Selbstbewusstsein und Victim-Blaming

Und wieder finde ich Tweet von @familylab_de, und einen entsprechenden Facebook-Eintrag, der mich den Kopf schütteln lässt:

Ein gesund entwickeltes Selbstwertgefühl ist der wirksamste Abwehrmechanismus gegen Schikane, Mobbing, körperliche Gewalt und persönliche Kritik. Jesper Juul_familylab.de
familylab auf facebook

Ich starre den Satz an, überlege mir, ob ich familylab “entfolgen” soll (sie haben nur eine zweistellige Zahl von “Folgenden”, weniger als ich selbst, nicht besonders viel für eine Seite, die ständig von “Führung” redet, da macht es sich bemerkbar, wenn eine Person sie entfolgt.)
Ich starre den Satz an. Früher wäre ich in erneute Selbstzweifel verfallen, jetzt, nach ein paar Jahren der Beschäftigung mit dem Thema “mobbing”, überkommt mich eine ungewohnte Klarheit: Nein, ich bin nicht verrückt. Meine Erinnerungen entsprechen der Wahrheit. Ich bin nicht nur das Opfer der Bullies in meiner Klasse gewesen, sondern auch das Opfer der damals im Mainstream stehenden “alternativen” Pädagogik (ich zögere, sie links zu nennen.) Einer Pädagogik, die sich dem Selbstbewusstsein und der Eigenständigkeit von Kindern verschrieben hatte (was im Prinzip gut ist), die dabei aber vergessen hat, dass es auch wichtig ist, Regeln des Zusammenlebens zu vermitteln. Einer Pädagogik, die sich intensiv gegen die Gewalt von Erwachsenen (Eltern, Lehrern) gegen Kinder wandte, die aber blind war für die Gewalt unter Kindern, die sie mit Allgemeinplätzen wie “die machen das unter sich aus” verniedlichte und vernatürlichte.
Beziehungen unter Kinder wurden nicht als etwas betrachtet, das den Regeln zivilisierten Zusammenlebens entsprach, sondern als etwas, was betrachtet werden konnte wie die Rangkämpfe in einem Wolfsrudel. Entsprechend waren dann die “Überlebensregeln”, die ich lernte: Nicht provozieren, vorsichtig sein, manchmal unterwarf ich mich auch. Nicht in allen Punkten: das waren dann Momente von Moral und von Freiheit.

Mir wurde vermittelt, dass ich selbst für das verantwortlich war, was mir angetan wurde. Ich bin mir bewusst, dass dies nicht allen Mobbing-Opfern so ging: Einige übten sich auch in stolzer Einsamkeit und hielten die Täter für Idioten. Ich hatte auch solche Momente, aber im großen und ganzen war die Frage, die sich mir stellte: Wie muss ich mich verhalten, um nicht gemobbt zu werden? Nicht zu klug sein, weil das die Täter provoziert, nicht zu stolz oder arrogant sein, weil das ebenfalls provoziert, aber auch auf keinen Fall irgendeine Schwäche zeigen.
Die Regel “keine Schwäche zeigen” wird nun auch in dem Zitat von familylab deutlich. Selbstbewusstsein als Schutz gegen Mobbing. (Ich habe auch schon gehört, dass es als Schutz gegen Vergewaltigung dienen soll.) Eine der Kommentatorinnen bei facebook fragt dann berechtigterweise, wie sie das ihrer sechshährigen Tochter beibringen soll.

Die Verantwortung für das Mobbing wird mit einem solchen Spruch den Opfern und ihren Eltern zugeschrieben.

Den Opfern, weil sie nicht genug Selbstbewusstsein haben, den Eltern, weil sie ihren Kindern nicht genug Selbstbewusstsein mit auf den Weg gegeben haben. Es wird nicht gefragt, woher Selbstbewusstsein kommt, oder wie ein kleines Kind genug Selbstbewusstsein haben soll, um sich gegen eine Übermacht durchzusetzen, die es als Opfer erkoren hat.

Es wird nicht auf die einschlägige Literatur etwa von Dan Olweus Gewalt in der Schule oder Mechthild Schäfer Du Opfer! Wenn Kinder Kinder fertigmachen eingegangen. Das sind Bücher von Wissenschaftlern, die empirische Forschung betreiben, einschließlich statistischer Analysen, nicht von “Ratgebern”, die weise (?) Sprüche absondern.

Wissenschaftler haben herausgefunden, dass keine Korrelation zwischen irgendwelchen Eigenschaften des Kindes und der Wahrscheinlichkeit, Mobbing-Opfer zu werden, besteht. Wenn irgendwelche Eigenschaften genannt werden, handelt es sich um Rationalisierungen der Täter, auf die Pädagogen nicht hereinfallen sollten. Kurz gesagt: Pädagogen sollten das Victim-Blaming der Täter nicht unterstützen und fortschreiben.
Zugegeben, in einem Twitter-Spruch ist das schwierig, eine komplexe Theorie zu erläutern. Aber hinter Twitter-Sprüchen stehen Haltungen und Positionen, und die Haltung, die hinter dem obengenannten Spruch steht, ist mit den aktuellen Erkenntnissen der Wissenschaft nicht vereinbar.

Mobbing ist ein soziales Phänomen, das in der Schule auftritt und in der Schule gelöst werden muss. Hauptverantwortlich sind die Lehrer, aber auch die Schule als ganzes mit ihrer Organisation. (Die Täter sind selbst noch Kinder oder Jugendliche, also nicht oder nicht voll für ihr Handeln verantwortlich. Genausowenig sind aber die Opfer, die ja ebenfalls Kinder oder Jugendliche sind, für ihr Handeln verantwortlich.) Die Lehrer sind dafür verantwortlich, die Schikanen zu stoppen, sie sind dafür verantwortlich dafür zu sorgen, dass Mobbing nicht als cool gilt und dass die unbeteiligten Mitschüler (“Zuschauer”, “bystander”) die Täter nicht durch Lachen oder Wegsehen unterstützen, sondern dem Opfer die Unterstützung geben, die es braucht. Victim-Blaming (“kein Wunder, der oder die ist ja nicht selbstbewusst genug. Er oder sie sollte mal besser lernen, sich zu wehren/sich durchzusetzen”) ist nicht hilfreich.
Hilfreich sind auch nicht irgendwelche therapeutischen oder sozialpädagogischen Maßnahmen, die sich an das Opfer richten und ihm mehr Selbstbewusstsein oder Stärke vermitteln sollen. Gerade, wenn das Mobbing in den Anfangszügen steckt, sind solche Maßnahmen nicht nötig, sondern eher schädlich, sie vermitteln dem Opfer, dass es selbst für das Mobbing verantwortlich ist. Ihr einziger Vorteil ist, dass die Opfer für die Therapeuten und Sozialpädagogen besser greifbar sind als die Täter: Sie stehen unter einem Leidensdruck und möchten, dass die Situation sich ändert. Für die Täter, deren Verhalten sich eigentlich ändern müsste, besteht kein Leidensdruck, sie sehen daher auch keine Möglichkeit, sich auf Sozialpädagogen oder Therapeuten einzulassen.
Wenn das Mobbing anhält, ist es möglich, dass Schädigungen eintreten, die Therapie für das Opfer sinnvoll machen. Besser ist es aber, die Schikanen in den Anfangszügen zu stoppen. (Da ergibt sich dann auch die Frage, ob das, was man bei den Opfern an mangelndem Selbstbewusstsein beobachtet, nicht eine Folge des Mobbings und der Schikanen ist.)

