Große Kleine Jungs: Maskulinisten in der Pädagogik

Edit: Es gibt mittlerweile zwei neuere Beiträge zu diesem Thema:
Wiedersehen mit einem Satz
Nachtrag zum gestrigen Beitrag: Wiedersehen mit einem Satz

Ich folge zur Zeit @familylab_de bei Twitter, vor allem weil ich ein paar Bücher von Jesper Juul in Buchhandlungen gesehen und hineingelesen habe und sie mochte. (Ich habe auch ein Interview in der Brigitte mit ihm vollständig gelesen und mochte es auch.) Ich mag seine gelassene Art, und, ja, im großen und ganzen entsprechen seine Ansichten denen, die auch meine waren, seit ich ungefähr vierzehn war.
Ich habe auch ein Buch von Wolfgang Bergmann gelesen („Unsere Kinder, unser Glück“), in dem er sich gegen Michael Winterhoffs These von kleinen Tyrannen wendet. Im großen und ganzen mag ich seine Ansichten auch. Wo ich hin und wieder mit den Ohren schlackerte: Bei den Geschlechterklischees, die offensichtlich vierzig Jahre Frauenbewegung unbeschadet überlebt haben. Aber ich hatte mir vorgenommen, dass ich mir einen ansonsten guten Autor nicht dadurch verleiden lassen will, dass ich mich über seine Ansichten über Frauen ärgere. Als junge Frau tat ich das, und viele Autoren, zum Beispiel Dietrich Bonhoeffer, wanderten dadurch wieder ins Regal: wenn jemand solche vorsintflutlichen Ansichten zu Frauen hat, interessiert mich nicht, was er zu anderen Themen denkt.
Ich hatte mir vorgenommen, diese Haltung zu überwinden. Ich dachte: vielleicht sind die Ansichten dieser Menschen zu anderen Themen dann lesenswert. Aber beim Thema Kindererziehung kommen mir so langsam Zweifel. Ich frage mich, ob hinter dem Maskulinismus nicht vor allem die Sehnsucht danach steht, tun und lassen zu können, was man will, anstatt die Regeln zivilisiern Zusammenzulebens zu lernen.
Normalerweise, wenn es nicht gerade um Jungen und Mädchen geht, sondern einfach um Kinder, ist Jesper Juul durchaus der Meinung, dass Kinder Sozialverhalten lernen sollen, und dass Kindergärtner und Lehrerinnen sie dabei auf liebevolle Weise unterstützen sollen. (Hier ist ein Artikel von ihm, den ich sehr mag: Time-out – Schluss damit!.)

Aber dann finde ich einen Tweet/Facebookeintrag wie diesen hier: http://www.facebook.com/pages/familylabde/167571786609273

„Wenn heute im Kindergarten beim Ballspielen eine Fensterscheibe zu Bruch geht, wird doch sofort der Morgenkreis einberufen. Jungen haben heute kaum noch die Fähigkeit, sich selbst in ihrer Körperlichkeit, in ihrer männlichen Durchsetzungsfähigkeit kennenzulernen. Sie werden mit Teilen ihrer Männlichkeit überhaupt nicht mehr bekannt.“ Wolfgang Bergmann

Ich weiß nicht einmal, ob es mir gelingt, alle (hoffentlich) unbewussten Konnotationen aufzulisten, die in diesem Zitat auftauchen: Männlichkeit=Körperlichkeit=Durchsetzungsfähigkeit=Fensterscheiben zerbrechen. Der Morgenkreis erscheint dagegen wie ein Standgericht.

Vielleicht sollte einmal hinterfragt werden, inwiefern Durchsetzungsfähigkeit, insbesondere wenn sie mit Körperlichkeit verbunden ist, im Klartext also mit physischer Gewalt, wirklich ein positiver Wert ist. Was ist, wenn diese Gewalt nicht gegen Fensterscheiben, sondern gegen Menschen gerichtet wird? (Aber Raufen wird von Maskulinisten auch als positive Tätigkeit gesehen.) Was bedeutet das für die Schwächeren? Im Kindergarten sind meistens die jüngeren Kinder die Schwächeren, im erwachsenen Alter sind es Frauen.
Ich weiß schon, was geantwortet werden wird: „Aber so haben wir das nicht gemeint. Natürlich sind wir gegen Gewalt.“ (Ich kenne diese Sorte Leute: Ein bisschen (Sozial-)Pädagogik, ein bisschen Esoterik, aber keinerlei Fähigkeit, einen Gedanken zuende zu denken.)
Es gibt viele Gelegenheiten, körperliche Stärke auf produktive Weise zu erfahren, und zwar für Mädchen und Jungen. Fensterscheiben zerbrechen gehört nicht dazu. Was wichtig wäre: die körperliche Stärke zu erfahren und kontrollieren zu lernen, und das lernt man nicht, wenn man Fensterscheiben zerbricht. Statt Durchsetzungsfähigkeit sollten Verhandlungsfähigkeit, die Fähigkeit Kompromisse zu schließen, die Fähigkeit, Lösungen zu finden, die für alle gut sind, im Zentrum der Pädagogik stehen.

