Es geht nicht um den Nahen Osten

Die Diskussion um Günter Grass war nicht das einzige, was mich die letzte Woche zum Thema „Naher Osten“ und den deutschen Umgang damit beschäftigt hat.

Das erste, was mir begegnete, war ein Austausch über Jürgen Elsässer, den ich noch als Antideutschen bei Jungle World und konkret in Erinnerung hatte. Mittlerweile hat er die Seiten gewechselt, hat eine Volksinitiative gegen das anglo-amerikanische Finanzkapital gegründet und findet auch unter Rechten Bündnispartner.

Ich wunderte mich, dass jemand so extrem die Seiten wechseln kann. Ich erinnerte mich an die Zeit, als der Irakkrieg diskutiert wurde und als ich immer wieder die Jungle World kaufte und die Positionen der Antideutschen kennenlernte. Sie überzeugten mich nicht davon, dass der Irakkrieg gerechtfertigt sein könnte, aber ich wurde aufmerksam auf Gedankenmuster aus der NS-Zeit, die bei der Diskussion über den Irakkrieg immer wieder auftauchten. Ich begann auch, meine eigene pazifistische Position kritisch zu betrachten: hat der unbedingte Pazifismus, mit dem ich aufgewachsen bin, etwa damit zu tun, dass ich über die Rolle Deutschlands als Angreifer hinwegsehen wollte, indem ich Angreifer und Verteidiger auf die moralisch gleiche Stufe stellte? Vor allem aber lernte ich auf Zeichen zu achten, die darauf hinwiesen, dass es dem Redner oder Schreiber nur oberflächlich um den Irak ging, in Wirklichkeit aber darum, die deutsche Schuld an Holocaust und 2. Weltkrieg zu verharmlosen.

Nach einer Weile verabschiedete ich mich allerdings von den Antideutschen. Worte wie „Islamofaschismus“ machten mich misstrauisch: ich fragte mich, ob auch hier Projektionsmechanismen am Werk sind: Sich mit Israel komplett identifizieren (konkret: die Position der israelischen Regierung kritiklos übernehmen, und dabei auch viele Israelis an Radikalität übertreffen), um auf der Seite der Guten zu stehen statt auf der Seite der Nazis, schien mir nicht der richtige Weg, mit der Erinnerung an die deutschen Verbrechen umzugehen.

Ich hörte auf, die Jungle World regelmäßig zu kaufen. Ich hörte auch auf, mich intensiv mit dem Nahen Osten zu beschäftigen. Ich war zu dem Schluss gekommen, dass viele Äußerungen, die von Deutschen, auch von mir selbst, über den Nahen Osten getätigt werden, in Wirklichkeit Äußerungen über das eigene Verhältnis zur deutschen Geschichte, insbesondere den Verbrechen der NS-Zeit sind. Ich fand es interessanter, mich mit dieser Geschichte selbst zu beschäftigen.

Jetzt zu lernen, dass Jürgen Elsässer offensichtlich eine 180-Grad-Wende vollzogen hat, bestärkt mich nun in meinem Misstrauen gegenüber den Antideutschen (von denen ich dennoch viel gelernt habe). Ich vermute mittlerweile, dass das Bedürfnis, die Welt in holzschnittartigem Schwarz-Weiß zu sehen, also „die Guten“ von „den Bösen“ klar zu unterscheiden, um sich selbst auf die Seite „der Guten“ zu stellen, in erster Linie ein psychologisches Bedürfnis ist. Wen man als die Guten und die Bösen ansieht, kann wechseln, aber das Bedürfnis, selbst zu „den Guten“ zu gehören, bleibt.

Das zweite, was mir begegnete, war ein Kommentar von Micha Brumlik zu einem Aufruf der Friedensbewegung: Hört nicht die Signale. Ich suchte nach dem Original und fand es: Friedens- statt Kriegspolitik im Irankonflikt. Ich las die Liste der ErstunterzeichnerInnen und fand einige, die ich normalerweise sehr schätze: Ekkehart Krippendorff, Frigga Haug, Felicia Langer. Umgekehrt schätze ich auch Micha Brumlik. Ich war verwirrt, wusste nicht, welcher Seite ich vertrauen soll, und beschloss am Ende, keiner zu vertrauen: Weder den von Brumlik gezogenen Parallelen zwischen dem gegenwärtigen iranischen Regime und dem NS-Regime, noch der Erklärung der Friedenskooperative, die die Situation zu einseitig aus der Perspektive Ahmadinedschads beurteilt und stattdessen eine KSZE-ähnliche Konferenz fordert. Ein historisches Beispiel zu suchen, das zu der eigenen Position passt, und dann Analogien zu der Situation zu ziehen, die gerade untersucht wird, hat mit „aus der Geschichte lernen“ nicht viel zu tun.

Dann kam das dritte: Günter Grass‘ Gedicht Man wird doch wohl noch sagen dürfen – okay, das ist nicht ganz der korrekte Titel. Es ist einer der vielen Punkte, wo ich nicht verstehe, wie er so unsensibel sein konnte.

Ich verfolgte die Debatte und sammelte Links und machte mir meine eigenen Gedanken. Kurz gesagt: Ich halte das Gedicht für ein typisches Beispiel von „sekundärem Antisemitismus“, auch Schuldabwehr-Antisemitismus genannt. Um sich selbst von eigenen (Kollektiv-)Schuldgefühlen zu befreien, werden Israel Vorwürfe gemacht, die auf Deutschland zutreffen, insbesondere der Vorwurf, ein anderes Volk auslöschen zu wollen. Gleichzeitig inszeniert sich Günter Grass als Verfolgter, nämlich als jemand, der nicht nur wegen seiner Worte, sondern auch wegen seiner Herkunft verfolgt wird (nur weil er Deutscher ist, dürfe er nicht sagen, was gesagt werden muss.) Dazu kommt das alte Klischee, Israel (oder die Juden) seien eine Gefahr für den Weltfrieden – einem kleinen Land wird die Verantwortung für alles Übel zugeschrieben.

Andere haben besser und mit mehr Worten herausgearbeitet, auf welche Weise das Gedicht antisemitisch ist. Das beste Beispiel (von vielen) habe ich bei DradioKultur gefunden: „Dieser Text bedient moderne antisemitische Klischees“. Es handelt sich um ein Interview mit Monika Schwarz-Friesel. Ich habe durch diesen Text ein neues Wort gelernt: Verbalantisemitismus.