Woher kommt Selbstbewusstsein? Ich denke, es gibt nicht “das” Selbstbewusstsein. Selbstbewusstsein speist sich auf verschiedenen Quellen, etwa den eigenen Fähigkeiten, möglicherweise auch dem Bewusstsein der Fähigkeit, sich in einer körperlichen Auseinandersetzung erfolgreich behaupten zu können (sprich, ein anderes Kind zusammenzuschlagen zu können ohne Gefahr für einen selbst.) Selbstbewusstsein kann sich aber auch daraus aus dem Wissen speisen, dass mensch in seinen Eigenarten angenommen und akzeptiert ist und gewisse Rechte hat, unter anderem das Recht auf Schutz vor Gewalt: Ein Recht, das unverwirkbar sein sollte. Selbstbewusstsein sollte heißen, dass das Kind weiß: Im Fall einer Bedrohung kann ich mich an Lehrer oder Mitschüler wenden, und sie werden mich beschützen und mir helfen.
Diese Art von Selbstbewusstsein sollte Kindern mitgegeben werden. Dafür sind in erster Linie die Lehrer, nicht die Eltern verantwortlich, da die Lehrer, nicht die Eltern die Verantwortung für den sozialen Raum Schule tragen.

Für mich persönlich war entscheidend, dass ich nach der Lektüre von Autoren wie Dan Olweus oder Mechthild Schäfer aufhörte, mich zu fragen, was an mir falsch war und das Mobbing ausgelöst hat, und dass ich aufhörte, zu versuchen, so zu sein, dass ich nicht gemobbt werde. Ich gehe jetzt durch die Welt in der Erwartung, dass ich mit einem Mindestmaß an Respekt behandelt werde, und die Welt der Erwachsenen ist zum Glück so gestaltet, dass das in aller Regel auch eintrifft. Ich bin jetzt nicht mehr um Anpassung bemüht, sondern finde voller Neugier heraus, was ich selbst gut kann und gern mag.
Ich werde mir jetzt aber nicht selbst noch die Schuld dafür geben, dass ich so lange brauchte, meine Einstellung zu ändern. Verantwortung tragen auch unverantwortliche pädagogische Positionen, die ich viel zu lange geglaubt habe und die leider noch viel zu verbreitet sind.

Ach ja, und bevor es wieder heißt: “Genau diese Art von Selbstbewusstsein meinen wir ja!” – das ist ein Spruch, den ich fast jeden Tag von meinen Schülern höre, und ich antworte, was ich meinen Schülern antworte: “Sie müssen das sagen, was Sie meinen.”
(Mich wundert besonders, dass eine Seite, die nicht müde wird zu betonen, dass die Erwachsenen zu 100 Prozent für die Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern verantwortlich sind, beim Thema Mobbing die Verantwortung den Kindern und eventuell noch den Eltern gibt, und nicht den Lehrern und der Organisation Schule. Mich wundert auch, dass eine Site, die eigentlich nicht der Anpassung das Wort redet, beim Thema Mobbing/Bullying so unsensibel ist.)

Ich weiß nicht, wie oft ich noch Tweets von @Familylab_de kommentieren werde. Vermutlich werde ich sie in absehbarer Zukunft abhaken als eine weitere Gruppe von selbsternannten “weisen Menschen”, deren Bücher sind in den Ratgeberabteilungen statt in der wissenschaftlichen Abteilung der Buchhandlungen finden. Vermutlich werde ich in wenigen Wochen, oder zumindest Monaten, nur noch über sie lachen und mich wundern, dass ich die Site einmal interessant fand, und sie dann entfolgen. Ich bin noch nicht an diesem Punkt angelangt, und ein paar weitere Blogposts werden möglicherweise noch folgen.

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“Ich möchte nicht zum Mond gelangen…”

“…jedoch zu meindes Feindes Tür” – so fing die vierte Strophe eines Kirchenliedes an, das ich während der Achtziger in friedensbewegten Kirchentagskreisen eine gewisse Popularität hatte. Die erste Strophe fing an: “Herr, gib mir Mut zum Brückenbauen, gib mir den Mut zum ersten Schritt.” (Gesamter Text)

Ich musste in letzter Zeit öfter daran denken, zum Beispiel, als ich auf der website des Metta-Centers auf ein Zitat stieß, auf dem möglicherweise der Liedtext beruht:

We can send men to the moon, Martin Luther King pointed out, but we cannot get along with one another here on Earth.

Ich musste aber vor allem an dieses Lied denken, als ich im Gespräch mit einem Schüler auf die Mondlandungen zu sprechen kam. Ich erklärte ihm, dass sie kein Fake sind, und dass die Fahne nicht im Wind flatterte, sondern von einer Querstange gehalten wurde (Widerlegung der Argumente der Mondlandungs-Fake-Verschwörungstheorie), dass aber schon lange niemand mehr auf dem Mond war. “Was will man dort?” fragte ich. “Nur Steine.”

Die technische Entwicklung hat seit der Zeit, als das Brückenbau-Lied gedichtet wurde, eine ganz unerwartete Richtung eingeschlagen. Von interstellarer Raumfahrt spricht niemand mehr, und Satelliten haben in erster Linie den Zweck, die Kommunikation auf dieser Erde zu fördern (oder die Unterhaltung und Zerstreuung, je nach Sichtweise) und uns mittels GPS-System die Orientierung zu erleichtern. Von einer Reise zum Mars ist hin und wieder die Rede, aber nicht ernsthaft: zu teuer, zu langwierig. Interstellare Reisen sind dorthin verbannt, wohin sie gehören: Ins Reich der Fantasie.

Computer werden nicht verwendet, um Weltraumreisen zu steuern (und übernehmen auch nicht das Kommando wie HAL in Odyssee 2001), sondern um sich weltumspannend Katzen-Videos zu verschicken – oder eben auch politische Nachrichten. Wir leben einer Welt, die die Fantasie von Science-Fiction-Autoren und Liederdichtern übersteigt.

