Was mir noch an den Slutwalks gefällt…

… dass sie im Idealfall für Solidarität zwischen Frauen stehen (weswegen ich es gut finde, dass in den Aufrufen ausdrücklich gesagt wird, dass jede und jeder anziehen kann, was sie oder er will.) Es ist ja nicht so, dass Frauen sich gegenseitig nicht nach ihrer Kleidung beurteilen, oder sich nicht gegenseitig als “Schlampen” bezeichnen, und dass dies auch Frauen tun, die sich selbst für Feministinnen halten. (Ich auch. Wenn ich freitagabends noch einen Abstecher zum Bahnhof mache, um dort meine letzten Einkäufe zu tätigen, fallen mir die herausgeputzten jungen Frauen auf ihren Stöckelschuhen negativ auf. Vielleicht bin ich einfach neidisch, weil ich nie so hübsch war, und weil ich jetzt weder das Geld noch die Zeit noch die Figur habe, mich so herauszuputzen. Aber ich denke dann auch: “was sind das für aufgetakelte Tussis?”)

Schlimm wird es, wenn auch Frauen dann dem Opfer für eine Vergewaltigung zuschieben. Bin ich auch nicht frei von: Wie will frau sich auf solchen Stöckelschuhen auch wehren? oder: musste sie so viel trinken? Noch schlimmer wird es, wenn es sich nicht um eine Gewaltsituation handelt, sondern um eine Situation, die sich klären lässt, indem frau deutlich “nein” sagt. Ich weiß, dass es Gewaltsituationen gibt, denen ich wahrscheinlich hilflos ausgeliefert wäre. Ich habe zwar an mehreren Selbstverteidigungskursen teilgenommen, aber sie schützen nicht in jeder Situation. (Ich stehe mittlerweile auch der Selbstverteidigung skeptisch gegenüber – auch sie kann zum Victim-Blaming führen, oder auch zur Überschätzung der eigenen Kräfte, vor allem bei Frauen, denen noch nie etwas passiert ist und die meinen, es könne ihnen nichts passieren.) In Situationen ohne Gewalt habe ich jedoch gelernt, Grenzen zu ziehen – vielleicht sogar zu früh und zu heftig. Ich wundere mich dann über Frauen, die nach meiner Einschätzung viel zu lange viel zu freundlich sind, anstatt schnell klarzumachen, dass sie den Typ unangenehm finden. Da neige ich auch zum Victim-Blaming.

Schwesternsolidarität, oder die Vorstellung, dass Frauen eine einheitliche Gruppe bildeten, sind zurecht stark kritisiert worden. Vielleicht sind Vergewaltigungsmythen ein Thema, bei dem sie am Platz ist.

Hin und wieder wurde angemahnt, dass sich muslimische Frauen durch die Schlampenmärsche ausgegrenzt fühlen könnten. Ich denke, dass dies zu einfach ist – ich vermute, dass muslimischen Frauen der Vergewaltigungsmythos, dass eine Frau durch freizügige Kleidung Vergewaltigungen verursacht, nur allzu vertraut ist. Und so werde ich vor allem neugierig sein, ob es möglich war, muslimische Frauen einzuschließen.

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5 Antworten zu Was mir noch an den Slutwalks gefällt…

  1. Mir gefällt an den Slutwalks nicht, dass sie das Raten zur Vorsicht mit Schuldzuweisung verwechseln.
    Habe dazu auch mal was geschrieben:

    http://allesevolution.wordpress.com/2011/08/17/slutwalks-und-vergewaltigungskultur/

  2. susanna14 schreibt:

    Ich habe deinen Blogeintrag gelesen.

    Im Vorfeld der Slutwalks habe ich diverse Artikel von Mitarbeiterinnen von Frauenberatungsstellen gelesen. Sie sagen, dass kein Zusammenhang zwischen der Kleidung einer Frau und der Wahrscheinlichkeit, vergewaltigt zu werden, besteht – “nuttige” Kleidung ist also nicht nur keine Rechtfertigung, sondern auch keine Ursache von sexueller Gewalt.

    Der Rat, sich nicht zu freizügig zu kleiden, ist also im besten Fall gut gemeint, aber nutzlos und verrät außerdem eine Menge über das Frauenbild (und Männerbild!) desjenigen, der ihn gibt (oder derjenigen.) Im schlechteren Fall ist er ein Versuch, die Frau zu kontrollieren, im schlechtesten wird aus der Ursache eine Schuldzuschreibung. (Ist nur ein kleiner Schritt.)

    Der Vergleich von Frauen mit herumliegenden Geldbörsen ist dehumanisierend.

  3. Irene schreibt:

    Und so werde ich vor allem neugierig sein, ob es möglich war, muslimische Frauen einzuschließen.

    Nicht alle muslimischen Frauen sind verschleiert.

  4. susanna14 schreibt:

    Stimmt. Es gibt auch nicht nur verschleierte und unverschleierte muslimische Frauen, sondern alle möglichen Grade von Verschleierung, vom dunklen Mantel mit Schleier, der nur die Augen frei lässt bis zum knallbunten Kopftuch in Kombination zu farblich passenden Stöckelschuhen und Lippenstift. Was mir vor einer Weile auch aufgefallen ist: dass sich auch einige Frauen und Mädchen ohne Kopftuch nach Bekleidungsregeln richten, die strenger sind als die für nichtmuslimische Frauen und Mädchen, etwa Arme und Beine bedeckt zu halten, selbst im Hochsommer. (Bin mir da allerdings nicht hundertprozentig sicher, kam mir nur an einem besonders heißen Tag in den Sinn.) Und dann gibt es natürlich auch muslimische Frauen, die sich genauso freizügig kleiden wie nichtmuslimische,

    Ich trotzdem, dass all diesen Frauen der Mythos, dass “züchtige” Kleidung vor Belästigung schützt, genauso bekannt ist wie nichtmuslimischen Frauen.

    (Kurz nach den Slutwalks habe ich übrigens ein YouTube-Video gefunden, in dem sich eine junge Muslimin gegen die “Perlen-Analogie” wehrt: Stop Using the Pearl Analogy. Ihre Haupttaussage: Eine verschleierte Frau sollte nicht mit einer Perle in ihrer Muschel verglichen werden. .

  5. Pingback: Triggerwarnungen (2): Kritische Stimmen « sanczny

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