zu den gegenwärtigen Diskussionen zu Feminismus und Rassismus, und den vergangenen Diskussionen auf Dreamwidth

Ich verfolge seit Sonntag die Diskussionen auf bei mh und vor allem Malte Welding zu der Angelegenheit mit Noah Sow. Ich folge außerdem dem Blog von Feministische Generationen von Stephanie Mayfield und dem Blog von Luise Pusch, wo es in den letzten Tagen ebenfalls zu einer Konfrontation gekommen ist. (Außerdem folge ich noch Antje Schrupp, Mädchenblog und grrls-team und diversen anderen, die ich aber hier nicht verlinke, weil es dort in letzter Zeit keine hitzigen Diskussionen gab.)

Ich habe dort bisher nicht kommentiert, weil ich nicht das Gefühl habe, dort etwas Substantielles zu sagen zu haben, habe aber mit dem Gedanken gespielt, selbst zu bloggen: Ich fühlte mich nämlich unangenehm an die Diskussion bei Dreamwidth erinnert, denen ich eine Weile lang gefolgt bin. Jetzt hat Cassandra einen Dreamwidth-Beitrag verlinkt und ich sehe mich veranlasst, meinem Vorsatz zu folgen. Es wird (aus Zeitmangel) mehrere Teile geben. Zunächst werde ich posten, was ich nicht in meinem Kommentar zu Katrin Roenicke geschrieben habe, weil ich denke, dass andere Menschen die Diskussionen bei Dreamwidth nicht interessieren. Es geht mir vor allem darum, dass ich Schwierigkeiten habe mit dem Anspruch derjenigen, die gerade vor kurzem die neueste feministische intersektionalistische Theorie an der Universität gelernt haben, dass sie deswegen mehr wissen als andere, die sich schon lange mit feministischen Themen befassen, eventuell auch mit Interkulturalität, aber gewisse Details nicht kennen, wie zum Beispiel das Wort „people of colour“ oder noch gar die Abkürzung PoC. (Zur Klarstellung – ich kenne das Wort PoC – dazu waren die Diskussionen bei Dreamwidth gut. Übrigens wird das Wort auch kontrovers diskutiert, vor allem, weil damit verschiedene nichtweiße Menschen in einen Topf geworfen werden, obgleich ihre Situation durchaus unterschiedlich ist.)

(Die Lampe ist ein anderer Fall. Um festzustellen, dass sie ein Affront ist, muss man nicht Gender Studies und Intersectionality studiert haben, sondern einfach fähig sein, sich in andere Menschen hineinzuversezten.)

Ich verfolge also eine ganze Menge feministische Blogs aus verschiedenen Richtungen. Was ich nicht mehr verfolge: Die Diskussionen auf „metafandom“ und „LinkSpam“ oder FWD (Falls eine mich von dort kennt: Ich bin dort auch als „susanna“ unterwegs, und außerdem bei LJ als senior_witch.) Ich habe mich von den Diskussionen dort verabschiedet, und zwar vor allem, weil dort der Diskurs, der an einigen Fakultäten der amerikanischen Universitäten, vor allem Literaturwissenschaft (mein Eindruck, keine wissenschaftliche Position), zum Mainstream geworden ist, jetzt als „Wahrheit“ und „Wissen“ und damit als Standard festgesetzt werden soll. Er ist aber nur in einem sehr kleinen Teil selbst der Universitäten Mainstream. Zum Beispiel ist der Konstruktivismus bei den Philosophen (in deren Fachgebiet diese Theorie eigentlich fällt) nicht Standard, sondern wird weiterhin kontrovers diskutiert.

Obgleich die Wortführerinnen bei den Diskussionen auf Dreamwidth in erster Linie College-Studentinnen und damit angehende Akademikerinnen sind, kann man die Diskussionen selbst nicht als akademische Diskussionen ernst nehmen. Dazu wurden sie zu hitzig geführt, und wer den „Sieg“ davontrug, wurde nicht durch die besseren Argumente, sondern durch die größere Lautstärke und die größere Anzahl an Anhängerinnen entschieden. Stimmen, die zur Mäßigung mahnten, gingen in aller Regel unter, bis eines Tages eine weiße selbsternannte Unterstützerin den Fehler machte, einer Frau, die zur Mäßigung mahnte, zu erklären, warum eine bestimmte Verhaltensweise kein „friendly banter“ sondern Rassismus ist, der keinesfalls toleriert werden kann. Dummerweise war die Frau, der dieses erklärt wurde, selbst eine PoC, was dazu führte, dass die selbsternannte Unterstützerin jetzt zum Objekt der Kritik wurde: Sie habe Whitesplaining praktiziert, ebenfalls eine Todsünde. Danach sind die Diskussionen eingeschlafen. (Linkspam hatte schon vorher seine Arbeit eingestellt, und FWD jetzt offensichtlich auch.)

