Moral und Moralin

Im Blog von Katrin Rönicke The Leftist Elite habe ich einen Artikel zu Moralisierung und Abgrenzung gefunden, den ich sehr interessant fand und den ich auch kommentiert habe.

Ich teile einiges der Kritik, die sie an der „Netzkultur“ übt: An Ausschlüssen (und Ausschlussversuchen), Tabuisierungen, an Beschimpfungen und moralischen Entwertungen. Ich teile auch die Kritik daran, dass man sich „geschützte“ Orte sucht, wo man sich mit Gleichgesinnten umgibt und darauf hofft, nicht kritisiert zu werden (dumm nur, wenn jemand dann doch anderer Meinung ist). Flauschigkeit habe ich auch erlebt, aber eigentlich nicht so viel bei Twitter oder auf den WordPress-Blogs, die ich hin und wieder besuche, sondern eher bei LiveJournal und Dreamwidth.

Was ich nicht teile sind Teile der Argumentation: insbesondere finde ich die Abgrenzung von Moral und Politik sowie die (indirekte) Berufung auf den „bösen“ Carl Schmitt (Anführungszeichen von ihr) problematisch. (Über Chantal Mouffe kann ich nichts sagen. Ich habe ihr Buch im Regal stehen, habe es aber nicht gelesen.)

Ich habe die genannten Verhaltensweisen in erster Linie im Fandom auf LiveJournal und Dreamwidth gefunden und nicht so sehr auf Twitter oder in den Blogs, die ich verfolge, seit ich mich von den Diskussionen im Fandom verabschiedet habe. Meine Vermutung ist die, dass die Diskussionen im Fandom deswegen so unangenehm abgelaufen sind, weil es dort normalerweise nicht um Politik geht. „Don’t like don’t read“ ist der übliche Rat an Leserinnen, die an einer Geschichte etwas auszusetzen haben. Vermutlich deswegen hatten die die Beteiligten wenig Übung darin , wie sie mit einer Geschichte umgehen sollten, deren Probleme ernster waren als mangelnde literarische Qualität oder sexuelle Vorlieben, die die Leserin abstoßend findet. Kritik an politischen Problemen der Geschichte, etwa rassistische Klischees, lassen sich nicht mit „don’t like don’t read“ abtun. Und vielleicht weil es keine Standards gab, wie frau sich in einer solchen Diskussion verhalten soll, verliefen diese Diskussionen sehr hässlich, mit Ausgrenzungsversuchen und Beschimpfungen, die dann schnell als Versuch empfunden wurden, die Betroffene zum Schweigen zu bringen. (Es gab auch einige, die sehr vernünftig argumentierten.)

Katrin fordert statt solcher Verhaltensweisen inhaltliche Auseinandersetzung: dass man sich von Menschen in Frage stellen lässt, die die eigene Meinung nicht teilen, dass man diese ernst nehmen muss und sie politisch auseinandersetzen muss, anstatt sie moralisch in die Ecke zu stellen.

Ich stimme in der Grundrichtung mit dieser Position überein, habe aber Schwierigkeiten mit der Gegenüberstellung von „politisch“ und „moralisch“, zumal mir nicht wirklich klar ist, was sie mit „politisch“ jetzt genau meint. Sie bezieht sich auf das Buch von Chantal Mouffe (das ich, wie gesagt, nicht gelesen habe.) Aus den zitierten Abschnitten geht hervor, dass es Chantal Mouffe als Gegnerschaft im Bereich des Politischen geht: Gegnerschaft aufgrund von tatsächlich vorhandenen Positionen, unter anderem auch unterschiedlichen Interessen. Gegnerschaft im Bereich des Moralischen lehnt Chantal Mouffe ab, da diese dazu führen würde, den Gegner als „böse“ abzuwerten, so dass man mit ihm nicht mehr reden kann.

Ich finde das nicht überzeugend, und zwar vor allem deswegen nicht, weil nicht klar ist, wie in einer rein politischen, nicht moralischen Diskussion entschieden wird, wer den Sieg davonträgt. Erst einmal natürlich die Seite, die es schafft, die meisten Beteiligten auf ihre Seite zu ziehen. Aber wie geschieht das? Es kann natürlich dadurch geschehen, dass sich Menschen Vorteile versprechen, wenn sie die eine oder andere Seite unterstützen. Es kann aber auch sein, dass moralische Argumente (oder Positionen) zur Unterstützung der einen oder anderen Seite führen. Meist ist es eine Mischung von beiden (und oft werden eigennützige Motive hinter moralischen Motiven versteckt.)

