Gau und Super-Gau

Es herrscht beträchtlich Konfusion über die Begriffe GAU und Super-GAU, und ich musste dabei feststellen, dass ich ebenfalls von dieser Konfusion betroffen bin. Bei Wikipedia lernte ich, dass der GAU der größte anzunehmende Unfall ist, der, der für den das Kernkraftwerk ausgelegt wird, während Super-GAU ein Unfall ist, der größer ist als das, wofür das Kernkraftwerk ausgelegt ist. Vorher dachte ich, der GAU sei eine Kernschmelze, bei der die Schmelze ins Erdreich eindringt, während in Tschernobyl der Reaktor explodiert ist. Vielfach wird jetzt von einem Super-GAU in Fukushima gesprochen, und ich habe mir jetzt die Broschüre Kernenergie – Basiswissen heruntergeladen, herausgegeben vom Informationskreis Kernenergie, einer Organisation der Befürworter, um herauszufinden, für welche Art von Unfall ein typisches westliches (oder japanisches) Kernkraftwerk noch ausgelegt ist und für welche nicht mehr. Ich bin selbst keine Befürworterin von Kernkraft – aber es scheint mir interessant, das Geschehen in Fukushima mit dem zu vergleichen, was in der Broschüre dargestellt wird.

In Kapitel sieben der Broschüre werden die Sicherheitskonzepte und die verschiedenen Sicherheitssysteme erklärt. Ein wichtiges Prinzip ist Redundanz: wenn ein System (Pumpe, Ventil, Leitung, oder eben die Stromversorgung) ausfällt, gibt es Ersatzsysteme, die dessen Funktion übernehmen können. Im Fall von Fukushima gab es Notstromgeneratoren, die allerdings auch ausgefallen sind, und dann noch eine Versorgung über Batterien.

Hieran zeigt sich gleich das Problem der Redundanz: Ausfallwahrscheinlichkeiten einzelner Teile werden in Statistiken festgehalten, und die Wahrscheinlichkeit, dass mehrere Systeme gleichzeitig ausfallen, so dass eine bestimmte Funktion (hier die Stromversorgung) gar nicht mehr gewährleistet ist, wird durch Multiplikation der Einzelwahrscheinlichkeiten berechnet, so wie man es aus der siebten Klasse kennt. Dies funktioniert aber nur, falls die Ausfälle unabhängig voneinander sind. Wenn eine einzige Ursache (hier Erdbeben mit Tsunami) dafür sorgt, dass mehrere Systeme gleichzeitig ausfallen, wird die Wahrscheinlichkeit höher.

In der Broschüre wird erklärt, dass im Fall eines „Auslegungsstörfalls“ das Abschalten des Systems, die Abfuhr der Nachwärme gewährleistet ist und die Zurückhaltung des radioaktiven Materials gewährleistet sein müssen. Ersteres hat im Fall von Fukushima geklappt, letzteres nicht, beim dritten müssen wir noch abwarten. In der Broschüre heißt es, „dass bei in deutschen Leichtwasserreaktoren einige Stunden bis zu einigen Tagen vergehen würden, bis aus einem Auslegungsstörfall bei angenommenen Versagen der Schutz- und Sicherheitseinrichtungen ein Unfall mit Gefahr einer Aktivitätsfreisetzung werden würde.“ (S. 55. Bemerkenswert sind Worte wie „angenommen“ und „Gefahr“, die darauf hinweisen sollen, dass selbst bei einem solchen Unfall die Katastrophe nicht sicher eintreffen wird.)

In diesen Stunden oder Tatgen können weitere Sicherheitsmaßnahmen getroffen werden: Wiederherstellung der Kühlung (hat in Fukushima nicht geklappt), Nachfuhr von weiteren Wasserreserven (eventuell das mit Bor angereicherte Meerwasser) und die gefilterte Druckentlastung (hat geklappt). Das entscheidende ist aber die Kühlung, und da diese nicht wiederhergestellt werden konnte, muss jetzt der dritte Punkt im Sicherheitskonzept greifen: die Barrieren.

