschiedliche Meinungen darüber geben und wer entscheidet nun, ob wir es mit Fachwissen und dann erst noch mit überlegenem Fachwissen zu tun haben? Wenn kein Konsens herrscht – was dann? Das heisst auch, jede Person wird wahrscheinlich eine Situation immer wieder in bisschen anders interpretieren. Ich frage mich dann eher, ob eine solche Liste nicht quasi dazu dient, selbst eine dominante Position einzunehmen, um quasi den Schiedsrichter zu spielen und zu sagen, was ethisch korrekte Interaktionen sind und was nicht. Und was ist mit Personen, die wirklich extrem viel Fachwissen über einen Bereich haben? Dann sollen sie auf „Understatement“ machen, damit man ihnen ja nicht vorwerfen kann, dass sie „überlegenes Fachwissen zur Schau stellen“?

    • susanna14 schreibt:

      In der Tat, jeder Punkt der Liste könnte lange diskutiert werden. Ich habe ein wenig Bauchweh dabei, weil die Liste ja ein Produkt kollektiven Brainstormings ist. Die Diskussion der Liste ist etwas differenzierter.

      Das mit dem „Fachwissen zur Schau stellen“ hat mich am meisten verärgert. Es gibt ja tatsächlich das Phänomen, dass Menschen mit mehr Fachwissen dann ausgebremst werden, weil sie dieses „zur Schau stellen würden“ und die „Gefühle“ (konkret; die völlig unreflektierten Meinungen) der anderen Seite nicht ernst nehmen würden. Und wenn von der anderen Seite genug Leute da sind, können sie sich durchsetzen.

      (Das ist mal wieder einer der Punkte, der auf der Liste fehlt: Die Mehrheit einer Gruppe kann sich zusammentun und missliebige Personen rausdrängen – auch Dominanzverhalten, aber anscheinend eines, das akzeptabel ist.)

  7. Irene (@irene_muc) schreibt:

    > Aber wer definiert, was der Gruppe dient?

    Treffer😉

    Diejenigen, denen jede mit einer gewissen liberalen Grundhaltung zu Recht misstraut?

    • susanna14 schreibt:

      Danke! Habe gerade in einem Seminar mich gegen den Seminarleiter und möglicherweise die Gruppe aufgelehnt. Allerdings bin ich mir nicht sicher, dass letzteres stimmt: Immerhin bestand die Gruppe aus StudentInnen und nicht aus unsicheren Menschen, die nach einem Guru suchen und ärgerlich werden, wenn der Guru entzaubert wird.

  8. Pingback: Kritik-Kritik: Pro “Kuscheldiskussionen” | endolex

  9. profin schreibt:

    erstens wollte ich sagen ,dass ich mich im Text wiedergefunden habe, danke dafür.

    zweiterens wollte ich hier danke sagen für folgenden kommentar bei DieKadda. auch da fand ich mich wieder. Es gibt offensive Inszenierungen von Kleinfamilie – die kann man auch benennen und sich verbitten. Und das andere – die simple Anwesenheit als Vorwurf.

    Tat gut zu lesen

    susanna sagt:
    24. Mai 2012 um 00:05
    Es ist eine Denkweise, die mir fremd ist. Ich kenne auch das Gefühl, dass mich der Anblick von Kindern verletzt, da er mich an meine Trauer über meine eigene Kinderlosigkeit erinnert. (Nicht weil ich lesbisch oder trans wäre, sondern weil es sich einfach nicht ergeben hat.) Dann bin ich eben eine Weile lang traurig, aber ich mache nicht die Eltern und ihre Kinder dafür verantwortlich und verlange nicht von ihnen, sensibel dafür zu sein, dass der Anblick ihrer Kinder mich traurig machen könnte.
    (Okay, es gibt natürlich Menschen, die ihre Elternschaft inszenieren. Zur Zeit bin ich besonders genervt von Müttern mit Kinderwagen, die zu viert nebeneinander gehen und nicht merken, wie sie den Weg versperren. Da könnten sie wirklich etwas sensibler sein.)