Der schönste Satz aus dem Interview: „Aber jemand, der nur so tut, als ob er Israel kritisiert, tatsächlich aber alte Klischees und Ressentiments bedient, benutzt, und jetzt kommt die Sprache ins Spiel, automatisch auch eine sehr verräterische Sprache.“

Von daher liegen all die Verteidiger von Günter Grass falsch, die lediglich seine Inhalte verteidigen, dass er eben vor einem israelischen Erstschlag warnen würde und dass wichtig sei, dass solch eine Warnung/Kritik an Israel bzw. der israelischen Politik ausgesprochen werden können muss, ohne als gleich als Antisemit hingestellt zu werden: Sie erkennen nicht, dass es nicht die Inhalte, sondern die Form ist, wegen der Günter Grass angegriffen wird: dass es nicht die Warnung vor einem israelischen Erstschlag ist, die sein „Gedicht“ problematisch macht, sondern die Art und Weise, wie er sich inszeniert als jemand, der sich endlich einmal etwas zu sagen traut. Die Übertreibungen (atomarer Erstschlag) oder die Fehlleistung („Israel“ statt „Regierung Netanjahu“) sind nicht harmlos, sondern kennzeichend.

Einige Beispiele für diese Haltung finden sich hier: Was auch noch gesagt werden muss. Teilweise sind die Texte ganz intelligent (nicht alle), aber sie scheinen nicht verstanden zu haben, warum schon der Titel des „Gedichts“ ein Problem ist.

Auf der anderen Seite des Spektrums sind diejenigen zu finden, die Grass wegen seiner Inhalte angreifen: diejenigen, die sagen, Grass liege falsch, wenn er Israel als „die Bösen“ im gegenwärtigen Konflikt identifiziert, in Wirklichkeit sei nämlich der Iran „der Böse“. So platt drückt das natürlich niemand aus, außer merkwürdigerweise Omid Nouripour, dessen Kommentare ich ansonsten für sehr vernünftig halte, der aber tatsächlich einen Artikel mit dem Titel Der Bad Guy ist eindeutig der Iran auf seiner Website hat. Häufiger kommt es vor, dass klargestellt wird, nicht Israel, sondern der Iran sei der „Aggressor“ in diesem Konflikt: Grass habe Ursache und Wirkung verwechselt.

Ein Beispiel für diese Art der Argumentation habe ich in einem Kommentar von Stefan Cornelius in der SZ gefunden: Grass, Israel und Irans Atomprogramm.

Ich wäre jetzt also wieder am Anfang dieses Blogposts angelangt: Meinem Misstrauen gegenüber dem Versuch, eine Seite in einem Konflikt zu „den Bösen“ und die andere zu „den Guten“ zu erklären. Ich bin auf der anderen Seite aber auch gegen eine Vermischung von Tätern und Opfern, wie sie in Sprüchen wie „es gehören immer zwei dazu“ zum Ausdruck kommt. Ich bin dafür, die Situation auch aus der Seite des Irans zu betrachten – aber ich bin dagegen, seine Position dann automatisch zur richtigen zu erklären, im Sinne eines falsch verstandenen „Verständnisses“. Es ist wichtig, nachdem man sich in die Position des anderen hineinversetzt hat, wieder einen Schritt zurückzugehen und diese Position kritisch zu hinterfragen: Wo wird man manipuliert? Wo werden Gründe vorgebracht, die einfach nicht ausreichen, um die beabsichtigten Taten zu rechtfertigen?

Wo ziehe ich also die Grenze zwischen der Suche nach einer Unterscheidung von Opfern und Tätern, wo dies angebracht ist, und zwischen der Einteilung der Welt in „die Guten“ und „die Bösen“, die ich ablehne? Ein Kriterium, das mir in den Sinn gekommen ist, ist folgendes: Wenn die Unterscheidung zwischen „den Guten“ und „den Bösen“ dazu benutzt wird, Taten zu rechtfertigen, die normalerweise nicht zu rechtfertigen sind, außer wenn sie sich eben gegen „die Bösen“ richten.

Und dabei fällt mir immer wieder auf, wie das Recht auf Präventivschläge verteidigt wird, obgleich diese nur unter ganz bestimmten Bedingungen vom Völkerrecht gedeckt sind, nämlich wenn ein Angriff unmittelbar bevorsteht. Es kommt dann zu merkwürdigen Formulierungen ein „Präventivschlag zur Abwehr der Bedrohung“ (gefunden in Von einem Land, das sich selbst misstraut, ebenfalls von Stefan Cornelius in der SZ) oder „Abschreckung funktioniert jedenfalls nur, solange der Gegner auch tatsächlich einen Angriff befürchtet“ (gefunden in Ist es Säbelrasseln oder Zähneklappern? von Ulrich v. Sahm in der Jungle World).

Ich nehme mal die zweite Aussage und formuliere sie so um, dass sie logisch wird: „Abschreckung funktioniert, solange der Gegner einen Zweitschlag befürchtet.“ (Und wieder stelle ich fest, wie viel von meinem Pazifismus aus den Achtigern verlorengegangen ist. Damals war ich gegen einen Zweitschlag, heute nur noch gegen einen Erstschlag.) Da der Autor selbst spürt, dass die Logik seiner Argumentation nicht ganz funktioniert, muss er auch noch begründen, warum die Möglichkeit eines Zweitschlags zur Abschreckung nicht ausreicht: Die iranische Führung sei nicht nur böse, sondern auch irrational (verrückt?): „Israel muss politisch abwägen, ob es riskanter ist, rechtzeitig die iranischen Atomanlagen anzugreifen und die Folgen in Kauf zu nehmen oder sich auf die Rationalität eines atomar bewaffneten Iran zu verlassen. Das fällt schwer, solange Irans Staatspräsident vor der Uno über den schiitischen Messias, den »Mahdi«, und die Apokalypse predigt oder beim ZDF unwidersprochen den Holocaust leugnet. Auch die Ausbildung Zehntausender Selbstmordattentäter, darunter auch viele Frauen, entspricht nicht dem Verhalten eines rational agierenden Staats.“

Ich habe in dieser Woche auch einen Beitrag über den eigentlichen Konflikt gefunden, den ich ernst nehmen kann, und zwar eine Diskussion im Deutschlandfunk: Diplomatische Eskalation: Israel, Iran und die Bombe. (Vorsicht, Audiodatei!) Es handelt sich um eine Diskussion zwischen mehreren Experten, die ganz ohne Dämonisierungen und ganz ohne Verweis auf die deutsche Vergangenheit auskommen.

Beim Streit darüber, wer in dieser Situation jetzt „der Böse“ sei, scheint es mir mehr darum zu gehen, sich selbst auf der Seite der Guten zu positionieren – es ist eine Diskussion um die deutsche Vergangenheit, und wie man sich zu ihr positioninert, aber nicht über Israel oder den Iran. (Okay, das ist jetzt nicht besonders originell.)

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10 Antworten zu Es geht nicht um den Nahen Osten

  1. Chomsky schreibt:

    Im Kontext des Israel-Iran-Konflikts hat mir der folgende Text sehr gut gefallen: Er ist lösungsorientiert und eben aus einer Anti-Eskalationsperspektive geschrieben:

    Iran/Israel: Was der Westen tun kann und sollte
    Von Jan Oberg, Friedensforscher in Lund, Schweden *
    http://www.ag-friedensforschung.de/regionen/Iran/oberg.html

  2. susanna14 schreibt:

    Danke! Ich habe den Text gelesen, und es tut gut, einen Text zu lesen, der nicht von Debatten über die deutsche Vergangenheit überlagert ist. Er hilft mir auch, die Positionen der deutschen Friedensbewegung einzusortieren: Anscheinend sind sie nicht von Schuldabwehr geprägt, sondern kompatibel mit entsprechenden internationalen Positionen. (Wobei bei den internationalen linken Positionen auch noch etwas mitschwingt, was ich nicht durchschaue und was ich erst einmal Antiimperialismus nennen will.)