Ob die weitergehende Hoffnung Wirklichkeit geworden ist, die dass Brücken zwischen Feinden gebaut werden? Ich zweifle daran. Die meisten Verbindungen werden zwischen Menschen geknüpft, die sich vorher nicht kannten und sich neugierig-neutral begegnen, aber nicht zwischen Feinden.

Und während uns mittlerweile klar ist, dass die anderen Planeten in unserem Sonnensystem eher lebensfeindlich sind (es gibt allerhöchstens Spekulationen über extremophile Mikroorganismen auf den Monden von Jupiter oder Saturn), hat die Suche nach sogenannten Exoplaneten, also Planeten, die um eine andere Sonne/einen anderen Stern kreisen, begonnen. Es ist mittlerweile möglich, auch Planeten zu finden, deren Größenordnung im Bereich der Erde, nicht des Jupiters liegt, und man findet zunehmend auch welche, die im richtigen Temperaturbereich für flüssiges Wasser liegen, also Leben erlauben. Gerade heute habe ich verschiedene Meldungen gefunden, dass ein möglicherweise bewohnbarer Planet in nur 22 Lichtjahren Entfernung entdeckt wurde: Astronomie um Mitternacht. (Für interstellare Verhältnisse ist das ziemlich nah. Zu weit weg zum Hinfliegen, nah genug für den Austausch von Botschaften.)

Nicht einmal die Aliens sind noch, was sie einmal waren. Neugier ist das, was mir am meisten aus den Artikeln über eine “Super-Erde” hervorsticht ist das Gefühl der Neugier: Vielleicht ist da eine Zivilation, mit der wir uns austauschen können. Die Möglichkeit einer Bedrohung wird nicht in Betracht gezogen. (Vielleicht törichterweise.)

P.S. Ein paar Worte zu Metta-Center: Ich habe die Site vor über einem Jahr gefunden und lese nun mehr oder weniger regelmäßig die Artikel, die ich dort lese. Die Organisation widmet sich der Praxis der NonViolence (Gewaltfreiheit) und bietet Seminare dazu an. Wichtigste Autorität ist Mahatma Gandhi. Ich habe einiges von dort gelernt, insbesondere über non-cooperation und constructive programme, aber ich bin mir noch nicht sicher, was ich von der Site als ganzer halten soll. Ich denke, dass ich eher der säkularen, pragmatischen Version von Gewaltfreiheit zuneige als der spirituellen, prinzipiellen. Ich merke allerdings, dass ich mich noch stärker mit den Inhalten dieser Site auseinandersetzen muss.

Insgesamt geht es mir ähnlich wie bei Familylab: Ich erkenne Werte, mit denen ich großgeworden bin und an denen ich jetzt zumindest teilweise zweifle. Ich bin noch dabei, auszusortieren, was von diesen Werten ich behalten will, und was ich als Teil der Lüge und des Victim-Blamings betrachten will, mit dem ich großgeworden bin.

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Große Kleine Jungs: Maskulinisten in der Pädagogik

Ich folge zur Zeit @familylab_de bei Twitter, vor allem weil ich ein paar Bücher von Jesper Juul in Buchhandlungen gesehen und hineingelesen habe und sie mochte. (Ich habe auch ein Interview in der Brigitte mit ihm vollständig gelesen und mochte es auch.) Ich mag seine gelassene Art, und, ja, im großen und ganzen entsprechen seine Ansichten denen, die auch meine waren, seit ich ungefähr vierzehn war.
Ich habe auch ein Buch von Wolfgang Bergmann gelesen (“Unsere Kinder, unser Glück”), in dem er sich gegen Michael Winterhoffs These von kleinen Tyrannen wendet. Im großen und ganzen mag ich seine Ansichten auch. Wo ich hin und wieder mit den Ohren schlackerte: Bei den Geschlechterklischees, die offensichtlich vierzig Jahre Frauenbewegung unbeschadet überlebt haben. Aber ich hatte mir vorgenommen, dass ich mir einen ansonsten guten Autor nicht dadurch verleiden lassen will, dass ich mich über seine Ansichten über Frauen ärgere. Als junge Frau tat ich das, und viele Autoren, zum Beispiel Dietrich Bonhoeffer, wanderten dadurch wieder ins Regal: wenn jemand solche vorsintflutlichen Ansichten zu Frauen hat, interessiert mich nicht, was er zu anderen Themen denkt.
Ich hatte mir vorgenommen, diese Haltung zu überwinden. Ich dachte: vielleicht sind die Ansichten dieser Menschen zu anderen Themen dann lesenswert. Aber beim Thema Kindererziehung kommen mir so langsam Zweifel. Ich frage mich, ob hinter dem Maskulinismus nicht vor allem die Sehnsucht danach steht, tun und lassen zu können, was man will, anstatt die Regeln zivilisiern Zusammenzulebens zu lernen.
Normalerweise, wenn es nicht gerade um Jungen und Mädchen geht, sondern einfach um Kinder, ist Jesper Juul durchaus der Meinung, dass Kinder Sozialverhalten lernen sollen, und dass Kindergärtner und Lehrerinnen sie dabei auf liebevolle Weise unterstützen sollen. (Hier ist ein Artikel von ihm, den ich sehr mag: Time-out – Schluss damit!.)

Aber dann finde ich einen Tweet/Facebookeintrag wie diesen hier: http://www.facebook.com/pages/familylabde/167571786609273

„Wenn heute im Kindergarten beim Ballspielen eine Fensterscheibe zu Bruch geht, wird doch sofort der Morgenkreis einberufen. Jungen haben heute kaum noch die Fähigkeit, sich selbst in ihrer Körperlichkeit, in ihrer männlichen Durchsetzungsfähigkeit kennenzulernen. Sie werden mit Teilen ihrer Männlichkeit überhaupt nicht mehr bekannt.“ Wolfgang Bergmann

Ich weiß nicht einmal, ob es mir gelingt, alle (hoffentlich) unbewussten Konnotationen aufzulisten, die in diesem Zitat auftauchen: Männlichkeit=Körperlichkeit=Durchsetzungsfähigkeit=Fensterscheiben zerbrechen. Der Morgenkreis erscheint dagegen wie ein Standgericht.

