Meine Fünf Cent zum Geißler-Interview

Ich habe Ferien und stand deswegen spät auf und hörte erst mittags die Nachrichten im Deutschlandfunk, und erfuhr also erst dann, dass es ein aufsehenerregendes Interview mit Heiner Geißler gegeben hat. Ich war dann gespannt auf das Interview mit Wolfgang Benz.

Mein eigener Eindruck, nachdem ich das Interview im Original nachgelesen habe: Es mag ein Ausrutscher gewesen sein, und ich anerkenne auch, dass Geißler auf seine Frage „wollt ihr den totalen Krieg?“ ein Nein erwartete, und kein Ja, wie Goebbels – die Art und Weise, wie er versucht, sich herauszureden, ist peinlich. Sein erster Erklärungsversuch (der vom Journalisten unterbrochen wurde), dass es ihm darum ging, vom Entweder-Oder zum Sowohl-als-Auch zu kommen, macht Sinn. Wie er den Journalisten abbügelte, als dieser ihn darüber aufklärte, dass diese Frage so von Joseph Goebbels gestellt wurde, ist allerdings peinlich – sowohl wegen der Unkenntnis der Sportpalastrede, als auch wegen der platten Art, wie mit dieser Unkenntnis umging. (Und ich kann mir schlecht vorstellen, dass er die Frage genau so stellte, ohne die Rede gehört zu haben. Das Komische ist nur, dass ich mir die Frage mit einem jugendlichen „oder was?“ darangehängt vorstelle: Wollt ihr den totalen Krieg, oder was? Darauf kann man dann nur mit Nein antworten.) Am peinlichsten fand ich, dass er bei den Zuständen in Stuttgart tatsächlich von Krieg redete: hundert Verletzte, ein Mann erblindet – Krieg sieht anders aus.

Vielleicht wäre es am besten gewesen, die Sprachebene wäre gewechselt worden: Eben keine Metaphern mehr (Wolfgang Benz nennt es die Kriegsmetapher und findet nichts merkwürdig daran), sondern analytische Sprache, und weniger Emotionalität.

Das andere Interessante, auch wenn ich mir die Kommentare in verschiedenen anderen Medien ansehe: Der Reflex funktioniert nicht mehr. Sonst ging es immer sehr schnell: jemand hat einen unangemessenen Nazi-Vergleich verwendet, und seine politische Karriere war beendet. Ich frage mich, ob der Reporter genau das erreichen wollte, auch mit dem schon zum Klischee gewordenen Vorwurf der Verharmlosung, nur dass es dieses Mal nicht funktionierte.

Edit: Vielleicht ist der wichtigste Aspekt dieses Interviews, und auch des ursprünglichen Ausrutschers, dass Geißler als Lichtgestalt und weiser alter Mann entzaubert wurde.

Aber auch, wenn ich mich scheue, Geißler jetzt zu verteufeln, und mir auch Impulse, ihn zu „erwischen“ fremd sind: Ich selbst würde solch eine Frage nicht gebrauchen, und würde es für besser halten, wenn Menschen sie vermeiden.

Hier noch die Links, die ich zum Thema gesammelt habe (alle zum Nachlesen, nicht Nachhören):

Original-Interview
Interview mit Wolfgang Benz
Kommentar in der SZ: Stuttgart 21, Geißler und der totale Krieg: Sie leben ja wohl auf dem Mond!
Kommentar in der taz: Läuft das jetzt live?
Kommentar im Freitag: Die Stille nach dem Stuss

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