Paradoxe Botschaften

Vor einigen Tagen ist Maurice Sendak gestorben, berühmt vor allem durch das Buch „wo die wilden Kerle wohnen“. Auch ich habe das Buch als Kind gelesen, und nicht nur dieses Buch, sondern auch „Hektor Protektor und: als ich über den Ozean kam“. (Letzteres war mein Buch, ersteres gehörte meinem Bruder.)

Ich habe noch lebhafte Erinnerungen an „wo die wilden Kerle wohnen“, aber ich habe auch lebhafte Erinnerungen an Bücher von Toni Ungerer. „Das Biest des Monsieur Racine“ oder „der Mondmann“ gefielen mir mindestens genauso gut.

Nun ist es so, dass Maurice Sendak gestorben ist, und deswegen ist es berechtigt, dass seine Bücher und nicht die von anderen Autoren besonders hervorgehoben werden. Es ist aber vor allem „wo die Wilden Kerle wohnen“, was gelobt wird. Andere Bücher scheint niemand zu kennen.

Und nun bin ich bei dem eigentlichen Thema: den paradoxen Botschaften, die an Kinder gerichtet werden. Natürlich ist das Buch von den „Wilden Kerlen“ beliebt, weil es angeblich die Erlaubnis zur Wildheit gibt, die natürlich gern angenommen wird. Endlich darf man wild sein! (Dabei sind die „Wilden Kerle“ nicht wirklich wütend, jedenfalls waren sie das nicht in meiner Erinnerung. Sie waren „wild“, das heißt, sie tobten gern, aber sie waren nicht böse oder bedrohlich. Toben war aber etwas, was im entsprechenden Alter zu meiner Normalität gehörte, natürlich nicht immer und überall, aber doch regelmäßig, auch gemeinsam mit dem Vater, und ich brauchte dazu nicht die Erlaubnis eines Kinderbuchautors.)

Ich möchte mich jetzt nicht gegen die „Wilden Kerle“ von Maurice Sendak wenden. Es ist wirklich ein schönes Kinderbuch. Es geht mir um den Lobpreis, den das Buch jetzt erfährt, auf Kosten anderer Bücher des Autors.

Das Buch wurde in einer Zeit veröffentlicht, in der freche und wilde Helden in Kinderbüchern „in“ waren. Pippi Langstrumpf, aber auch das Sams. Aber von Paul Maar gibt es andere, bessere Bücher als die Geschichten vom Sams, Bücher die höhere Ansprüche an die Leser und Leserinnen stellen. Mein Lieblingsbuch ist immer „der König in der Kiste“ gewesen, ein Buch, das lange vergriffen war. (Jetzt ist es wieder erhältlich.)

Vielleicht kann ich am Gegensatz zwischen „Sams“ und „König in der Kiste“ am besten erklären, worum es mir geht. Das Sams ist witzig, weil es frech ist und keinen Respekt gegenüber den üblichen Autoritäten zeigt. Mangelnder Respekt gegenüber Autoritäten ist nun grundsätzlich eine positive Eigenschaft, aber im vor allem im ersten Band geht das Sams nicht über Albernheiten hinaus. Auch Herr Taschenbier lernt in erster Linie, sich selbstbewusster zu verhalten und seine Interessen besser zu vertreten, aber es bleiben einfache Wünsche.

Im „König in der Kiste“ geht es um eine Utopie: Zwei Könige (Brüder, die sich den Thron teilen, statt gegeneinander zu kämpfen) schaffen die Armee ab, und da nun die Menschen weniger Steuern zahlen müssen, müssen sie weniger arbeiten und haben mehr Zeit für andere Dinge, zum Beispiel musizieren. Auch die Handlung ist spannender als die des Sams: Durch eine Intrige verlieren die Könige ihre Macht, und nur mit Mühe kann sie zurückgewonnen werden.