    Ich traue mir nicht zu, die Lage im Iran zu beurteilen, aber mittlerweile traue ich mir zu, die Diskussion einzuschätzen, und ich weiß genau, was die Leute aus dem anderen Lager (etwa die Jungle World) schreiben würden: diese Leute von der Friedensforschungs-AG haben immer noch nicht kapiert, dass Ahmadinedschad böse ist und dass man mit dem keinen Mediationsprozess starten kann.

    Ich glaube, ich werde weiter zurückhaltend sein, was den Nahen Osten anbelangt, und mich mehr um die Debatte hier kümmern.

    • Chomsky schreibt:

      Nun gut, ich würde sagen, dass ich die Lage wahrscheinlich ein bisschen anders einschätzen würde als Du, aber vielleicht täusche ich mich auch:
      Aber ich mag Analysen von Noam Chomsky, Mohssen Massarat, Ilan Pappe, Moshe Zuckermann, wenn es um den Israel-Palästina-Konflikt oder jetzt eben um den Israel-Iran-Konflikt geht.

  3. susanna14 schreibt:

    Noam Chomsky kenne ich natürlich, habe aber schon lange nichts mehr von ihm gelesen. Moshe Zuckermann habe ich gerade heute morgen im Deutschlandfunk gehört: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/1769722/ (dieses Mal in Textform.) Von Mohssen Massarat habe ich schon gehört, aber noch nicths von ihm gelesen, und Ilan Pappe kenne ich nicht.

    • Chomsky schreibt:

      Ja, es ist schwierig, die Debatte nun minuitiös zu analysieren, weil dies sehr viel Zeit beanspruchen würde. Aber ich würde zu Deiner Analyse Folgendes sagen:

      1. Wenn man ja nicht mit platten Täter-Opfer-Schemata hantieren will, könnte man es ja schon ein bisschen dialektischer handhaben und zusätzliche Kategorien wie OpterTäter und TäterOpfer einführen.

      2. Ich finde die Analyse von Monika Schwarz-Friesel, die Du verlinkt hast, auch nicht nur überzeugend, aber das würde nun wieder eine vertiefte Analyse und Auseinandersetzung beinhalten und deshalb würde ich doch zwei Texte von Moshe Zuckermann dem entgegensetzen, die m.E. die Sache schon ein bisschen ausdifferenzieren:

      MOSHE ZUCKERMANN

      Eine gut orchestrierte Hysterie

      „Zum Wesen des Tabus gehört es, dass es ein Stillschweigen über etwas gebietet, was zwar gewusst oder geahnt, aber unausgesprochen bleiben muss. Das „Muss“ ist dabei einer gesellschaftlichen bzw. kulturellen Konvention geschuldet, einer Übereinkunft, der man anthropologisch oder soziologisch verschiedene Funktionen zuschreiben mag, die aber als historisch entstandene keine Absolutheit beanspruchen darf. Die Tabuübertretung ist, so besehen, der Ausbruch aus einer Konvention, der deshalb geahndet wird, weil die schiere Konvention für unantastbar erklärt worden ist. Das Problem mit dem Einhalten des Tabus beginnt indes dort, wo sich die Konvention als in partikularem Sinne interessengeleitet, mithin als im Wesen ideologisch erweist. Ein solcher Tabubruch wirkt sich als narzisstische Kränkung der Konventionsplatzhalter aus, eine aggressionsfördernde Kränkung, die sich ihrerseits dem Ärger über den – dem ideologischen Eigeninteresse der Platzhalter durch besagten Tabubruch –zugefügten Schaden verschwistert weiß. (Fortsetzung unter folgendem Link)
      http://www.hintergrund.de/201204062011/feuilleton/zeitfragen/was-auch-noch-gesagt-werden-muss.html

      Und zusätzlicher Text:
      Das Böse der Banalisierung
      Moshe Zuckermann über den Rechtsruck der Antisemitismuskritik – bis an die Grenze zur Holocaust-Leugnung –
      http://www.hintergrund.de/201011251260/feuilleton/zeitfragen/das-boese-der-banalisierung.html

      Rein intuitiv bin ich jedoch der Überzeugung, dass Zuckermann mit seinem Hintergrund, der die deutsche wie die israelische Gesellschaft bestens kennt und m.E. einen sehr differenzierten theoretischen Hintergrund hat, wohl zu einer anderen Analyse kommen würde als Monika Schwarz-Friesel. M.E. hilft es auch nicht viel weiter, wenn Schwarz-Friesel meint, ihre Analysen seien wissenschaftlich fundiert, weil bekanntllich kommen unterschiedlichste WissenschaftlerInnen immer wieder ein bisschen zu einem anderen Ergebnis, insbesondere in den interpreativen, hermeneutischen Wissenschaften.

      Aber man müsste sich viel genauer mit dem Thema beschäftigen und viel mehr Zeit haben, um ein bisschen fundiertere Aussagen über diesen gesamten Komplex machen zu können.🙂

      • susanna14 schreibt:

        Ich habe den einen Link, den du mir gerade geschickt hast, selbst in meinem ursprünglichenText verlinkt. Den anderen Text habe ich auch schon irgendwann einmal gelesen (oder war das ein dlf.Interview, das ich gehört habe?).

        Meines Wissens nach ist Moshe Zuckermann selbst einmal als „selbsthassender Jude“ bezeichnet worden. So etwas ist unmöglich – woher nehmen sich diese Leute das Recht heraus, Juden sagen zu wollen, wie sie zu ihrem Staat stehen sollen? Seine Ausführungen in dem zweiten Text, den du verlinkt hast, lese ich daher mit Interesse.

        Der erste Text dagegen erscheint mir nicht so gelungen. Das beginnt schon mit der Passage, die du zitiert hast, dieser mit großem Aufwand vorgebrachten Erklärung, was ein Tabu ist. Zuckermann durchschaut nicht, dass es kein Tabu gegen Israelkritik gibt, und dass Grass sich nur als Tabubrecher inszeniert, und dass darin das eigentliche Problem besteht. (Ähnlich wie bei Sarrazin, übrigens.) Zuckermann durchschaut nicht, dass das Problem darin besteht, wie Grass Israel kritisiert, nicht darin, dass er es kritisiert. (Zum Beispiel stellt auch Zuckermann klar, dass kein nuklearer, sondern ein konventioneller Erstschlag in Israel diskutiert wird, aber er sieht das nicht als Problem. Ich sehe das aber als Problem, weil dadurch Israel als ein Land dargestellt wird, das ein anderes mit Vernichtung bedroht, was aber in der Realität nicht stimmt.)