Vielleicht sollte einmal hinterfragt werden, inwiefern Durchsetzungsfähigkeit, insbesondere wenn sie mit Körperlichkeit verbunden ist, im Klartext also mit physischer Gewalt, wirklich ein positiver Wert ist. Was ist, wenn diese Gewalt nicht gegen Fensterscheiben, sondern gegen Menschen gerichtet wird? (Aber Raufen wird von Maskulinisten auch als positive Tätigkeit gesehen.) Was bedeutet das für die Schwächeren? Im Kindergarten sind meistens die jüngeren Kinder die Schwächeren, im erwachsenen Alter sind es Frauen.
Ich weiß schon, was geantwortet werden wird: “Aber so haben wir das nicht gemeint. Natürlich sind wir gegen Gewalt.” (Ich kenne diese Sorte Leute: Ein bisschen (Sozial-)Pädagogik, ein bisschen Esoterik, aber keinerlei Fähigkeit, einen Gedanken zuende zu denken.)
Es gibt viele Gelegenheiten, körperliche Stärke auf produktive Weise zu erfahren, und zwar für Mädchen und Jungen. Fensterscheiben zerbrechen gehört nicht dazu. Was wichtig wäre: die körperliche Stärke zu erfahren und kontrollieren zu lernen, und das lernt man nicht, wenn man Fensterscheiben zerbricht. Statt Durchsetzungsfähigkeit sollten Verhandlungsfähigkeit, die Fähigkeit Kompromisse zu schließen, die Fähigkeit, Lösungen zu finden, die für alle gut sind, im Zentrum der Pädagogik stehen.

Dies ist in aller Regel bei der heutigen Pädagogik auch der Fall. Nur ein paar Maskulinisten beklagen, dass ihnen (beziehungsweise den Jungs, mit denen sie sich identifizieren, oder auch den Jungs, die sie in ihrer Vergangenheit einmal waren) jetzt gesagt wird, dass gewisse Verhaltensweisen, die sonst okay waren, es jetzt nicht mehr sind. Es ist ein gewisser Nachteil für die Jungs, die jetzt nicht mehr alles tun können, was sie wollen, die also insbesondere ihre Durchsetzungsfähigkeit nicht mehr auf der körperlichen Ebene erfahren dürfen (sprich: Gewalt ausüben.) Es ist allerdings ein großer Fortschritt für die Schwächeren, die jetzt nicht mehr unter diesem Verhalten leiden müssen.

Ich habe schon früher bei LJ zu diesem Thema geschrieben: Poor Boys

Ja, und mittlerweile führt dies bei mir auch zu einer generellen Skepsis gegenüber der von diesen großen Jungs vertretenen Pädagogik: Legen sie nicht generell zu viel Wert darauf, dass Kinder tun dürfen, was sie wollen?

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Ageism: Mit zunehmendem Alter bin ich imstande festzustellen, dass sich in der Welt tatsächlich etwas ändert.

Warnung: Ageism.

Es sind drei verschiedene Themenfelder, in denen es mir in letzter Zeit aufgefallen ist, dass ich die Welt nicht so pessimistisch betrachte wie viele meiner jüngeren Mitmenschen.

Gestern war es der Klimawandel. Ich hörte Klagen darüber, dass einfach nichts passiert, obgleich man längst bescheid weiß.

Vor ein paar Monaten, und davor vor ein paar Jahren, war es das Thema Feminismus. Ich hörte Klagen, dass Frauen immer noch nicht gleichberechtigt sind. Das die Situation besser ist als vor ein paar Jahrzehnten, gilt nicht als Gegenargument: man will sich (berechtigterweise) nicht über etwas freuen sollen, das weit hinter dem zurückbleibt, was eigentlich selbstverständlich sein sollte. Man will dafür auch nicht dankbar sein.

Und das dritte Thema ist das der Gewalt. Hier kann ich mich an keine spezielle Situation erinnern, in der jemand darüber klagte, dass sich nichts daran ändert. Aber vielleicht ist es doch ein Allgemeinplatz, den die meisten schon gehört haben, dass Krieg und Gewalt bestehen, seit die Menschheit existiert, und auch weiter existieren werden, so lange es die Menschen gibt. (Manche ziehen daraus den Schluss, dass eine Welt ohne Menschen eine bessere Welt wäre.)

Im Winter habe ich jetzt das Buch von Steven Pinker gelesen: “Gewalt. Eine andere Geschichte der Menschheit.” Er stellt die Behauptung auf, dass die Gewalt unter Menschen sich in den letzten zehntausend Jahren verringert hat. Er bezieht das auf verschiedene Formen der Gewalt, von Krieg bis zu Gewalt als Erziehungsmaßnahme gegen Kinder, und stellt fest, dass alle diese Formen von Gewalt zurückgegangen sind.

Er führt dies hauptsächlich auf den gesteigerten Gebrauch der menschlichen Vernunft zurück, aber das ist nicht mein Hauptpunkt. Mein Hauptpunkt ist, dass es zwischen “es war immer schrecklich und wird immer schrecklich bleiben” und “es ist alles gut” noch eine Position dazwischen gibt, nämlich: “Es ist besser als früher, es ist aber nicht gut.”

Was die Energiewende anbelangt, ist die Situation viel besser als vor zwanzig Jahren. Die technischen Möglichkeiten sind enorm gewachsen. Es wird nicht mehr darüber diskutiert, ob es möglich ist, die Energieversorgung durch Sonne und Wind sicherzustellen, sondern darüber, wie man die Energie intelligent verteilen und wie man sie speichern kann. Es gibt Kraft-Wärme-Kopplung für den Keller. Häuser können viel besser isoliert werden als früher. Trotz allem sind die CO2-Emissionen nur geringfügig gesunken.

Was Feminismus anbelangt ist die Situation auch viel besser als vor hundert Jahren. Sie ist auch besser als vor zwanzig Jahren, obgleich ich denke, dass es manche Bereiche gibt, in denen es Rückschritte gegeben hat. Aber vor dreißig Jahren gab es weder Polizistinnen noch Skispringerinnen, und am Briefkasten stand nur der Name meines Vaters, und mir erschien das als Kind als etwas, was ich hinzunehmen hatte.

“Es ist besser als früher, aber noch lange nicht gut” – diese Haltung beschreibt nicht nur die Wirklichkeit besser als “es ist alles schrecklich und wird immer so bleiben” oder “es ist alles gut” (einfach, weil sie differenzierter ist, und größere Differenzierung erlaubt), sondern sie ermutigt auch, tätig zu werden. “Es ist möglich, etwas zum Besseren zu verändern.” Und dann ist es möglich, zu schauen, was sich zum Besseren verändert hat, welche Aktivitäten geholfen haben, welche Aktivitäten kontraproduktiv waren, und welche Mechanismen oder auch Personen weitergehenden Verbesserungen im Wege stehen.

Es ist auch eine Haltung, die es ermöglicht, denen, die dafür gesorgt haben, dass es nun besser ist, die angemessene Dankbarkeit entgegen zu bringen. (Nicht denen, die Verbesserungen verhindern.)

Die Haltung “es ist schlimm und wird immer schlimmer bleiben” erscheint mir dagegen die von Menschen, die sich selbst als unschuldig darstellen (womit sie vielleichst sogar Recht haben) und die auch keine Verantwortung dafür übernehmen wollen, dass sich etwas ändert. (Vor einer Weile habe ich an einem schönen Beispiel den Unterschied zwischen Verantwortung und Schuld gelernt: Wenn jemand an einem Autounfall vorbeifährt, dann ist er oder sie nicht daran schuld, er ist aber trotzdem verantwortlich zu helfen.)