Moralische Argumentationen lassen sich also nicht aus der Politik ausschließen. (Ja, ich habe in diesem Wintersemester zum ersten Mal einen Text von Habermas gelesen, er war schwierig, aber keineswegs unverständlich, und hat mir Lust auf mehr gemacht.) Moral muss aber nicht heißen, dass man den anderen lediglich als böse abwertet und nicht mehr mit ihm redet. Ethik und Moralphilosophie sind anerkannte Teilgebiete der Philosophie. Dort wird nach nachvollziehbaren Begründungen für moralische Normen gesucht, anstatt solche Normen einfach hinzunehmen. Moral und inhaltliche Auseinandersetzung, auch mit Menschen, deren moralische Ansichten man nicht teilt, sind also durchaus möglich. (Allerdings schwierig: auf unmoralisches Verhalten oder Ansichten, die wir als unmoralisch empfinden, reagieren wir oft mit Zorn.)

Im Alltag findet nur selten eine Suche nach Begründungen für moralische Normen statt. Etwas häufiger, aber immer noch selten kann man beobachten, dass moralische Urteile explizit begründet werden, etwa mit Verweis auf solche Normen. Wenn moralische Alltagsprobleme diskutiert werden (konkret Probleme mit Kollegen oder Chefs, oder mit dem Partner oder der Partnerin, gern auch dem Ex, oder mit anderen Mitmenschen), dann geht es in aller Regel darum, dass moralische Normen und Urteile abgeglichen werden: „Wie denkst du darüber? Du denkst auch, dass ich im Recht war? Ah, sehr gut.“ Nur ganz selten sagt der Gesprächspartner: „Nein, das sehe ich anders, ich denke, dein Ex/deine KollegIn hat recht.“ Man bestätigt sich gegenseitig: Auch in der analogen Welt (ich habe vor allem Gesprächen in Cafes gelauscht) gibt es die „geschützten Zirkel“, in denen man sich mit Menschen umgibt, die ähnliche Ansichten haben wie man selbst, so dass man davon ausgehen kann, dass man keinen Widerspruch erntet. Vielleicht sind wir es deswegen nicht gewohnt, uns auseinanderzusetzen? Vor allem aber wird durch diese Gespräche festgestellt, was in der eigenen Gruppe als akzeptabel gilt und was nicht, man bestätigt sich (meistens), dass man sich noch innerhalb des Bereichs des Normalen bewegt, während der oder die, mit der man im Clinch liegt, außerhalb dieses Bereichs ist. Normen werden also nicht mit Argumenten begründet, sondern man urteilt „aus dem Bauch heraus“ (konkret: aufgrund der Werturteile, die man im Laufe des Lebens übernommen hat) und im Einklang mit den Urteilen der Menschen, denen man sich zugehörig fühlt.

Das Problem ist, dass man, wenn man sich aus der eigenen Gruppe herausbewegt, mit Menschen in Berührung kommt, die die Gruppennormen nicht teilen und mit denen man trotzdem reden muss und sie nicht als böse verdammen kann. (Mir kommen gerade Menschen in den Sinn, die in sehr strengen religiösen Gruppen erzogen worden sind. Aber nicht nur für sie ergeben sich Schwierigkeiten.)

In meinem Kommentar in Katrins Blog habe ich darauf hingewiesen, dass ein Unterschied zwischen Moral und Moralisierung besteht (oder, in Adjektiven, moralisch und moralistisch oder moralisierend). Moralisierung bedeutet die Instrumentalisierung von moralischen Begrifflichkeiten, Moral bedeutet, dass man tatsächlich die eigenen moralischen Vorstellungen reflektiert. Reflexion heißt auch, dass nach Begründungen für die eigene Position gesucht wird. Leider wird aber zu oft nicht nach moralischen Begründungen gesucht, sondern stattdessen wird versucht, die eigenen (Gruppen-)normen durchzusetzen, und zwar nicht durch Argumente, sondern im weitesten Sinn durch Einschüchterung. Es gibt aber eben auch die andere Möglichkeit.

Ich komme nun zum zweiten Punkt, der mich irritiert hat: Die Berufung auf den „bösen“ Carl Schmitt, vermittelt durch Chantal Mouffe. Da ich Chantal Mouffes Buch nicht gelesen habe, habe ich beschlossen, mir lieber einen Aufsatz über Carl Schmitt vorzunehmen, den ich im letzten Sommer im Buch Moralität des Bösen gefunden habe: „Carl Schmitt: Recht und Moral im Kontext des Nationalsozialismus“ von Matthias Lutz-Bachmann.

Um es vorwegzunehmen: Die Anführungszeichen um das Attribut „böse“ auf Carl Schmitt stammen von Katrin. Ich würde sie weglassen.