        Ich habe mir auch noch einmal das Interview mit Monika Schwarz-Friedel angehört. Sie gibt sehr viele konkrete Beispiele (und auch ich habe ein paar Beispiele in meinem Text gebracht.) Vielleicht kannst du ein paar Argumente anführen, bevor du sie als „nicht überzeugend“ abtust.

  4. Chomsky schreibt:

    Du schreibst:

    Der erste Text dagegen erscheint mir nicht so gelungen. Das beginnt schon mit der Passage, die du zitiert hast, dieser mit großem Aufwand vorgebrachten Erklärung, was ein Tabu ist. Zuckermann durchschaut nicht, dass es kein Tabu gegen Israelkritik gibt, und dass Grass sich nur als Tabubrecher inszeniert, und dass darin das eigentliche Problem besteht. (Ähnlich wie bei Sarrazin, übrigens.)

    Kommentar:

    Nun, die Frage würde sich ja stellen, ob Zuckermann etwas nicht durchschaut oder ob er eben zu einer anderen Analyse kommt als Du.
    Nun: Gibt es offenbar unterschiedliche Wahrnehmungen zwischen Dir und Zuckermann.
    Das Problem würde sich jedoch nur empirisch lösen lassen, indem man z.B. eine grossangelegte Medienanalyse in Deutschland macht und schaut, welche Kritik wird gegenüber Israel geäussert und gibt es Tabus, also Sachen, die nicht geäussert werden dürfen?
    Und gibt es berechtigte Israelkritik, die als Antisemitismus gebrandmarkt wird?
    Und was genau wird unter dem Konzept Antisemitismus verstanden und was wird alles darunter subsumiert?
    Und was genau wird unter dem Konzept Israelkritik verstanden?
    Vor allem müsste dann eben auch geschaut werden: Was (welche Aussagen) wird unter Antisemitismus subsumiert und was unter Israelkritik.
    Und würde z.B. Zuckermann das Konzept Antisemitismus enger fassen als Du? Würde er also gewisse Aussagen als legale Israelkritik definieren, was Du bereits unter Antisemitismus subsumieren würdest?

    Du schreibst:

    Zuckermann durchschaut nicht, dass das Problem darin besteht, wie Grass Israel kritisiert, nicht darin, dass er es kritisiert. (Zum Beispiel stellt auch Zuckermann klar, dass kein nuklearer, sondern ein konventioneller Erstschlag in Israel diskutiert wird, aber er sieht das nicht als Problem. Ich sehe das aber als Problem, weil dadurch Israel als ein Land dargestellt wird, das ein anderes mit Vernichtung bedroht, was aber in der Realität nicht stimmt.)

    Kommentar:

    Auch hier wäre dann die Frage, ob Zuckermann etwas nicht durchschaut oder ob er einfach zu einer anderen Einschätzung der Lage kommt.
    Grass schreibt vom „Erstschlag“, ob dieser konventionell oder nuklear gemeint ist, wird nicht gesagt.
    Und solltest Du nun sagen, ja Erstschlag kann immer nur als nuklearer Angriff verstanden werden, so könnte ich Dir dann ein paar deutsche Zeitungen zeigen, die auch von Erstschlag im Zusammenhang von Israel sprechen und dabei von einem konventionellen Erstschlag sprechen.
    Es stellt sich also hier die Frage, ob man ihm einfach so ohne weiteres unterstellen darf/kann, dass er einen nuklearen Erstschlag gemeint hat?

    Du schreibst:

    Ich habe mir auch noch einmal das Interview mit Monika Schwarz-Friedel angehört. Sie gibt sehr viele konkrete Beispiele (und auch ich habe ein paar Beispiele in meinem Text gebracht.) Vielleicht kannst du ein paar Argumente anführen, bevor du sie als “nicht überzeugend” abtust.

    Kommentar:

    Also, Du schreibst in Deinem Text Folgendes:

    „Ich verfolgte die Debatte und sammelte Links und machte mir meine eigenen Gedanken. Kurz gesagt: Ich halte das Gedicht für ein typisches Beispiel von “sekundärem Antisemitismus”, auch Schuldabwehr-Antisemitismus genannt. Um sich selbst von eigenen (Kollektiv-)Schuldgefühlen zu befreien, werden Israel Vorwürfe gemacht, die auf Deutschland zutreffen, insbesondere der Vorwurf, ein anderes Volk auslöschen zu wollen. Gleichzeitig inszeniert sich Günter Grass als Verfolgter, nämlich als jemand, der nicht nur wegen seiner Worte, sondern auch wegen seiner Herkunft verfolgt wird (nur weil er Deutscher ist, dürfe er nicht sagen, was gesagt werden muss.) Dazu kommt das alte Klischee, Israel (oder die Juden) seien eine Gefahr für den Weltfrieden – einem kleinen Land wird die Verantwortung für alles Übel zugeschrieben.“

    Kommentar:

    Vielleicht könntest Du genau die Passagen des Gedichts angeben, wo Du überzeugt bist, dass sich Grass als Verfolgter inszeniert.
    Zur Auslöschung des Volkes: Hier hat ja Zuckermann schon in seinem ersten Text hingewiesen, wie das eben auch verstanden werden kann; er schreibt:

    „Dass aber Szenarien möglich sind, bei denen der Einsatz von Nuklearwaffen mitgedacht werden muss, wird niemand in Abrede stellen wollen, der Mögliches nicht tabuisieren, sondern zum Ausgangspunkt von Verwirklichbarem nehmen möchte. Sollte nämlich Israels Existenz ernsthaft bedroht sein, wird man wohl zum extremsten aller Israel zur Verfügung stehenden Mittel greifen.“

    Es kann also eine Kriegsdynamik entstehen, die ev. auch Nuklearwaffen zum Einsatz bringen könnten und beim Einsatz von Nuklearwaffen dürfte man ja dann wohl schon davon ausgehen, dass einem Land ein erheblicher Schaden zugefügt wird: Ob es gerade zur Auslöschung eines Volkes kommen würde, ist dann eine andere Frage.
    Es stellt sich auch hier die Frage: Dürfen solche Szenarien nicht diskutiert und durchgespielt und davor gewarnt werden?

    Zur Gefahr für den Weltfrieden?
    Auch hier stellt sich ja einmal die Frage, was ist unter Weltfrieden genau zu verstehen?
    Wäre ein vollentbrannter Krieg zwischen Iran und Israel ein vollständiger Bruch des Weltfriedens? Oder würde man zwar sagen, doch eigentlich besteht noch ein Weltfriede, aber wir haben einfach einen territorial begrenzten Krieg im Nahen- und Mittleren Osten?