Es ist eine Haltung von Jugendlichen, die tatsächlich aufgrund ihrer Jugend noch nicht verantwortlich sind, vor allem weil sie noch nicht die Möglichkeit haben, viel zu tun (etwa im Rahmen eines Berufes.) Es ist die Haltung von Jugendlichen, die gerade der typischen Position von Kindern entwachsen sind, die darin besteht, dass Kinder die Welt hinnehmen wie sie ist. Sie entdecken, dass die Welt wie sie ist, nicht gut ist und protestieren dagegen. Sie geben (als Jugendliche noch zu Recht) den Erwachsenen die Verantwortung dafür, dass sie Welt nicht ist wie sie ist.

Ich weiß nicht, wie viel ich schon dafür getan habe, dass die Welt sich ändert. Regelmäßig wählen gehen. Als Mentorin arbeiten. In meiner beruflichen Arbeit versuchen, meine Ideale zu verwirklichen. Sie in Diskussionen mit Freunden vertreten. Ich sehe, dass andere Menschen, die genauso alt wie ich sind, viel mehr getan haben.

Ich bin nur irritiert, wenn andere nicht sehen, was alles schon getan und erreicht wurde, insbesondere dann nicht, wenn es sich um Erwachsene handelt, die eigentlich schon zu einer differenzierteren Sicht in der Lage sein sollten.

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zu Jean Liedloffs Vorstellungen von Erziehung

Gerade habe ich bei familylab die Übersetzung des Artikels “Who’s in control” von Jean Liedloff gefunden. Ich denke, dass eigentlich schon der Titel des Artikels die Autoren einer Site, die sich progressiven, dem Kind zugewandten Erziehungsmethoden widmet (oder im Prinzip ein einfaches Zusammenleben mit dem Kind den Erziehungsmethoden vorzieht) hätte misstrauisch machen sollen. Ich habe ihnen auf Twitter geantwortet, und veröffentliche meine Antwort auch hier:

Ich folge Ihnen, weil ich die Texte von Juul Jesper mag. Allerdings finde ich manche Ihrer Tweets problematisch, und besonders problematisch finde ich jetzt den Text von Jean Liedloff, den sie gerade verlinkt haben. Ich habe Jean Liedloffs Bücher vor einigen Jahren im Studium kennengelernt; sie wurden mir empfohlen mit einer Haltung: “unbedingt lesen, ganz wichtige Weisheiten von noch natürlich lebenden Urvölkern.”
Ich lieh mir also das Buch, und nach einer Weile stieß mir manches doch als problematisch auf. Ein Beispiel kann ich an dem Text zeigen, den sie gerade verlinkt haben: Da wird gepriesen, wie wenig Streit die Kinder untereinander haben und wie wenig sie sich mit Erwachsenen streiten, wie wenig sie dazwischenreden und wie hilfsbereit sie sind. Gleichzeitig wird gesagt, sie wüchsen zu selbstbewussten, glücklichen, hilfsbereiten Erwachsenen heran, ohne dass etwa an Beispielen deutlich gemacht wird, was “glücklich” oder “selbstbewusst” heißt.
Ähnlich geht es mir mit den Erziehungszielen. Sind “freudig gehorchende” Kinder, die man nicht zum Gehorchen zwingen muss, wirklich das, was wir wollen?

Ich würde eine kritische Auseinandersetzung mit den Ansichten von Jean Liedloff erwarten, ohne ihre Positionen ganz zu verwerfen. Fragen, die meiner Meinung nach gestellt werden müssten, sind:

– Welches Ideal von Kindern und Erwachsenen drückt sich in den Texten von Jean Liedloff aus?
– Welche Ziele von Erziehung sieht sie?
– Wo fällt sie wieder in die ganz alten autoritären Fallen zurück (in Deutschland bekannt durch “die deutsche Mutter und ihr erstes Kind”), die sie jetzt mit der Weisheit der Naturvölker unterstreicht? Und als Deutsche sollte man doch eigentlich bei einem Wort wie “Führung” schon misstrauisch werden – oder ist das engliche Wort gar “control” und der Fehler liegt bei der Übersetzerin? Umso schlimmer.
– inwiefern ist die Situation eines Naturvolks, in dem alle zu einer Gruppe mit allgemein anerkannten Verhaltensstandards gehören, übertragbar auf eine moderne pluralistische Gesellschaft, in der einerseits Kinder und vor allem Jugendliche mit vielen unterschiedlichen Wertvorstellungen und Verhaltensweisen konfrontiert werden und in der andererseits Erwachsene längst nicht mehr so sicher sein können, dass das, was sie immer tun, richtig und gut ist, einfach, weil sie mit vielen anderen Verhaltensweisen konfrontiert sind.
Wir leben in einer Gesellschaft, in der Normen nicht mehr einfach vorgegeben sind, “weil es schon immer so war” oder “weil man das eben so macht”, sondern in der Normen diskutiert und hinterfragt und hin und wieder verändert werden. Vielleicht ist es nur “natürlich”, dass unsere Kinder dies ebenfalls tun.

Auf der anderen Seite denke ich, dass in der antiautoritären Bewegung zu wenig beachtet wurde, dass Kinder in eine hochkomplexe Welt hineingeboren werden, in der sie sich alleine nicht zurechtfinden und in der sie Erwachsene brauchen, die ihnen helfen, sich zurechtzufinden. Aber den meisten Erwachsenen, die ich kenne, gelingt dies auch.

Ich mag die meisten Ihrer Texte, und ich glaube, dass es für Kinder wichtig ist, dass sie wissen, dass sie Menschen und keine Wunscherfüllungsmaschinen als Eltern haben. Aber der Text, den sie gerade verlinkt haben, scheint mir doch zu sehr alte, autoritäre Verhaltensweisen zu unterstützen. Die eigentliche Kunst der Erziehung – oder der Beziehung zu einem Kind! – besteht doch darin, ein Gleichgewicht zwischen den Wünschen und Bedürfnissen des Kinds und denen der Erwachsenen zu finden.

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zu den gegenwärtigen Diskussionen zu Feminismus und Rassismus, und den vergangenen Diskussionen auf Dreamwidth

Ich verfolge seit Sonntag die Diskussionen auf bei mh und vor allem Malte Welding zu der Angelegenheit mit Noah Sow. Ich folge außerdem dem Blog von Feministische Generationen von Stephanie Mayfield und dem Blog von Luise Pusch, wo es in den letzten Tagen ebenfalls zu einer Konfrontation gekommen ist. (Außerdem folge ich noch Antje Schrupp, Mädchenblog und grrls-team und diversen anderen, die ich aber hier nicht verlinke, weil es dort in letzter Zeit keine hitzigen Diskussionen gab.)