Die Diskussionen bei Metafandom waren kein akademischer Diskurs und hatten auch nicht den Anspruch, ein solcher zu sein. Es war vielmehr so, dass Menschen, die gerade dabei waren, in einem bestimmten Bereich der Wissenschaft ihre Ausbildung zu erfahren, jetzt mit dieser frisch erworbenen Wissen ins Fandom kamen und es dort verkündigten, und zwar als Wissen, nicht als eine bestimmte Position im akademischen Diskurs. Es ging nicht darum, zu argumentieren, sondern die, die die spezielle Position nicht teilten, zu diffamieren.

Nicht nur wegen ihrem „Ton“, sondern auch wegen ihrer Niveaulosigkeit habe ich mich nach einer Weile von den dortigen Diskussionen verabschiedet. Ich finde es jetzt eher amüsant, wenn ein Dreamwidth-Artikel verlinkt wird. Ich habe von dort aus mal „Feminism 101“ angeklickt und fühlte mich erst einmal veralbert.

Ich schreibe gerade im Zorn – morgen werde ich etwas systematischer schreiben.

Ein Problem, das mir noch einfällt, ist die Vermischung von „akademischem Diskurs“ und „aus eigener Erfahrung sprechen“. Beides, akademische Weihen und eigene Erfahrung, sind Quellen von Wissen und Quellen von Autorität. Es sind aber unterschiedliche Dinge. Wenn ich etwas lernen möchte, dann kann ich in die UB gehen und erwarte dort wissenschaftliche Untersuchungen und Diskurse, mit klaren Analysen, empirischen Umfragen etc. etc. Ich kann aber auch schauen, was ich von Menschen lernen kann, die entsprechende Erfahrungen gemacht haben: Dann lese ich einen Roman, oder gehe in einen Film, der von einem Menschen mit solchen Erfahrungen geschrieben oder gedreht wurde, oder ich lese eine Autobiographie, oder ich höre einfach den Menschen in meiner Umgebung zu, die entsprechende Erfahrungen gemacht haben. In einer solchen Situation erwarte ich keine akademischen Kenntnisse oder differenzierte Argumentationen. Ich urteile also unterschiedlich: Bei einem akademischen Text lege ich akademische Maßstäbe an, wenn jemand aus ihrer Erfahrung heraus spricht, ist Authenzität das entscheidende Kriterium.

Im Idealfall finde ich einen Menschen, der oder die bestimmte Erfahrungen gemacht hat, und diese Erfahrungen jetzt mit Hilfe seines oder ihres akademischen Wissens reflektieren kann und dadurch eine hochreflektierte und hochdifferenzierte Position zu einer ganzen Menge von Themen entwickelt hat. Besonders beeindruckend finde ich in dieser Hinsicht zur Zeit das Blog von Detlef Georgia Schulze, Theorie als Praxis.

Wenn ich dagegen das Gefühl bekomme, dass eine in erster Linie das sagt, was sie vor kurzem erst im Seminar gelernt und noch sehr wenig reflektiert hat, dann habe ich kein Interesse, etwas von ihr zu lernen. (Ich erkenne dies in erster Linie daran, dass ich das, was sie sagt oder schreibt, fast in derselben Form schon woanders gehört habe, so dass es sich für mich eher wie eine gemeinsame Verteidigungslinie anfühlt als wie eine eigene reflektierte Position. Wenn ich so etwas feststelle, suche ich lieber nach dem Original.) Das gilt auch dann, wenn sie sich auf ihre Erfahrungen als Mitglied einer Gruppe beruft. Diese werden dann relevant, wenn sie auch tatsächlich von diesen Erfahrungen berichtet.