    Dann zum kleinen Land, das für den brüchigen Weltfrieden verantwortlich gemacht wird: Hier könnte man ja auch argumentieren, hier verniedlichst Du das militärische Potenzial von Israel: Man müsste dies genau analysieren, aber es gibt wohl nicht viele Länder auf der Welt, die dieses militärische Potenzial wie Israel haben: Ich würde mal sagen, da sind wohl die USA und Russland zu nennen: aber dann: China, Frankreich, England, Israel. Also mir kommen sonst keine anderen Länder in den Sinn, die dieses nukleare Potenzial haben.

    Zum textlichen Interview von Monika Schwarz-Friesel:

    Sie schreibt:

    „Und dieser Vorwurf des Antisemitismus, bleibt der bestehen, wenn man sich den Text nach wissenschaftlichen Kriterien anschaut? Und da wiederum kommt man zu dem traurigen Ergebnis: Ja, dieser Text bedient moderne antisemitische Klischees, die im Gewand des Anti-Israelismus auftauchen. Das ist ein bekanntes Phänomen. Wir wissen seit vielen Jahren, dass man nicht das Wort Jude benutzen muss, um sich antisemitisch zu artikulieren.“

    Kommentar:

    M.E. hilft es nicht viel weiter, wenn man nun einfach die wissenschaftlichen Kriterien ins Spiel bringt. Auch eine Medien-Diskursanalyse muss vorgängig bestimmen, was genau unter Antisemitismus klassifiziert werden soll und was nicht. Würde eben Moshe Zuckermann zum gleichen Ergebnis kommen wie Schwarz-Friesel? Würde er also sagen, diese und jene Aussage fallen z.B. nicht unter das Konzept Antisemitismus?
    Mich würde z.B. interessieren ob Zuckermann Anti-Israelismus auch unter Antisemitismus einreihen würde? Weil Zuckermann beton ja immer wieder, dass man zwischen Antisemitismus, Antizionismus und Kritik an Israel unterscheiden muss.

    Sie schreibt:

    „Wann ist ein Text antisemitisch? Dann muss man ganz objektiv feststellen, dass Günter Grass in diesem Text tief in die Verbalisierungsmechanismen von modernem Antisemitismus gegriffen hat.“

    Kommentar:

    Und genau hier wäre es nun interessant, wenn wir Schwarz-Friesel mit Zuckermann im Kontext des Grass-Textes miteinander konfrontieren würden. Gehen Zuckermann und Schwarz-Friesel vom gleichen Konzept „Antisemitismus“ aus? Wo gibt es Divergenzen und wo Konvergenzen?

    Sie schreibt:

    „Und wenn wir uns den Text anschauen, dann sehen wir, dass er nahezu alle Muster und Strategien benutzt, also ich nenne einige konkrete Sachen – wenn wir diesen vielzitierten Satz nehmen: „Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden.“ Das ist natürlich eine groteske Übertreibung.“

    Kommentar:

    Hier stellt sich eben die Frage, was unter der Gefahr eines ohnehin brüchigen Weltfriedens verstanden werden kann. Ist eben der Weltfrieden gebrochen, wenn ein Krieg zwischen Israel und Iran ausbricht? Oder ist der Weltfrieden erst gebrochen, wenn alle Länder dieser Welt im Kriegszustand sind? Das ist doch die entscheidende Frage.

    Sie schreibt:

    Pokatzky: Oder die Auslöschung des iranischen Volkes.

    Schwarz-Friesel: Genau. Genau. Das ist nicht nur eine Übertreibung, es ist ganz einfach falsch. Es ist falsch, und wir haben hier die klassische Täter/Opfer-Umkehr. Die Juden, die eigentlich die Verfolgten waren und immer noch Opfer von Diskriminierung heute sind, werden plötzlich zu Tätern stilisiert.

    Kommentar:

    Wie oben bereits gesagt: Zuckermann beschreibt eine Kriegsdynamik, die soweit kommen könnte, dass Israel zu Atomwaffen greift und diese gegen den Iran einsetzt. Wiederum die Frage: Dürfen solche Szenarien nicht diskutiert werden? Und eben die weitere Frage: Wenn Atomwaffen eingesetzt werden, würde dies heissen, dass das iranische Volk dann ausgelöscht würde? Oder anders gefragt: Kann Schwarz-Friesel genau eine Kriegsdynamik prognostizieren? Wohl kaum. Hier könnte man dann auch argumentieren: Schwarz-Friesel ist ein bisschen naiv, wenn sie nicht auch Kriegsdynamiken in Betracht zieht, die Atomwaffen aus der Kriegsdynamik ausschliessen und somit auch eine erhebliche Verwüstung des Irans.

    Weiter stellt sich die Frage, auf was sich die Täter/Opfer-Umkehr genau bezieht. Israel und Iran im gegenwärtigen Kontext? Was das militärische Potenzial der beiden Länder angeht, haben wir ganz sicherlich keine Symmetrie, sondern eine eklatante Asymmetrie zuungunsten des Irans. Hier dürften wir dann sicherlich davon sprechen, dass Israel sicherlich, was das militärische Potenzial angeht, kein Opfer des Irans wäre.

    Nun, die Juden sind sicherlich auch heute noch Opfer von Diskriminierung. Das sind aber vielfach auch andere Bevölkerungsgruppen wie z.B. die Moslems, wenn wir von einer Islamophobie sprechen können. Bei verbaler Diskriminierung die Juden als alleinige Opfer zu sehen, wäre sicherlich falsch, sollte dies so gemeint sein.
    Wie gesagt: Beim militärischen Potenzial herrscht zwischen Israel und Iran eine Asymmetrie!
    Wir haben auch eine eklatante Asymmetrie zwischen den Palästinensern und Israel.
    Bei Israelis oder Juden könnten wir also sagen: Sie werden vielfach auch zu Opfern, aber eben auch zu Tätern: Also machmal eben OpferTäter oder TäterOpfer: zumindest im Kontext des Israel-Palästina-Konflikts.

    Sie schreibt:

    Man muss sich ja vor Augen halten, dass Israel nachweislich, aufgrund aller Statistiken dasjenige Land ist, was am meisten und am heftigsten in den Medien in den letzten zehn Jahren kritisiert worden ist. Und auch seine Atompolitik ist schon des Öfteren kritisiert worden. Also alles, was er eigentlich geschrieben hat, ist falsch oder dumm.

    Kommentar:

    Auch hier würde sich die Frage stellen: Auf was beziehen sich diese Statistiken? Auf Deutschland, Frankreich, die EU oder weltweit?
    Und weiter würde sich dann auch die Frage stellen: Was für eine Kritik wurde geübt?
    Wurde eben gewisse Kritik ausgelassen? Weil die Quantität der Kritik sagt ja noch nicht viel über die Qualität der Kritik aus.

    Nur sollte man hier dann eben auch mal von der Sprachebene wegkommen und die geostrategischen Realitäten einmal anschauen:

    – Vom Israel-Palästina Konflikt hören wir von Schwarz-Friesel nichts. In diesem Konflikt ist Israel der Hegemon.
    – Israel ist vom militärischen Potenzial gegenüber dem Iran der Hegemon.
    – Israel ist vom militärischen Potenzial auch der Hegemon im Nahen und Mittleren Osten.
    – Israel kann aus geopolitisch strategischer Sicht auf die Unterstützung der USA und der EU zählen sowie zusätzliche einflussreiche Staaten.