  10. susanna14 schreibt:

    Bitte. Ich bin immer noch erstaunt, wie oft dieser Text verlinkt und gelesen wird (und vor allem die zweite Hälfte war noch nicht ganz durchdacht.)

  11. BasementBoi schreibt:

    Habe auch die Erfahrung gemacht das man mit gutgemeinten Kommunikationsregeln in manchen Situationen nicht weit kommt sondern den anderen geradezu bittet noch mal nachzutreten.
    Streit an sich ist auch nicht schlechtes da er seelische Blockaden löst. Was in diesem von Dir verlinkten Text gefordert wird ist friedhöfliches Verhalten das die kreativen Möglichkeiten offener Kommunikation erheblich einschränkt.

  12. Efrain Steinbach schreibt:

    (diskussion tl;dr) nur noch mein senf hierzu:

    ich bin nicht sicher, ob ich das richtig verstanden habe: du stellst dir vor, es gäbe ein allgemeines, persönliches diskussionverhalten?
    das ist bestimmt nicht der fall, denn soweit ich das beurteilen kann variiert das verhalten in diskussionen enorm mit dem kontext, insbesondere mit den diskussionsteilnehmern und dem thema (d.h. wer sich wie gut auskennt und was einem daran liegt). die erwähnten sogenannt dominanten verhaltensweisen sind in vielen diskussionen absolut angebracht und sogar notwendig, in anderen wiederum würde man vielleicht schnell als unsensibel, unangebracht, unbedacht, laut, rechthaberisch, engstirnig etc. betitelt. ich finde es insofern idiotisch, gewisse verhaltensweisen universell zu kritisieren.
    soweit ich das beurteilen kann, entstehen situationen, wo über dominantes verhalten lamentiert wird, stets, wenn sich die diskussionsteilnehmer nicht gut genug kennen und ihnen die sensibilität für diesen umstand fehlt. gerade beim beispiel von unterschiedlichem wissen zu einem thema zeigt sich dies. wenn ich nicht weiss, wie die andere person zum thema steht und wie sie auf kritik reagiert, ist es schwer, den richtigen ton zu treffen: fahr ich zu scharf rein, fühlen sie sich unter umständen unsportlich angegangen, versuch ich es zu „pädagogisch-diplomatisch“, stosse ich unter umständen auf taube ohren, werde abgeklemmt oder übergangen.

    insofern: die kunst heisst wohl „menschenkenntnis“ ?

  13. susanna14 schreibt:

    Natürlich gibt es unterschiedliche Diskussionen und unterschiedliches Redeverhalten, und ich habe das, glaube ich, im Text auch deutlich gesagt. Worum es mir geht, ist folgendes: der Vorwurf, dominant zu sein, etwa indem man sein Fachwissen ausspielt (der Punkt auf der Liste, der mich zum Schreiben des Blogposts veranlasst hat), ist selbst eine Methode, jemanden zum Verstummen zu bringen, sprich, Macht über die Diskussion zu gewinnen. Und ich glaube, es ist eine Illusion, durchs Leben zu kommen, ohne mitunter anzuecken. Manchmal ist es notwendig, dass man aneckt. (Du kannst dir auch meinen folgenden Blogpost durchlesen.)

  14. Herzi schreibt:

    „Ich gebe zu: Es gibt Diskussionen, die ich nicht mit dem Ziel führe, eine Einigung herstellen zu wollen, sondern mit dem Ziel, klarzumachen, dass ich Recht habe und die andere Seite unrecht.“

    Dazu kann man dir auch nur gratulieren. Wenn man Recht hat, hat man Recht. Da sind Kompromisse oder besonders einfühlsames Verhalten nicht wirklich zielführend. Der Worst-Case ist dann doch, dass z.B. in einem Projekt eine völlig falsche Richtung eingeschlagen wird und alles was einem am Ende bleibt ist viel Frust und ein „ich hab’s euch gleich gesagt“ (das allerdings die Welt auch nicht wieder ins Lot bringt — das Umfeld vergisst zu schnell auf wen man hätte hören sollen).