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14 Antworten zu zu den gegenwärtigen Diskussionen zu Feminismus und Rassismus, und den vergangenen Diskussionen auf Dreamwidth

  1. hinweis:

    „Ich verfolge seit Sonntag die Diskussionen auf bei die Kadda “

    der verlinkte beitrag stammt nicht @diekadda sondern mir.. @mh120480

    mfg
    mh

  2. danke!
    das ist ein sehr konstruktiver beitrag und ich hoffe, er findet die nötige beachtung.
    (den zorn hat man beinahe gar nicht bemerkt :))

    • susanna14 schreibt:

      Ich hatte strenge Eltern, und deswegen haben es vulgäre Ausdrücke nicht in meine Sprache geschafft. Wenn ich zornig bin, hört man das an der Stimmlage – und beim Schreiben fällt es nicht besonders auf. Ich gehe aber davon aus, dass Cassandra und Magda den Zorn, die Ironie und den Sarkasmus bemerken werden.

  3. irgendeine Userin schreibt:

    Schöner Beitrag. Bin auf die Fortsetzung gespannt.

    Respekt hab ich irgendwo mal gelesen und selbst auch gedacht.
    Respekt für das Gegenüber.

    Wobei ich für mich feststellte, dass es eben nicht nur Studierende sind, sondern es kommt auch aus anderen Ecken. Menschen, die sich irgendwie und irgendwo ihr Wissen holten. Was ich persönlich gut finde. Die aber daraus Verallgemeinerungen und Ziele generierten, die dazu führen könnten, so scheint deren Schlussfolgerung zu sein, eine bessere Welt zu erschaffen.
    Sie gehen dabei dogmatisch vor und verlangen Folgsamkeit vom Gegenüber.
    Wobei, ich glaube, diese Menschen würden mir auch sagen, dass sie gar wohl sehr reflektiert seien. Und vielleicht ist das auch so, nur das Internet mit seiner Kommunikationsform lässt ein Interagieren nicht zu.

    Als ich so in die Kommentar-Schlachten blickte, fiel mir ein Gespräch aus meiner Adoleszenz (frühe 20iger meines Lebens) ein: Ich unterhielt mich während irgendeine Wahlzeit mit einem politischen Gegner (CDU) auf der Straße. Ich fühle jetzt noch, wie dieser CDU-Mensch mich dennoch ernst nahm, obwohl ich ihm mitteilte, dass ich politisch nicht auf derselben Seite stehe. Er respektierte mich. Und ich konnte auch nachvollziehen, warum er da stand, um für seine Partei Werbung zu machen: Es war ihm wichtig…

    Ich weiß, es gibt Dinge, die verurteilt werden müssen. Knallhart und eindeutig.
    Und das Witzige ist ja, dass ich in der Sache, in der Thematik voll dabei bin.
    Nur nicht auf „deren“ Art und Weise in der Kommunikation im Internet.
    Ich empfinde es als ausgrenzend, wenn mir signalisiert wird – obwohl ich mich selbst als feministisch begreife -, dass ich erst dann mitreden kann, wenn ich dieses Buch, diese Zeitschrift, diesen und jenen Blog etc. gelesen habe. Und das Beste ist, wenn ich dann alles genau so wiedergebe, wie es mein Gegenüber sagt.
    Nein, will ich nicht. Und manchmal sogar, obwohl wir einer Meinung sind. Weil ich will mich nicht bevormunden lassen. Da bin ich eigen und ein bisschen trotzig.
    Ich bin lernend unterwegs. Aber wie ich und von wem lerne, möchte ich mir selbst überlassen wissen.
    Ich komme über meine Wege zu meinen Lösungen.

    Danke für deinen Blogeintrag @susanna14

  4. Cassandra schreibt:

    @susanna

    Erstmal: Hi! Und dann: Natürlich darfst Du wütend auf mich sein, wenn Du kritisiert wirst. Ich würde es, für mich, sogar wesentlich entspannter finden, wenn Du ganz direkt (mit Schimpfwörtern und allem) sagen kannst wo das Problem liegt, ohne etwas zurückzuhalten.

    Dann: Dreamwith.org ist, ähnlich wie livejournal glaub ich, eine Seite die jede Menge unterschiedlicher „Journale“ hostet.

    Ich habe nicht zu Dreamwith allgemein (und auch nicht zu metafandom) verlinkt, sondern zu einer bestimmten Seite eines bestimmten Journals. Auf dieser Seite finden sich jede Menge Links die sich mit (Anti)diskriminierungen verschiedenster Art auf ganz unterschiedliche Weise bschäftigen.

    zu „sondern einfach fähig sein, sich in andere Menschen hineinzuversezten.“

    Dass würde ich so nicht zu 100% unterschreiben wollen. Es geht gerade darum, Menschen glauben zu schenken, zu respektieren, auch wenn man sich nicht in sie hineinversetzen kann, nicht in ihrer Haut steckt.