    Alles Tatsachen, wo es sicherlich total falsch wäre, Israel einfach als Opfer zu sehen, sondern TäterOfer und OpferTäter wären dann sicherlich viel aufschlussreicher.

    Sie schreibt:

    Schwarz-Friesel: Genau in dem Moment – und hier möchte ich kurz noch vorher darauf hinweisen, dass diese Feststellung, die seit vielen Jahren durch die Medien geistert, man könne diese beiden Phänomene nicht klar voneinander abgrenzen, die stimmt einfach nicht. Aus strikt wissenschaftlicher, textanalytischer Sicht können wir diese beiden Texttypen sehr klar voneinander abgrenzen. Ich habe bislang noch nie einen Text von einem souveränen Journalisten oder Politiker gesehen, der tatsächlich ernsthafte Israelkritik übt, so scharf sie auch sein mag, dem man dann Antisemitismus vorwirft. Aber jemand, der nur so tut, als ob er Israel kritisiert, tatsächlich aber alte Klischees und Ressentiments bedient, benutzt, und jetzt kommt die Sprache ins Spiel, automatisch auch eine sehr verräterische Sprache. Er dämonisiert, er delegitimiert, er stellt Realitäten falsch dar. Und diese Komponenten finden wir in dem Gedicht von Günter Grass.

    Kommentar:

    Hier kommt eben offenbar Zuckermann und Schwarz-Friesel zu einer anderen Einschätzung der Lage. Zuckermann ist der Meinung, dass der Vorwurf des Antisemitismus als Waffe und Herrschaftsinstrument eingesetzt wird. Und als Herrschaftsinstrument kann der Antisemitismus-Vorwurf ja vor allem dann eingesetzt werden, wenn er Kritik an Israel, die offenbar kein Antisemitismus beinhaltet, als Antisemitismus diffamiert.
    Wir müssten also nun die Forschungsergebnisse von Schwarz-Friesel mit denen von Zuckermann konfrontieren, wie sie Zuckermann in seinem Buch „’Antisemit!’. Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument“ vorgelegt hat.

    In diesem Zusammenhang m.E. ein sehr aufschlussreiches Interview mit Moshe Zuckermann, das deutlich macht, dass die Zionisten in Israel in einer äussert ungemütlichen Lage sind und quasi nur zwischen „Pest und Cholera“ wählen können. Dies würde dann eben auch u.a. erklären, weshalb Israel momentan so agiert, wie es agiert.

    Als Resumee würde ich zum Grass-Gedicht sagen: Er hätte es viel differenzierter anlegen sollen: Bei einem Gedicht ist immer die Gefahr, dass komplexe Zusammenhänge einfach simplifiziert werden und insbesondere in diesem sehr heiklen Bereich, wenn es um Israel geht.
    Ich will damit auch nicht sagen, dass gewisse Passagen von Grass nicht wirklich heikel sind, aber auch dies müsste eben sehr differenziert betrachtet werden.
    Das heisst aber auch: Ich werde mir in nächster Zeit einmal das Buch von Moshe Zuckermann vornehmen und es lesen und schauen, ob es plausibel ist.🙂

    • susanna14 schreibt:

      Hu, das ist kein Kommentar, sondern ein Roman. Bitte habe Verständnis dafür, dass ich nicht in jedem Detail antworten kann. Die Pfingstferien sind vorbei, und der Stress beginnt wieder.

      Das Problem würde sich jedoch nur empirisch lösen lassen, indem man z.B. eine grossangelegte Medienanalyse in Deutschland macht und schaut, welche Kritik wird gegenüber Israel geäussert und gibt es Tabus, also Sachen, die nicht geäussert werden dürfen?

      Ich habe keine großangelegte Medienanalyse gemacht und kann sie auch nicht machen: Monika Schwarz-Friesel spricht davon, dass Medienuntersuchungen ergeben, das es kein Tabu gibt. Meine Alltagserfahrung sagt mir dassselbe: in letzter Zeit habe ich zum Beispiel immer wieder Kritik an den Ultraorthodoxen in Israel und ihrer Frauenfeindlichkeit gelesen, und wenn ich Sportnachrichten im dlf höre, wird auch danach gefragt, ob arabische Israelis in der Nationalmannschaft spielen. Ein Beispiel auch die Diskussion, die ich gabz am Ende meines Artikels verlinkt habe.

      Ich kann also keine Medienanalyse bieten, sondern Gegenbeispiele gegen die These vom Tabu. (Und gerade heute wird der U-Boot-Verkauf in der taz kritisiert.)

      Grass schreibt vom „Erstschlag“, ob dieser konventionell oder nuklear gemeint ist, wird nicht gesagt.

      Nur ein nuklearer, kein konventioneller Erstschlag könnte das iranische Volk auslöschen. (Wobei ich mir nicht einmal dabei sicher bin. Wobei ich wirklich hoffe, dass kein Atomschlag und auch kein konventioneller Erstschlag stattfinden wird.)

      Gleichzeitig inszeniert sich Günter Grass als Verfolgter, nämlich als jemand, der nicht nur wegen seiner Worte, sondern auch wegen seiner Herkunft verfolgt wird (nur weil er Deutscher ist, dürfe er nicht sagen, was gesagt werden muss.)

      Hier spricht er von Strafe:

      Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
      dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
      empfinde ich als belastende Lüge
      und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
      sobald er mißachtet wird;
      das Verdikt „Antisemitismus“ ist geläufig.

      Und hier davon, dass seine Herkunft der Grund seines Schweigens ist.

      Warum aber schwieg ich bislang?
      Weil ich meinte, meine Herkunft,
      die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,
      verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit
      dem Land Israel, dem ich verbunden bin
      und bleiben will, zuzumuten.

      M.E. hilft es nicht viel weiter, wenn man nun einfach die wissenschaftlichen Kriterien ins Spiel bringt.

      Es gibt in dem Interview mit Monika Schwarz-Friesel an dieser längere Passage, die mehr oder weniger Blabla darstellt. Ich übergehe daher deine Einwände hier und antworte erst wieder deine Kommentare zu den Stellen, wo sie konkret wird.

      Ist eben der Weltfrieden gebrochen, wenn ein Krieg zwischen Israel und Iran ausbricht?

      Ein Krieg zwischen Israel und Iran wäre ein regionaler Krieg, selbst dann, wenn die USA eingreifen würden. Zu einem Weltkrieg würde gehören, dass mehrere Erdteile und mehrere Großmächte beteiligt sind. Das Problem besteht aber darin, dass Grass damit ein altes antisemitische Klischee bedient: Eine kleine Grippe (oder ein kleines Land) wird dafür verantwortlich gemacht, dass der Weltfriede gefährdet ist.