Eine Utopie für Kinder, kein Zweifel. Erwachsene bräuchten ausgefeiltere Utopien. Aber auch als Utopie für Kinder ist sie den Ideen aus dem Sams weit überlegen: Es geht nicht nur um die eigenen Wünsche und das eigene Selbstbewusstsein (wobei Herr Taschenbier am Ende auch lernt, dass Wünschen nicht alles ist.)

„Der König in der Kiste“ war jahrezehntelang vergriffen. Die Geschichte vom Sams wurde verfilmt, und es gab eine Fortsetzung nach der anderen.

Die frühen Siebziger waren eine Zeit, in der Kinderbücher ein neues Ideal vermittelten: nicht mehr das gehorsame, sondern das freche Kind. Aber Frechheit war kein Selbstzweck. Der Zweck war das Hinterfragen von Autoritäten, die ohne Verdienst auf Autorität pochten, und von Regeln, die gelten, weil „man“ das eben so macht. Das ist, was das Sams kritisiert und hinterfragt. Die frühen Siebziger waren aber auch eine Zeit, in der in Kinderbüchern die bestehende Welt sehr direkt kritisiert wurde. Es ging nicht nur um Frieden, wie im König in der Kiste, sondern auch um soziale Gerechtigkeit.

Eine meiner Lieblingsautorinnen war Christine Nöstlinger. Sie schrieb sehr kantige, realistische Bücher. Am besten in Erinnerung geblieben sind mir „Wir pfeifen auf den Gurkenkönig“ und „Konrad, das Kind aus der Konservenbüchse“ – auch beides Bücher, in denen darum geht, sich Autoritäten nicht zu unterwerfen und das Ideal des braven perfekten Kindes zu hinterfragen. Ich erinnere mich aber auch an andere Bücher, etwa „die Kinder aus dem Kinderkeller“, die für mich damals viel schwerer zu verstehen waren: Bücher, in denen es auch um soziale Gerechtigkeit ging. Das Fehlen von sozialer Gerechtigkeit wurde dargestellt, ohne dass vorgegeben worden wäre, dass eine Lösung für dieses Problem existierte.

Vor ein paar Jahren habe ich „Gretchen Sackmeier“ von Christine Nöstlinger gelesen. Im Vergleich mit ihren früheren Büchern ist es eine ganz nette Mädchengeschichte, mehr nicht.

Was bedeutet es, dass Frechheit und Wildheit als positive Eigenschaften erinnert werden, aber nicht, wogegen sich die Frechheit und die Wildheit richten, und was man damals stattdessen wollte? Am Ende doch nur die Wildheit und Frechheit derjenigen, die ohnehin privilegiert sind.

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Ich habe im Deutschlandfunk ein langes Interview (Achtung – Autodatei!) mit einer Kinderpsychologin über „wo die wilden Kerle wohnen“ gehört, und anschließend noch die Presseschau (Autodatei) mit vielen Kommentaren zu den Wilden Kerlen, und meine erste Reaktion war Schmerz: ich mochte die Wilden Kerle durchaus, aber das Buch bedeutete für mich keine Befreiung und keine Erlaubnis zu Wildsein (allerhöchstens eine Erlaubnis zum Tfäumen und zu Reisen in der Phantasie). War ich falsch? War ich zu brav?

Eine paradoxe Botschaft: Natürlich wird Kindern (meistens) beigebracht, dass sie brav sein sollen. Dies ist unerlässlich, damit bestimmte Institutionen, vor allem Schule, aber auch die diversen organisierten Freizeitangebote überhaupt funktionieren können. Aber dann war da auf einmal die umgekehrte Botschaft: Du sollst nicht brav sein!

Und letztendlich wird Kindern damit doch wieder vorgegeben, wie sie zu sein haben. Ein neues Ideal wird etabliert: Frech, selbstbewusst, respektlos. Die Kinder, die diesem neuen Ideal nicht entsprechen (oder wie ich ihm nicht entsprachen), werden wieder abgewertet. Dabei sind die Kinder in aller Regel nicht dafür verantwortlich, wie sie sich entwickelt haben, brav oder frech oder dazwischen. Sie sind nicht dafür verantwortlich, ob sie zu sehr eingeengt wurden und Anpassung ihre eigene Überlebensmöglichkeit war, oder ob die Einengung ein Maß erreichte, bei dem sie nur noch rebellieren konnten – oder ob Vernachlässigung oder Unberechenkeit der Eltern zu Frechheit führte – oder ob sie in einem halbwegs intakten Elternhaus lernten, ihre eigene Position zu vertreten, ohne um des Rebellierens willen zu rebellieren. Kinder können nichts dafür.

