Kommentare zum Frauentag

Anlässlich des Internationalen Frauenkampftags haben sich verschiedene Feministinnen zu Wort gemeldet, und ich habe Kommentare geschrieben. Ich habe beschlossen, sie hier zu versammeln, damit sie nicht in den Weiten des Internets verlorengehen. Ich möchte auch allen die Originalartikel ans Herz legen:

1. Kommentare zu Antje Schrupp Was zu tun bleibt. Kleine Nachlese zum Frauentag.

Ich bin vor einer Weile auch in eine (kleine) Diskussion darüber geraten, ob man von “männlich und weiblich sozialisierten Menschen” statt von Männern und Frauen sprechen sollte.

Mir ist dabei auch unbehaglich, vor allem, weil ich nicht weiß, was ich darunter verstehen soll. Ich bin zum Beispiel eindeutig dazu sozialisiert worden, mich selbst als Frau zu sehen, gerne Röcke und lange Haare zu tragen (sogar mehr, als meiner Mutter lieb war.) Anderen Aspekten der weiblichen Sozialisation (Mädchen haben keine Ahnung von Mathe) war ich dagegen nicht ausgesetzt. Gegen manche Aspekte habe ich mich aktiv gewehrt: Ich bin nachts unterwegs, und ich mache allein mit dem Fahrrad Urlaub.

Wenn ich dann lese “weiblich sozialisiert” weiß ich nicht, ob ich noch in diese Schublade gehöre. Ich weiß ziemlich sicher, dass ich nicht in die Schublade “männlich sozialisiert” gehöre, obgleich manche Menschen das anders sehen mögen. Vielleicht sollte ich mittlerweile alt genug sein, um nicht in eine Schublade zu gehören. Ich fühle mich aber immer noch wohl in der “Schublade” Frau, einfach weil das mein biologisches Geschlecht ist.

Es wurde mir gesagt, dass “Frau” und “Mann” stärker festlegen als “männlich sozialisiert” und “weiblich sozialisiert”: Ich glaube dies aber nicht: als Frau kann ich mich glücklich am Rand von dem sehen, was “typisch Frau” ist, ich kann durch mein Verhalten erweitern, was als “typisch Frau” gilt (seit ich allein mit dem Fahrrad unterwegs bin habe ich eine Reihe anderer Frauen kennengelernt, die dies auch tun, und vielleicht wird es eines Tages als durchaus mögliches weibliches Verhalten gelten).

Vor allem aber müssten “männlich sozialisiert” und “weiblich sozialisiert” erst einmal definiert werden, und dann müsste klar gemacht werden, für welche Art von soziologischen Fragestellungen das nützlich sein soll. Wenn bei einer konkreten Fragestellungen von Männern und Frauen ausgegangen wird und man dann zu Ergebnissen kommt (“Frauen können besser einparken, weil sie sich selbst nicht überschätzen”), so können diese als Ergebnis einer Sozialisation betrachtet werden. Aber wenn man von vornherein von “männlich sozialisierten” und “weiblich sozialisierten” Menschen ausgeht, wie soll das dann funktionieren, ohne dass man Zirkelschlüsse produziert? Männlich sozialisierte Menschen (=solche, die sich selbst überschätzen) können schlechter einparken? Was macht das für einen Sinn. (Es würde natürlich Sinn machen, wenn man sagt, Menschen, die sich selbst überschätzen, können schlechter einparken – ach so, und damit das klar ist: es geht in jedem Fall um statistische Aussagen, das heißt um Durchschnittswerte, nicht um Aussagen, die alle Menschen betreffen. Ich zum Beispiel kann ziemlich schlecht einparken, und zwar einfach deswegen, weil ich selten Auto fahre und wenig Übung habe.)

Hm. Jetzt habe ich das Gefühl, dass ich von einem Dir entgegengesetzten Ausgangspunkt Unbehagen empfinde, wenn die Kategorien “Mann” und “Frau” durch “männlich sozialisiert” und “weiblich sozialisiert” ersetzt werden.

Ich habe dann noch ein zweites Mal kommentiert, dieses Mal als Antwort auf eine andere Frau:

@Horst_Sabine Ich kenne den Unterschied zwischen Geschlecht und Gender, bin mir aber nicht sicher, ob ich die heutige Dominanz von Gender gut finde.

Und das ist ja gerade für mich die Frage: Was heißt, weiblich sozialisiert? Heißt es einfach nur, dass ich mich selbst als Frau wahrnehme? Heißt es einfach nur, dass die Menschen, mit denen ich aufwuchs, mich als Mädchen beziehungsweise später als Frau wahrnahmen.

Wenn du schreibst “wenn du weiblich bist, wirst du weiblich sozialisiert sein”, dann verdoppelst du doch nur die Worte. Zwischen “weiblich” und “weiblich sozialisiert” zu unterscheiden, macht doch nur dann Sinn, wenn die Gruppen eben nicht kongruent sind. Wenn die Gruppen kongruent sind, dann reicht doch ein Wort.