Der Artikel bezieht sich auf Schmitts Rechtfertigung der Ermordung von politischen Gegnern durch Hitler nach dem Röhm-Putsch 1934 und auf einen Artikel von 1932 „der Begriff des Politischen„. Carl Schmitt rechtfertigte Hitlers Handeln damit, dass er den Staat schützen muss und damit „Recht schafft“. Er wendet sich gegen die Teilung der Gewalten, und als höchste Quelle des Rechts sieht er das „Lebensrecht des Volkes“ an. Das „Politische“ charakterisiert er dadurch, dass die zentrale Kategorie die von Freunden und Feinden ist, also nicht gut und böse wie im Bereich des Moralischen. Durch den Feind wird die eigene Identität charakterisiert. Es geht dabei immer um Gruppen, die einander feindlich gegenüber stehen, nie um Einzelmenschen. Feindschaft schließt dabei immer die Bereitschaft zum Töten (und Getötetwerden) ein: Krieg ist ein essentieller Bestandteil der Politik, und er bedarf keiner moralischen Rechtfertigung: Er folgt einfach aus der Natur des Politischen, das Schmitt als Gegensatz zwischen Freunden und Feinden definiert.

Kampf im politischen Sinn schließt für Schmitt die Bereichtschaft zum physischen Töten der Anderen ein, er ist die „seinsmäßige Negierung eines anderen Sein“

Ich las das und auf einmal fiel mir auf: all das, was in dem Buch, das ich zur Zeit lese (Samuel Salzborn: „Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne“) als pathologisch bezeichnet wird, taucht hier als Ideal auf: Denken in Gruppen, Projektionen, Unfähigkeit zur Selbstreflexion, Freund-Feind-Denken (Manichäismus, allerdings ohne moralische Komponente), Selbstdefinition durch „Andere“, fehlende Graustufen und fehlende Differenzierung, sowie fehlende Überprüfung der eigenen Theorien an der Realität. (Feinde werden „definiert“).

Es gibt also keinen Grund, sich irgendwie positiv darauf zu beziehen.

Ich komme jetzt wieder auf den Anfang zurück: Ich würde die Linie nicht zwischen Moral und Politik ziehen, sondern zwischen Argumentation als Strategie auf der einen Seite und auf der anderen Seite Strategien, bei denen es in erster Linie darum geht, Gruppen zu definieren, in denen bestimmte Normen gelten, so dass diejenigen, die sich nicht an die Normen halten, entweder weil sie sie für falsch halten oder weil sie sie schlicht nicht kennen (vor allem der Fall bei Tabus, zum Beispiel Tabuwörtern), ausgeschlossen werden können.

Damit möchte ich keiner „Flauschigkeit“ das Wort reden: Im Gegenteil, ich halte es für wichtig, dass Positionen klar vertreten und begründet werden, und das heißt auch, dass Positionen, die zur eigenen Position in Widerspruch stehen, abgelehnt werden.

(Im vergangenen Sommer habe ich die Logisch-Semantische Propädeutik von Ernst Tugendhat gelesen. Er begründet den Satz vom ausgeschlossenen Dritten folgendermaßen: Jemand, der sagt, dass etwas sei und gleichzeitig nicht sei, sagt nichts, sondern redet nur.)

Flauschigkeit in dem Sinn, dass man jedem nach dem Munde reden und jedem gefallen möchte, halte ich für fragwürdig.

Aber Respekt gegenüber Menschen, die anderer Meinung sind, scheint mir unerlässlich, ja, und, für Leute, die bei Debatten bei Metafandom dabei waren: Ja, es geht um das sogenannte tone argument. Es geht um die Form der Kritik. Es geht darum, ob Menschen, mit denen man nicht übereinstimmt, ausgeschlossen werden oder ob man argumentiert, und eventuell dann feststellt, dass sie tatsächlich bereit sind dazuzulernen – oder dass man selbst dazulernt.

(Es gibt natürlich auch Situationen, für die eine gewisse Übereinstimmung unerlässlich ist, etwa wenn man gemeinsam ein Projekt aufzieht. Fandom als solches ist aber kein solches Projekt.)

Wenn Argumente und Erklärungen, warum ein bestimmtes Verhalten fragwürdig ist, dadurch ersetzt werden, dass die betreffenden Personen an den Pranger gestellt werden, hat das nicht mehr viel mit Moral im Sinne von Reflexion zu tun, sondern nur noch damit, dass Gruppen von Guten und Bösen definiert werden, wobei immer klar ist, dass die, die das an den Pranger stellen betreiben, zu den Guten gehören und ihr eigenes Verhalten nicht reflektieren müssen.

Ich möchte mich hier nicht für Rassismus und Homophobie etc. einsetzen. Aber ich möchte mich dafür einsetzen, dass auch solchen Menschen mit Argumenten und nicht mit Beschimpfung begegnet wird.

(Ach ja, und zum Krakengate habe ich auch noch etwas zu sagen. Aber nicht heute.)

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