„Ich möchte nicht zum Mond gelangen…“

„…jedoch zu meindes Feindes Tür“ – so fing die vierte Strophe eines Kirchenliedes an, das ich während der Achtziger in friedensbewegten Kirchentagskreisen eine gewisse Popularität hatte. Die erste Strophe fing an: „Herr, gib mir Mut zum Brückenbauen, gib mir den Mut zum ersten Schritt.“ (Gesamter Text)

Ich musste in letzter Zeit öfter daran denken, zum Beispiel, als ich auf der website des Metta-Centers auf ein Zitat stieß, auf dem möglicherweise der Liedtext beruht:

We can send men to the moon, Martin Luther King pointed out, but we cannot get along with one another here on Earth.

Ich musste aber vor allem an dieses Lied denken, als ich im Gespräch mit einem Schüler auf die Mondlandungen zu sprechen kam. Ich erklärte ihm, dass sie kein Fake sind, und dass die Fahne nicht im Wind flatterte, sondern von einer Querstange gehalten wurde (Widerlegung der Argumente der Mondlandungs-Fake-Verschwörungstheorie), dass aber schon lange niemand mehr auf dem Mond war. „Was will man dort?“ fragte ich. „Nur Steine.“

Die technische Entwicklung hat seit der Zeit, als das Brückenbau-Lied gedichtet wurde, eine ganz unerwartete Richtung eingeschlagen. Von interstellarer Raumfahrt spricht niemand mehr, und Satelliten haben in erster Linie den Zweck, die Kommunikation auf dieser Erde zu fördern (oder die Unterhaltung und Zerstreuung, je nach Sichtweise) und uns mittels GPS-System die Orientierung zu erleichtern. Von einer Reise zum Mars ist hin und wieder die Rede, aber nicht ernsthaft: zu teuer, zu langwierig. Interstellare Reisen sind dorthin verbannt, wohin sie gehören: Ins Reich der Fantasie.

Computer werden nicht verwendet, um Weltraumreisen zu steuern (und übernehmen auch nicht das Kommando wie HAL in Odyssee 2001), sondern um sich weltumspannend Katzen-Videos zu verschicken – oder eben auch politische Nachrichten. Wir leben einer Welt, die die Fantasie von Science-Fiction-Autoren und Liederdichtern übersteigt.

Ob die weitergehende Hoffnung Wirklichkeit geworden ist, die dass Brücken zwischen Feinden gebaut werden? Ich zweifle daran. Die meisten Verbindungen werden zwischen Menschen geknüpft, die sich vorher nicht kannten und sich neugierig-neutral begegnen, aber nicht zwischen Feinden.

Und während uns mittlerweile klar ist, dass die anderen Planeten in unserem Sonnensystem eher lebensfeindlich sind (es gibt allerhöchstens Spekulationen über extremophile Mikroorganismen auf den Monden von Jupiter oder Saturn), hat die Suche nach sogenannten Exoplaneten, also Planeten, die um eine andere Sonne/einen anderen Stern kreisen, begonnen. Es ist mittlerweile möglich, auch Planeten zu finden, deren Größenordnung im Bereich der Erde, nicht des Jupiters liegt, und man findet zunehmend auch welche, die im richtigen Temperaturbereich für flüssiges Wasser liegen, also Leben erlauben. Gerade heute habe ich verschiedene Meldungen gefunden, dass ein möglicherweise bewohnbarer Planet in nur 22 Lichtjahren Entfernung entdeckt wurde: Astronomie um Mitternacht. (Für interstellare Verhältnisse ist das ziemlich nah. Zu weit weg zum Hinfliegen, nah genug für den Austausch von Botschaften.)

Nicht einmal die Aliens sind noch, was sie einmal waren. Neugier ist das, was mir am meisten aus den Artikeln über eine „Super-Erde“ hervorsticht ist das Gefühl der Neugier: Vielleicht ist da eine Zivilation, mit der wir uns austauschen können. Die Möglichkeit einer Bedrohung wird nicht in Betracht gezogen. (Vielleicht törichterweise.)

P.S. Ein paar Worte zu Metta-Center: Ich habe die Site vor über einem Jahr gefunden und lese nun mehr oder weniger regelmäßig die Artikel, die ich dort lese. Die Organisation widmet sich der Praxis der NonViolence (Gewaltfreiheit) und bietet Seminare dazu an. Wichtigste Autorität ist Mahatma Gandhi. Ich habe einiges von dort gelernt, insbesondere über non-cooperation und constructive programme, aber ich bin mir noch nicht sicher, was ich von der Site als ganzer halten soll. Ich denke, dass ich eher der säkularen, pragmatischen Version von Gewaltfreiheit zuneige als der spirituellen, prinzipiellen. Ich merke allerdings, dass ich mich noch stärker mit den Inhalten dieser Site auseinandersetzen muss.

Insgesamt geht es mir ähnlich wie bei Familylab: Ich erkenne Werte, mit denen ich großgeworden bin und an denen ich jetzt zumindest teilweise zweifle. Ich bin noch dabei, auszusortieren, was von diesen Werten ich behalten will, und was ich als Teil der Lüge und des Victim-Blamings betrachten will, mit dem ich großgeworden bin.

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