Die Broschüre nennt das Kristallgitter der Brennstäbe selbst, dann die Brennstabhülle, dann das Reaktordruckgefäß und den Sicherheitsbehälter und schließlich die Betonhülle.

Es werden verschiedene Störfälle diskutiert, vor allem Lecks an verschiedenen Stellen des Kühlssytems. In Abschnitt 7.6 geht die Broschüre dann zu dem „hypothetischen“ Fall über, der nun eingetreten ist: dem gleichzeitigen Ausfall aller Kühlsysteme. Jetzt hat der Erhalt der Barrieren Vorrang – zum Beispiel darf der Sicherheitsbehälter nicht durch zu großen Druck zerstört werden. Daher wurde gezielt Dampf abgelassen.

Das Hauptproblem bei fehlender Kühlung ist jedoch der Temperaturanstieg. Die Temperaturen reichen aus, um das Metall, aus dem der Druckbehälter besteht, zu schmelzen. Es wird erwartet, dass das radioaktive Material dann nach unten auf den Beton fällt. Auch der Beton würde schmelzen, er würde sich aber auch abkühlen. Die Broschüre hofft, dass die Schmelze erstarrt, bevor sie sich durch den Beton hindurchgefressen hat.

Die Wahrscheinlichkeit für Kernschmelzunfälle wird mit den berühmten „einmal in zehntausend Jahren“ angegeben. Ob der Kernschmelzunfall der GAU, der größte anzunehmende Unfall ist oder schon ein Super-Gau, geht aus der Broschüre nicht hervor – sie verwendet den Begriff „Auslegungsstörfall“. Fukushima befindet sich aber noch im „Drehbuch“ – allerdings schon auf der letzten Seite des Kapitels dieser Broschüre. Die Wiederherstellung der Kühlung hat nicht geklappt, die Kernschmelze hat wahrscheinlich schon eingesetzt, und man versucht jetzt mit Meerwasser zu kühlen, um ein Schmelzen des Sicherheitsbehälters zu verhindern. Wenn dies nicht funktioniert, gibt es immer noch das Betonfundament der Anlage, das ein Eindringen der Schmelze ins Erdreich und Grundwasser verhindern kann.

Im Moment sind wir aber noch nicht so weit. Die Kühlung mit Meerwasser scheint nun zu funktionieren, so dass hoffentlich trotz Kernschmelze die Zerstörung des Sicherheitsbehältnisses verhindert werden kann.

Tschernobyl funktionierte nicht „nach Drehbuch“. In Tschernobyl explodierte der Reaktor, als viel zu spät eine Schnellabschaltung versucht wurde. Es gelang also nicht einmal der erste Schritt im Notfallplan, das Anhalten der Kernspaltung. Die Kernschmelze sank nicht ins Erdreich, sondern radioaktive Substanzen wurden in die Luft geschleudert. Es war meines Wissens um diese Zeit, dass das Wort Super-GAU aufkam: mit so etwas hatte man nicht gerechnet.

GAU oder Super-GAU – die Definition in Wikipedia bezieht sich nicht auf den Ablauf und das Ende des Unfalls (Eindringen von Radioaktivität in Erdreich und Grundwasser versus radioaktives Material in der Atmosphäre), sondern auf die Unfallursachen. Für welche Störungen ist ein Reaktor noch ausgelegt? Die Betreiber versuchen, sich gegen alles vorstellbare technische Versagen abzusichern. Menschliches Versagen wie in Tschernobyl ist sehr schwer einzuschätzen (und gibt es nicht nur in Russland, sondern auch in Deutschland und Japan). Naturkatastrophen sind ebenso schwer einzuschätzen. Die Broschüre schreibt, dass Kraftwerke gegen extrem unwahrscheinliche Ereignisse wie Meteoriteneinschläge nicht gesichert sind. Das Erdbeben in Japan hatte selbst für Japan eine ungewöhnliche Stärke, und das Kraftwerk war nicht darauf vorbereitet – dies ist das berühmte Restrisiko.

