Ageism: Mit zunehmendem Alter bin ich imstande festzustellen, dass sich in der Welt tatsächlich etwas ändert.

Warnung: Ageism.

Es sind drei verschiedene Themenfelder, in denen es mir in letzter Zeit aufgefallen ist, dass ich die Welt nicht so pessimistisch betrachte wie viele meiner jüngeren Mitmenschen.

Gestern war es der Klimawandel. Ich hörte Klagen darüber, dass einfach nichts passiert, obgleich man längst bescheid weiß.

Vor ein paar Monaten, und davor vor ein paar Jahren, war es das Thema Feminismus. Ich hörte Klagen, dass Frauen immer noch nicht gleichberechtigt sind. Das die Situation besser ist als vor ein paar Jahrzehnten, gilt nicht als Gegenargument: man will sich (berechtigterweise) nicht über etwas freuen sollen, das weit hinter dem zurückbleibt, was eigentlich selbstverständlich sein sollte. Man will dafür auch nicht dankbar sein.

Und das dritte Thema ist das der Gewalt. Hier kann ich mich an keine spezielle Situation erinnern, in der jemand darüber klagte, dass sich nichts daran ändert. Aber vielleicht ist es doch ein Allgemeinplatz, den die meisten schon gehört haben, dass Krieg und Gewalt bestehen, seit die Menschheit existiert, und auch weiter existieren werden, so lange es die Menschen gibt. (Manche ziehen daraus den Schluss, dass eine Welt ohne Menschen eine bessere Welt wäre.)

Im Winter habe ich jetzt das Buch von Steven Pinker gelesen: „Gewalt. Eine andere Geschichte der Menschheit.“ Er stellt die Behauptung auf, dass die Gewalt unter Menschen sich in den letzten zehntausend Jahren verringert hat. Er bezieht das auf verschiedene Formen der Gewalt, von Krieg bis zu Gewalt als Erziehungsmaßnahme gegen Kinder, und stellt fest, dass alle diese Formen von Gewalt zurückgegangen sind.

Er führt dies hauptsächlich auf den gesteigerten Gebrauch der menschlichen Vernunft zurück, aber das ist nicht mein Hauptpunkt. Mein Hauptpunkt ist, dass es zwischen „es war immer schrecklich und wird immer schrecklich bleiben“ und „es ist alles gut“ noch eine Position dazwischen gibt, nämlich: „Es ist besser als früher, es ist aber nicht gut.“

Was die Energiewende anbelangt, ist die Situation viel besser als vor zwanzig Jahren. Die technischen Möglichkeiten sind enorm gewachsen. Es wird nicht mehr darüber diskutiert, ob es möglich ist, die Energieversorgung durch Sonne und Wind sicherzustellen, sondern darüber, wie man die Energie intelligent verteilen und wie man sie speichern kann. Es gibt Kraft-Wärme-Kopplung für den Keller. Häuser können viel besser isoliert werden als früher. Trotz allem sind die CO2-Emissionen nur geringfügig gesunken.

Was Feminismus anbelangt ist die Situation auch viel besser als vor hundert Jahren. Sie ist auch besser als vor zwanzig Jahren, obgleich ich denke, dass es manche Bereiche gibt, in denen es Rückschritte gegeben hat. Aber vor dreißig Jahren gab es weder Polizistinnen noch Skispringerinnen, und am Briefkasten stand nur der Name meines Vaters, und mir erschien das als Kind als etwas, was ich hinzunehmen hatte.

„Es ist besser als früher, aber noch lange nicht gut“ – diese Haltung beschreibt nicht nur die Wirklichkeit besser als „es ist alles schrecklich und wird immer so bleiben“ oder „es ist alles gut“ (einfach, weil sie differenzierter ist, und größere Differenzierung erlaubt), sondern sie ermutigt auch, tätig zu werden. „Es ist möglich, etwas zum Besseren zu verändern.“ Und dann ist es möglich, zu schauen, was sich zum Besseren verändert hat, welche Aktivitäten geholfen haben, welche Aktivitäten kontraproduktiv waren, und welche Mechanismen oder auch Personen weitergehenden Verbesserungen im Wege stehen.

Es ist auch eine Haltung, die es ermöglicht, denen, die dafür gesorgt haben, dass es nun besser ist, die angemessene Dankbarkeit entgegen zu bringen. (Nicht denen, die Verbesserungen verhindern.)

Die Haltung „es ist schlimm und wird immer schlimmer bleiben“ erscheint mir dagegen die von Menschen, die sich selbst als unschuldig darstellen (womit sie vielleichst sogar Recht haben) und die auch keine Verantwortung dafür übernehmen wollen, dass sich etwas ändert. (Vor einer Weile habe ich an einem schönen Beispiel den Unterschied zwischen Verantwortung und Schuld gelernt: Wenn jemand an einem Autounfall vorbeifährt, dann ist er oder sie nicht daran schuld, er ist aber trotzdem verantwortlich zu helfen.)

Es ist eine Haltung von Jugendlichen, die tatsächlich aufgrund ihrer Jugend noch nicht verantwortlich sind, vor allem weil sie noch nicht die Möglichkeit haben, viel zu tun (etwa im Rahmen eines Berufes.) Es ist die Haltung von Jugendlichen, die gerade der typischen Position von Kindern entwachsen sind, die darin besteht, dass Kinder die Welt hinnehmen wie sie ist. Sie entdecken, dass die Welt wie sie ist, nicht gut ist und protestieren dagegen. Sie geben (als Jugendliche noch zu Recht) den Erwachsenen die Verantwortung dafür, dass sie Welt nicht ist wie sie ist.

Ich weiß nicht, wie viel ich schon dafür getan habe, dass die Welt sich ändert. Regelmäßig wählen gehen. Als Mentorin arbeiten. In meiner beruflichen Arbeit versuchen, meine Ideale zu verwirklichen. Sie in Diskussionen mit Freunden vertreten. Ich sehe, dass andere Menschen, die genauso alt wie ich sind, viel mehr getan haben.

Ich bin nur irritiert, wenn andere nicht sehen, was alles schon getan und erreicht wurde, insbesondere dann nicht, wenn es sich um Erwachsene handelt, die eigentlich schon zu einer differenzierteren Sicht in der Lage sein sollten.

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