  15. Lothar Lammfromm schreibt:

    Zwei Anmerkungen:

    1) Ich lese z.Zt. sehr gerne bei dir, einmal, weil ich das Gefühl habe, hier wirklich etwas lernen zu können, zweitens, weil ich meine eigene Position (teils) in vielen Fragen bei dir gut wiederfinde. Ich wollte mich einfach mal bedanken, auch für die Mühe, die du dir beim Darlegen deiner Argumente gibst.

    2) Als störend bzw. ungerechtfertigt „dominant“ wird unter Umständen (z.B. bei inhaltlich relativ homogenen Gruppen) die deviante Position, und mehr noch, das Beharren darauf verstanden. Als kritikwürdig gilt es dann – indirekt – wenn jemand Kritik übt und/oder auf seiner Kritik beharrt.

    Beispiel „Augen verdrehen“ oder andere Anzeichen von Missbilligung (gilt z.Zt. in bestimmten Kreisen als besonders unfein): Wird aus eine deviante Position heraus (im Verhältnis zur Gruppe) eine nonverbale Missbilligung gezeigt, gilt das deutlich schneller als unfein, als exakt das gleiche Verhalten, wenn es zur Verteidigung (bzw. Bestätigung) der mehrheitlichen Gruppenposition dient.

    3) Ich persönlich bin der Auffassung, dass vorsichtiges, nicht-aggressives nonverbales Verhalten (also auch Missbilligung signalisieren) die Kommunikation vereinfachen oder sogar verbessern kann. Und sei es, dass dem Redner / der Rednerin angezeigt wird, dass etwas (noch) nicht nachvollzogen kann. Sogar störende Nebengespräche (die ja tatsächlich stören) können zugleich anzeigen, dass ein(e) Redner/in für ihr Anliegen zu viel Zeit benötigt hat.

    4) Wenn die Kommunikation in Gruppen stark mit Regeln (und i.d.R. relativ ätzende und unergiebige Diskussionen über Regelverstöße) reguliert wird dann ist die Regelkunde (bzw. der versierte Gebrauch derartiger Meta-Argumente) ein eigenes Machtmittel. Gefahr: Zusammen mit (einer zu hohen Anzahl bzw. im Schwerpunkt falschen) Regeln droht die Gefahr der Hierarchisierung von Diskussionsprozessen – bzw. die autoritäre Aufladung von Diskussionen.

    5) Nehmen kommunikative Dominanzstrategien (dazu zähle ich auch viele Diskussionsregeln und Sprachnormen in linken Gruppen…) in einer Gruppe zu starken Raum ein, geraten schwächere, vorsichtigere, ungeübte oder weniger diskussionsgestählte Teilnehmer/innen unter die Räder – und typischerweise dabei Vertreter/innnen gesellschaftlich marginalisierter Gruppen.

    6) In Bezug auf eine Diskussionsleitung/moderation – sowie in Bezug auf die Formulierung eines hilfreichen Regelsets gilt tatsächlich die Devise: Wir brauchen einen starken Anarchen! Die Frage ist also, inwieweit eine Diskussionsleitung und/oder Regeln die Schwachen/Zurückhaltenden fördert, ohne damit die Starken allzu sehr einzuschränken. Die Frage ist auch, wie kann eine Diskussion a) in einem angenehmen Klima und b) für die meisten Teilnehmer/innen gewinnbringend gestaltet werden.

    Möglicherweise klappt das am Besten, wenn zunächst ein Konsens in der Diskussionsgruppe über eben jene Zielsetzungen geschaffen wurde. Das heißt, weniger die „Awareness“ bzw. die Intervention von Awareness-Teams, sondern der Konsens über das angestrebte Diskussionsklima entscheiden über: Das tatsächlich verwirklichte Diskussionsklima.

    (ich bin mir hinsichtlich dieser teils etwas zu steilen Thesen nicht ganz sicher)

    Viele Grüße!

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