    “ Beides, akademische Weihen und eigene Erfahrung, sind Quellen von Wissen und Quellen von Autorität. Es sind aber unterschiedliche Dinge. “

    Ich habe auch so meine Probleme mit der Dominanz (nicht der Existenz!) akademischer Diskurse.

    Allerdings kann man akademische Diskurse und eigene Erfahrungen nicht einfach voneinander trennen. Menschen wie bell hooks bspw. sind selber Akademikerinnen, bringen aber natürlich auch die persönlichen Erfahrungen mit ein.

    zu deinem Einwand: „Stimmen, die zur Mäßigung mahnten, gingen in aller Regel unter,…“

    dafür würde ich die empfehlen den Kommentar von gendalus

    http://blog.katrin-roenicke.net/?p=491#comment-728

    und vielleicht auch meine kleine Ergänzung dazu zu lesen:

    http://blog.katrin-roenicke.net/?p=491#comment-730

    Ich weiß nicht, ob das jetzt auf deinen spezifischen Fall zutrifft. Aber auch zu sagen „Nun streitet euch doch nicht! Einigt euch in der MItte!“ kann eine komplett unfaire Behandlung einer Situation sein.

    und dann kurz zum weiteren Vorgehen: Ich finde es völlig okay, wenn Du hier ganz ungestört deinen Frust rauslassen möchtest und mich hier gar nicht dabei haben willst.

    Ich kann es natürlich auch verstehen, wenn Du dich mit mir (und den anderen, die Du erwähnt hast) hier direkt auseinandersetzen möchtest.

    Vielleicht könntest Du kurz Bescheid geben, ob ich hier noch eine Weile vorbeischauen soll oder besser nicht?

    • susanna14 schreibt:

      Dreamwidth ist ein Livejournal-Klon, und außerdem ein Projekt von ehemaligen Livejoural-Leuten mit dem Anspruch, weniger kommerziell und mehr an der Community orientiert zu sein.

      Ich schreibe jetzt nur zu den Dingen, die ich gestern nicht beantwortet habe.

      „Dass würde ich so nicht zu 100% unterschreiben wollen. Es geht gerade darum, Menschen glauben zu schenken, zu respektieren, auch wenn man sich nicht in sie hineinversetzen kann, nicht in ihrer Haut steckt.“

      Es ging mir um die konkrete Situation mit der Lampe, und so wie ich die Geschichte verstanden habe, war das Problem nicht, dass sich die Asta-Leute geweigert hätten, Noah Sows Position zu akzeptieren und zu respektieren und die Lampe wegzuräumen, sondern dass sie nicht ohne Hinweise von ihr imstande waren, zu erkennen, dass die Lampe ein unmögliches Objekt ist. Und meine Frage ist dann: Hätte man von ihnen erwarten können, dass sie das wussten? Und hätte man das auch von Menschen erwarten können, die nicht auf dem neuesten Stand der Intersektionalismus-Forschung sind? Ich bin mir nicht sicher, aber ich neige zu der Antwort, dass dies erwartet werden kann.

      Es gibt natürlich Situationen, in denen ich einfach nur einem Menschen zuhöre, der von seiner Situation erzählt und diese Situation dann eben auch deutet und interpretiert. Aber das war erstens in der beschriebenen Situation nicht das Problem, und zweitens bedeutet es auch nicht, die Position des anderen vorbehaltlos zu akzeptieren. Es heißt nur zu akzeptieren, dass dies seine Sicht der Welt ist.

      Ich mag akademische Diskurse. Ich bin seit einem Jahr wieder an der Uni, und alles, was ich denke, ist: Boah! so vieles zu lesen, zu lernen, zu denken. Wie ich in meinem Kommentar bei Katrik Rönicke geschrieben habe: Nach meiner Erfahrung ist die Universität trotz aller ihrer Mängel der Ort, an dem Fragen, Zweifeln, Prüfen, Kritisieren und Diskutieren am meisten zuhause sind. Probleme habe ich mit Diskursen, die sich akademisch geben, etwa durch den Gebrauch von Worten, die nicht jeder kennt, die aber nicht akademisch sind, weil ihnen die oben genannten Eigenschaften fehlen.