Ich habe dort bisher nicht kommentiert, weil ich nicht das Gefühl habe, dort etwas Substantielles zu sagen zu haben, habe aber mit dem Gedanken gespielt, selbst zu bloggen: Ich fühlte mich nämlich unangenehm an die Diskussion bei Dreamwidth erinnert, denen ich eine Weile lang gefolgt bin. Jetzt hat Cassandra einen Dreamwidth-Beitrag verlinkt und ich sehe mich veranlasst, meinem Vorsatz zu folgen. Es wird (aus Zeitmangel) mehrere Teile geben. Zunächst werde ich posten, was ich nicht in meinem Kommentar zu Katrin Roenicke geschrieben habe, weil ich denke, dass andere Menschen die Diskussionen bei Dreamwidth nicht interessieren. Es geht mir vor allem darum, dass ich Schwierigkeiten habe mit dem Anspruch derjenigen, die gerade vor kurzem die neueste feministische intersektionalistische Theorie an der Universität gelernt haben, dass sie deswegen mehr wissen als andere, die sich schon lange mit feministischen Themen befassen, eventuell auch mit Interkulturalität, aber gewisse Details nicht kennen, wie zum Beispiel das Wort “people of colour” oder noch gar die Abkürzung PoC. (Zur Klarstellung – ich kenne das Wort PoC – dazu waren die Diskussionen bei Dreamwidth gut. Übrigens wird das Wort auch kontrovers diskutiert, vor allem, weil damit verschiedene nichtweiße Menschen in einen Topf geworfen werden, obgleich ihre Situation durchaus unterschiedlich ist.)

(Die Lampe ist ein anderer Fall. Um festzustellen, dass sie ein Affront ist, muss man nicht Gender Studies und Intersectionality studiert haben, sondern einfach fähig sein, sich in andere Menschen hineinzuversezten.)

Ich verfolge also eine ganze Menge feministische Blogs aus verschiedenen Richtungen. Was ich nicht mehr verfolge: Die Diskussionen auf “metafandom” und “LinkSpam” oder FWD (Falls eine mich von dort kennt: Ich bin dort auch als “susanna” unterwegs, und außerdem bei LJ als senior_witch.) Ich habe mich von den Diskussionen dort verabschiedet, und zwar vor allem, weil dort der Diskurs, der an einigen Fakultäten der amerikanischen Universitäten, vor allem Literaturwissenschaft (mein Eindruck, keine wissenschaftliche Position), zum Mainstream geworden ist, jetzt als “Wahrheit” und “Wissen” und damit als Standard festgesetzt werden soll. Er ist aber nur in einem sehr kleinen Teil selbst der Universitäten Mainstream. Zum Beispiel ist der Konstruktivismus bei den Philosophen (in deren Fachgebiet diese Theorie eigentlich fällt) nicht Standard, sondern wird weiterhin kontrovers diskutiert.

Obgleich die Wortführerinnen bei den Diskussionen auf Dreamwidth in erster Linie College-Studentinnen und damit angehende Akademikerinnen sind, kann man die Diskussionen selbst nicht als akademische Diskussionen ernst nehmen. Dazu wurden sie zu hitzig geführt, und wer den “Sieg” davontrug, wurde nicht durch die besseren Argumente, sondern durch die größere Lautstärke und die größere Anzahl an Anhängerinnen entschieden. Stimmen, die zur Mäßigung mahnten, gingen in aller Regel unter, bis eines Tages eine weiße selbsternannte Unterstützerin den Fehler machte, einer Frau, die zur Mäßigung mahnte, zu erklären, warum eine bestimmte Verhaltensweise kein “friendly banter” sondern Rassismus ist, der keinesfalls toleriert werden kann. Dummerweise war die Frau, der dieses erklärt wurde, selbst eine PoC, was dazu führte, dass die selbsternannte Unterstützerin jetzt zum Objekt der Kritik wurde: Sie habe Whitesplaining praktiziert, ebenfalls eine Todsünde. Danach sind die Diskussionen eingeschlafen. (Linkspam hatte schon vorher seine Arbeit eingestellt, und FWD jetzt offensichtlich auch.)

Die Diskussionen bei Metafandom waren kein akademischer Diskurs und hatten auch nicht den Anspruch, ein solcher zu sein. Es war vielmehr so, dass Menschen, die gerade dabei waren, in einem bestimmten Bereich der Wissenschaft ihre Ausbildung zu erfahren, jetzt mit dieser frisch erworbenen Wissen ins Fandom kamen und es dort verkündigten, und zwar als Wissen, nicht als eine bestimmte Position im akademischen Diskurs. Es ging nicht darum, zu argumentieren, sondern die, die die spezielle Position nicht teilten, zu diffamieren.

Nicht nur wegen ihrem “Ton”, sondern auch wegen ihrer Niveaulosigkeit habe ich mich nach einer Weile von den dortigen Diskussionen verabschiedet. Ich finde es jetzt eher amüsant, wenn ein Dreamwidth-Artikel verlinkt wird. Ich habe von dort aus mal “Feminism 101″ angeklickt und fühlte mich erst einmal veralbert.

Ich schreibe gerade im Zorn – morgen werde ich etwas systematischer schreiben.

Ein Problem, das mir noch einfällt, ist die Vermischung von “akademischem Diskurs” und “aus eigener Erfahrung sprechen”. Beides, akademische Weihen und eigene Erfahrung, sind Quellen von Wissen und Quellen von Autorität. Es sind aber unterschiedliche Dinge. Wenn ich etwas lernen möchte, dann kann ich in die UB gehen und erwarte dort wissenschaftliche Untersuchungen und Diskurse, mit klaren Analysen, empirischen Umfragen etc. etc. Ich kann aber auch schauen, was ich von Menschen lernen kann, die entsprechende Erfahrungen gemacht haben: Dann lese ich einen Roman, oder gehe in einen Film, der von einem Menschen mit solchen Erfahrungen geschrieben oder gedreht wurde, oder ich lese eine Autobiographie, oder ich höre einfach den Menschen in meiner Umgebung zu, die entsprechende Erfahrungen gemacht haben. In einer solchen Situation erwarte ich keine akademischen Kenntnisse oder differenzierte Argumentationen. Ich urteile also unterschiedlich: Bei einem akademischen Text lege ich akademische Maßstäbe an, wenn jemand aus ihrer Erfahrung heraus spricht, ist Authenzität das entscheidende Kriterium.

Im Idealfall finde ich einen Menschen, der oder die bestimmte Erfahrungen gemacht hat, und diese Erfahrungen jetzt mit Hilfe seines oder ihres akademischen Wissens reflektieren kann und dadurch eine hochreflektierte und hochdifferenzierte Position zu einer ganzen Menge von Themen entwickelt hat. Besonders beeindruckend finde ich in dieser Hinsicht zur Zeit das Blog von Detlef Georgia Schulze, Theorie als Praxis.