Vor ein paar Jahren, als ich lernte, zu dem Mädchen zu stehen, das ich mit zwölf oder vierzehn gewesen war, hörte ich auf Kinderbücher zu lesen (mit Ausnahme des Manga Naruto, aus alter Anhänglichkeit). Kinder die sind, wie ich mit zwölf oder vierzehn gewesen war, kommen in Kinderbüchern in erster Linie als Objekte von Hass und Verachtung vor. Wenn sie großes Glück haben, sind sie Freunde der Hauptfigur, aber nicht die Hauptfigur selbst. Als ich nachdachte, fiel mir jedoch eine Kinderbuchheldin ein, mit der ich mich noch identifizieren kann, so dass ich die Bücher immer noch sehr gern lese: Tiffany, die junge Hexe aus den Discworld-Büchern von Terry Pratchett („Wee Free Men“, „A Hat Full of Sky“, „The Wintersmith“ und „When I am old I shall wear Midnight“).

Möglicherweise steht Tiffany in der Tradition der „braven, höchstens irregeleiteten Kinderhelden“ der angelsächsichen Tradition (Ausdruck gefunden im Nachruf der SZ). Gerade im zweiten und dritten Band sind es eigene, höchst menschliche Fehler, die das Unglück hervorrufen. Tiffany ist nicht besonders aufmüpfig, und von Menschen, die sie respektiert, lernt sie gern. Das heißt aber nicht, dass sie alles und jeden kritiklos respektieren würde oder autoritätshörig wäre: sie macht sich ihre eigenen Gedanken. In aller Regel spricht sie diese aber nicht aus. Frechheit gehört nicht zu ihren Tugenden – dafür aber Nachdenklichkeit, und in kritischen Augenblicken steht sie zu ihrer Position, etwa in ihrer Auseinandersetzung mit der Feenkönigin.

Frechheit und Selbstbewusstsein sind nicht Selbstzweck. Es geht um die eigene moralische Position, und darum, sich gegen diejenigen aufzulehnen, die einfach nur arrogant und aufgeblasen sind, etwa Letitias Mutter oder Annagramma, aber weil Tiffany selbst intelligent ist, muss sie dies nicht in einer offenen Auseinandersetzung tun, sondern kann warten, bis sie sich selbst in die Ecke manövriert haben.

Eine Utopie hat sie nicht im Sinn. Es geht nicht um eine Welt, in der die Menschen mehr Zeit haben, Musik zu haben. Es geht um eine aufgeklärtere, rationalere Welt, in der aber viel Arbeit zu tun bleibt. Es geht darum, Verantwortung für die Welt zu übernehmen.

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Ich habe mir das Interview mit der Kinderpsychologin, das ich im Deutschlandfunk gehört habe, ein weiteres Mal angehört. Nur scheinbar geht es darum, dass die Kinderpsychologin den Kindern erlaubt, wild zu sein. Wichtiger ist, aus der Wut wieder herauszukommen: die wilden Kerle zu bezwingen. Das alte Erziehungsideal – Selbstbeherrschung statt Wildheit – bleibt bestehen. Und möglicherweise ist es auch ein sinnvolles Ideal, eines, das zum Erwachsenwerden tatsächlich dazugehört: die Fähigkeit, das eigene Verhalten zu kontrollieren und zu reflektieren.

Aber letztlich geht es eben nicht nur um die eigenen Gefühle, sondern darum, sie zu reflektieren und dann zu unterscheiden, ob man sie überwinden oder sie als Hinweis nutzen will, wie man die Welt verändern möchte.

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