kein Fall von mangelnder Bildung

Ich habe gerade in der SZ einen Artikel gefunden, in dem beschrieben wird, wie versucht wird, die Folgen der Koranverbrennung/entsorgung zu lindern, nämlich durch Schulungen der Soldaten: Soldaten auf die Schulbank.

Nun ist es generell eine gute Sache, wenn Menschen ein wenig Sensibilität für andere Kulturkreise entwickeln, insbesonders wenn sie sich gerade in einem Land aus dem betreffenden Kulturkreis aufhalten. Der Artikel bemängelt, dass dies über zehn Jahre nach dem Beginn des Krieges etwas spät ist: man hätte dies auch früher tun können. Aber ich frage mich, ob das den Punkt trifft. Braucht man wirklich Schulungen, um zu lernen, dass man einen Koran, den man einem Gefangenen abgenommen hat, nicht „entsorgt“, schon gar nicht, indem man ihn verbrennt? Können sich das die Menschen nicht auch von selbst denken? Ist das nicht selbstverständlich?

Schulung klingt nach Wissensvermittlung. Ich fürchte jedoch, dass die Ursache für die Entsorgung/Verbrennung der Koranexemplare im emotionalen und nicht im kognitiven Bereich liegt.

Dies entschuldigt nicht, dass der Ärger der Bevölkerung jetzt von den Taliban ausgenutzt und instrumentalisiert wird, und schon gar nicht entschuldigt es, dass Menschen getötet wurden, noch haben die amerikanischen Soldaten Schuld an diesen Toten.

Mir kommt dies in den Sinn wegen der Debatte, die wir hier im Herbst über Nora Sow hatten, und auch über den #krakengate auf Twitter. Sind historische oder kulturwissenschaftliche Detailkenntnisse notwendig, um zu wissen, dass man manche Dinge nicht tut? Bei manchen Punkten ist das wohl so, bei anderen sollte es sich jedoch wohl aus einfachem Respekt für andere Menschen ergeben, dass sie nicht angemessen sind.

Vielleicht kann ich es so formulieren: Manche Dinge sollten sich einfach daraus ergeben, dass man den anderen respektiert als jemanden, der im Prinzip so ist, wie man selbst. Dies ist nun genau die Umkehrung der Behauptung, dass die Soldaten mehr über die andere, fremde Kultur des Islams lernen sollten. Möglicherweise sollten sie nicht lernen, dass die anderen fremd sind und eine andere, merkwürdige Kultur haben, die man nicht ohne weiteres verstehen kann, so dass man spezielle Schulungen braucht, sondern viel eher, dass die anderem einem selbst ähnlich sind und dass sie sich daher verletzt fühlen, wenn das, was ihnen heilig ist, unwürdig behandelt wird, genau wie man selbst sich im entsprechenden Fall fühlen würde.

Oder – und dieser Verdacht drängt sich mir auf – die, die die Koranexemplare verbrannt haben, wissen, dass die Afghanen ihnen ähnlich sind und sich verletzt fühlen, und legten es darauf an. Vielleicht ging es ihnen darum, eigene Wut und Frustration abzureagieren und achteten nicht gut genug darauf, dass nichts nach außen dringt. Vielleicht müsste es in diesen Schulungen darum gehen, mit der eigenen Frustration und der eigenen Wut auf eine andere Wut umzugehen.

Hier ist noch ein Interview im Deutschlandfunk: Interview mit Thomas Ruttig Afghanistan Analyst Network

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2 Antworten zu kein Fall von mangelnder Bildung

  1. Andreas Moser schreibt:

    Man muß wirklich kein Experte für interkulturelle Bildung sein, um zu wissen daß man Bücher nicht verbrennt: http://andreasmoser.wordpress.com/2012/02/24/bucherverbrennung-hier-und-dort/ – Anscheinend haben Afghanen mehr aus der Geschichte gelernt als der Westen.

    • susanna14 schreibt:

      Daran habe ich jetzt gar nicht gedacht, aber du hast natürlich recht.

      Es heißt immer, die Bücher hätten „entsorgt“ werden sollen. (Was wäre da eigentlich das englische Wort? Entsorgen ist ja so eine deutsche Neuschöpfung, die erst in den letzten Jahrzehnten entstanden ist.) Ich muss gestehen, dass ich auch schon Bücher entsorgt habe,. solche, die auch die Stadtbücherei nicht mehr geschenkt haben wollte. Das war dann keine öffentliche Verbrennung (die wirklich tabu sein sollte), sondern ich habe die Bücher einfach zum Altpapier getan. Ich kenne mich jetzt mit Kirchen nicht so aus, aber vielleicht geschieht es dort auch hin und wieder, dass alte Exemplare der Bibel (die für den Konfirmandenunterricht, für „Glaubensgespräche“ und ähnliches genutzt werden) zum Altpapier wandern und durch neue Exemplare ersetzt werden. So wie ich Pfarrer und Pfarrerinnen kenne, können die da ziemlich unsentimental sein, es sind eher die einfachen Gläubigen, die einem konkreten Exemplar der Bibel einen so hohen Wert sehen.

      Aber das sind dann deren Exemplare… Ich habe übrigens jetzt deinen Link angeklickt: Du schreibst, dass es sich um Exemplare handelt, die dem Gefängnis gehörten. In anderen Beiträgen hörte ich, dass die Exemplare den Gefangenen gehörten. Aber trotzdem sollte man doch eigentlich wissen, dass es sich beim Koran um ein besonderes Buch handelt, und dass man sich zumindest erkundigen sollte, wie man es „entsorgt“.

      Mein unmittelbarer Verdacht, als ich die Geschichte las, war, dass es sich nicht wirklich um Entsorgung handelt, sondern dass die Demütigung beabsichtigt war. Dies muss ich jetzt revidieren. Dennoch ist die Insensibilität bemerkenswert.

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