Ich bin eben – in einem Gedankenspiel – davon ausgegangen, dass sie nicht kongruent sind. Und dann scheint es mir, dass “weiblich sozialisiert” oder “männlich sozialisiert” eben tatsächlich zu einer Sammlung von Klischees werden, was ich nicht für wünschenswert halte.

Ja, und deswegen halte ich die Kategorien “Mann” und “Frau” nach wie vor für sinnvoller als “männlich sozialisiert” und “weiblich sozialisiert”.

(Etwas anderes wäre, wenn man die Worte nur benutzt, um darauf hinzuweisen, dass die “typisch weiblichen” Eigenschaften anerzogen sind… Hm. Ich weiß nicht. Immer noch nicht überzeugend.)

2. Kommentar zu Andrea Günter: „Wenn Mädchen, wenn Jungs nicht so erzogen würden …“ Weltliebe, das Streben nach Geschlechtsfreiheit und die Religion der Weltlosigkeit

Bin auch noch dabei zu versuchen, den Artikel zu verstehen, und habe ein paar Gedanken dazu.

1.) Konstruktivismus, jedenfalls die radikalen oder postmodernen Varianten (im Gegensatz zu den moderaten) ist ja an und für sich schon eine “weltlose” Position, da er annimmt, dass es keinerlei Realität gibt, sondern nur unsere Interpretationen der Realität und dass daher diese die einzige Realität sind, mit der wir leben.

2.) Wenn man (oder frau) von dieser Position ausgeht, macht es auch Sinn zu behaupten, es gebe kein biologisches, sondern nur ein soziales Geschlecht, welches wiederum konstruiert ist. Dann kann man auch davon träumen, dass eines Tages diese Kategorie wegfallen wird. (Ich bin mir nicht ganz sicher, was ich davon halten muss. Immerhin nehme ich an Menschen normalerweise auch nicht die Augenfarbe wahr und unterteile Menschen nicht nach Augenfarbe. Vielleicht kommt tatsächlich irgendwann der Tag, an dem wir nicht mehr einen Menschen, den wir neu kennenlernen, automatisch als Mann oder Frau oder in seltenen Fällen auch als “schwer zu sagen” einsortieren.)

3.) Selbst wenn man einer Welt träumt, in der Geschlecht bedeutungslos ist, so ist dies doch eine ferne Zukunft, und bedeutet eine Flucht vor der Gegenwart, in der Geschlecht noch eine wichtige Kategorie ist. (Der Fehler, den die Piraten machten, als sie meinten, Geschlecht würde bedeutungslos, wenn sie ihm oberflächlich (Mitgliederkartei) keine Beachtung schenken.)

4.) Biologisches Geschlecht wird wahrscheinlich auch in der Zukunft erhalten bleiben – nur wer als radikale Konstruktivistin davon ausgeht, dass es keine physische Realität gibt, die das festlegt, wird das bezweifeln. Aus der Sicht eines Menschen, der auf der Existenz einer physischen Realität beharrt, wirkt dies als Weltflucht.

5.) Wenn es in Politik und überhaupt im Bereich des Sozialen (auch) darum geht, dass Vereinbarungen über den Bereich des Materiellen getroffen werden, wird auch das biologische Geschlecht weiterhin eine Rolle spielen. Alles andere wäre “Weltlosigkeit” – Flucht vor der materiellen Welt.

6.) Auch das Bett ist ein sozialer Raum.

So weit meine Versuche, den obigen Text zu verstehen. Ich habe dabei ein wenig unsauber gearbeitet, indem ich nicht klar zwischen meinen Gedanken und denen der Autorin getrennt habe. Mein Gedanke ist vor allem, dass ich vom Grundgedanken des radikalen beziehungsweise postmodernen Konstruktivismus ausgegangen bin, nämlich dem, dass es so etwas wie eine Realität nicht gibt, und dann geschaut habe, was sich daraus für Folgerungen ergeben und wie sie mit den Gedanken von A. Günther zusammenpassen. Andere Aspekte, etwa der der Religion, sind mir jedoch fremd geblieben.

3. Kommentare zu Katrin Rönicke: Heult nicht, wehrt euch

Ich fand den Artikel interessant, bis ich zu den Ohrfeigen kam. Bei Gewalt sollte eine Grenze sein, und „Petzen“ (was für mich ehrlich gesagt ein Wort ist, bei dem ich sowieso aushake) ist besser als sich mit Gewalt wehren.

Allerdings denke ich, dass frau zumindest versucht haben sollte, mit Worten zu sagen, dass sie ein bestimmtes Verhalten nicht möchte. Funktioniert möglicherweise bei einem Kollegen (wenn er nicht das ganze Team auf seiner Seite hat), bei einem Chef wird es schwierig. Aber ich habe auch schon Männer erlebt, bei denen es möglich war, ihnen zu sagen, dass ich nicht angefasst werden wollte. Bei einigen von ihnen musste ich es immer wieder sagen, weil sie es einfach gewohnt waren, Frauen so anfassen zu dürfen, wie sie wollen (andere Frauen haben nichts gesagt), aber sie haben es dann jedes Mal akzeptiert und waren nicht sauer.