      Ich habe deinen Kommentar zur Golden Mean Fallacy gelesen. Geschenkt, aber das ist nicht das Problem, um das es geht. Das Problem ist Respekt. Ich denke, dass man dem anderen ein bestimmtes Maß an Respekt schuldet, einfach weil er ein Mensch ist, und dass dies grundsätzlich so ist, egal wenn der andere sich verhält. Wenn der andere sich respektlos verhält, kann ich im Extremfall gehen und die Kommunikation abbrechen. Ich habe aber auch schon andere Verhaltensweisen erlebt, etwa die betreffende Person wüst beschimpfen.

  5. Cassandra schreibt:

    kurzer Nachtrag:

    ich hab‘ das „es ist okay of Cassandra sauer zu sein“ bei Julia Schramm nochmal etwas ausführlicher dargestellt. Vielleicht hilft das hier ja auch ein wenig weiter?

    http://juliaschramm.de/blog/moderne/wahrheit-und-normen/#comment-1072

    • susanna14 schreibt:

      Ich habe nicht geantwortet, weil ich gestern abend noch eine Menge anderes zu tun hatte. Deswegen, bevor du noch öfter schreibst, dass es okay ist, auf dich sauer zu sein: Ich beurteile selbst, ob mein Zorn in Ordnung ist oder nicht. Es wäre anders, wenn wir befreundet wären und ich mir deine Freundschaft erhalten wollte, und es wäre auch anders, wenn ich in deinem Blog kommentieren würde und fürchten würde, dass du mich zur Trollin erklärst und rauswirfst. Da das aber nicht der Fall ist, entscheide ich selbst.

      Du kannst hier gerne schreiben, so lange du dich an allgemeine Höflichkeitsregeln hältst (was du getan hast.) Dazu gehören eine Sprache, die ohne Schimpfwörter auskommt, ohne Angriffe gegen eine Person als Person und auch ohne Fäkalausdrücke. Ich bin da ein wenig altmodisch, und auch wenn es manchmal etwas etwas anstrengend ist, sich erst einmal zurückzuhalten und nicht sofort alles von der Leber zu schreiben, macht es insgesamt doch das Leben einfacher und entspannender. Unmittelbare Gefühlsausbrüche haben m.E. ihren Platz in der Krabbelgruppe und in der Therapie.

      Womit ich allerdings Probleme habe, sind Sätze wie „du kannst gerne wütend auf mich sein und mich beschimpfen“. Für mich klingt das wie Therapie: die Therapeutin ermutigt die Patientin ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen, mit der Gewissheit, dass die Therapeutin deswegen die Beziehung nicht beenden wird. Aber wir haben keine therapeutische Beziehung, sondern überhaupt keine, deswegen gelten für uns andere Maßstäbe, nämlich allgemeine Höflichkeitsregeln: der allgemeine Respekt, den Menschen einander schulden, auch wenn sie sich nicht kennen.

      Und für mich ist es eine Frage der Selbstachtung, mich an diese Regeln zu halten, selbst wenn ich wütend bin. Ich habe mich vor allem bei den Lesern und Leserinnen des Eintrags dafür entschuldigt, dass das, was ich schrieb, wenig kohärent und unsystematisch war. Ja, und dabei ist wohl auch meine konkrete Kritik an dir untergegangen. (Die Kritik an Magda habe ich in meinem Kommentar zum Blogpost von Katrin Roenicke untergebracht.)

      Also, meine konkrete Kritik an dir und Magda findet sich vor allem im letzen Absatz. Ich kann sie aber noch einmal präzisieren. Was mich zur Tastatur greifen ließ, war vielleicht nicht so sehr mein Zorn, sondern vielmehr meine Verblüffung, als ich sah, dass du einen Artikel verlinkt hast, der auf einer Dreamwidth-Community gepostet wurde, die sich normalerweise Verbreitung von gescannten Mangas und Comics widmet und es aus gegebenem Anlass für nötig gehalten hat, ein paar Informationsquellen zu Rassismus und Feminismus zu posten. Ich habe sowohl racialicious als auch die Linkliste bei Daily_Scan nur überflogen (FWD kannte ich schon und habe nach einer Weile aufgehört, dem Blog zu folgen): ich habe wenig Zeit, bin aber einigermaßen gebildet und bevorzuge daher Texte auf einem höheren Niveau mit einer höheren Informationsdichte. Das, was ich bei Racialicious und Daily_Scan fand, war mir zu schlicht. Ich gehe davon aus, dass für Katrin Roenicke und andere Mitdiskutantinnen ähnliches gilt. Warum empfiehlst du uns nicht ein akademisches Werk? Etwa einen Sammelband mit Aufsätzen der wichtigsten Theoretikerinnen, der einen guten Überblick zum Thema gibt?