Dies ist in aller Regel bei der heutigen Pädagogik auch der Fall. Nur ein paar Maskulinisten beklagen, dass ihnen (beziehungsweise den Jungs, mit denen sie sich identifizieren, oder auch den Jungs, die sie in ihrer Vergangenheit einmal waren) jetzt gesagt wird, dass gewisse Verhaltensweisen, die sonst okay waren, es jetzt nicht mehr sind. Es ist ein gewisser Nachteil für die Jungs, die jetzt nicht mehr alles tun können, was sie wollen, die also insbesondere ihre Durchsetzungsfähigkeit nicht mehr auf der körperlichen Ebene erfahren dürfen (sprich: Gewalt ausüben.) Es ist allerdings ein großer Fortschritt für die Schwächeren, die jetzt nicht mehr unter diesem Verhalten leiden müssen.

Ich habe schon früher bei LJ zu diesem Thema geschrieben: Poor Boys

Ja, und mittlerweile führt dies bei mir auch zu einer generellen Skepsis gegenüber der von diesen großen Jungs vertretenen Pädagogik: Legen sie nicht generell zu viel Wert darauf, dass Kinder tun dürfen, was sie wollen?

Dieser Beitrag wurde unter Bildung, Erziehung, Erziehung zur Gewalt, Feminismus, Maskulinismus in der Pädagogik: Poor Boys, Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Große Kleine Jungs: Maskulinisten in der Pädagogik

  1. Pingback: Wiedersehen mit einem Satz | susanna14

  2. Lautenist schreibt:

    Ich teile im grossen und ganzen Deine Ansicht, möchte aber auch darauf hinweisen, dass Körperlichkeit (egal ob männliche oder weibliche) auch erlebt werden will. da hat der Onkel Bergmann recht – auch wenn er eine etwas verquere Vorstellung davon zu haben scheint, was denn diese Körperlichkeit ausmacht.
    Das andere, was ich ansprechen möchte ist die Konfliktlösung durch den Einsatz von Gewalt. Auch damit muss man umzugehen lernen. Die Welt wird nie nur von idealen Situationen bestimmt sein. Und auch ich selbst ertappe mich ab und an dabei, Gewalt als einen Weg hin zur Lösung eines Problems zu sehen: Zum Beispiel bei dem Konflikt im Nahen Osten. Ohne, dass dort jemand kommt und die Streithähne auseinander hält wird es keine Chance zum Frieden geben. Dieser jemand muss stark genug sein, um die streitenden Parteien wirklich auseinander zu halten. Und kann dann versuchen, Wege zueinander zu ebnen. Dieser Konflikt ist in einem Stadium, in dem vernünftige Konfliktvermeidung und -lösung nicht mehr funktioniert.
    Was meinst Du? Oder habe ich Dich falsch verstanden?

    • susanna14 schreibt:

      Erst einmal möchte ich mich entschuldigen, dass ich erst jetzt antworte. Dein Kommentar ist im Spam-Ordner gelandet.

      Körperlichkeit ist nicht das gleiche wie Gewalt. Die Kinder sollen laufen und klettern und im Matsch spielen und was immer ihnen einfällt.

      Gewalt ist manchmal notwendig, aber sie löst Konflikte nicht, sondern beendet sie bestenfalls. Nicht derjenige, der Recht hat, sondern der, der stärker ist, setzt sich durch. Manchmal ist es notwendig, sich mit Gewalt zu verteidigen, ich bin jetzt keine andere-Wange-hinhalten-Pazifistin. Aber Wolfgang Bergmann tut so, als sei Gewalt ein ganz normaler Teil des Lebens, und das ist er zum Glück nicht. Ich meine: Wie oft übst du in deinem Alltag reale Gewalt aus, also jetzt nicht beim Kampfsport-Training, sondern wirklich um etwas zu erreichen oder um dich zu verteidigen? Wahrscheinlich so gut wie nie. Das sollten wir den Kindern beibringen.

      Was den Konflikt zwischen der Hamas (es ist ja nicht ganz Palästina) und Israel anbelangt, habe ich auch keine Lösung. Ich fürchte, das Problem bei der Hamas besteht darin, dass sie rationalen Argumenten unzugänglich ist.

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