Dass der Unfall trotz ungewöhnlichen Erdbebens immer noch halbwegs nach Drehbuch verläuft, ist kein Grund zur Beruhigung, und kein Argument für Kernkraft. Im Gegenteil, es ist beunruhigend, wie eine nach der anderern die Sicherheitsmaßnahmen ihre Wirkung verfehlen. (Am schlimmsten ist natürlich, dass die reguläre Kühlung nicht wiederhergestellt werden konnte.) Man kann jetzt nur noch hoffen, dass Sicherheitsbehältnis und Betonfundament ihre Funktion erfüllen, und selbst wenn sie es tun und man also halbwegs glimpflich davonkommt, kann man nicht sagen: hat doch geklappt, wir machen weiter wie bisher.

P.S. Ich möchte hier nicht nur eine Broschüre der Kernkraftbefürworter verlinken. Ich selbst erhalte meine Informationen vor allem vom Deutschlandfunk, am liebsten aus Interviews mit Interviews mit Experten und ExpertInnen.

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2 Antworten zu Gau und Super-Gau

  1. Conja schreibt:

    Zumindest nach der Definition von Wikipedia wäre Fukushima dann, genau wie Tschernobyl, ein Super-GAU. Ich weiß jetzt nicht woher mein Vater das hat, aber er sagte mir gestern, dass Fukushima erdbebensicher bis zu einer Stärke von 8,5 wäre. Tja, und das Beben hatte ja nun eben eine Stärke von 8,9. Könnte man sagen: Pech. Aber auch da muss ich nochmal meinen Vater zitiren: Pech darf es bei Atomenergie nicht geben! Aber die schlichte Wahrheit ist natürlich, dass man „Pech“ niemals zu 100% ausschließen kann.

    • susanna14 schreibt:

      Das habe ich auch gehört, und die Definition bei Wikipedia habe ich auch gelesen: GAU ist größter anzunehmender Unfall, das, worauf man noch eingerichtet sein muss. Allerdings stehe ich dieser Definition misstrauisch gegenüber.

      Meine Erinnerung ist, dass das Wort Super-GAU nach Tschernobyl aufkam. Es bezog sich nicht auf die Ursache, sondern auf das, was passierte: nicht Kernschmelze und Eindringen der Schmelze ins Erdreich, sondern Explosion. Die Betreiber hatten sich gegen eine Kernschmelze gerüstet (und Fundamente und Barrieren gebaut), aber nicht gegen eine Explosion.

      Die Definition bei Wikipedia bezieht sich nicht auf die Auswirkungen, sondern auf die Ursachen. Eben zum Beispiel ein Erdbeben, was stärker ist als in den Richtlinien und das wirklich nicht mehr vorhersehbar war (so dass die Betreiber wirklich keine Schuld trifft.) Bei Wikipedia wird jetzt auch das korrekte Wort genannt: Auslegungsstörfall versus ein Störfall, für den das Kraftwerk nicht ausgelegt ist. Die Broschüre nennt einen Meteoriteneinschlag.

      Andererseits ist das Kraftwerk nicht durch das Erdbeben zerstört worden, sondern durch den Ausfall der Stromversorgung. Ich weiß nicht, ob noch ein „Auslegungsstörfall“ ist.

      Ich weiß nicht, ob es jetzt günstig ist, „Super-GAU“ zu schreien. Es erzeugt Panik, aber wenn wir gleichzeitig die Definition von Wikipedia akzeptieren, nehmen wir den Betreibern die Verantwortung. (Und das mit dem Kabel, das nicht passte, war wirklich ihre Verantwortung.)

      Was tatsächlich passiert, scheint mir im Moment noch nicht so schlimm wie das, was in Tschernobyl passierte. Was diesen Unfall so viel schlimmer macht, ist, dass Japan viel dichter besiedelt ist.

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