      Ich habe mir also diese Links angesehen, und mittlerweile kann ich darüber lachen. Gestern war ich noch zornig. Ich wüsste gerne, mit welcher Absicht du diese Informationen herausgesucht hast: Sind es deine eigenen Informationsquellen? Oder sind es die Texte, von denen du meinst, dass sie genau das richtige Niveau für Katrin Roenicke haben? (Ich hatte mich zu diesem Zeitpunkt ja noch gar nicht zu Wort gemeldet.) In beiden Fällen fände ich es angemessen, wenn du von deinem hohen Ross herunterkämst, von dem aus du erklärst, was andere Leute alles noch zu lernen haben. Andere Leute können und wissen sehr viel, auch wenn sie vielleicht nicht die spezielle Theorie kennen, die dir besonders am Herzen liegt, und es ist angemessen, ihnen Information auf ihrem eigenen Niveau zu bieten.

      (Zu den anderen Punkten antworte ich dir demnächst. Ich habe sie nicht vergessen.)

      • Cassandra schreibt:

        „Womit ich allerdings Probleme habe, sind Sätze wie „du kannst gerne wütend auf mich sein und mich beschimpfen“. Für mich klingt das wie Therapie:“

        Das halt ich für einen berechtigten Einwand. Allerdings, wenn ich Sätze lese, wie

        „Ich hatte strenge Eltern, und deswegen haben es vulgäre Ausdrücke nicht in meine Sprache geschafft. Wenn ich zornig bin, hört man das an der Stimmlage – und beim Schreiben fällt es nicht besonders auf. Ich gehe aber davon aus, dass Cassandra und Magda den Zorn, die Ironie und den Sarkasmus bemerken werden.“

        dann kommt das, für mich, sehr Gönnerhaft rüber. So als würdest Du mich für ein kleines Kind halten, dem man noch nicht zutrauen kann, richtig zu streiten.

        „Ich wüsste gerne, mit welcher Absicht du diese Informationen herausgesucht hast: Sind es deine eigenen Informationsquellen?“

        Jepp. Und auch wenn ich die jetzt nicht immer für perfekt halte, so halte ich sie doch insgesamt für sehr gute Quellen.

        Zu deiner Frage warum ich keine akademischen Links gepostet habe:

        „…manche leute sind in den intersektionalitätsdebatten und der rassismusforschung eben weiter. denken viel mehr über privilegien nach und sind sensibilisierter.
        aber: der respekt gegenüber leuten, die diesen habitus nicht antrainiert haben, die nicht alle die dazugehörigen akademischen diskurse gefressen haben, die offen, aber ahnungslos, naiv und nicht so verbittert sind; das ernstnehmen all jener menschen, die lernen wollen, diskutieren wollen und auch mal “dumme” fragen stellen – die dürfen darunter nicht leiden.“

        Das hat Katrin Rönicke in ihrem Blogpost geschrieben, zu dem ich dann geantwortet habe. Mich jetzt also dafür zu kritisieren Unakademisches zu verlinken, das kann ich jetzt überhaupt nicht nachvollziehen.

  6. susanna14 schreibt:

    Ich fürchte, unsere Ansichten darüber, was „richtig streiten“ heißt, liegen weit auseinander. Und, ja, ich nehme dich nicht ernst als eine, die mir zu sagen hätte, was ich zu lernen und zu lesen hätte. Ich nehme dich aber ernst als eine, die entwaffnend ehrlich ist. Ich nehme dich ernst, wenn du das schreibst, was du selbst denkst (wie du es hier getan hast), und nicht wiederholst, was du anderswo gelesen hast.

    • Cassandra schreibt:

      Und das ist, finde ich, ein gutes Schlusswort!

      Vielleicht liest man sich ja mal wieder bei einem anderen Streit über den Weg,
      ich entschwinde jetzt wieder in die Weiten des Netzes.😉

  7. Pingback: Triggerwarnungen und Politik | susanna14

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