Wenn ich dagegen das Gefühl bekomme, dass eine in erster Linie das sagt, was sie vor kurzem erst im Seminar gelernt und noch sehr wenig reflektiert hat, dann habe ich kein Interesse, etwas von ihr zu lernen. (Ich erkenne dies in erster Linie daran, dass ich das, was sie sagt oder schreibt, fast in derselben Form schon woanders gehört habe, so dass es sich für mich eher wie eine gemeinsame Verteidigungslinie anfühlt als wie eine eigene reflektierte Position. Wenn ich so etwas feststelle, suche ich lieber nach dem Original.) Das gilt auch dann, wenn sie sich auf ihre Erfahrungen als Mitglied einer Gruppe beruft. Diese werden dann relevant, wenn sie auch tatsächlich von diesen Erfahrungen berichtet.

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Was mir noch an den Slutwalks gefällt…

… dass sie im Idealfall für Solidarität zwischen Frauen stehen (weswegen ich es gut finde, dass in den Aufrufen ausdrücklich gesagt wird, dass jede und jeder anziehen kann, was sie oder er will.) Es ist ja nicht so, dass Frauen sich gegenseitig nicht nach ihrer Kleidung beurteilen, oder sich nicht gegenseitig als “Schlampen” bezeichnen, und dass dies auch Frauen tun, die sich selbst für Feministinnen halten. (Ich auch. Wenn ich freitagabends noch einen Abstecher zum Bahnhof mache, um dort meine letzten Einkäufe zu tätigen, fallen mir die herausgeputzten jungen Frauen auf ihren Stöckelschuhen negativ auf. Vielleicht bin ich einfach neidisch, weil ich nie so hübsch war, und weil ich jetzt weder das Geld noch die Zeit noch die Figur habe, mich so herauszuputzen. Aber ich denke dann auch: “was sind das für aufgetakelte Tussis?”)

Schlimm wird es, wenn auch Frauen dann dem Opfer für eine Vergewaltigung zuschieben. Bin ich auch nicht frei von: Wie will frau sich auf solchen Stöckelschuhen auch wehren? oder: musste sie so viel trinken? Noch schlimmer wird es, wenn es sich nicht um eine Gewaltsituation handelt, sondern um eine Situation, die sich klären lässt, indem frau deutlich “nein” sagt. Ich weiß, dass es Gewaltsituationen gibt, denen ich wahrscheinlich hilflos ausgeliefert wäre. Ich habe zwar an mehreren Selbstverteidigungskursen teilgenommen, aber sie schützen nicht in jeder Situation. (Ich stehe mittlerweile auch der Selbstverteidigung skeptisch gegenüber – auch sie kann zum Victim-Blaming führen, oder auch zur Überschätzung der eigenen Kräfte, vor allem bei Frauen, denen noch nie etwas passiert ist und die meinen, es könne ihnen nichts passieren.) In Situationen ohne Gewalt habe ich jedoch gelernt, Grenzen zu ziehen – vielleicht sogar zu früh und zu heftig. Ich wundere mich dann über Frauen, die nach meiner Einschätzung viel zu lange viel zu freundlich sind, anstatt schnell klarzumachen, dass sie den Typ unangenehm finden. Da neige ich auch zum Victim-Blaming.

Schwesternsolidarität, oder die Vorstellung, dass Frauen eine einheitliche Gruppe bildeten, sind zurecht stark kritisiert worden. Vielleicht sind Vergewaltigungsmythen ein Thema, bei dem sie am Platz ist.

Hin und wieder wurde angemahnt, dass sich muslimische Frauen durch die Schlampenmärsche ausgegrenzt fühlen könnten. Ich denke, dass dies zu einfach ist – ich vermute, dass muslimischen Frauen der Vergewaltigungsmythos, dass eine Frau durch freizügige Kleidung Vergewaltigungen verursacht, nur allzu vertraut ist. Und so werde ich vor allem neugierig sein, ob es möglich war, muslimische Frauen einzuschließen.

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An den Schlampenmärschen/Slutwalks gefällt mir…

… dass sie anscheinend zu einem Bündnis zwischen älteren und jüngeren Feministinnen führen. Ich meine, erinnert sich noch jemand an die Kontroverse zwischen Alice Schwarzer und Christina Schröder letztes Jahr? (Wobei Christina Schröder natürlich keine Feministin ist.) Ich selbst habe damals darüber nachgedacht, wie mir die modernen Formen von Feminismus (gender, oder queer) doch eher fremd sind.

Jetzt wird etwas Uraltes aufgegriffen: Vergewaltigungsmythen, konkret das übliche Victim-Blaming bei Vergewaltigungen. Als ich jung war, ging es mir vor allem darum, dass ich zu jeder Tages- und Nachtzeit unterwegs sein wollte. (Habe ich auch gemacht, und ich tue es auch noch immer.) Jetzt geht es um einen anderen Mythos, den, dass die Kleidung einer Frau für die Vergewaltigung verantwortlich sein soll. Auch hier ist schon seit langem bekannt, dass es ein Mythos ist, jedenfalls bei denen, die sich mit dem Thema auskennen.

Ich denke, dass es für das Zustandekommen des generationenübergreifenden Bündnisses wichtig war, dass klar ist, worum es geht: Nicht um das Recht, sich sexy zu kleiden (wie manche Medien glauben), sondern um das Recht, nicht vergewaltigt zu werden, und um den Mythos, dass “aufreizende” oder “freizügige” Kleidung Vergewaltigungen provoziere oder sogar verursache.

Natürlich muss eine Frau das Recht haben, sich freizügig zu kleiden. Aber es ist eben auch so, dass sich statistisch nachweisen lässt, dass kein Zusammenhang zwischen Kleidung und Vergewaltigung besteht. Aber selbst wenn ein statistischer Zusammenhang bestünde, wäre doch nicht das Opfer, sondern der Täter für seine Handlungen verantwortlich. (Ich habe übrigens mehrere Männer gekannt, die selbst – denke ich – bestimmt keine Frau vergewaltigen würden, und doch Sympathie für Männer zeigten, die angeblich einem Minirock nicht widerstehen können. Es ist diese männliche Solidarität, die mich wundert.)

Ich habe ein paar Links gesammelt:

Der Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe unterstützt ‘SlutWalks’

Interview mit Mitarbeiterinnen von österreichischen Beratungsstellen

Luise Pusch: Slutwalk und Schlampenmarsch

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Ideologie in Wolf-Bildbänden

Gestern habe ich im Buchladen in einem Bildband zu Wölfen herumgeblättert und bin dabei auf die alte Behauptung gestoßen, dass Wölfe in erster Linie die alten, schwachen und kranken Tiere erlegen. Ich dachte eigentlich, dass dies längst überholt ist – ein Überbleibsel aus dem 19. Jahrhundert. Aber Tierdokus werden immer noch zur Verbreitung von Ideologie über “Mutter Natur” verwendet.

