zu Jean Liedloffs Vorstellungen von Erziehung

Gerade habe ich bei familylab die Übersetzung des Artikels „Who’s in control“ von Jean Liedloff gefunden. Ich denke, dass eigentlich schon der Titel des Artikels die Autoren einer Site, die sich progressiven, dem Kind zugewandten Erziehungsmethoden widmet (oder im Prinzip ein einfaches Zusammenleben mit dem Kind den Erziehungsmethoden vorzieht) hätte misstrauisch machen sollen. Ich habe ihnen auf Twitter geantwortet, und veröffentliche meine Antwort auch hier:

Ich folge Ihnen, weil ich die Texte von Juul Jesper mag. Allerdings finde ich manche Ihrer Tweets problematisch, und besonders problematisch finde ich jetzt den Text von Jean Liedloff, den sie gerade verlinkt haben. Ich habe Jean Liedloffs Bücher vor einigen Jahren im Studium kennengelernt; sie wurden mir empfohlen mit einer Haltung: „unbedingt lesen, ganz wichtige Weisheiten von noch natürlich lebenden Urvölkern.“
Ich lieh mir also das Buch, und nach einer Weile stieß mir manches doch als problematisch auf. Ein Beispiel kann ich an dem Text zeigen, den sie gerade verlinkt haben: Da wird gepriesen, wie wenig Streit die Kinder untereinander haben und wie wenig sie sich mit Erwachsenen streiten, wie wenig sie dazwischenreden und wie hilfsbereit sie sind. Gleichzeitig wird gesagt, sie wüchsen zu selbstbewussten, glücklichen, hilfsbereiten Erwachsenen heran, ohne dass etwa an Beispielen deutlich gemacht wird, was „glücklich“ oder „selbstbewusst“ heißt.
Ähnlich geht es mir mit den Erziehungszielen. Sind „freudig gehorchende“ Kinder, die man nicht zum Gehorchen zwingen muss, wirklich das, was wir wollen?

Ich würde eine kritische Auseinandersetzung mit den Ansichten von Jean Liedloff erwarten, ohne ihre Positionen ganz zu verwerfen. Fragen, die meiner Meinung nach gestellt werden müssten, sind:

– Welches Ideal von Kindern und Erwachsenen drückt sich in den Texten von Jean Liedloff aus?
– Welche Ziele von Erziehung sieht sie?
– Wo fällt sie wieder in die ganz alten autoritären Fallen zurück (in Deutschland bekannt durch „die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“), die sie jetzt mit der Weisheit der Naturvölker unterstreicht? Und als Deutsche sollte man doch eigentlich bei einem Wort wie „Führung“ schon misstrauisch werden – oder ist das engliche Wort gar „control“ und der Fehler liegt bei der Übersetzerin? Umso schlimmer.
– inwiefern ist die Situation eines Naturvolks, in dem alle zu einer Gruppe mit allgemein anerkannten Verhaltensstandards gehören, übertragbar auf eine moderne pluralistische Gesellschaft, in der einerseits Kinder und vor allem Jugendliche mit vielen unterschiedlichen Wertvorstellungen und Verhaltensweisen konfrontiert werden und in der andererseits Erwachsene längst nicht mehr so sicher sein können, dass das, was sie immer tun, richtig und gut ist, einfach, weil sie mit vielen anderen Verhaltensweisen konfrontiert sind.
Wir leben in einer Gesellschaft, in der Normen nicht mehr einfach vorgegeben sind, „weil es schon immer so war“ oder „weil man das eben so macht“, sondern in der Normen diskutiert und hinterfragt und hin und wieder verändert werden. Vielleicht ist es nur „natürlich“, dass unsere Kinder dies ebenfalls tun.

Auf der anderen Seite denke ich, dass in der antiautoritären Bewegung zu wenig beachtet wurde, dass Kinder in eine hochkomplexe Welt hineingeboren werden, in der sie sich alleine nicht zurechtfinden und in der sie Erwachsene brauchen, die ihnen helfen, sich zurechtzufinden. Aber den meisten Erwachsenen, die ich kenne, gelingt dies auch.

Ich mag die meisten Ihrer Texte, und ich glaube, dass es für Kinder wichtig ist, dass sie wissen, dass sie Menschen und keine Wunscherfüllungsmaschinen als Eltern haben. Aber der Text, den sie gerade verlinkt haben, scheint mir doch zu sehr alte, autoritäre Verhaltensweisen zu unterstützen. Die eigentliche Kunst der Erziehung – oder der Beziehung zu einem Kind! – besteht doch darin, ein Gleichgewicht zwischen den Wünschen und Bedürfnissen des Kinds und denen der Erwachsenen zu finden.

Edit 18.8.2014: Ich habe nun einen weiteren Text geschrieben, in welchem ich mich (unter anderem) mit Jean Liedloff auseinandersetze: Ob Kinder soziale Wesen seien oder nicht, und warum das nicht dasselbe ist wie die Frage, ob sie gut sind oder nicht

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