Solidarität mit den Frauen, die sich nicht wehren, habe ich leider nur noch wenig, da ich von ihnen meinerseits wenig Solidarität erfahren habe. Wenn ich sie ansprach und sie fragte, ob es ihnen nichts ausmache, ständig angefasst zu werden, behaupteten sie, es mache ihnen nichts aus. Es wäre einfacher gewesen, gemeinsam etwas zu sagen: So war ich allein. (Aber vielleicht machte es ihnen ja wirklich nichts aus, kann ich nicht sagen.)

Früher gab es noch Selbstverteidigungskurse, in denen Frau lernte, sich zu wehren: körperlich, aber auch in Worten Grenzen zu setzen. Es gibt solche Kurse doch bestimmt immer noch? Auch eine Frau, die nicht erzogen wurde, sich zu wehren, kann es lernen. (Ich gebe zu, dass ein Wochenendseminar dazu nicht reicht.)

Der gleiche Artikel ist dann noch einmal im Blog erschienen: Knallenlassen statt MiMiMi

Ich habe schon im Freitag kommentiert (und mich extra dazu registriert), aber ich wollte noch einmal hier kommentieren, schon um die Kommentare abonnieren zu können.

Ich fange einmal mit den Kinderbuchfiguren an. Ich weiß nicht, ob eine Unterteilung von Frauen in „Annika“ und „Pippi“ erstrebenswert ist. Ich muss jetzt gestehen, dass ich Pippi Langstrumpf nur als Kind gelesen habe, und zwar als Grundschulkind. Ich habe das Buch auch nie als Erwachsene einem Kind vorgelesen, also ist meine Erinnerung nicht mehr besonders gut.

Das Problem mit Pippi ist, dass sie nicht real ist. Sie ist eine Traumfigur, die für jüngere Kinder, die selbst noch sehr eingeschränkt sind und noch vieles nicht können, sehr amüsant und lustig ist. Auch ihre Frechheit kann Spaß machen, allerdings habe ich manchmal das Gefühl, dass sie aus einer anderen Zeit stammt, als Kinder noch weniger durften als heute. Das Sams ist eine ähnliche Figur, und Pippi hat ebenfalls ein paar Fähigkeiten, die auf Wünsche erfüllen hinauslaufen.

Ältere Kinder lesen andere Bücher, und in gewisser Weise wundert mich, dass erwachsene Frauen Pippi als Vorbild bezeichnen. (Habe ich selbst mal bei einem Seminar für Kreatives Schreiben erlebt. Ich selbst nannte Ellen Ripley (Sigourney Weaver) aus „Alien“, die ist viel cooler.) Es nennt doch auch keine Frau das Sams als großes Vorbild.

Ich habe mir überlegt, ob es nicht ein anderes Vorbild bei Astrid Lindgren gäbe: Den jüngeren der beiden Brüder Löwenherz, Karl alias Krümel. Er ist ängstlich, und nicht so perfekt wie sein älterer Bruder (der idealisiert ist und daher auch nicht wirklich als Vorbild taugt), aber er lernt auch mutig zu sein, er lernt, dass sein Bruder auch verletzlich ist, er lernt, dass Mut nicht bedeutet, keine Angst zu haben, sondern zu tun, was getan werden muss, obgleich man Angst hat.

Ich denke, dies lässt sich lernen, und zwar auch dann, wenn frau nicht dazu erzogen ist. (Ich habe es auch gelernt, beziehungsweise ich bin dabei, es zu lernen.)

Das zweite, was mir jetzt beim Wiederlesen aufgefallen ist: Ich glaube, es wäre schon viel gewonnen, wenn Menschen (nicht nur Frauen) sich in Situationen, in denen keine echte Gefahr droht (auch nicht die Gefahr, den Job zu verlieren) sich mehr trauen würden. Das fängt damit an, dass man sich traut, etwas zu lernen, was man noch nicht kann, und dabei Fehler zu machen. (Ich habe leider ein paar zu viele Frauen kennengelernt, für die um Hilfe bitten eine gute Alternative ist).

Es gibt natürlich auch Situationen, in denen Unterstützung nötig ist, etwa, weil man einer Gefahr ausgesetzt ist, der man einfach nicht gewachsen ist, sei es wegen der Machtverhältnisse im Job, oder wegen physischer Überlegenheit des anderen, oder weil Intrigen dafür gesorgt habe, dass man selbst isoliert ist. Ich glaube auch, dass es die Erinnerung an solche Situationen ist, die davon abhält, in gefahrlosen Situationen sich zu Wort zu melden. Ich denke aber, dass diese Konditionierung (nicht Erziehung) überwunden werden kann.

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