Guttenbergs UnterstützerInnen

Zu Guttenberg selbst ist wahrscheinlich von anderen schon alles gesagt worden. Interessant ist vor allem noch die Frage, warum er so viel Unterstützung in Deutschland erfährt und was für Leute ihn unterstützen. Eine Vermutung, die ich häufig lese, ist, dass es sich bei Guttenbergs UnterstützerInnen um Menschen aus „bildungsfernen“ Schichten handelt, die – so ein häufiger Spruch – noch nie eine Uni oder auch nur ein Gymnasium von innen gesehen haben (zum Beispiel hier: Der Ölprinz). Eine Anruferin bei einem Radio, die sich gegen den Rücktritt Guttenbergs ausspricht (Video hier), wird sofort als „Bild-Leserin“ bezeichnet, obgleich dies aus keiner ihrer Aussagen hervorgeht. (Es ist allerdings tatsächlich so, dass die Anruferin keine besonders guten Argumente für Guttenberg hat, und die Bild-Zeitung hat Guttenberg wirklich unterstützt – aber das heißt nicht, dass alle ihre Leser Guttenberg unterstützen, oder dass alle, die Guttenberg unterstützen, Bild lesen.) Auch in der Taz habe ich einen Kommentar gefunden, in dem suggeriert wird, dass es um einen Konflikt unten gegen oben handelt: Die Bildungsbürger gegen die einfachen Menschen unten, die ohne Abschreiben nie eine Arbeit bestanden hätten: Herakles, Jesus, Guttenberg

Während der Woche fragte ich mich: Ist es wirklich logisch zwingend, dass Menschen, die nie ein Gymnasium von innen gesehen haben, Guttenberg unterstützen? Gibt es nicht auch in Handwerkerkreisen ein Arbeitsethos, einen Stolz auf ehrliche, selbstgeleistete Arbeit? Vielleicht nicht im intellektuellen Bereich, in dem sie sich wenig auskennen, aber ihrem eigenen Feld? Müssten sie nicht auch verstehen, dass es ein Problem darstellt, wenn jemand für eine Arbeit, die erstens nicht selbst geleistet und zweitens noch dazu schlampig gemacht wurde, höchste Würden erhält?

Gespräche mit Jugendlichen in dieser Woche – durchaus nicht repräsentativ – aber auch die Bilder von der Demonstration in München, lassen mich zweifeln, ob es wirklich die „einfachen Leute“ sind, die Guttenberg zurückwollen. (hier ein Video – selbst ein künftiger Abiturient ist sich nicht zu schade, sich für Guttenberg einzusetzen – auf welchem Weg hat er vor, sein Abitur zu erreichen?)

Auch Menschen mit Real- oder Hauptschulabschluss, auch Menschen, die nicht studiert, sondern „nur“ eine Ausbildung erfolgreich abgeschlossen haben, sind stolz auf das, was sie geleistet und erreicht haben – oft mit viel Anstrengung. Und umgekehrt: Wenn jemand Abitur hat, muss das nicht unbedingt mit großer Anstrengung verbunden gewesen sein. Da gibt es natürlich die Vorteile, die daraus erwachsen, einer „bildungsnahen“ Familie zu entstammen, was dazu führt, dass man Dinge, die andere sich mühsam erarbeiten müssen, schon im Elternhaus mehr oder weniger aufsaugt. Es gibt aber auch diverse Tricks, sich Ansprüchen zu entziehen und so zu tun, als ob man etwas könnte, und auch das fällt Menschen leichter, die schon im Elternhaus gelernt haben, wie man eindrucksvoll auftritt. (Abschreiben gehört auf Abiturniveau übrigens nicht mehr zu diesen Tricks, da im Abitur nur noch selten Wissen abgefragt wird, das man sich auf einen Spickzettel schreiben kann oder das man beim Nachbarn einsehen kann.)

Was mir beim Anblick der Menschen auf der Münchner Demonstration in den Sinn kommt: Sind das Problem wirklich die „einfachen Menschen“, die noch nie eine Universität oder ein Gymnasium von innen gesehen haben, und nicht viel eher die Menschen, die meinen, dass nicht Leistung, sondern „charismatisches Auftreten“ und „nett sein“ zu einem Amt berechtige? Menschen, die ihre Kinder gleich bei der Geburt am Gymnasium oder sogar an der Uni anmelden? Die ihnen vermitteln, etwas besseres zu sein, und vergessen, ihnen zu sagen, dass sie sich anstrengen müssen, um etwas zu erreichen? Die beim Scheitern der Kinder an Anforderungen nicht die Kinder, sondern die Anforderungen verantwortlich machen? Die goldene Netze spannen, wenn das Kind tatsächlich fällt?

Die Äußerungen der angeblichen Bildleserin, aber auch des Moderators lassen in mir den Eindruck aufkommen, dass sie den Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen noch nicht begriffen haben. Worte wie „fies“ fallen für mich in die Kategorie Kindersprache, genau wie das Wort „schummeln“. Der Moderator weist die Anruferin darauf hin, dass Betrug bei der Doktorarbeit nicht dasselbe ist wie „Schummeln“ bei der Mathearbeit in der Oberstufe. Der entscheidende Unterschied ist aber nicht Höhe des Punktes auf der akademischen Laufbahn, auf dem sich der Schummler oder Betrüger gerade befindet, sondern das Alter des Prüflings. Einem Fünfzehnjährigen mag man nachsehen, dass er sich gegen die Anforderungen der Erwachsenen wehrt, indem er versucht, sich hindurchzulavieren (und muss als Eltern oder Lehrer doch einschreiten.) Ein erwachsener Mensch sollte wissen, dass es in Prüfungen um die eigene Leistung geht.

„Schummeln“ und „fies“ – das sind Worte, mit denen Kinder einander beurteilen. Und wenn zu Guttenberg die Einstellung hat, dass nun, da er seine Fehler zugegeben habe, ihm auch verziehen werden muss, dann ist das auch eine Einstellung, die zu Kindern und ihren Eltern passt. Aber wir sind nicht Guttenbergs Eltern, sondern seine Wähler (oder auch nicht) und ein Verteidigungsminister kann nicht mit den selben Maßstäben wie ein Fünfzehnjähriger beurteilt werden.

(Und Guttenbergs Vater sollte auch gemerkt haben, dass sein Sohn kein Kind mehr ist, und nicht mehr diejenigen beschuldigen, die seinem Sohn seine Fehler vorhalten.)

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