      Wiederum die Frage: Dürfen solche Szenarien nicht diskutiert werden? Und eben die weitere Frage: Wenn Atomwaffen eingesetzt werden, würde dies heissen, dass das iranische Volk dann ausgelöscht würde?

      Der Einsatz von Atomwaffen darf diskutiert werden. Wenn von der Auslöschung des iranischen Volkes die Rede ist, dann wird jedoch auf unangemessene Weise an die versuchte Auslöschung des jüdischen Volkes durch die Nazis erinnert. Ein Einsatz von Atomwaffen wäre katastrophal, möglicherweise sogar für die ganze Welt („nuklearer Winter“), aber ich weiß nicht, ob die Auslöschung des iranischen Volkes wirklich die Folge wäre, und vor allem beabsichtigt Israel nicht, das iranische Volk auszulöschen. Wenn Israel Atomwaffen einsetzt, dann zur Selbstverteidigung (mit einem Begriff von Selbstverteidigung, der m.E. viel zu weit gefasst ist.)

      Militärisches Potential allein macht kein Land zum Opfer oder Täter. Das kann erst entschieden werden, wenn das Potential eingesetzt wird. Und, ehrlich gesagt, finde ich die ganze Diskussion, ob Israel jetzt nur Opfer oder auch Täter sei, als problematisch. M.E. sollte konkrete Politik kritisiert werden („der Siedlungsbau in den besetzten Gebieten ist falsch“ – ja, finde ich auch), aber nicht darüber gemutmaßt werden, ob Israel jetzt Opfer oder Täter ist, als sei das eine Eigenschaft des Landes, und nicht etwas, was man nur in Bezug auf diese oder jene Situation oder Tat sagen kann. (Und, ehrlich gesagt, hier fangen meine Warnglocken, die mir sagen „Vorsicht – Antisemitismus“ zu klingeln an.)

      Auch hier würde sich die Frage stellen: Auf was beziehen sich diese Statistiken? Auf Deutschland, Frankreich, die EU oder weltweit?

      Ich gehe mal davon aus, dass sie sich auf Deutschland bezieht.

      Nur sollte man hier dann eben auch mal von der Sprachebene wegkommen und die geostrategischen Realitäten einmal anschauen:

      Nein, eben nicht. Es geht nicht darum, ob Israel irgendwie Hegemon oder Täter oder Opfer ist. (Israel ist aber ganz bestimmt nicht Hegemon im Nahen Osten – es ist keine „Schutzmacht“ und besitzt kein Weltreich dort, es ist einfach ein kleines und für seine Größe sehr start militarisiertes Land, das darauf bedacht ist, stärker zu sein als seine Nachbarn, um nicht angegriffen zu werden.)

      Was interessiert – sowohl Schwarz-Friesel als auch mich, ist, ob sich in Grass‘ Gedicht Antisemitismus ausdrückt, und eben auch,dass er noch an der deutschen (und seiner persönlichen) Vergangenheit knabbert.

      Hier kommt eben offenbar Zuckermann und Schwarz-Friesel zu einer anderen Einschätzung der Lage. Zuckermann ist der Meinung, dass der Vorwurf des Antisemitismus als Waffe und Herrschaftsinstrument eingesetzt wird.

      Ich vermute mal, dass Schwarz-Friesel die Kritik der „Antideutschen“ nicht ernst nimmt. (Vielleicht auch Menschen wie Broder…)

      • Chomsky schreibt:

        Du schreibst:

        Ich habe keine großangelegte Medienanalyse gemacht und kann sie auch nicht machen: Monika Schwarz-Friesel spricht davon, dass Medienuntersuchungen ergeben, das es kein Tabu gibt. Meine Alltagserfahrung sagt mir dasselbe: in letzter Zeit habe ich zum Beispiel immer wieder Kritik an den Ultraorthodoxen in Israel und ihrer Frauenfeindlichkeit gelesen, und wenn ich Sportnachrichten im dlf höre, wird auch danach gefragt, ob arabische Israelis in der Nationalmannschaft spielen. Ein Beispiel auch die Diskussion, die ich gabz am Ende meines Artikels verlinkt habe.

        Kommentar:

        Nur müsstest Du eben immer schauen, was für Gegenreaktionen es gibt. Werden Leute, die eben Kritik üben, dann mit dem Antisemitismusvorwurf konfrontiert?
        Wenn Du z.B. auf das Palästina-Portal gehst, dann gibt es dort auch eine Rubrik

        „Zielpersonen“ + „Jagdobjekte“ von Honestly Concerned + Netzwerk“

        http://www.arendt-art.de/deutsch/palestina/Honestly_Concerned/honestly_concerned_die_zielpersonen.htm

        Wenn einmal wissenschaftlich das Palästina-Portal ausgewertet würde, dann wäre es eben interessant zu erfahren, wie berechtigt die Vorwürfe sind, die eben dieses Portal seit einigen Jahren konsequent auflistet.

        Du schreibst:

        Nur ein nuklearer, kein konventioneller Erstschlag könnte das iranische Volk auslöschen. (Wobei ich mir nicht einmal dabei sicher bin. Wobei ich wirklich hoffe, dass kein Atomschlag und auch kein konventioneller Erstschlag stattfinden wird.)

        Kommentar:

        Nun, ein konventioneller Erstschlag auf irgendwelche Atomanlagen im Iran wäre ev. auch ein sehr gefährliches Manöver. Also ein konventioneller Angriff auf ein Atomkraftwerk bei uns hier in der Schweiz wäre eine riesige Katastrophe.
        Und m.E. lässt Du auch eine Kriegsdynamik aussen vor: konventioneller Erstschlag, der eben eine Kriegsdynamik entwickelt, was bis zu nuklearem Einsatz führen könnte.

        Du schreibst:

        Ein Krieg zwischen Israel und Iran wäre ein regionaler Krieg, selbst dann, wenn die USA eingreifen würden. Zu einem Weltkrieg würde gehören, dass mehrere Erdteile und mehrere Großmächte beteiligt sind. Das Problem besteht aber darin, dass Grass damit ein altes antisemitische Klischee bedient: Eine kleine Grippe (oder ein kleines Land) wird dafür verantwortlich gemacht, dass der Weltfriede gefährdet ist.

        Kommentar:

        Weltfrieden ist offenbar nicht das Gegenteil oder Antonym von Weltkrieg:
        Wenn Du einmal die Definition „Weltfrieden“ bei Wikipedia nimmst, dann wird das m.E. ersichtlich:

        „Weltfrieden ist der Ausdruck für den Idealzustand eines weltweiten Friedens, also für das Ende aller Feindseligkeiten und aller Kriege – aktuell also der andauernden Kriege und Konflikte. Er beinhaltet dauerhafte Freiheit, Gerechtigkeit und Glück für alle Menschen und Völker. Dies gilt oft als höchstes Ziel aller Politik und Wissenschaft.“

        http://de.wikipedia.org/wiki/Weltfrieden

        Nach dieser Definition bedeutet eben bereits ein lokaler und begrenzter Krieg ein Bruch mit dem Weltfrieden.