Heute morgen habe ich im Buch “Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung” von Michael Wildt gelesen. Darin zitiert er ein paar nationalsozialistische Theorien, ich glaube von Hitler selbst, dass im Norden (also in Deutschland) eine “Reinzucht” stattgefunden habe, durch Ausmerzung der Kranken und Schwachen.

Abgesehen von allen Problemen damit, dass sich aus Tatsachen (etwa der natürlichen Auslese als Triebfeder der Evolution) keine moralischen Forderungen ergeben – dass wir Menschen also keine Ausmerzung der Kranken und Schwachen betreiben müssen, nur weil “Mutter Natur” das tut – habe ich mittlerweile auch Zweifel, dass mit “Ausmerzung der Kranken und Schwachen” wirklich korrekt beschrieben wird, was in der Natur geschieht.

Wenn man sich nämlich die Natur-Dokus weiter anschaut, wird man selten Geschichten finden, in denen schwache oder kranke Tiere von Raubtieren erlegt werden. Oft sind es stattdessen einfach Tiere, die Pech gehabt haben oder die sich leichtsinnig verhalten haben. Ein Zebra hat sich zu weit in einen Sumpf hineingewagt und kommt nicht mehr heraus, eine Antilope ist an den Rand der Herde gedrängt worden, oder hat sich freiwillig dorthin begeben, weil dort das Gras besser ist – nun können die Löwen sie erlegen.

Hauptsächlich aber werden Jungtiere erlegt. Die Alttiere sind zu groß und wehrhaft für die Fleischfresser, aber wenn die Mutter nicht aufpasst oder es ihr nicht gelingt, ihr Junges zu verteidigen, hat das Kleine keine Chance. Das Risiko zu sterben ist am Anfang des Lebens am größten, und Auslese geschieht nicht über die Stärke der Jungtiere, sondern über die Fähigkeit der Alttiere, ihre Jungen durchzubringen. (Gut, vielleicht nicht ganz, sonst hätten sich die Grasfresser etwa nicht so entwickelt, dass die Jungen sofort nach der Geburt aufstehen…)

Nun kann man das natürlich nicht den Kindern erzählen, an die sich diese Dokumentationen vor allem wenden: Seid froh, dass ihr in der Zivilisation lebt, denn in der Natur wärt ihr diejenigen, die am stärksten gefährdet sind. Stattdessen wird erzählt, dass es “Mutter Natur” es irgendwie doch ganz weise eingerichtet hat (oder auch nicht), indem es “nur” die Schwachen und Kranken sind, die den Raubtieren zum Opfer fallen. Und dabei hofft man dann, dass es den Kindern nicht auffällt, dass sie als Kinder (noch) zu den Schwachen gehören.

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noch mehr zum Geißler-Interview

Auch die Sprache des Reporters verrät die Klischees: Die “Nazi-Sprache” würde durch Geißlers Goebbels-Zitat verharmlost. Normalerweise lautet der Vorwurf, dass die Verbrechen der Nazis verharmlost werden. Im aktuellen Fall wäre eventuell der Vorwurf angemessen gewesen, dass der 2. Weltkrieg verharmlost wurde. Aber die Sprache der Nazis selbst?

Es scheint, als ginge es nur noch um das gedankenlose Hantieren mit Versatzstücken von Sprache und von üblichen Vorwürfen mit dem Zweck, etwas Aufregung zu verursachen, ohne Analyse der konkreten Situation. Dabei ist Geißlers Wortwahl bedenklich. Es kann aber nicht darum gehen, bestimmte Worte und Ausdrücke mit dem Aufdruck “Nazi – Böse” zu versehen und dadurch zu tabuisieren – auch nicht den Ausdruck totaler Krieg (etwa wenn diskutiert wird, inwieweit schon der erste Weltkrieg ein totaler Krieg war.) Aber mit den unbedachten Vergleichen im Sinne von Gleichsetzungen (selbst wenn ich unterstelle, dass es sich um Bilder oder Metaphern handelt, und dass die Sprecher dies wissen) sollte man vorsichtig sein, und zwar deswegen, weil sie nicht klüger, sondern dümmer machen. Sie sollen erschrecken und etwas als böse brandmarken, aber sie klären weder über die Nazi-Zeit noch über das aktuelle Problem auf. (Und Geißlers historische Unkenntnis, falls sie denn stimmt, war erschreckend.)

Im Deutschlandfunk gab es heute morgen ein weiteres Interview mit jemandem, der Geißler verteidigt, Christoph Stölzl: Geißler ist ein erzdemokratischer Mensch. (Das eigentliche Interview beginnt ungefähr in der Mitte.)

Goebbels’ Frage als geflügeltes Wort erscheint mir auch als eine Verharmlosung. Der Faust mag ein Zitatesteinbruch sein, auch Schillers Wallenstein (ein Prof von mir begrüßte die Zuspätkommenden immer mit den Worten: Spät kommt ihr, doch ihr kommt”), und auch der Hamlet. Viele Sprüche aus dem Faust kannte ich, bevor ich das Original kannte, so dass es mir beim ersten Sehen (im Kino, bevor ich das Stück las) als aus lauter Sprüchen zusammengesetzt vorkam. Aber Goebbels Frage nach dem totalen Krieg kannte ich bisher nur aus dieser Rede.

(Übrigens ist auch der ständige Hinweis auf Ludendorff anstrengend. Den Ausdruck “totaler Krieg” mag es schon länger geben, die Frage “wollt ihr den totalen Krieg?” ist aber eben doch aus Goebbels Rede.)

Was hilft? Sich geschichtskundig machen, herausfinden, in welchen Zusammenhang die Sprüche tatsächlich gehören, sich über die Verbrechen der Nazis informieren. Im Gegensatz zum Stölzl bin ich der Meinung, dass vieles noch erforscht werden muss, und dass man hineinschauen muss in die Kiste, auf der steht “Nazis – böse – tabu” – nicht, dass die Nazis nicht böse gewesen wären, aber Kenntnis der historischen Tatsachen ist wichtiger und hilfreicher, unangebrachte Vergleiche zu vermeiden, als eine Kenntnis der Liste von Worten und Ausdrücken, die tabu sind und dazu führen können, dass man geächtet wird. Reine Tabuisierung ist ein Spiel mit Ängsten – vor der Nazizeit, aber auch vor gesellschaftlicher Ächtung.

So gesehen – Geißlers Verwendung der Goebbels-Frage in Kombination mit seiner historischen Unkenntnis, die er am Dienstag zur Schau stellte, ist erschreckend.

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