        Du schreibst:

        Der Einsatz von Atomwaffen darf diskutiert werden. Wenn von der Auslöschung des iranischen Volkes die Rede ist, dann wird jedoch auf unangemessene Weise an die versuchte Auslöschung des jüdischen Volkes durch die Nazis erinnert. Ein Einsatz von Atomwaffen wäre katastrophal, möglicherweise sogar für die ganze Welt (“nuklearer Winter”), aber ich weiß nicht, ob die Auslöschung des iranischen Volkes wirklich die Folge wäre, und vor allem beabsichtigt Israel nicht, das iranische Volk auszulöschen. Wenn Israel Atomwaffen einsetzt, dann zur Selbstverteidigung (mit einem Begriff von Selbstverteidigung, der m.E. viel zu weit gefasst ist.)

        Kommentar:

        Wie schon einmal gesagt: Aus der Kriegsdynamik könnte ein nuklearer Krieg entstehen und ein nukleares Potential hat nun eben nur Israel und nicht der Iran (sowie Beschuss von Atomanlagen, was auch wiederum nicht gerade ungefährlich ist, wie weiter oben bereits erläutert).
        Würde Dir aber Recht geben, dass die Sprachwahl „Auslöschung des iranischen Volkes“ unangemessen ist und er hier quasi eine Monokausalität konstruiert, sodass dies in simplifizierender Art und Weise gelesen wird.

        Du schreibst:

        Militärisches Potential allein macht kein Land zum Opfer oder Täter. Das kann erst entschieden werden, wenn das Potential eingesetzt wird. Und, ehrlich gesagt, finde ich die ganze Diskussion, ob Israel jetzt nur Opfer oder auch Täter sei, als problematisch. M.E. sollte konkrete Politik kritisiert werden (“der Siedlungsbau in den besetzten Gebieten ist falsch” – ja, finde ich auch), aber nicht darüber gemutmaßt werden, ob Israel jetzt Opfer oder Täter ist, als sei das eine Eigenschaft des Landes, und nicht etwas, was man nur in Bezug auf diese oder jene Situation oder Tat sagen kann. (Und, ehrlich gesagt, hier fangen meine Warnglocken, die mir sagen “Vorsicht – Antisemitismus” zu klingeln an.)

        Kommentar:

        Das ist natürlich schon richtig, dass konkrete Politik kritisiert werden sollte.
        Nur wirst Du bei jeder Politik, die Menschenleben fordert oder Menschen unterdrückt etc. auch danach fragen, ob eine solche Politik rechtmässig ist (also rein rechtlich gerechtfertigt: moralisch wie de jure) und das gesamte Völkerrecht zielt nun einmal auf diese Frage ab. Und wie beim Strafrecht sind eben auch Opfer und Täter Begriffe, die in diesem Kontext gebräuchlich sind. Und wenn das Völkerrecht angewendet wird, dann heisst es dann eben auch: Israel oder die Schweiz haben das Völkerrecht gebrochen. Israel oder die Schweiz werden dann eben als Kollektiv verurteilt. Ich hoffe nicht, dass nun bei Dir die Alarmglocken des Antisemitismus zu läuten beginnen, wenn Begrifflichkeiten und ein Sprachgebrauch verwendet wird, wie er eben im Völkerrecht üblich ist.

        Du schreibst:

        Nein, eben nicht. Es geht nicht darum, ob Israel irgendwie Hegemon oder Täter oder Opfer ist. (Israel ist aber ganz bestimmt nicht Hegemon im Nahen Osten – es ist keine “Schutzmacht” und besitzt kein Weltreich dort, es ist einfach ein kleines und für seine Größe sehr start militarisiertes Land, das darauf bedacht ist, stärker zu sein als seine Nachbarn, um nicht angegriffen zu werden.)

        Kommentar:

        Wikipedia schreibt unter dem Stichwort Hegemon Folgendes:

        „Obwohl der Begriff in jüngster Zeit verstärkt Anwendung auf einzelne Personen (etwa den früheren US-Präsidenten George W. Bush) findet, wird Hegemon in der politikwissenschaftlichen Theorie immer auf Staaten bezogen, die im internationalen Rahmen dominant sind.“

        Man könnte auch sagen: Israel besitzt, was das militärische Potenzial angeht, im Nahen und Mittleren Osten eine hegemoniale Stellung.

        Hegemon ist kein präskriptiver Begriff, sondern ein deskriptiver.

        Ich finde eben schon, wenn man sich mit den Aussagen von Schwarz-Friesel auseinandersetzt, dass man nicht einfach auf der Sprachebene bleiben darf, weil sie eben auch nicht nur auf der Sprachebene bleibt.🙂

        Zu dem, was Du noch über Zuckermann sagst:

        Ich denke, Zuckermann spricht nicht nur die Antideutschen an, sondern er spricht ja auch von Leuten, die im akademischen Bereich in Deutschland über die Antisemitismusforschung Karriere gemacht haben: Er könnte damit eben auch eine Schwarz-Friesel meinen.🙂

        PS: Aber wir können es nun hier auch bewenden lassen. Denke, die Positionen haben sich ja nun zwischen uns herauskristallisiert und sie sind ja nicht soooo weit voneinander weg.

    • susanna14 schreibt:

      P.S. Ich habe mir das Interview mit Moshe Zuckermann angehört. Das meiste davon ist sehr gut, insbesondere seine Analyse der Lage Israels und seine Kritik an den Antideutschen. Besonders gut fand ich den Satz: Nicht alle Juden sind Zionisten, nicht alle Zionisten sind Israeli, nicht alle Israeli ist Juden, und eben auch die Kritik an den Antideutschen, dass sei ein abstraktes Bild von Juden habe und keine Ahnung von Israel, es geht nicht um das Land, sondern um ihre Befindlichkeit als Deutsche. Ich stimme ihm da zu: Juden sind für sie ein Symbol, nicht viele sehr verschiedene Menschen mit sehr vielen verschiedenen Meinungen (ich glaube auch über Juden oder Israelis gibt es den WItz: drei Israelis, vier Meinungen.) Ich denke allerdings, dass er den sekundären Antisemitismus oder Schuldabwehr-Antisemitismus unterschätzt. Selbst an meinem eigenen Stammtisch habe ich da sehr eigenartige Sachen gehört. (Irgendwann klingt es immer durch: Wir Deutsche haben doch nicht als einzige Dreck am Stecken! Schaut doch mal, die Israelis machen doch selbst das gleiche!)
      Ich habe auch Schwierigkeiten an dem Wort „Israelkritik“ wie es Moshe Zuckermann und noch schlimmer die Interviewerin tun. Was Zuckermann in meinen Auge tut: Er analysiert die Lage seines Landes und überlegt, welche Art von Politik jetzt für sein Land sinnvoll wäre, und kommt zu dem Schluss, dass die gegenwärtige Politik sehr kontraproduktiv ist.

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